Der Spaziergang führt vom Geburtshaus in der Ganghoferstraße 1 (1.) über die Überfahrtstraße zum Seehotel Malerwinkel (2), dann weiter über die Fürstenstraße in den Pfarrer-Kronast-Weg zum Elternhaus Villa Dispeker (3.). Über den Unnaweg und die Ulrich-Stöckl-Straße läuft man bis zum Rathaus in der Nördlichen Hauptstraße (4.). Von dort bis zur Wolfsgrub (5.) und wieder zurück zum Elternhaus (6.) und Friedhof in der Kißlingerstraße 41 (7.).

Mit der Ablösung der geistlichen durch die weltliche Macht, durch die Entdeckung und Inbesitznahme des Tegernseer Tales durch die Wittelsbacher im 19. Jahrhundert, begann auch in Rottach-Egern eine neue Entwicklung. Zur Land-, Forstwirtschaft und dem Handwerk trat der Fremdenverkehr hinzu. Es war vor allem König Max I. Joseph von Bayern, der mit seinem Gefolge viele Sommertage im Tegernseer Tal verbrachte, Adelige und auch viele höhere Beamte und Künstler in das Tal zog. Die Umwandlung des Tegernseer Klosters in Schloss und Sommerresidenz seit 1817 und die ebenfalls von Max I. Joseph herbeigeführte Renaissance von Wildbad Kreuth führten zu einem großen Zustrom bedeutender Persönlichkeiten an den Tegernsee.

Zwischen dem königlichen, später dann herzoglichen Schloss Tegernsee und dem herzoglichen Wildbad Kreuth lag der malerische Egerner Winkel. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde er für viele Menschen des Adels und des Geldadels, der Wissenschaft und Kunst der ideale Ort für die Sommerfrische oder zu einem zweiten Wohnsitz. Hier traf man Leute aus aller Welt, bahnte man Geschäfte und Ehen an.

Ansicht von Rottach-Egern. Foto: Ingvild Richardsen (TELITO) 

Auch das Leben der Fotografin und preisgekrönten Schriftstellerin Grete Weil war seit ihrer Geburt bis zu ihrem Lebensende eng mit Rottach-Egern verknüpft. Was dieser Ort für sie bedeutet hat, wie er ihr Leben bestimmte und wie sehr sie emotional mit ihm verbunden war, das hat sie in ihren Lebenserinnerungen wie folgt auf den Punkt gebracht:

Ein Ort, in dem man jeden Weg, auch den entlegensten kennt, jeden Baum, jede zarte Linie der Berge, jeden Geruch, jede Beleuchtung, jede bunt blühende Wiese, jeden Bauern, der des Weges kommt, jede Bäuerin in ihrer schönen Tracht, den Klang der Kirchenglocken, ob sie einen Feiertag, die Messe, ein Begräbnis einleuchten, oder wenn ein schweres Gewitter mit Sturm droht, auch vor dem Unwetter mit aufgeregtem Gebimmel warnen.

Ein Ort, in dem man, tritt man in ein Geschäft ein, oft mit Namen oder doch mit Handschlag begrüßt wird. Ein Ort, in dem man weiß, dass es in dem eigenen Kaufhaus nach der Appretur von neuen Dirndlstoffen riecht, im anderen nach Wasch- und Putzmitteln.

Ein Ort, in dem man im Winter, die Skier an den Füßen, die steilen Hänge hinaufläuft. Wo unten der beste Läufer des Tales, einer der besten des ganzen Landes steht und Bravo schreit, ein bisschen lauter vielleicht als es nötig wäre. Später wird er ungeachtet seines Meisterschaftstitels aus der SA ausgeschlossen, weil er sich zu oft vor den Pflichtabenden gedrückt hat.

Ein Ort, in dem einen jeder kennt, wo man die Dispeker Gretel heißt, auch wenn man schon längst einen anderen Namen hat. Ein Ort, in dem man zu Hause ist, wirklich zu Hause, auch dann noch, als über dem Ortsschild ein Transparent mit der Aufschrift hängt: „Juden betreten den Ort auf eigene Gefahr“. Das Transparent macht die Menschen hässlicher, nicht den Ort. Der Ort wird hässlich als der Massentourismus einsetzt.

(Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben, S. 47f.)

Wer sich mit dem Leben Grete Weils beschäftigt, der begegnet immer wieder Rottach-Egern und dem Tegernseer Tal, das Grete Weil über alles geliebt und als ihre Heimat betrachtet hat.

 

Spaziergang starten: Station 1 von 7 Stationen

 

Verfasser: TELITO / Dr. Ingvild Richardsen

Die „12 Tegernseer LiteraTouren“ sind ein Projektergebnis von TELITO, den „Tegernseer LiteraTouren“, in Kooperation mit der Tegernseer Tal Tourismus GmbH (TTT). TELITO ist ein Modell- und Demonstrationsvorhaben im Rahmen des „Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE)“ und der Bekanntmachung „LandKULTUR – kulturelle Aktivitäten und Teilhabe in ländlichen Räumen“. Es wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) finanziert.

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