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27.02.2013, 11:23 Uhr
Joachim Schultz
Oskar Panizza-Reihe
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [21]: Über die Geisteskrankheit und die Irrenfrage

Kant (Holzstich um 1854), Hegel (Reprint)...: Waren sie verrückt? (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung)

Oskar Panizza beendete sein Leben als Geisteskranker. Es gab Zeitgenossen, die schon Mitte der 1890er Jahre Anzeichen von Geisteskrankheit bei ihm feststellten, zumindest nach seiner Entlassung aus der Haft am 8. August 1896. Hierzu mag auch ein Gnadengesuch von Panizzas Verteidiger Dr. Georg Kugelmann beigetragen haben. Der schreibt nämlich in seinem Gesuch vom 30. August 1895 an den Bayerischen Prinzregenten Luitpold, sein Mandant sei, als er das Liebeskonzil geschrieben hat, unzurechnungsfähig gewesen. Er habe dieses Argument während des Prozesses nur nicht vorgetragen, „weil der Angeklagte eine derartige Unterstellung nach seinem ganzen Temperament sehr schroff zurückgewiesen haben würde.“ Panizza steht diesem Gnadengesuch ablehnend gegenüber, doch er schließt sich ihm an, nachdem die Umlehnung seiner Haftstrafe in Festungshaft abgelehnt wird. Er sagt aber ausdrücklich, dass „er sich zwar noch als vollkommen zurechnungsfähig erachten zu dürfen glaube, jedoch zeitweilig wie alle vorwiegend geistig Arbeitenden an Stimmungsanomalien, geistigen Schwankungen, Depressionen, leide, dass aber derlei Zustände bei ihm schon seit seiner frühesten Jugend bestanden hätten“. (Zit. aus Michael Bauers Panizza-Biographie. München: Hanser Verlag 1984, S. 186f.)

Die Geisteskrankheit, vor der sich Panizza zeitlebens fürchtete (vgl. Panizza-Blog 3), nun ist sie ihm ganz dicht auf den Pelz gerückt. Sofort schreibt er einen Artikel darüber, der unter dem Pseudonym Jules Saint-Froid in der Zeitschrift Die Gesellschaft veröffentlicht wird (Heft 7. Juli 1896). Wie bereits gesagt: er durfte auch im Gefängnis schreiben und publizieren, aber nicht unter dem eigenen Namen. Das nun gewählte Pseudonym spricht für sich: Der heilige Kalte, könnte man frei übersetzen. Sieht er sich nun als einen, der kalt wie ein Heiliger über allem steht? Der Titel deutet eher in eine andere Richtung: „Neues aus dem Hexenkessel der Wahnsinns-Fanatiker“. Um was geht es? Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Besprechung des Buches Die Irrenfrage am Ausgang des 19. Jahrhunderts von Fr. Kretzschmar (1895). Doch Panizza geht es darum festzuhalten, dass man die kreativ Tätigen, die Genies, nicht einfach für geisteskrank erklären dürfe. Früher hätten viele Schelling, Hegel, Kant und alle Religionsstifter für verrückt erklärt, da sie „wider die sichtbare Vernunft eine auf individuelle Spintisiererei aufgebaute transcendentale Welt aufgestellt“ hätten. Heute bringe man dem Genialischen Bewunderung entgegen. Er schreibt: „Warum denn einen Mann wie Hegel, oder Schelling, oder Richard Wagner, oder Nietzsche für verrückt erklären? Raum für alle hat die Erde! So lange sie die Gesetze achten und sich gesellschaftlich tadellos benehmen, weshalb ihnen wegen ihrer Ideen die Bewegungsfreiheit verkümmern? Oder weshalb Christus oder Luther für geisteskrank erklären? [...] Wer Gott sein will, sei immerhin Gott. Und wer Sonderling sein will, sei immerhin Sonderling.“ (Zit. aus: Neues aus dem Hexenkessel der Wahnsinns-Fanatiker und andere Schriften von Oskar Panizza. Hg. von Michael Bauer. Darmstadt: Luchterhand 1986, S. 211-218).

Panizza sagt kein Wort über sich selber. Aber er ist wohl der Meinung, dass einer, der ein Drama wie das Liebeskonzil geschrieben hat, nicht einfach eingesperrt oder für verrückt erklärt werden kann. Wie stehen wir heute dazu? Sind viele nicht auch noch heute leicht versucht zu sagen, „der ist nicht ganz richtig im Kopf“, über einen, der eigenwillige Kunstwerke produziert? Michael Korth hat 2003 sein Lexikon der verrückten Dichter und Denker veröffentlicht (Eichborn Verlag). Man findet darin einige Persönlichkeiten, die wirklich in geistiger Umnachtung geendet sind (Hölderlin, Nietzsche – Panizza übrigens nicht). Aber man findet darin auch viele, die man in diesem Buch nicht erwartet hätte: Einstein, Goethe, Kant, Marx, Sartre, Mark Twain usw. Sie alle hatten irgendwelche Ticks oder waren einfach anders als wir Normalen...

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