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04.07.2023, 07:03 Uhr
Katrin Diehl
Literarische Erkundungen
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Katrin Diehl (Foto: Frank Zuber)

Monika Mann – Die Weinende, die Suchende, die Findende – Literarische Erkundungen (5)

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Monika Mann, umarmt von Katia Mann (c) Tanja Praske

Monika Mann – man weiß von ihr. Schließlich ist sie eines der Mann-Kinder, das vierte von sechs. Das Interesse an Monika Mann ist bescheiden (was natürlich Interesse weckt). In der Kinderschar um die Eltern Katia und Thomas Mann gilt sie als die „Ungeliebte“. Hinzu kommt ein furchtbarer Schicksalsschlag – und auch daran ist der Krieg schuld –, der ihr den eigenen Lebenswillen vor Augen führt. Die Münchner Autorin und Journalistin Kerstin Holzer hat sich intensiv mit Monika Mann beschäftigt, die eben auch eine deutsche Schriftstellerin war. Katrin Diehl traf sie – für die literarischen Erkundungen – vor dem kleinen Pressefoto in der Monacensia.

*

Eine Momentaufnahme großer Gefühle, die viel über die Manns erzählt

Ein kleines Pressefoto zeigt sie in größtem Schmerz: Monika Mann. Das Pressefoto sagt viel, aber nicht alles. Monika Mann (1910-1992), das vierte von sechs Kindern von Katia und Thomas Mann, wehrt sich bis zuletzt dagegen, festgelegt zu werden. Auch das Verhältnis der Geschwister, der Eltern zu ihr lässt sich nicht auf einen Punkt bringen, war wechselhaft wie sie selbst. Es lässt sich in etwa beschreiben, einkreisen für einzelne Lebensmomente, -stationen. Das beansprucht Monika Mann für sich, das tut sie mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und dabei wird es auch bleiben.

Zum Spekulieren, zum Psychologisieren eignet sich eine der spannungsreichsten deutschen Künstler*innenfamilien des 20. Jahrhunderts ohnehin. Jedes einzelne Mitglied des Mann-Clans bietet dafür ein wunderbares Spielfeld. Intelligenz, Intellekt und komplizierte Persönlichkeitsstrukturen gehen Hand in Hand, und am Ende unterscheiden sich Großeltern, Eltern und Kinder vielleicht am ehesten in ihrer jeweiligen (Über-)Lebensfähigkeit. Und darin war Monika Mann doch auffallend stark.

Sie war anders

Hinzu kommen dann noch all die literarischen Werke dieser schreibbegabten und schreibwilligen Menschen mit – selbstverständlich tonangebend – Literaturnobelpreisträger Thomas Mann an der Spitze. Nun ja. Tonangebend war auf ihre, eher alltagspraktische Weise auch seine Ehefrau Katia, und das erste Kind Erika war sicher auch nicht auf den Mund gefallen... Wenn man über die Manns zu sprechen beginnt, ist es ratsam, rechtzeitig innezuhalten, sich zu sammeln und sich eventuell auf „Details“, auf Einzelaspekte zu beschränken.

„Sie war anders als die anderen der Geschwister“, sagt die Münchner Autorin und Journalistin Kerstin Holzer. Von ihr ist im vergangenen Jahr ein Buch über Monika Manns ruhig-bewegte, ja glückliche Jahre (es waren 31) auf der Insel Capri herausgekommen. Monascella. Monika Mann und ihr Leben auf Capri sein Titel (über die Hintergründe zum Buch schreibt sie auch in: Capri und die Selbstbefreiung der Monika Mann).

Kerstin Holzer:
Sie war auf jeden Fall anders als die anderen. Sie hat nicht performt. Das lag ihr nicht. Sie war extrem schüchtern und zurückhaltend, hatte eben zusammen mit ihrem ein Jahr älteren Bruder Golo diese Rolle der Mittleren zu übernehmen. Erika und Klaus, das ältere Geschwisterpaar, waren zweifellos die Selbstdarsteller, die Amüsanten, die Eloquenten. Und dann gab's eben noch die ganz Kleinen, Michael und Elisabeth, die einfach nur süß waren. In der Mitte zu sein ist oft nicht so einfach. Dazu kam in Monikas und Golos Fall hinzu, dass sie im Gegensatz zu den beiden anderen Pärchen kein Team waren. Sie haben nie einen rechten Draht zueinander gefunden. Und das hat sie natürlich in dieser Mann-Familie noch einsamer werden lassen. Was übrigens auch registriert wurde. Großmutter Hedwig Pringsheim nennt die beiden in einem Brief einmal „outsider“.

Monika Mann sei „etwas Besonderes“ gewesen, hat vor etwa 12 Jahren deren Biografin, die Literaturwissenschaftlerin Karin Andert, ihr doch sehr zugewandt geschrieben.

