Info

Hans Pleschinski zum siebzigsten Geburtstag

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/pleschinski_500pxl.png#joomlaImage://local-images/lpbblogs/pleschinski_500pxl.png?width=500&height=335
Hans Pleschinski, 2008 © Isolde Ohlbaum/Bayerische Staatsbibliothek

Anlässlich des 70. Geburtstags des renommierten Schriftstellers Hans Pleschinski hat die Autorin Dagmar Leupold sein neu aufgelegtes Werk Bildnis eines Unsichtbaren (C.H. Beck 2026) wieder gelesen und mit einer persönlichen Würdigung verbunden.    

*

Duchesse Spitze

Nach sechs Wochen intensiver Pleschinski-(Wieder-)Lektüre träumte ich eines Nachts vom Klöppeln. Merkwürdig insbesondere deshalb, weil ich die Kunst des Klöppelns weder beherrsche noch sie – mit zwei linken Händen, die ausschließlich zum Tippen dienen – je erlernen wollte oder könnte. Und doch! Träume geben, ebenso wie gute Literatur, hervorragende Hinweise auf Verschüttetes, auf übersehene, unbegangene Wege, die unsere an und auf Trampelpfaden geschulten Wahrnehmungsroutinen beglückend unterbrechen. Klöppeln, soweit reichte meine Allgemeinbildung, hat irgendetwas mit Spitze zu tun, also mit der Herstellung feinster Gewebe in raffinierten und komplexen Mustern. Ich schlug nach und las:

Duchesse Spitze: Belgischer Herkunft, in die Mitte des 18. Jahrhunderts einzuordnen. Die Duchesse-Spitze als Kombinationsspitze stellt das Klöppeln in höchster Vollkommenheit dar. Sie vereinigt in besonderer Harmonie verschiedene Spitzentechniken sowohl der Klöppel- als auch der Nadelspitze. Gearbeitet als offene Spitze, lässt sie ein Spiel mit dem Faden zu. Unterschiedliche, in Anwendung gebrachte Fadenstärken und Fadenarten, der Wechsel der Füllungen von Motiven vom luftigen Halbschlag zum zarten Leinenschlag, bewirken eine Schattierung des Gebildes. Die Musterung ist klassizistisch mit unregelmäßiger Aufteilung. Die Hauptmotive sind ziemlich großflächige, künstlerisch wertvolle Bestandteile. Die Betonung der Konturen mit einem Cordonnet- oder Seidenfaden, das Umschließen mit zarten Bändchen und die wiederkehrenden Variationen der Blattform vervollkommnen das Kunstwerk. Die Grundpartie bildet der Speichergrund oder auch der Tüll.

Erster Gedanke: Wie sehr würde Hans Pleschinski bestimmte Worte lieben, ja liebkosen! Erst recht, wenn sich ihre Bedeutung nicht sofort erschließt, sondern sie erst einmal fremder Klang und Anklang an Vergangenes sein dürfen! Luftiger Halbschlag, zarter Leinenschlag, Schattierung, Cordonnet-Faden, Tüll! Sind Klöppeln und das Menuett-Tanzen in seiner leichtfüßigen Zartheit etwa nicht verwandt? So ein Tänzchen legt der Briefschreiber in Der Holzvulkan inmitten einer vom Regen aufgeweichten niedersächsischen nächtlichen Ödnis hin („wie auf hohen Absätzen drei Schrittchen nach vorn ... mit echt barockem Ausstrecken der Fußspitze...“), dort, wo einst das längst verschwundene Schloss Salzdahlum des Herzogs und bedeutenden Kunstsammlers Anton Ulrich von Braunschweig stand. Leichtfüßig resp. – händig ist auch die Sprache Pleschinskis, die Worte wirken wie mühelos im Flug einer zarten Brise aufgefangen, bleiben, einmal fixiert, in eleganter Schwebe. Das darf aber nicht über die Präzision der Wort- und Klangwahl, die Disziplin bei Vergleichen und Metaphern und die Entschlossenheit, keine Beschönigungen zuzulassen, hinwegtäuschen. Beim Klöppeln wie beim Schreiben geht es um das Herausarbeiten komplexer Muster und Tiefenstrukturen, um das Aufzeigen und Herstellen von Verbindungen, gewoben aus unterschiedlichen Fadenstärken und Fadenarten, mit deren Eigenheiten und Eignungen der Künstler zutiefst vertraut sein und gewissenhaft umgehen muss.

