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17.02.2017, 17:03 Uhr
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Zum 150. Geburtstag: Zwischen Literatur und Kitsch. Die Autorin Hedwig Courths-Mahler

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Ehemaliges Wohnhaus der deutschen Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler (1867-1950) in der Schwaighofstraße 47 in Tegernsee, Lkr. Miesbach. Laut Gebäudetafel im Jahr 1900 erbaut, 1933 von Courths-Mahler erworben und bis zu ihrem Tod 1950 von ihr bewohnt.

Hedwig Courths-Mahler kommt am 18. Februar 1869 in Nebra an der Unstrut in Thüringen als uneheliches Kind der Seilerstochter Rosine Henriette Mahler (1843-1900) und des Unteroffiziers Ernst Schmidt zur Welt. Courths-Mahlers Mutter, zum Zeitpunkt der Niederkunft knapp 24-jährig, stammt ursprünglich aus dem rund 35 Kilometer entfernten Weißenfels. Der Kindsvater, der mutmaßlich mit dem Unteroffizier der 5. Kompagnie des 1. Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 31 Friedrich Ernst Schmidt (1841-1866) identifiziert werden kann, stammt aus Nebra. Er erliegt Ende September 1866, noch vor der Geburt Courths-Mahlers, der Cholera. Ursprünglich getauft wird Courths-Mahler auf den Namen Ernestine Friederike Elisabeth, wobei der erste Name wohl auf den verstorbenen Vater rekurriert. Den Namen Hedwig, der sich angeblich dem Stück eines vorbeiziehenden Wanderzirkusʼ verdankt, dessen Titel „Hedwig, die Zigeunerbraut“ lautet, bestimmt Courths-Mahler bereits als Kind zu ihrem Rufnamen.

 

Kindheit und familiärer Hintergrund

Die alleinerziehende Henriette, selbst aus ärmlichen, zugleich kinderreichen Verhältnissen stammend, lebt mit Hedwig zunächst bei ihrer Mutter, bei der auch ihre beiden älteren Schwestern Amalie Wilhelmine (geb. 1839) und Friederike Wilhelme (geb. 1842) sowie ihr jüngerer Bruder Carl Friedrich (1846-1923) leben. Am 25. Februar 1869 wird Hedwigs Halbbruder Friedrich Oskar, ebenfalls als uneheliches Kind, geboren. Etwa zwei Monate später heiratet Henriette den aus Weißenfels stammenden Ökonom Johann Friedrich Brand (1844-1888), der den im Februar zur Welt gekommenen Friedrich Oskar offiziell als seinen Sohn anerkennt. Dies gilt jedoch vermutlich nicht für seine Halbschwester Hedwig, die bei dem Stiefvater wohl einen schweren Stand hat – dies thematisiert Courths-Mahler später literarisch in dem Roman Die Gouvernante. Sie wird schließlich bei dem Schusterehepaar Birkner in Pflege gegeben. 1872 kommt es zur Scheidung der Eheleute Brand. Das Ehepaar Birkner nimmt in der Folge auch den kleinen Friedrich Oskar sowie den 1873 geborenen Halbbruder Friedrich Max (1873-1909) als „Kostkinder“ in seine Obhut. Bei dem Ehepaar Birkner verlebt Courths-Mahler behütete Kindheitsjahre. Ihre Mutter, die seit Jahresbeginn 1872 in Leipzig lebt und sich dort unter anderem mutmaßlich als Prostituierte verdingt, kommt vergleichsweise selten zu Besuch. In den 1880er-Jahren holt sie ihre Kinder zu sich nach Leipzig. Courths-Mahler verdingt sich in dieser Zeit als Dienstmädchen und Verkäuferin. Ihre Schulbildung beschränkt sich nach eigenen Angaben auf zwei Klassen in der Gemeindeschule von Weißenfels.

