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12.02.2020, 09:14 Uhr
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Die Bayerische Akademie des Schreibens – im Interview

Die Bayerische Akademie des Schreibens fördert mit Kursen für Studierende, Autoren und Autorinnen junge literarische Talente. Im Gespräch mit aviso erzählen Lena Gorelik (LG), Sophia Klink (SK) und Manuel Niedermeier (MN), die Akademieseminare besucht und geleitet haben, von ihren Erfahrungen.

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Frau Gorelik, Sie wurden als Autorin bei einem der Manuskriptum-Kurse, aus denen die Akademie des Schreibens hervorging, von der Verlegerin Tanja Graf entdeckt. Herr Niedermeier, Sie kamen als Stipendiat der Akademie zum Beck-Verlag. Ist die Seminarleitung durch Autoren und Lektoren eine ideale Kombination? Hatten Sie schon bei der Bewerbung gehofft, einen Verlag zu finden?

LG: Das lag außerhalb meiner Vorstellung. Ich war noch ganz jung und brachte nur eine Kurzgeschichte mit. Ich finde die Zusammenarbeit von Autoren und Lektoren vor allem für die Textarbeit großartig. Es gibt einen Austausch zwischen einem, der wirklich gelernt hat, Texte kritisch zu lesen, die richtigen Fragen zu stellen, und einem Autor, der das Schreiben von der anderen Seite her kennt. Ich kann auch benennen, was mir nicht gefällt, aber eher an einzelnen Stellen. Ein Lektor überblickt den ganzen Text, er denkt anders, nicht kritischer, aber strukturierter.

MN: Den Wunsch hatte ich insgeheim schon, aber ich hab‘ ihn mir nicht eingestanden. Ich hatte nicht damit gerechnet, überhaupt genommen zu werden und dann traf ich noch eine Lektorin, die meinen Text klasse fand. Das war eine Verkettung von unwahrscheinlichen Zufällen. Ich habe es erst einmal einfach genossen, mit einer Gruppe und einer Lektorin über meinen Text zu sprechen. Wie detailgenau diese ihn gelesen hatte, war unglaublich. In meinem Roman Durch frühen Morgennebel gibt es eine Wetterbeschreibung in der Nordostpassage in Russland. Christiane Schmidt sagte: „Nach dem, was da vorher steht, kann jetzt kein ablandiger Wind kommen." Ich war baff. Gute Lektoren sind wandelnde Enzyklopädien.


Frau Klink, Sie haben drei Seminare an der Akademie besucht. Wie hilfreich waren diese für Sie als junge Autorin?

SK: Ich habe als Biologiestudentin einen Studentenkurs besucht. Ich fand die Diskussionen, den Ideenaustausch wahnsinnig inspirierend. Ich kannte das nicht, im naturwissenschaftlichen Bereich gibt es dergleichen kaum. So ein Kurs ist ein geschützter Raum, in dem man sich aufgehoben fühlt und sich ausprobieren kann. Als literarische Anfängerin bist du ja noch sehr unsicher. Ich traute mich bis dahin noch gar nicht, mich als Autorin zu bezeichnen. Im Romanseminar saßen dann Menschen, die schon mehr Schreiberfahrung hatten. Ich habe sehr viel gelernt, nicht nur von den Seminarleitern, sondern auch durch die Gruppe. Ganz wichtig finde ich die Kontakte, die da entstehen. Mit vielen tausche ich mich bis heute aus. Und es gibt Netzwerktreffen, bei denen man sich wiedertrifft.

MN: Ja, das ist toll! Ich habe neben meinem privaten inzwischen einen Freundeskreis Akademie. Das Wichtigste als Anfänger war für mich damals, ein Feedback zu bekommen, dass ich generell auf dem richtigen Weg bin. Ich hatte dieses Monstrum eines Romans im Kopf und keine Ahnung, ob irgendetwas davon funktioniert.


Haben sich Ihre Texte sehr verändert durch die Seminare?

SK: Bei mir hat sich wahnsinnig viel verändert. Dieses erste Romanprojekt war ein Experimentierfeld für mich. Durch die Seminare ist mir vieles klarer geworden.

LG: Man entdeckt etwas im eigenen Schreiben, was man so vorher nicht gewusst oder nur geahnt hat. Man wird sich bewusster, was man kann, was einen von anderen unterscheidet und woran man noch arbeiten muss. Ich hab’ vor allem gelernt zu streichen, das war für mich eine der wichtigsten Lektionen. Und man lernt durch den Blick der anderen, den eigenen Text anders zu lesen. Jeder sieht etwas anderes darin.

MN: Bei mir hat sich wenig und zugleich alles verändert. Ich wurde angeregt, eine andere Perspektive auszuprobieren und diese hat viel besser funktioniert. Ich persönlich lerne mehr durch die Fehler der anderen Teilnehmer als meine eigenen, da habe ich Scheuklappen auf, bis ich sie in einem fremden Text sehe. Dann erkenne ich sie plötzlich.


