Info
Geb.: 5. 5.1864 in Wien
Gest.: 7. 8.1948 in Halle a.d. Saale
Hildegard Stradal, Schönlinde 1942 © Georg Wieland

Hildegard Stradal

Die Sängerin, Schriftstellerin und Übersetzerin Hildegard Stradal wird als einziges Kind des Musikpädagogen (Josef) Moritz Zweigelt (1838-1906) und seiner Frau Franziska (geb. Nitsch) in Wien geboren. Ab dem fünften Lebensjahr unterrichtet der Vater die hochmusikalische Tochter am Klavier. Sie erhält eine Gesangsausbildung bei der renommierten Gesangslehrerin und Sopranistin Caroline Pruckner in Wien, die mit ihren Schülerinnen regelmäßig Konzerte veranstaltet.

In der Beatrixgasse im 3. Wiener Bezirk lernt sie den ebenfalls dort wohnenden Pianisten und Lisztschüler August Stradal (1860-1930) kennen. Die beiden heiraten am 30. April 1888 in der Augustinerkirche in Wien. Nicht ohne Bedenken willigt Hildegard Stradal in die Ehe ein: „wir zweifelten nicht daran, daß der Künstler in gewisser Beziehung eine Einbuße an freier Entwicklung durch die Ehe erleidet, besonders die Frau.“ Im Laufe des 42-jährigen Zusammenlebens kümmert sie sich konstant um die musikalische Karriere ihres Mannes und dessen labile Gesundheit. Die Ehe bleibt kinderlos.

Während die musikalischen Werke des Arrangeurs und Pianisten August Stradal dank der von seiner Frau verfassten Biografie August Stradals Lebensbild bestens verzeichnet sind, lassen sich ihre eigenen literarischen Werke bedingt durch zwei Weltkriege und damit verbundene Ortswechsel nur schwer aufspüren. Sie stehen zudem im Schatten ihrer erfolgreichen öffentlichen Auftritte als Mezzosopranistin: „Frau Stradal, eine graziöse, mädchenhafte Erscheinung mit schwärmerischen Rehaugen, ist wegen ihrer außerordentlichen Begabung als Liedersängerin in Wiener Gesellschaftskreisen mit Recht gefeiert“, so das Wiener Salonblatt am 7. April 1889 zu Hildegard Stradals erstem Soloauftritt im Wiener Bösendorfer-Saal. „Am Schlusse des Konzertes glich das Podium einem Blumengarten, in dem ich eingeschüchtert und fast beschämt stand“, berichtet sie selbst. Liederabende sind um 1900 beim Publikum äußerst beliebt. Im Bösendorfer-Saal übertreffen sie sogar die Anzahl der Klavierabende.

Als Liedersängerin wird Hildegard Stradal an allen Orten positiv aufgenommen. Reisen führen die Stradals quer durch Europa. München, Paris, London, Dresden, Leipzig, Hamburg, Budapest, Brüssel sind die Stationen ihrer regen Konzerttätigkeit, bis mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs „das Tor zufiel, welches eine unabsehbare Zeit die Wege zu Freude, Friede, Schaffen und allem Schönen dieser Welt vor der Menschheit verschloß.“

Der Erstwohnsitz der Stradals bleibt auch nach der Heirat die Wiener Beatrixgasse, die „einen gewissen Ruf als Künstlerheimstätte erlangt“ hat. 1908 ziehen sie ins Botschafterviertel, in die Mohsgasse 3 um. Im Mai reisen sie in die Sommerfrische an den „geliebten Chiemsee“. Zunächst wohnen sie in der Villa des Schwiegervaters Franz Stradal auf der Fraueninsel. Doch der allsommerliche Transport zweier Flügel über den Chiemsee erweist sich als zu beschwerlich. So kaufen sie 1897 eine kleine Villa in Prien.

Muße für ihre schriftstellerische Arbeit findet Hildegard Stradal vor allem am Chiemsee. Die Nähe zu München, „dieses Dorado aller Künstlernaturen“, das gesellige Leben in der Sommerfrische, Ausflüge in die Chiemgauer und Berchtesgadener Berge sind eine reiche Inspirationsquelle.