Anfang Januar 1889 heiratet Hedwig Mahler nach fünfjähriger Verlobungszeit Julius Emil Friedrich, kurz Fritz genannt, Courths (1863-1936). (Henriette Brand, die sich gegen diese Verbindung aussprach, hatte die Eheschließung verhindern können, solange ihre Tochter noch nicht volljährig war.) Das Ehepaar zieht im gleichen Jahr von Leipzig nach Halle an der Saale, wo es bis 1893 lebt. In dieser Zeit werden auch Courths-Mahlers Töchter Margarete Anna Elisabeth (1889-1966) und Hedwig Gertrud Frieda (1891-1985) geboren. Da Fritz Courths als Dekorationsmaler zu wenig Geld verdient, um die Seinen zu ernähren, kehrt die Familie nach vier Jahren nach Leipzig zurück. Ab 1897 geht es endlich sukzessive bergauf: Fritz Courths erhält zunächst eine Anstellung in einer Textilfirma, für die er Entwürfe für Möbelstickereien anfertigt. Noch im gleichen Jahr siedelt die Familie nach Chemnitz über, wo Courths für die Textil- und Möbel-Firma „Cohrs & Michaelis“ als künstlerischer Direktor arbeitet. Mit dem beruflichen Erfolg des Ehemannes ändert sich auch die gesellschaftliche Stellung der Familie. Durch Kontakte lernt Courths-Mahler schließlich den Feuilletonchef des Chemnitzer Tageblatts, Paul Hermann Hartwig, kennen, der ihren Roman Licht und Schatten dort zwischen Februar und März 1904 als Serie publiziert. Weitere „Zeitungsromane“ erscheinen mutmaßlich in der auflagenstärkeren Chemnitzer Allgemeinen Zeitung.

 

Von den literarischen Anfängen zur Bestseller-Autorin

Als die Firma „Cohrs & Michaelis“ 1905 nach Berlin verlagert wird, entschließt sich die Familie Courths, ebenfalls mitzugehen. Sie lässt sich in der Folge zunächst in Spindlersfeld, einem Vorort im Südosten Berlins, nieder. Mit dem Umzug gibt die Familie, die in Chemnitz gesellschaftlich bestens integriert war, ihre dortigen Kontakte auf und kann in Berlin nicht direkt an solche Verbindungen anknüpfen. Der Vertrag mit dem bekannten Berliner Literaturagenten Richard Taendler (1868-1909), auf dessen Anzeige Courths-Mahler sich meldet, verhilft ihr schließlich zu breiter literarischer Bekanntheit, auch wenn sie, als Anfängerin im Literaturbetrieb, vertraglich von Taendler massiv übervorteilt wird: Die Rechte an ihren Romanen gehen vertraglich an Taendler über, der diese zusätzlich als serielle Zeitungsromane vermarkten kann und seine persönlichen Einnahmen somit beträchtlich zu steigern in der Lage ist. Die frühen Texte Courths-Mahlers erscheinen u.a. in den Subskriptions-Zeitschriften Das Buch für Alle und Freya. Zum wichtigsten Publikationsorgan der ersten schriftstellerischen Phase wird jedoch die Zeitschrift Hausfrau, hervorgegangen aus der 1882 begründeten Zeitschrift Für’s Haus und in zahlreichen regionalen Auskopplungen verlegt. Von 1909 bis 1926 werden dort 19 Romane Courths-Mahlers als episodische Fortsetzungen publiziert. Damit avanciert sie zu einer der literarisch produktivsten deutschen Schriftstellerinnen. Auch mehrt sich mit zunehmendem Erfolg das Interesse an der Person der Autorin, das die Zeitschrift durch kleine biografische Porträts Courths-Mahlers zu bedienen sucht.

Die Zeitschriftenromane bilden die Haupteinnahmequelle Courths-Mahlers, hinzugesellen sich vermehrt Buchpublikationen und Theateradaptionen, ab den 1910er-Jahren auch Filmadaptionen: Zwischen 1917 und 1925 werden 21 Filme nach der Vorlage von Courths-Mahler-Romanen produziert. Der Name der Autorin wird mithin selbst zum Label. Kurz nach Doppelhochzeit seiner Töchter, zieht das Ehepaar Courths nach Berlin Charlottenburg. Im Zentrum des Kulturbetriebs des Deutschen Reiches angekommen und mit ihrem literarischen Erfolg als Rückenwind findet die Autorin alsbald Anschluss an künstlerische Kreise.