Herr Niedermeier, Sie haben schon Seminare geleitet. Frau Gorelik, Sie leiten heuer mit Martin Kordic das Seminar »Grenzüberschreitungen« für Studierende. Wie bauen Sie Ihre Seminare auf?

LG: Ich steige direkt mit dem Schreiben ein, indem ich eine Aufgabe stelle. Ich gebe etwa einen ersten Satz vor, dann schreiben alle – auch ich – fünf Minuten lang einen Text und lesen ihn vor. Danach entstehen die Schreibübungen oft aus den Texten, die die Teilnehmer mitgebracht haben. Wenn darin ein Dialog nicht funktioniert, versuchen alle, einen Dialog zu schreiben. Es ist ein beständiger Wechsel aus Schreiben und Gesprächen über das Geschriebene.

MN: Bei mir war das ganz ähnlich. Es ist wichtig, auf die jeweilige Gruppe einzugehen. Man schaut, was kommt von den Teilnehmern, was macht ihnen Spaß, wo sind die Problemfelder, woran kann man arbeiten.


Kritik trifft Autoren ganz persönlich. Ist bei der Leitung eines Schreibseminars besondere Sensibilität erforderlich im Umgang mit Kritik?

LG: Diese Sensibilität herrscht im Raum schon alleine dadurch, dass alle – bis auf die Lektoren – selbst schreiben. So wie ich es erlebt habe, kommt die Kritik nie von oben herab, sondern entsteht aus einer sehr ernsthaften, liebevollen und genauen Auseinandersetzung mit einem Text. Jeder hat eine Fülle an Anmerkungen und Fragen. Außerdem sorgt ja die Gruppe für Abfederung. Wenn ich sage, das funktioniert für mich nicht, sind da noch ein Dutzend Leute, die das vielleicht anders sehen. Dann wird diskutiert. Es gibt nicht eine Instanz, die unantastbare Urteile fällt.

MN: Die richtige Form der Kritik hängt auch vom Gegenüber ab. Bei manchen muss man sie behutsam formulieren, andere wollen nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, weil sie dann das Gefühl haben, man sei nicht ehrlich und nehme sie nicht wirklich ernst.


Kritiker von Creative-Writing-Kursen monieren, da würden stilistische Eigenarten ab- und glattgeschliffen.

MN: Ich halte das für ein großes Vorurteil. Ich kenne viele, die in der Folge von Akademiekursen Bücher veröffentlicht haben und wage zu behaupten, ich könnte jeden anhand seines Textes erkennen. Jeder hat einen unverwechselbaren Stil. In einem guten Schreibkurs kann man diesen weiterentwickeln, herauskristallisieren und schärfen.

LG: Genau. Ich versuche immer, aus jedem das herauszuholen, was ihn oder sie persönlich ausmacht. Dafür stelle ich individuelle Aufgaben.

SK: Niemand versucht, dir deine Stimme zu nehmen, im Gegenteil: Die Vielfalt der Stimmen wird gestärkt. Als ich vor der Entscheidung stand, soll ich eine konventionellere Wendung wählen, die vielleicht mehr Leuten gefällt, hieß es: „Mach das, was der Text will." Du wirst ermutigt, aus der Eigenlogik deines Textes heraus zu denken und dich nicht an irgendwelche Konventionen zu halten.


Welche Voraussetzungen sollten junge Menschen, die an so einem Seminar teilnehmen möchten, mitbringen?

LG: Das klingt banal und pathetisch, aber das Wichtigste, was man mitbringen sollte, ist Liebe zum Schreiben und Lesen, zu Geschichten, dazu, Sätze zu bauen und wieder auseinanderzunehmen.

SK: Ein ernsthaftes Interesse an Sprache, daran, einen präzisen Ausdruck zu finden. Und eine innere Dringlichkeit zu schreiben.

MN: Ich würde das noch um Kritikfähigkeit ergänzen. Es kommt vor, dass Leute ein Seminar als Bühne zur Selbstpräsentation nutzen. Sie wollen kein Komma an ihrem Text ändern. Womit wir bei der alten Frage wären, ob es so etwas wie Genie gibt oder Schreiben lehr- und lernbar ist. Wenn man davon ausgeht, dass man wie Kafka in der Nacht erwacht und es fließt ein Meisterwerk aus einem heraus, dann ist eine Schreibschule natürlich nicht das Richtige.

LG: Ich finde das Wort lernbar schwierig, aber das literarische Schreiben ist auf jeden Fall veränder- und verbesserbar, und dabei kann eine Schreibschule helfen.


Es gibt inzwischen ein großes Angebot an Schreibkursen. Worin sehen Sie die besonderen Qualitäten der Bayerischen Akademie des Schreibens?

MN: Vor allem in der unhierarchischen Art der Textkritik. Das ist keineswegs überall so. In den Akademiekursen arbeiten wirklich alle gemeinsam an den Texten. Du triffst auf ein Dutzend unterschiedliche Leseerfahrungen, und keine wird zur einzig richtigen erklärt. Dadurch verändert und erweitert sich dein Blick auf Texte, du siehst auf einmal Dinge, die du vorher nicht wahrgenommen hast.