Von 1890 bis 1909 erscheinen insgesamt sechs Gedichtbände. Hildegard Stradal betätigt sich außerdem als Übersetzerin. Sie überträgt drei Gedichtzyklen von Victor Hugo ins Deutsche: 1897 Strahlen und Schatten (Les Rayons et les Ombres, 1840), 1903 Aus dem Morgenlande (Les orientales, 1829) und 1911 Seelendämmerung (Les chants du crépuscule, 1835). 1917 erscheint die Tragödie Alexander von Mazedonien, eine Nachdichtung von Arthur de Gobineaus Alexandre le Macédonien (1847).

Sie selbst verfasst ebenfalls dramatische Texte: Seine Tochter (1899), Helga (1900), Der Spielmann (1901), Auf einsamer Höhe (1904). Daneben erscheinen Verserzählungen wie Sonnenwende (1901), Was der Wildbach erzählt (1902), Die heilige Elisabeth (1904).

Der humoristische Prosatext Von unseren vierbeinigen Hausgenossen (1912) schildert Erlebnisse mit den Haustieren der Stradals und Anekdoten über gemeinsame Bahnreisen. In Anlehnung an E.T.A. Hoffmanns Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza verfügt auch der Hund Sully über Sangeslust und eigenes musikalisches Urteilsvermögen, das sich mit der Liszt-Begeisterung der Stradals deckt.

Zu Hildegard Stradals erfolgreichstem Titel wird die Biografie über ihren Mann August Stradals Lebensbild (1934). Die Schilderung der gemeinsamen Konzertreisen und Erlebnisse vermittelt auch autobiografische Details. Zahlreiche gesellschaftliche Begegnungen zeichnen ein breit gefächertes Panorama der österreichisch-deutschen Musikszene. „Die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem die ganze reiche, feinverästelte Wiener Kultur mit all den vielen, uns Älteren so teuren Namen aus dem Liszt-, Wagner- und Brucknerkreise, steht in diesen Blättern mit erstaunlicher Lebendigkeit wieder auf“, urteilt der Komponist und Musikschriftsteller Walter Niemann 1935 in der Zeitschrift für Musik. Enthaltene Reiseberichte wie der Besuch der Insel Arbe (Rab) und die Besteigung der Tigna Rossa (Kamenjak) anlässlich der Silberhochzeit leben von Hildegard Stradals Naturbegeisterung und sprachlicher Raffinesse. Das Schlusswort des böhmischen Komponisten Rudolph von Procházka würdigt die literarische Qualität des Werks: „Es ist ein Buch, nicht allein die Leute von Fach, sondern jeden gebildeten Leser fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite, die gewandte Schriftstellerin in jeder Zeile erkennen lassend. Die interessanten Reiseschilderungen erhöhen den Wert des Werkes nicht minder, wie jene der unterschiedlichen Künstlerbegegnungen [...].“

Mehrere Gedichte Hildegard Stradals werden vertont, so z.B. von ihrem Mann und den Komponisten Friedrich Weigmann (1869-1939) und Markus Lehmann (1919-2003). Durch die Kontakte zu Mitgliedern des Bayerischen Hofes, die auf Schloss Wildenwart im Chiemgau übersommern und Konzerte der Stradals besuchen, entsteht die Freundschaft zu Ludwig Ferdinand Prinz von Bayern (1859-1949). Auch er vertont ein Gedicht von Hildegard Stradal: „Die Wolken hängen grau hernieder“.

Von 1916 bis zum Kriegsende arbeitet Hildegard Stradal unter Baronin Spitzmüller im Büro des Roten Kreuzes in Wien. Reisen in die Sommerfrische sind nun nicht mehr möglich. 1917 trennen sich die Stradals von ihrer Villa in Prien, um der bei Ausländern üblichen Beschlagnahmung zuvorzukommen. Zuletzt geben sie aus finanziellen Gründen auch ihren Hauptwohnsitz in Wien auf und ziehen nach Schönlinde (heute Krásná Lípa, Tschechien), wo ihnen das Haus einer verstorbenen Tante von August Stradal durch Erbschaft zufällt. Als August Stradal 1930 in Schönlinde stirbt, beklagt Hildegard Stradal ihre Einsamkeit: „mich hat er allein gelassen im Daseinskampfe dieser Zeit, allein im fremden, kalten, nüchternen Lande, unter mir vollkommen wesensfremden Menschen, fern der geliebten Heimat [...]. Nichts erträgt man schwerer als das Alleinsein unter Menschen.“

