Wassily Kandinsky und Gabriele Münter in Murnau

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Wassily Kandinsky in Murnau, um 1900. Foto: Gabriele Münter (Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München)

Der russische Maler Wassily Kandinsky verbringt zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Malerin Gabriele Münter, im Herbst 1908 und Mai 1909 einige Wochen in Murnau. Im August 1909 kauft Münter dort ein kleines Haus, in dem sie und Kandinsky bis 1914 glücklich leben: In Lederhose und Dirndl arbeiten die beiden im Garten, pflanzen Gemüse, jäten Unkraut und bemalen gemeinsam die Treppe sowie viele Gebrauchsmöbel mit volkstümlichen Motiven. Häufig bekommen sie Besuch von Malerfreuden – mit seinem im benachbarten Sindelsdorf lebenden Freund Franz Marc gibt Kandinsky 1912 den Almanach Der Blaue Reiter heraus. Im Zuge der Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg muss Kandinsky als Ausländer verfeindeter Staaten Deutschland wieder verlassen. Der folgende Briefauszug gibt einen Eindruck über seine bzw. Münters Vertrautheit mit der Murnauer Gegend und über die Schwierigkeit, für einen Bekannten eine geeignete Unterkunft zu organisieren:

5.5.1914

Lieber Herr Schönberg

Es freut uns sehr, daß Sie und Ihre Familie im Sommer nach Bayern kommen. Wirklich fein! Münter schlägt Ihnen Uffing* vor stiller Ort am Staffelsee,

(2 Hotels: Seerose – einfach, nett; Kurhaus Staffelsee – teuer, nicht sehr gut)

oder Seehausen, viel näher zu uns. Beide Orte mit sehr feinen Badegelegenheiten und Kahnfahrten.

Von Uffing bis Murnau – 1 Stunde im Kahn, ebenso zu Fuß. Von Neuhausen [=Seehausen] – 20 Min.

Uffing ist netter. Sie können sich aber auch ebenso gut in Murnau einmieten – nur liegt M. hoch, und so ist man gezwungen, nach dem Schwimmen und Rudern auf den Hügel zu klettern. Am allerbesten fahren wir von München aus in die Murnauer Gegend zusammen u. Sie sehen sich alles selbst an. Wollen Sie eine Wohnung mit Küche? Oder werden Sie keinen Haushalt führen?

Hier gibt es allerhand Theaterpläne, wovon Sie von Marc schon gehört haben. Sie werden deshalb besonders gierig erwartet.

Viele herzliche Grüße von Haus zu Haus

Ihr Kandinsky


*Uffing gefiel mir im Jahre 1908 besonders gut wegen der Seenähe, u. ich wünschte das nächste Jahr statt Murnau dorthin zu gehen. Badegelegenheit schien mir gut – kann aber nicht garantieren. 

[...]

[undatiert, 7.5.1914?]

Sonntag, um 6. Lieber Herr Schönberg! Wir meinen, das Holzhäuschen im See ist zu klein, zu primitiv eingerichtet – die Schnaken [= Mücken] werden Sie zu sehr essen. Schränke u. Komfort fehlen ziemlich – bei schlechtem Wetter sitzen Sie ganz im Wasser u. kriegen den Schnupfen. Es ist nix für 5 Leute, von denen einer arbeiten will. Dagegen bitten wir Sie zu wählen zwischen dem heute ausführlich beschrieb. Haus Staib Seidlstr. 6 u. der Villa Achilles am See. Morgen telegraphieren wir Ihnen den Preis von Achilles, nachdem wir es besichtigt haben – das ist eine Villa auch ganz für sich – s. Wohnungsliste! mit allem Komfort – unten am See. Es wird wohl teurer als Staib, aber der Vermieter geht sicher von seinen 1000 M. herunter, da Sie es nur 5 Wochen brauchen. [...]

Bei Staib sind die Betten sicher gut – bei Seefried etwas provisorisch aussehend. Ich laße wieder den Schluß für K – damit wir nichts vergessen. [...] (Zit. aus: Arnold Schönberg und Wassily Kandinsky: Briefe, Bilder und Dokumente einer außergewöhnlichen Begegnung. Salzburg u.a. 1980, S. 78-87. © Gabriele-Münter-Stiftung)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 81ff., S. 254, S. 261.



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