Als Leserin Pleschinskis gerät man in die schöne Verlegenheit, aus jedem seiner Bücher alles zitieren zu wollen: Ein kluger Satz folgt dem nächsten, eine kleine Sottise der gerade erst beschmunzelten, eine erhellende Analyse setzt der vorangegangenen, an der man gedanklich noch verweilt, atemlos nach. Eine plastische Landschaftserfassung jagt die nächste...

Aber eine Würdigung sollte nicht Buchlänge erreichen, daher will ich den kürzlich wieder aufgelegten Roman Bildnis eines Unsichtbaren als Gratulantin in den Mittelpunkt stellen. Einige Stichworte (sic!) der Duchesse Spitze sollen mir dabei als Wegweiser dienen, durchaus mit Seitenblicken zu dem ein oder anderen Roman sowie den Zeugnissen von Hans Pleschinskis sorgfältig-kundiger Herausgeberschaft und Übersetzungskunst. „Das Übersetzen“, sagte er in einem Interview einmal, „hält sprachlich rege“. (So nimmt es nicht wunder, dass sein Deutsch immer ein wenig französisch klingt: Ballerina statt Holzschuh.)

Der um die Jahrtausendwende erschienene Roman Bildnis eines Unsichtbaren nimmt nicht allein aufgrund der Nähe zum prominenten Schwellenjahr – er ist 2002 erschienen – eine besondere Stellung ein. Er ist in seiner brillanten Analyse der epochalen gesellschaftspolitischen Umbrüche der 80er-Jahre – die Aids-Epidemie mit ihren Verheerungen besonders in der schwulen Community, der Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs – und in seiner autobiografisch grundierten, radikalen Selbstbefragung ein Solitär in Pleschinskis Werk. Das Interesse, die Würdigungen, die der Roman ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen erneut erfährt, belegen das aufs Schönste. Das Bildnis eines Unsichtbaren ist, neben dem bereits erwähnten gestochen scharfen Zeitbild, das es zeichnet, eine veritable „Education sentimentale“ des Autors:  Wir begleiten ihn, in Rückblicken, in seine Kindheit und Jugendzeit in der Lüneburger Heide, nach Paris – Initiation in die Schwulen- und Künstlerszene –, bei ersten Schreibversuchen, nach München. Und wir stehen über eine lange Romanstrecke, gemeinsam mit dem Erzähler, die lähmende Angst vor Ansteckung mit dem Virus und dem seinerzeit damit verbundenen Todesurteil durch.

Pleschinski beherrscht alle Tonlagen: das Ernste, das Spielerische, das Tragische, das Komische. Ein Beispiel für Letzteres: die Erinnerungen an den Zivildienst, vom Autor in einem Altenheim absolviert, in dem überwiegend verarmter Adel ein wenig glamouröses Dasein fristet, aufs Knappste verdichtet: „Zu meinen Vorlesenachmittagen und meiner geriatrischen Gymnastik mit Schwingkeulen rollte Frau von Natzmer heran ... Der Restadel verblich aufrecht.“

Vor allem aber ist der Roman eine außerordentlich bewegende Würdigung des langjährigen Lebensgefährten des Autors, Volker Kinnius, der an Aids starb. Auch für ihn gilt, spätestens, wenn man das Buch beglückt, ergriffen und traurig aus der Hand legt, was Pleschinski über die Königinnen, Mätressen, Kammerfrauen, verschrobenen Herzöge und Möchte-Gern-Märchenkönige seines Lieblingsjahrhunderts sagt: „Sie sind nicht tot, sondern abwesend.“ Ein Glücksfall übrigens die Entscheidung, nicht chronologisch zu erzählen, sondern konzentrisch, vom Ende aus zurückblickend, der so entstehende Raum ist von den Lesern und Leserinnen frei betretbar, ermöglicht Erfahrungen und Anteilnahme anstelle schlichter Kenntnisnahme – eine dürre Aneinanderreihung von Ereignissen hätte dies niemals leisten können.