Monika gab sich in ihrem Auftreten, in ihrer Kleidung, in ihrer Erscheinung... gerne weiblich, während die anderen Frauen bei den Manns bevorzugt männlich und androgyn erschienen und erscheinen wollten. Die gesuchte Nähe zu ihrer von ihr sehr geliebten Mutter (Katia hielt dies in ihrem „Monika Büchlein“, das sie zwischen 1911 und 1914 sehr lose führte, immer wieder fest) wird in jungen Kinderjahren empfindlich gestört worden sein, als Katia wegen ihrer Tuberkulose immer wieder aus Monikas Blickfeld zu Genesungsaufenthalten nach Davos und Arosa entschwindet.

Das geht sehr nahe

Als erwachsene Frau stört Monika, „das arme Mönle“, durch ihre, wie man das so nannte, „Starrheit“ das einheitliche Familienbild. Die einzelnen Familienmitglieder schenken sich in ihren Aufzeichnungen nichts in ihren unschönen Betitelungen des „elenden Kindes“, darin wieder maßgebend die Mutter Katia. „Ihr war das Kind aus verschiedenen Gründen eine Last, und ihre kritische Sicht auf Monika wurde zu einer Art Familiendoktrin“, sagt Kerstin Holzer. Beinahe möchte man meinen, dass der Vater Thomas Mann sich da noch am ehesten mit hässlichen Äußerungen zurückgehalten hat.

Kerstin Holzer steht vor besagtem Pressefoto, das Ende Oktober 1940 in einer New Yorker Tageszeitung erschienen sein könnte (allerdings verteilte die Fotoagentur Keystone, aus der es stammte, ihre Bilder in die ganze Welt). Es ist im Erdgeschoss der Monacensia zu sehen, in der dortigen Dauerausstellung „Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“ (zweiter Raum, rechte Seite, dort in einer der Glasvitrinen). Und es ist einfach herzzerreißend.

Monika Mann, umarmt von Katia Mann (c) Tanja Praske

Mutter Katia Mann drückt ihr Gesicht – Mund, Nase, Kinn – fest an die rechte Schläfe ihrer Tochter Monika. Die Arme sind auf dem Foto nicht gut zu erkennen. Es ist aber gut möglich, dass die Mutter ihr Kind – und Monika ist ganz Kind – umschlungen hält. Die Mutter trägt Hut und Pelzkragen, die Tochter eine Mütze (mit einer Schleife vorne?). Monika weint. Schaut direkt in die Kamera. Gibt sich ganz dem Moment hin, dem Schutz und Trost der Mutter.

Gerade haben sie sich am Pier in New York wiedergefunden. Es ist der 28. Oktober 1940, und es scheint ein kalter Tag gewesen zu sein.

„Fotos sind natürlich immer Momentaufnahmen, in die man viel hineininterpretieren kann“, sagt Kerstin Holzer. Für sie zeige sich in Monikas Gesicht Schmerz und Erleichterung zugleich, und es falle auch auf, dass die Mutter auf diesem Bild eine Stärke ausstrahle und auch eine Art Schutz, den sie in diesem Moment verspreche. „Aber da wir die Geschichte danach kennen, wissen wir, dass die schwer traumatisierte Monika ihrer Mutter schon nach kürzester Zeit wieder auf die Nerven ging.“

Kerstin Holzer vor der Vitrine (c) Katrin Diehl

Am 13. September 1940 hatten sich Monika und ihr Mann Jenö Lány, ein ungarischer Kunsthistoriker, in Liverpool auf das britische Passagierschiff „City of Benares“ begeben. Wie viele andere wollten sie dem Kriegsschauplatz Europa entfliehen. Das junge Paar, das erst im Jahr zuvor geheiratet hatte, plante den Eltern und Geschwistern Mann zu folgen. Diese hatten sich bereits 1938 in die USA gerettet. Doch das Ziel des Schiffes war zunächst einmal Halifax, ein Hafen an der Atlantikküste im Osten Kanadas in der Provinz Nova Scotia. Auf dem Dampfer befanden sich nicht wenige deutsche Intellektuelle, die endlich wegwollten, sowie 90 britische Kinder, die man zu ihrer Sicherheit „verschickte“.

Über Stunden hielt sie sich im Meer treibend an einem Stück Holz fest

Nach vier Tagen Fahrt wird die „City of Benares“ um Mitternacht von einem deutschen U-Boot angegriffen und getroffen. Sie sinkt in weniger als 30 Minuten. Von den 460 Menschen an Bord sterben 250, darunter 83 Kinder. Auch Monika Manns Ehemann Jenö Lány ertrinkt. Sie hört ihn rufen, bis er verstummt, sieht um sich herum tote Menschen im Wasser treiben. Hält sich über einen Tag lang an einem Stück Holz fest und wird endlich von einem britischen Zerstörer aufgenommen und gerettet.

