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15.11.2012, 21:53 Uhr
Joachim Schultz
Oskar Panizza-Reihe
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [7]: Ein guter Freund und wieder der Teufel

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Michael Georg Conrad, Fotografie 1925 (Bayerische Staatsbibliothek/Porträt- und Ansichtensammlung)

In München schließt sich Oskar Panizza der Autorengruppe um den Schriftsteller Michael Georg Conrad (1846-1927) an. Conrad, der die französischen Realisten und Naturalisten (insbesondere Emile Zola) verehrt, hat Anfang 1885 die Zeitschrift Die Gesellschaft. Realistische Wochenschrift für Litteratur, Kunst und öffentliches Leben gegründet. Die erste Ausgabe vom 1. Januar 1885 wird unter dem harmlosen Titel Zur Einführung mit einem richtigen Manifest eröffnet. Der dritte Absatz lautet: „Fort, ruft unsere ‚Gesellschaft’, mit der geheiligten Backfisch=Litteratur, mit der angestaunten phrasenseligen Altweiber=Kritik, mit der verehrten kastrirten Sozialwissenschaft! Wir brauchen ein Organ des ganzen, freien, humanen Gedankens, des unbeirrten Wahrheitssinnes, der resolut realistischen Weltauffassung!“ Auch wenn Panizza dem nicht ganz zugestimmt haben dürfte, so findet er sich doch hier in einer ihm sympathischen „Gesellschaft“. Und in Michael Georg Conrad findet er einen wohlmeinenden Freund, zumindest bis zum Jahr 1899. Doch davon später...

Condrads Zeitschrift ist außerdem für Panizza ein wichtiges Publikationsorgan. Seine darin veröffentlichten Artikel wurden bisher, wenn ich es richtig sehe, wenig beachtet. In einem seiner ersten längeren Texte geht es, fast könnte man es erraten, um den Teufel, um den „Teufel im Oberammergauer Passions-Spiel“ (Juli 1890, S. 997-1022). Eigentlich ist es ein genau recherchierter Überblick über den Teufel auf deutschen und französischen Volksbühnen, der damit endet, dass heute (also 1890) der Teufel fast ganz verschwunden ist.

Ausführlich berichtet Panizza über die Satansprozesse des Mittelalters, über die Teufelskomödien, die „Diablerien“, in Frankreich und über die frühen Textfassungen der Oberammergauer Passionsspiele. Da nehmen, erzählt Panizza fast genüsslich, die Teufel den erhängten Judas vom Baum und tragen ihn in die Hölle. In dieser Szene haben sie dem Verräter „den Leib aufgerissen, die herausfallenden Gedärme in Empfang genommen und vor dem Publikum verzehrt“. Bratwürste habe man dafür verwendet. (S. 1008) Auch nach der Reformation sei der Teufel noch weithin im deutschen Volkstheater zu sehen gewesen, doch nach und nach sei er in den Hintergrund getreten, im 19. Jahrhundert ganz verschwunden. „Das 18. Jahrhundert hatte die Aufklärung auch bis in die entlegensten Dörfer und Ortschaften gebracht. Der Teufel der letzten zwei Jahrhunderte war ein phrasenhafter und gezierter Teufel, an den niemand mehr glaubte, und der zuletzt ausgelacht wurde; ein Rokokoteufel. Und für die einfache, düstre Gestalt des mittelalterlichen Luzifers war der Geschmack zu verwöhnt, und die Bildung zu weit fortgeschritten. Mit dem Eintritt des Teufels in das gebildete Drama als allegorisch-philosophische Figur, Goethes Faust, verlässt der Spuk- und Gespensterteufel die Volksbühne.“ (S. 1022) Hierzu könnte man sicher einige Gegenbeispiele anführen, etwa den Teufel im Kasperltheater, doch Panizza hat das so gesehen, und vielleicht ist spätestens zu diesem Zeitpunkt in ihm der Wunsch entstanden, dem Teufel wieder alle Ehren zu erweisen...

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