Mitte des 18. Jahrhunderts

Schwer, nein unmöglich, sich einen Schriftsteller auszumalen, der sich in einem dreihundert Jahre zurückliegenden Jahrhundert mit ähnlicher Geschmeidigkeit, umfassender Kenntnis und Hingabe bewegt wie Hans Pleschinski. Von dieser Hingabe zeugen einerseits die Werke, die er als Herausgeber und Übersetzer besorgt hat: unter anderem der Briefwechsel Friedrichs des Großen mit Voltaire, die Briefe der Madame Pompadour, das Geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ, die Aufzeichnungen der Henriette Campan über ihre Zeit als Kammerfrau der Königin Marie Antoinette. Andererseits teilen auch viele der in den Romanen aufgerufenen Figuren diese Liebe. So berichtet der Erzähler zu Beginn des Bildnis von seinem ältesten Freund und Halbcousin Wilhelm, der im Sterben liegt, einer von zu vielen, die Mitte der 80er-Jahre der damals unheilbaren Infektion mit dem HI-Virus zum Opfer fielen. Der selbst zum eigenständigen Essen zu geschwächte Wilhelm wird vom Ich-Erzähler gefüttert:

Ich hatte ihm noch einen viertelvollen Löffel Quark in den Mund geführt und musste ihn mit Anspielungen aus unserem geliebten Geschichtswissen zum Schlucken überreden.
„Ein Löffelchen für den Prinz Eugen!“
Wilhelm schluckte.
„Ein Löffel für Bismarck.“
Er lehnte ab.
... „Ein Löffel für Marie Antoinette.“
„Für die Königin immer...“
Das waren seine letzten Worte ...

Kombinationsspitze

Meisterlich verknüpft Hans Pleschinski die Passionsgeschichte des Freundes und Lebensgefährten Volker (sowie die vieler anderer mehr oder minder prominenter Zeitgenossen) mit Zeitgeschehen: Alles wird – auch – Signatur. Dadurch befreit er beide, sich als Autor-Erzähler und seine Leserin, von dem beklemmenden Gefühl, das eigene Leben exhibitionistisch auszustellen beziehungsweise daran voyeuristisch teilzunehmen. Das ist der große Unterschied zwischen privat und persönlich: Am Persönlichen scheint immer auch etwas Exemplarisches, etwas Symptomatisches auf, ohne die individuellen Schicksale zu egalisieren oder Unterschiede zu nivellieren. Beiläufig, nahezu nonchalant widmet sich der überaus wache Beobachter und Erzähler des Bildnis der eigenen Zeit, wechselt elegant von der kleinen zur großen Beobachtung und konturiert dabei scharf:

Die Innenstadtstraßen waren durch den Zulieferverkehr verstopft. Trotz allem war es gut, dass man nicht Bürger der DDR oder Einwohner Kaliningrads war. Aber auch dort sehnten sie sich nach Urlaub und kehrten erholt zurück. Die CDU besaß den uncharismatischsten, chancenlosesten Oppositionsführer, den man sich vorstellen konnte: Helmut Kohl. Vor einer Villa in Grünwald installierte ein Fernsehteam Scheinwerfer für eine neue Krimiserie, Derrick ... Volker zog sein helles Rohseidensakko an.

Hier wird nicht einfach addiert, sondern kombiniert, so dass am Ende keine Summe steht, sondern die sinnliche Erfahrung von Gleichzeitigkeit. Ein winziger historischer Moment wird ausgeleuchtet und sichtbar, gerade weil auf die Hervorhebung durch ein Spotlight verzichtet wird.

Spiel mit dem Faden

Das Spiel mit den Erzählfäden beherrscht Hans Pleschinski virtuos; zahlreiche Kritiker und Bewunderer seines Werks preisen seine Fabulierlust, als reichliche Mitgift an seine Erzählerfiguren weitergegeben. Die Lebendigkeit und Anschaulichkeit der Erzählung kommen zustande, weil sich der Erzähler oder Beobachter mal in eine Figur hineinbegibt, mal sich als Aufzeichnungsgerät – Kamera oder Mikrofon – einer Deutung enthält. So werden im Roman Leichtes Licht (2005) Überlegungen und Wahrnehmungen aus Sicht der Protagonistin Christine Perlacher dargestellt, Mitte vierzig und halb vom Leben enttäuscht. Wir sehen die Welt – ihre Arbeitswelt als Sozialarbeiterin, den Lebensort Hamburg, den Urlaubsort auf den Kanaren – durch ihre Augen und lesen doch gleichzeitig eine Zeitsignatur mit: „Aus Wasserschläuchen wurden junge Palmen berieselt. Die Behörden investierten bedeutende Mühe und Mittel, um die Insel zu verschönern und gegen andere Urlaubsparadiese konkurrenzfähig zu halten.“