Nach einem Krankenhausaufenthalt in Schottland, wohin die Geretteten gebracht werden, überquert Monika Mann im Oktober 1940 erneut den Atlantik – wieder auf einem britischen Schiff. Sie kommt in New York an, wo sie von ihrer Mutter empfangen wird. Erika – sie war damals Kriegsberichterstatterin und deshalb in Europa unterwegs –, „war einige Tage zuvor von Lissabon aus nach New York geflogen, sie wurde von Katia und Thomas Mann abgeholt, Monika nur von der Mutter“, schrieb Andert lakonisch. Denn Monika war nicht nur anders, ihr Anderssein wurde ihr in dieser Familie auch ziemlich übelgenommen.

Und doch gibt es immer ein Andererseits. „Zum Beispiel ist es nicht einfach als Gleichgültigkeit zu werten, dass ihr Vater Thomas Mann nicht mitgekommen ist an den Hafen“, erklärt Kerstin Holzer und wendet sich damit gegen vorschnelle Schlüsse. „Monika war nicht einfach, sie war sehr ambivalent, manchmal schwierig, auch belastend“, meint Kerstin Holzer und erinnert daran, wie diese nach ihrer Zeit auf Capri und dem Tod ihres Lebensgefährten Antonio Spadaro 1986 einfach vor der Tür ihres Elternhauses in Kilchberg stand, in dem nun ihr Bruder Golo lebte. „Nach Jahren eines belasteten Geschwisterverhältnisses zu sagen, ich ziehe jetzt bei dir ein, ist schon ein bisschen übergriffig“, sagt Kerstin Holzer, und dass Monika irgendwie die gesunde Ablösung von der Familie verpasst habe. Monika Mann kommt nur schwer auf die eigenen Beine. In einem Brief nach dem Schiffsunglück schreibt Thomas Mann: „Moni's Schicksal ist nicht nur traurig, sondern gibt auch Probleme auf.“

Umso mehr fällt ihr in dieser Familie ein fast exotisch anmutender, gesunder und deutlich geäußerter Lebenswille auf. „Ich liebe nun einmal das Leben. Und trotz meiner Trauer empfand ich zunächst Dankbarkeit und einen wahren Stolz, dass es mir möglich war zu atmen“, schreibt sie an einer Stelle in ihrem New Yorker Tagebuch.

Zwei Seiten davon, ein 53-seitiges Skript, liegen in der Vitrine unter dem Pressefoto. Karin Andert hatte die dünnen Notizblockblätter bei ihrer Recherche zu Monika Mann ausfindig gemacht. Sie werden seitdem im Archiv der Monacensia aufbewahrt. Die Blätter sind einseitig mit blauer Tinte beschrieben. Die Handschrift ist gut lesbar, an manchen Stellen emotional geführt. Monika Mann hat ihre Gedanken in englischer Sprache niedergeschrieben, beginnend mit dem Tod des amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt am 12. April 1945. Sie ist noch nicht lange in der Neuen Welt, die Schiffskatastrophe liegt noch nicht wirklich lange zurück. Monika Mann reflektiert ihre Situation, verarbeitet ihre Erlebnisse und findet dafür eine besondere Form. Der Text war wohl nie zur Veröffentlichung gedacht.

Kerstin Holzer:
Es ist ein Text in Briefform. Und diese Form ist interessant, denn was Monika Mann in ihrer Einsamkeit ja gefehlt hat, war ein Gegenüber, ein Gesprächspartner. Sie braucht einen Adressaten, und den schafft sie sich wie einen imaginären Freund. Der Adressat ist aber jemand, den sie so beschreibt, dass man durchaus an Katia Mann denken könnte. Das ist der kritische, skeptische Empfänger dieses Briefes, dem sie sich erklären muss, der mit der „tiefen Stimme“. Das Ganze ist eine Rechtfertigung: Wer bin ich. Warum bin ich so. Warum tue ich mich schwer. Es ist nicht Faulheit, es ist nicht Bequemlichkeit. Es ist auch nicht, dass ich aufgegeben habe. Ich brauche nur Zeit. Es ist eine Art Rechtfertigung vor der gesamten Mann-Familie, und sie trifft die klare Aussage: „Ich möchte leben, und ich selbst glaube an mich.“

New Yorker Tagebuch (c) Tanja Praske

Als die Nacht der Katastrophe kam, als Männer, Frauen und Kinder in der See ertranken, war er es, den ich für immer verlassen musste. Wir hatten unsere Reise inmitten der Hölle begonnen – die Deutschen wüteten unmittelbar über unseren Köpfen – doch wir dachten, wir würden dem Frieden und dem Glück entgegenfahren.

(Aus: New Yorker Tagebuch, aus dem Englischen übersetzt von Heiko Arntz, zit. n. Karin Andert: Monika Mann. Eine Biografie, mareverlag, Hamburg 2010.)

Mein Name ist Katrin Diehl, ich bin Journalistin und Autorin, gehöre dem Netzwerk Münchner Theatertexter*innen an und für die Monacensia habe ich etwas übrig.

Die „literarischen Erkundungen in und um die Monacensia“ erscheinen immer am ersten Dienstag eines Monats. Alle Folgen der Kolumne finden Sie im Journal unter Reihen & Kolumnen.

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