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Geb.: 9. 2.1931 in Heerlen
Gest.: 12.2.1989 in Gmunden
Fotografie (Farbdia) 1981 (Bayerische Staatsbibliothek München/Timpe)

Thomas Bernhard

Thomas Bernhard zählt mit einem Gesamtwerk von über 60 Gedichtbänden, Erzählungen, Romanen, Theaterstücken und Drehbüchern zu den bedeutendsten und einflussreichsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts.

Er wächst in Wien, Seekirchen am Wallersee, Traunstein und Salzburg auf. Prägend in diesen jungen Jahren ist für ihn vor allem das Verhältnis zu seinem Großvater, dem Heimatschriftsteller Johannes Freumbichler, der seine künstlerische Erziehung fördert und ihm unter anderem Violin- und Gesangsunterricht ermöglicht. In Salzburg besucht der junge Thomas das humanistische Gymnasium, bricht aber die Schule vorzeitig ab und wird Lehrling bei einem Lebensmittelhändler.

1948 erkrankt Bernhard an einer Rippenfellentzündung und anschließend an Morbus Boeck. Diese seltene Krankheit, durch die sich Gewebeknötchen in der Lunge bilden, verfolgt ihn sein Leben lang und zwingt ihn immer wieder zu mehrmonatigen Krankenhausaufenthalten. In einer Klinik in St. Veit lernt er dabei die über 35 Jahre ältere Hedwig Stavianicek kennen, die vor allem nach dem Tod seines Großvaters (1949) und seiner Mutter (1950) zu einer der wichtigsten Bezugspersonen Bernhards, zu seinem „Lebensmenschen“, wird.

Von 1955 bis 1957 studiert Bernhard Dramaturgie und Schauspielkunst am Salzburger Mozarteum und ist nebenbei journalistisch für das Salzburger Demokratische Volksblatt tätig. Seine Abschlussarbeit schreibt er über Bertolt Brecht und Antonin Artaud.

Nach der Veröffentlichung mehrerer Gedichtbände gelingt ihm 1963 mit seinem ersten Roman Frost der literarische Durchbruch. In Tagebucheinträgen und Briefen berichtet darin ein namenloser Medizinstudent, wie er im Auftrag eines Chirurgen dessen kranken Bruder in seiner Heimat besucht und aufs Genaueste beobachtet. Der Roman attackiert deutlich die verkrusteten Lebensformen in der österreichischen Provinz – ein Thema, das Bernhard danach noch häufig aufgreift und weiter verschärft.

Es folgen rasch hintereinander viele weitere Romane und Erzählungen, unter anderem Das Kalkwerk (1970) – lange das auflagenstärkste und meist beachtete Buch Bernhards. Ein Lebensversicherungsvertreter schildert in dem Roman, wie der Wissenschaftler Konrad, der eine Studie über das Gehör durchführt, seine gelähmte und pflegebedürftige Frau in einem alten Kalkwerk für seine Experimente missbraucht, indem er ihr immer wieder in unterschiedlicher Lautstärke und Entfernung dasselbe Wort ins Ohr spricht. Die Situation spitzt sich immer weiter zu, bis Konrad seine Frau nach einem Albtraum schließlich erschießt.

Persönliche Töne schlägt Bernhard in den Erinnerungsbänden Die Ursache (1975), Der Keller (1976), Der Atem (1978), Die Kälte (1981) und Ein Kind (1982) an. Er schreibt über die strenge Erziehung durch seine Mutter, die enge Bindung zu seinem Großvater, die als sehr quälend empfundene Schulzeit sowie über prägende Erlebnisse in Lungenheilanstalten und im Sterbezimmer eines Salzburger Krankenhauses.

Zu einem Skandal führt die Veröffentlichung des Romans Holzfällen: Eine Erregung (1984). Ein für Bernhards Stil typischer und dem Autor  ähnlicher monologisierender Ich-Erzähler befindet sich bei einem „künstlerischen Abendessen“ eines angesehenen Wiener Ehepaares und kommentiert in einem Ohrensessel sitzend auf sehr ironische und ablehnende Art und Weise das Geschehen. Zum realen Eklat kommt es, als sich der Komponist Gerhard Lampersberg in der Figur des Gastgebers wiedererkennt und eine Klage wegen „Ehrenbeleidigung“ einreicht. Bernhard lässt daraufhin die Auslieferung seiner Bücher nach Österreich für mehrere Monate komplett sperren. Später kommt es zu einer außergerichtlichen Einigung.

Charakteristisch für Bernhards Texte sind oft lange verschachtelte Sätze, Wortwiederholungen und eine wirkungsvolle Sprachmelodie. Dies zeigt sich nicht nur in seinen Prosawerken, sondern spiegelt sich auch in seinem Wirken als Dramatiker wider. Seine Stücke werden meist von Regisseur Claus Peymann, einem Freund Bernhards, in Österreich oder Deutschland uraufgeführt und sorgen häufig für großes Aufsehen. So muss bei Der Ignorant und der Wahnsinnige (1972) eine von Peymann inszenierte Ausschaltung der Notbeleuchtung, um völlige Dunkelheit zu erzeugen, polizeilich unterbunden werden, und wegen allzu offensichtlicher Anspielungen auf bekannte Persönlichkeiten des Salzburger Kulturbetriebes wird die Erstaufführung von Die Berühmten (1976) kurzerhand von Salzburg nach Wien verlegt. Mit Der Theatermacher (1985) folgt schließlich eine bitterböse Abrechnung mit dem Theater und der österreichischen Heimat Bernhards. Die Reaktionen der Kritiker sind dabei höchst ambivalent und schwanken zwischen Jubel und Verriss.

Thomas Bernhard ist sein ganzes Leben über viel auf Reisen und lebt ansonsten in selbstgewählter Isolation auf einem alten Gutshof in Oberösterreich. Im Alter von 58 Jahren stirbt er an den Folgen seiner Erkrankung und wird im Familiengrab von Hedwig Stavianicek beerdigt, die fünf Jahre vor ihm stirbt.

In seinem Testament untersagt Bernhard zwar jegliche Aufführung seiner Werke in Österreich, das Verbot wird jedoch zehn Jahre nach seinem Tod aufgeweicht. Sein Nachlass befindet sich im Thomas-Bernhard-Archiv in Wien und wird unter anderem 2001 im Rahmen einer Ausstellung im Literaturhaus München präsentiert.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Marina Babl

Sekundärliteratur:

Bernhard, Thomas. In: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, URL: http://www.munzinger.de/document/00000012770, (10.02.2014).

Markolin, Caroline (1988): Die Großväter sind die Lehrer. Johannes Freumbichler und sein Enkel Thomas Bernhard. Otto Müller Verlag, Salzburg.

Mittermayer, Manfred (2006): Thomas Bernhard. Leben – Werk – Wirkung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

Sorg, Bernhard (1977): Thomas Bernhard. C. H. Beck Verlag, München.


Externe Links:

Literatur von Thomas Bernhard im BVB

Literatur über Thomas Bernhard im BVB

Homepage des Autors

Artikel bei Spiegel Online

Schlagwort Thomas Bernhard in Zeit Online

Thema Thomas Bernhard in der FAZ

 

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