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Frequenz: Eingestellt. Von 1885 bis 1902 erst wöchentlich, dann monatlich, später zweimal im Monat.
Auflage: 450-1000 Exemplare
Preis: Einzelheft 75 Pfennig, Jahresabo von 10-16 Mark
Ort: München, Dresden, Leipzig
Hg.: Michael Georg Conrad, seit 1888 mit Karl Bleibtreu, 1894 Hans Merian, ab 1898 Ludwig Jacobowski, ab 1900 Arthur Seidl
Verlag: Selbstverlag, Leipziger Verlag Wilhelm Friedrich, Verlagsbuchhandlung Hermann Haacke Leipzig, Verlag Bruns, E. Pierson-Verlag Dresden
Inhalt: Literatur, Kunst, Politik
Seitenanzahl:
bis ca. 1900

Die Gesellschaft

Realistische Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben bzw. seit 1891 Monatsschrift für Literatur, Kunst und Sozialpolitik

Die Gesellschaft, von Michael Georg Conrad 1885 in München gegründet, gilt als erstes ernstzunehmendes Organ des deutschen Naturalismus, bis 1890 in Berlin – dem Zentrum des Naturalismus – die Zeitschrift Freie Bühne gegründet wird.

Vor dem Hintergrund sozialer und technischer Umwälzungen, versteht sich Die Gesellschaft als Kritikorgan des gesamten kulturellen und literarischen Lebens des Deutschen Kaiserreichs. Gerade in München findet bis zur Entstehungszeit der Gesellschaft die naturalistische Literaturreflexion wenig Umsetzung. Die führende Gestalt der Münchner Literaturszene ist damals Paul Heyse samt seiner Dichtervereinigung „Die Krokodile“, der in seinem Werk traditionelle Themen und Motive bearbeitet. Dieser Umstand veranlasst Michael Georg Conrad in der Einführung der Zeitschrift zu folgender Ansage:

„Unsere ,Gesellschaft’ wird keine Anstrengung scheuen, der herrschenden, jammervollen Verflachung und Verwässerung des literarischen, künstlerischen und sozialen Geistes starke mannhafte Leistungen entgegenzusetzen, um die entsittlichende Verlogenheit, die romantische Flunkerei und entnervende Phantasterei durch das positive Gegenteil wirksam zu bekämpfen.“

Die Gesellschaft erscheint erst im Selbstverlag, ab 1887 und bis 1896 im Leipziger Verlag Wilhelm Friedrich. Da sich die Konzeption der Zeitschrift ausdrücklich gegen den Publikumsgeschmack richtet, entsteht bald ein finanzielles Defizit. Nach Konkurs des Leipziger Verlags wird die Gesellschaft an Hans Merian verkauft, der seit 1892 auch die Redaktion betreut. 1897 geht die Zeitschrift in die Verlagsbuchhandlung Hermann Haacke in Leipzig über. Nach einer kurzen Episode im Verlag Bruns wird sie ab 1900 im E. Pierson-Verlag in Dresden verlegt.

Die Gesellschaft erscheint bis 1902 in 18 Jahrgängen. Neben theoretischen Auseinandersetzungen mit literarischen und weltanschaulichen Gegenständen, werden fiktionale Texte, vor allem Novellen und Erzählungen, gedruckt. Naturalistische Lyrik auch ausländischer Autoren wird in der Rubrik „Unser Dichteralbum“ veröffentlicht. Neben Buchbesprechungen in der „Kritischen Rundschau“, gibt es in jedem Heft ein Schriftstellerporträt sowie Berichte über das Münchner Kulturleben.

In der Gesellschaft arbeiten viele der relevanten zeitgenössischen Autoren wie Detlef von Liliencron, Otto Julius Bierbaum, Conrad Alberti, Arno Holz, Johannes Schlaf und Thomas Mann mit. Wesentliche Prägung erfährt die Zeitschrift aber vor allem durch Beiträge ihrer Herausgeber Michael Georg Conrad und Karl Bleibtreu.

Der politisch-weltanschauliche Standpunkt der Zeitschrift, lässt sich als konservativ, reichstreu und nationalistisch beschreiben. Die Autoren üben Kritik am Kapitalismus, aber nicht aus sozialkritischen Gesichtspunkten, sondern weil die „Aristokratie des Geldes“ den Dichtern im Sinne Nietzsches die „Aristokratie des Geistes“ streitig mache, d.h. ihnen eine natürliche Führungsposition in Staat und Gesellschaft als geistige Elite abspreche. Schließlich komme dem Dichter und Künstler eine „geistige Führerrolle“ zu: Dem Idealbild nach sei er Erzieher, Lenker und Leiter der Massen zu einer harmonischen, „natürlichen Volksgemeinschaft“. Die Kunst soll sich nach Ansicht der Herausgeber in den Dienst einer „starken Nation“ stellen. In diesem Zusammenhang ist auch die antibürgerliche Haltung von Die Gesellschaft zu verstehen: Die Bourgeoisie habe die Kunst materialisiert und zu Unterhaltungszwecken banalisiert. Im Gegenzug wird die Sozialdemokratie als Hort des Umsturzes und der Revolution gefürchtet.

Ab 1894 gibt sich Die Gesellschaft unter den Herausgebern Merian und Jacobowski offener für verschiedene literarische Strömungen um die Jahrhundertwende, von Impressionismus bis Heimatkunst. Zunehmend möchte sie kein „Kampforgan“ des Naturalismus mehr sein wie unter der Herausgeberschaft Conrads. Der Ruf der Zeitschrift als Organ des Naturalismus, lässt sich dadurch aber nicht mehr ändern. Gerade die Diskrepanz zwischen modern literarischer und konservativ gesellschaftspolitischer Konzeption, verhindert die Identifikation einer bestimmten Lesergruppe mit der Zeitschrift. Die Gesellschaft verliert dadurch zunehmend Abonnenten. Ein erhebliches finanzielles Defizit ist die Folge. 1902 muss Die Gesellschaft schließlich eingestellt werden.

Sekundärliteratur:

Agnes Strieder: „Die Gesellschaft“ - Eine kritische Auseinandersetzung mit der Zeitschrift der frühen Naturalisten. Frankfurt am Main 1985.

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