SK: Ich habe schon als Schülerin Kurse besucht, z. B. die von Beate Schäfer über Jahre geleitete Schreibgruppe für Jugendliche an der Internationalen Jugendbibliothek. Der Einstieg dort war sehr sanft und wohlwollend. Vor lauter kreativen Diskussionen blieb oft gar keine Zeit, die Texte auch sprachlich konzentriert ins Auge zu nehmen. Die präzise Spracharbeit an der Akademie war anschließend für mich eine sehr gute Schule, die mich wahnsinnig geprägt hat. Ich neige dazu, mich in Sprachspielen zu verlieren und überprüfe seither alle meine Metaphern.

LG: Was die Akademie für mich besonders auszeichnet, ist – wie schon gesagt – die Zusammenarbeit von Autoren und Lektoren. Und die Intensität der Textarbeit vor allem an den langen Wochenenden. Man beschäftigt sich nur mit Literatur. Wenn man dann den Raum verlässt und die Menschen draußen beim Einkaufen sieht, kommen sie einem ganz sonderbar vor.

MN: Völlig irreal. Das ist so ein Zauberberg-Gefühl, das in den Seminaren entsteht. Für mich ist es unmöglich, an so einem Wochenende vor vier Uhr morgens einzuschlafen. Ich bin hellwach. Mein Kopf ist voll mit Wörtern und Texten.

LG: Mit all den Welten, in die man da eintaucht. Mit jeder Geschichte steigt man ja in eine andere Welt ein. Danach wieder ins alltägliche Leben hinauszutreten, fällt mir richtig schwer.

MN: Das ist wie kalter Entzug.

SK: Man taucht in einen total konzentrierten Raum ein. Besonders intensiv habe ich das bei dem »Nature Writing «-Seminar empfunden. Wir haben auch Ausflüge in die Natur gemacht. Vor dir reden sie, hinter dir reden sie, du versuchst deine Ohren zu teilen, um ja nichts zu verpassen. All die Eindrücke trägt man danach noch lange bei sich, und sie beleben das Schreiben.

LG: Jedes Mal, wenn ich aus einem Akademieseminar komme, denke ich: Ich möchte nichts anderes mehr tun im Leben außer schreiben und lesen.

(Interview: Petra Hallmayer)

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Lena Gorelik, *1981 in Sankt Petersburg, veröffentlichte zahlreiche belletristische und wissenschaftliche Texte, zuletzt 2017 den All-Age-Roman Mehr Schwarz als Lila und wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Bayerischen Kunstförderpreis und dem Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern. Sie lehrt in der Akademie des Schreibens.

Sophia Klink, *1993 in München, studiert seit 2012 Biologie an der LMU München und arbeitet inzwischen an ihrer Promotion. 2014 nahm sie an einem Seminar für Studierende der Bayerischen Akademie des Schreibens teil, 2019 am Seminar „Nature Writing" der Akademie.

Manuel Niedermeier, *1984 in Regensburg, hat vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaften in Regensburg und Wien studiert. 2012 war er Stipendiat der Bayerischen Akademie des Schreibens, wo er inzwischen auch lehrt. Für den Roman Durch frühen Morgennebel hat er den Bayerischen Kunstförderpreis erhalten.


Die Bayerische Akademie des Schreibens

Eine Akademie sei eine Vereinigung von Gelehrten und Künstlern und Dichtern. Die Bayerische Akademie des Schreibens vereinigt nur Wortkünstler. Junge Autor*innen bis 40 Jahre, die es ernst meinen mit dem Schreiben oder Studierende aus den sieben beteiligten Universitäten, die für drei Wochenenden Autor*innen sind. Man muss sich bewerben, man wird ausgewählt. Die Seminare der Bayerischen Akademie des Schreibens sind Förderung, bedeuten Herausforderung und Stärkung, sind längst zu Räumen einer eigenen Kultur der Auseinandersetzung über Literatur geworden.

Die Seminare bieten, anders als Schreibschulen in Leipzig, Hildesheim oder Biel, keine geschlossene Ausbildung, kein Diplom, aber eine professionelle Orientierung beim eigenen Schreiben, die vom Handwerk bis zu den großen Fragen reichen: Was für eine Autor*in will ich sein? Die Seminare der Bayerischen Akademie des Schreibens werden im Rahmen einer Kooperation getragen von der Stiftung Literaturhaus München unter Leitung von Dr. Katrin Lange als Geschäftsführerin und dem Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg sowie den Universitäten Augsburg, Bamberg, Bayreuth, Erlangen, Regensburg, der LMU und der TU München sowie dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Ein hoher Anteil von Teilnehmer*innen an der Bayerischen Akademie des Schreibens haben ihre Werke inzwischen publiziert und wurden dafür ausgezeichnet.