In einer Szene im Bildnis eines Unsichtbaren dagegen wird das Mittel der Aufzeichnung eingesetzt, wir befinden uns im legendären Café Adria an der Leopoldstraße in München:

Am Tisch der Bildenden Künstler tönten nicht die Fanfaren der Schauspieler ... Am Malertisch wurde ins Ungefähre gegrübelt, das jedoch Kern und Umriss von Leben und Kunst bildete.
„Fett.“
„Ja, das Kompakte.“
„Aber es wird flüssig. Fett ist … Masse und Bewegung, verhinderte.“
„Beuys stellt den Kloß in die Raumecke.“
„... Fett ist subversiv. Es herrscht eine größere Spannung, wenn das Fett am Rande ruht ...“
„Fett meint uns?“
„Was?“
„Übriggebliebener Kraftstoff. Verschmutzt, doch brennbar.“
„Lodernd!“

Dann übernimmt der Erzähler mit dem lakonischen Resümee „die Gedanken vagabundierten durchs Lokal“ wieder die Regie und rundet die Szene souverän ab. Der rasante Wechsel von wörtlicher – abgelauschter – Rede und leichthin geworfenem Kommentar oder knapper Analyse durchzieht das gesamte Werk Pleschinskis. Nie spielen seine Erzähler sich als Deuter des Geschehens in den Vordergrund, sie sind vielmehr hintergründige (und hochironische) Strippenzieher, die nicht die geringste Neigung zur Bevormundung zeigen. Nur Lust am Spiel mit allen Fäden. Das zeigt sich auch in der Vermeidung von Begrifflichkeit, die anderswo häufig inflationär (und als Ersatz für gestaltetes Erzählen) eingesetzt wird. Über einen Freund Volkers namens Jens heißt es: „Der junge Mann musste mit Schrecknissen seiner Vergangenheit fertigwerden.“

Das Wort Trauma fällt nicht und fehlt nicht. Wenig später, Jens liegt im Schwabinger Krankenhaus im Sterben, lesen wir: „Jens war, übersät vom Kaposi-Sarkom, gestorben.“ – Klartext.

Pleschinskis Figuren – welcher Provenienz und welchen sozialen Status' auch immer, historisch verbürgt oder frei erfunden –, werden niemals denunziert, sondern sorgfältig ausgemalt und allenfalls zärtlich ob ihrer Schrullen geneckt. Das ist keineswegs mit einer affirmativen Grundhaltung zu verwechseln: Kritikwürdige Entwicklungen und Zustände – wie Kleingeisterei, Dogmatismus und Hassbereitschaft – werden in aller Deutlichkeit ausgestellt.

Schattierung des Gebildes

Im Gesamtwerk Pleschinskis spielen der Tod und die Gewissheit der Endlichkeit eine große Rolle. Auch hier zeigt sich der Autor ganz in der barocken Vorstellungswelt, der Simultaneität von Pracht und Verfall beheimatet. Der „Verfall“ wird dabei durchaus im Batailleschen Sinne als Symptom der modernen Verwertungsindustrie von Arbeitskraft, der „Verzweckung“ von Zeit gesehen. Ihr entgegengesetzt werden die Regelüberschreitung, die Verschwendung und das Fest. So macht sich im 1995 erschienenen Roman Brabant ein Grüppchen eines Kulturvereins in einer Korvette auf den Weg, um mit einem Kanonenbeschuss auf das Pentagon gegen die übermächtige amerikanische Kulturindustrie zu protestieren. In Ludwigshöhe (2008) versammeln sich lebensmüde Menschen, die den Suizid planen – bei aller Todessehnsucht freilich noch genussfähig. Die Gewissheit des Sterbens ist die Schattierung des Gebildes – des Gebildes „Leben“ nämlich –, auch das ist dem Bildnis eines Unsichtbaren heiter, unmissverständlich und trauernd eingeschrieben.

Lieber Hans! Sei beglückwünscht und gefeiert für Dein reiches Werk, Deine nie ermüdende Neugier auf das Leben in all seinen Spielarten, und lass' uns, Deine Leserinnen und Leser, weiterhin auf dem von Dir gewählten Speichergrund – nein, nicht Tüll! sondern Papier! – daran teilhaben. 

 

Hans Pleschinski: Bildnis eines Unsichtbaren. Roman. C.H. Beck 2026 (Neuauflage), 313. S., ISBN: 978-3-406-84343-3

Externe Links:

 Zur Verlagswebseite

Verwandte Inhalte
Städteporträts
Städteporträts