Noch einmal und schon hochbetagt muss Hildegard Stradal den Wohnsitz wechseln. In Tschechien fällt sie der Vertreibungswelle Ende des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. Sie zählt zu den fast 35.000 Flüchtlingen und Vertriebenen, die von 1945 bis 1949 nach Halle und Umgebung kommen. 1948 stirbt sie an Altersschwäche im Pflegeheim Beesener Straße 15 in Halle a.d. Saale.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Birgit Ziegler-Stryczek

Sekundärliteratur:

Meglitsch, Christina (2005): Wiens vergessene Konzertsäle. Der Mythos der Säle Bösendorfer, Ehrbar und Streicher. Peter Lang, Frankfurt am Main u.a.

Quellen:

Markus Lehmann: Fünf Lieder nach Gedichten von Hildegard Stradal. Für Mezzosopran und Klavier. WV 1, 1934. Astoria-Verlag, Düsseldorf-Benrath 2002.

Ludwig Ferdinand Prinz von Bayern: Die Wolken hängen grau hernieder. Gedicht von Hildegard Stradal. Für 1 tiefe Singstimme mit Begl. d. Pianoforte. Seiling, München o.J.

Hildegard Stradal: August Stradals Lebensbild. Verlag Paul Haupt, Bern u.a. 1934.

Dies.: Von unseren vierbeinigen Hausgenossen. Buchhandlung Rudolf Heger, Wien 1912.

 

Literatur von Hildegard Stradal:
Gedichte:
Gedichte. 1. Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1890.    
Gedichte. 2. Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1895.
Gedichte. 3. Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1898.
Ein Leben. Gedichte. 4. Band. T.G. Fisher, Kassel 1900.
Zur Dämmerzeit. Gedichte. 5. Band. E. Pierson, Dresden [1907].
Aus schweren Tagen. Gedichte. 6. Band. E. Pierson, Dresden 1909.

Verserzählungen:
Sonnenwende. Erzählung in Versen. 1901 (zitiert nach Kosch).
Was der Wildbach erzählt. Erzählung in Versen. 1902 (zitiert nach Kosch).
Die heilige Elisabeth. Erzählung in Versen. Th. G. Fisher & Co, Berlin u.a. 1904.

Dramatische Texte:
Seine Tochter. Lyrisches Gedicht in einem Aufzug. Breitkopf & Härtel , Leipzig 1899.
Helga. Handlung in 5 Abteilungen. Th. G. Fisher, Kassel 1900.
Der Spielmann. Drama in 1 Aufzug. G. Fisher, Kassel 1901.
Auf einsamer Höhe. Drama in 2 Aufzügen. Th. Fisher & Co, Leipzig 1904.

Prosa:
August Stradals Lebensbild. Haupt, Bern u.a. 1934.
Von unseren vierbeinigen Hausgenossen. Buchhandlung Rudolf Heger, Wien 1912.

Übersetzungen:
Victor Hugo: Strahlen und Schatten (Les rayons et les ombres, 1840 ). Breitkopf & Härtel, Leipzig 1897.
Victor Hugo: Aus dem Morgenlande (Les orientales, 1829). Fischer, Kassel 1903.
Victor Hugo: Seelendämmerung (Les chants du crépuscule , 1835). E. Pierson, Dresden u.a. [1911]
Arthur de Gobineau: Alexander von Mazedonien (Alexandre le Macédonien,1847). Kamönenverlag, Leipzig u.a. 1914.


Externe Links:

Hildegard Stradal im Österreichischen Biographischen Lexikon

Hildegard Stradal bei zeno.org

Hildegard Stradal im Deutschen Textarchiv

Hildegard Stradal in der Wikipedia

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