 

Ruhestand unterm Hakenkreuz

1933 zieht die Familie zunächst von Berlin, nunmehr Machtzentrum des nationalsozialistischen Deutschlands, ins nahe Schöneberg um, bevor sie sich im März 1935 dauerhaft am Tegernsee ansiedelt. Die Villa am Tegernsee hatte Courths-Mahler von dem jüdischen Großindustriellen Alfred Merton (1878-1954) erworben, der nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zur Niederlegung seines Amtes als Aufsichtsratsmitglied des Chemiekonzerns IG Farben, in die USA emigrierte. Ein knappes Jahr später erliegt Fritz Courths im April 1936 einem Krebsleiden. Bis zu ihrem Lebensende wird Courths-Mahler die Villa am Tegernsee gemeinsam mit ihren beiden Töchtern bewohnen.

Courths-Mahlers Verhältnis zum NS-Regime präsentiert sich durchaus zwiespältig: Pflegt sie einerseits Beziehungen zu zahlreichen Künstlern jüdischer respektive nicht-arischer Abkunft, darunter Alfred Kerr und Max Epstein, und hat darüber hinaus auch einen Schwiegersohn, der einer jüdischen Familie entstammt, so stellt sie andererseits Anträge auf Mitgliedschaft in der „Reichsschrifttumskammer“ und im „Reichsverband Deutscher Schriftsteller“; darüber hinaus ist sie, nach eigenen Angaben, „förderndes Mitglied“ der SS (in dieser Funktion spenden Mitglieder, die notwendig arischer Abstammung sein müssen, monatlich einen selbstbestimmten Betrag an die SS). Obwohl Courths-Mahler sich bemüht, die Bedingungen, die das Regime an Künstler aller Sparten stellt, sowohl formal als auch persönlich zu erfüllen, verhindert die Gleichschaltung der Kunst innerhalb des NS-Regimes ihren weiteren Erfolg als Schriftstellerin. Die „Beratungsstelle für Volksliteratur“, die Unterhaltungsliteratur gänzlich zu eliminieren sucht, stuft ihre Romane als zu seicht ein, verlangt zunächst Umarbeitungen und ‚verabschiedet‘ die Autorin schließlich gewissermaßen in den Ruhestand: Anfang 1935 werden ihre Verträge von Verlagsseite aufgelöst. Wie auch andere Autoren wird Courths-Mahler, um der Demoralisierung vorzubeugen, mit zunehmenden Kriegsverlusten und Entbehrungen später wieder vermehrt an der „Heimatfront“ eingesetzt.

 

Gib mich frei! als Fortsetzungsroman von Hedwig Courths-Mahler. Ausschnittt aus dem Bukarester Tagblatt Nr. 77 vom 9. April 1915.

Nachkriegszeit

Nach Kriegsende wird Courths-Mahler von den amerikanischen Besatzern protegiert. Für ihre Villa am Tegernsee erhält sie ein „Off-Limits-Schild“, das sie vor Durchsuchungen und Enteignungen durch amerikanische Soldaten schützt. Auch nimmt Courths-Mahler das Schreiben wieder auf. Die Anfänge des wiederauflebenden Erfolgs ihrer Literatur in den Nachkriegsjahren erlebt sie jedoch nur ansatzweise. In den 50er- und 60er-Jahren erleben ihre Werke zunächst im Rahmen privater Leihbibliotheken eine Renaissance, die in den 70er-Jahren in fünf Neuverfilmungen kulminiert. Schließlich publiziert der Bastei-Verlag eine Neuauflage der Romane Courths-Mahlers in zwei Reihen. Die Autorin stirbt am 26. November 1950 in ihrem Haus am Tegernsee. Begraben wird sie auf dem dortigen Friedhof. Ihre Töchter entscheiden sich, dem Grabstein der Mutter den Titel eines ihrer Romane von 1921 hinzuzusetzen: „Arbeit adelt“.

