Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland

Zuerst kam der Adel, der die Sommermonate auf seinen Herrensitzen im Umland verbrachte, dann folgten die Künstler und entdeckten den Zauber von Natur und Landschaft, und bald drängten in ihrem Gefolge massenhaft die Touristen und Erholungssuchende von der Stadt aufs Land. Im 19. Jahrhundert prägte der Münchner Reiseschriftsteller Ludwig Steub für diese besondere Art der Stadtflucht den Begriff „Sommerfrische“.

Um 1900 wurde die Sommerfrische im Alpenvorland zu einem wichtigen Bestandteil des literarischen und künstlerischen Lebens. Ob in primitiven Unterkünften, in der gemieteten Sommerwohnung oder im eigenen Landhaus, zwischen Mai und September bezog die Münchner Literatur- und Kulturszene ihr sommerliches Hauptquartier in den ländlichen Dörfern und an den malerischen Seen Oberbayerns.

„Immer, wenn ich Kindheit denke, denke ich zuerst Tölz“, schreibt Klaus Mann rückblickend auf sein Kindheitsparadies mit dem „bittersüßen Duft von Tannen, Himbeeren und Kräutern“. Obwohl im Grunde so gar nicht „nur für die Natur“ lässt sich Thomas Mann 1908 in Tölz ein stattliches Landhaus errichten, wo er im Sommer 1911 an seiner Novelle Tod in Venedig arbeitet. Später genießt er den genius loci des „Villino“ am Starnberger See, wo wichtige Passagen des Romans Der Zauberberg entstehen. Ludwig Thoma entdeckt 1902 das Dörfchen Finsterwald am Tegernsee als Ort zum Schreiben und als Treffpunkt für den Simplicissimus-Kreis. 1907 baut er sich „Auf der Tuften“ in Rottach sein hübsch gelegenes „Tusculum“ mit Seeblick und eigenem Tennisplatz. Häufig zu Gast ist der Maler und Karikaturist Olaf Gulbransson, der 1929 den „Schererhof“ in Tegernsee erwirbt. In Egern hatte die Familie der jüdischen Schriftstellerin Grete Weil ihren Sommersitz, unweit des alten Bauernhofes, auf dem der populäre Kammersänger Leo Slezak seine Sommerferien verbrachte. Nur einen kurzen Spaziergang entfernt verbrachte Ludwig Ganghofer, der leidenschaftliche Jäger und Autor zahlreicher Heimatromane, seine letzten Sommerfrischen in der direkt am See gelegenen „Villa Maria“.

Die „Gräfin von Schwabing“ Franziska zu Reventlow suchte in der Natur Erholung vom Bohèmeleben in der Stadt und Inspiration zum Schreiben. Mit dem Fahrrad machte sie Touren durchs Isartal, an den Chiemsee oder nach Lenggries und befand sich hinterher oft „ganz sentimental“. Waldemar Bonsels, der Autor der Biene Maja, empfing in seinem Ambacher Haus viele Sommergäste, darunter auch seine Geliebte, die Dichterin Paula Ludwig. Der englische Schriftsteller D. H. Lawrence verbrachte zusammen mit seiner Geliebten Frieda von Richthofen die Sommer 1912 und 1913 im Isartal und verarbeitete diese glückliche Zeit und seine Begegnungen mit der für ihn urwüchsig-katholischen Bevölkerung in seinem 1921 erstmals erschienen Roman Mr. Noon.

Die Schönheit der Landschaft inspirierte auch viele Künstler: In Urfeld malte Lovis Corinth seine berühmten Walchensee-Bilder. In einer Gartenlaube in Sindelsdorf wurde der Name „Der Blaue Reiter“ erfunden, so Wassily Kandinsky, der zusammen mit Gabriele Münter ein glückliches Refugium in Murnau fand – dort wiederum besaß die Familie von Ödön von Horváth ein Landhaus. Doch nicht immer war die Idylle ungetrübt. So beschreibt etwa Grete Weil in ihrer Autobiografie was sie empfand, als sie über dem Ortsschild von Egern ein Transparent mit der Aufschrift „Juden betreten den Ort auf eigene Gefahr“ lesen musste.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München.



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"Sommerfrische", Zeichnung von Ferdinand von Reznicek. Simplicissimus, Jg. 7, Heft 25, 1902