 

Literatur oder Kitsch? Courths-Mahler und die Literaturkritik

Courths-Mahlers Werke sind zu Lebzeiten der Autorin überaus erfolgreich. Die Autorin selbst bezeichnet ihre Werke stets als „Volksliteratur“ und grenzt sich selbst von der klassischen Hochliteratur ab, die sie jedoch sehr wohl rezipiert hat. Angesichts der enorm hohen Auflagenzahlen, die die Werke Courths-Mahlers erleben, kommt auch die Literaturkritik nicht umhin, sich mit dieser Autorin zu beschäftigen. Die in den 1980er-Jahren publizierte Courths-Mahler-Biografie von Gustav Sichelschmidt versammelt im hinteren Teil des Bandes eine Reihe von zeitgenössischen Zeugnissen über die Autorin. Besondere Aufmerksamkeit verdient hier ein im November 1955 in der Nord-West-Zeitung Oldenburg erschienener Kommentar des Literaturkritikers Willy Haas (1891-1973), der die Verlegenheit der klassischen Kritik in der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand „Courths-Mahler“ verdeutlicht: „Wenn man ihr Andenken ehren will, sollte man lieber nicht viel über ihre Bücher sprechen, die in Millionenauflagen nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern verbreitet waren“ (zit. n. Sichelschmidt 1985, S. 50). Die konstatierte Diskrepanz zwischen der unleugbaren Beliebtheit der Autorin und der literarischen Qualität ihrer Werke führt hier zu einer seltsamen Verschiebung: Haas lobt Courths-Mahler nicht etwa für ihre Werke, sondern für ihre Reflektiertheit in Bezug auf den Stellenwert der eigenen literarischen Produktion. Courths-Mahler ist sich durchaus bewusst, dass sie keine Hochliteratur schreibt. Vielmehr grenzt sie sich von dieser und auch von deren Publikum ab. Sie entbindet auch die Literaturkritik von der ‚höflichen Verpflichtung‘, sich mit ihr auseinanderzusetzen: „Ich weiß, daß es einen Dostojewski, einen Flaubert gibt. Ich bewundere sie. Aber wir gehören nicht zu ihnen. Wir beide [gemeint ist hier auch die bevorzugte Autorin Courths-Mahlers, Eugenie Marlitt, eigentlich Eugenie John] haben uns an dem volkstümlichen Roman versucht. Ob uns das gelungen ist, darüber hat die Hausschneiderin in der Dachstube, die Köchin in der Küche, das Ladenmädchen beim Gemüsehändler zu urteilen, nicht Ihr Literaturkritiker“ (zit. n. Sichelschmidt 1985, S. 51). Die Autorin Courths-Mahler hat das Selbstbewusstsein, sich gegen die klassische Hochliteratur abzugrenzen und einen zu dieser Zeit noch neuen Publikumskreis zu erschließen. Freilich muss dieses Selbstbewusstsein hart erkämpft worden sein, denn nicht alle Kritiker gehen mit der Schriftstellerin so ‚milde‘ ins Gericht, wie Willy Haas 1955.

Dass das Œuvre Courths-Mahlers sich nicht auf die Frage nach der Qualität ihrer Werke und damit letztlich auf die Opposition von ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Literatur reduzieren lässt, zeigen Studien wie die von Régine Atzenhoffer auf. Der Schriftstellerin, die sich bereits zu Lebzeiten von der Abhängigkeit der Literaturkritik emanzipiert, folgt die Literaturwissenschaft somit vergleichsweise spät nach. 2017 ist für Hedwig Courths-Mahler ein Jubiläumsjahr: Am 18. Februar 2017 feiert die Autorin ihren 150. Geburtstag.


Verfasser: Janine Katins-Riha M.A.

Sekundärliteratur:

Atzenhoffer, Régine (2005): Ecrire lʼamour kitsch. Approches narratologiques de lʼœuvre romanesque de Hedwig Courths-Mahler (1867-1950) (Etudes et documents, 65). Bern.

Avé, Lia (1990): Das Leben der Hedwig Courths-Mahler (Trost der Welt). München/Wien.

Graf, Andreas (2000): Hedwig Courths-Mahler (dtv portrait). München.

Sichelschmidt, Gustav (19852): Hedwig Courths-Mahler. Deutschlands erfolgreichste Autorin. Eine literatursoziologische Studie (Bonner Beiträge zur Bibliotheks- und Bücherkunde, 16). Bonn.


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