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05.11.2013, 19:13 Uhr
Redaktion
Gespräche

Interview mit Hans Pleschinski zu seinem neuen Roman „Königsallee“

Die fiktive Begegnung mit Klaus Heuser während eines Besuchs Thomas Manns in Düsseldorf im Sommer 1954 steht im Mittelpunkt des neuen Romans Königsallee von Hans Pleschinski. Heuser gehört zu Manns großen Lieben, den er in der Figur des Joseph seines biblischen Romanwerks Joseph und seine Brüder verewigt hat. 1925 begann Mann mit der Arbeit an der Tetralogie, zwei Jahre darauf lernt er den damals 17-Jährigen während eines Sylt-Urlaubs kennen und lädt ihn in seine Münchner Villa ein.

In der Tradition von Manns Lotte in Weimar – der alternde Schriftsteller und der geliebte Mensch, den er nie vergessen hat, befinden sich zufällig im selben Hotel – lässt Pleschinski Thomas Mann und Klaus Heuser aufeinandertreffen. Manns Tochter Erika mischt sich ein, während Sohn Golo und Ernst Bertram, einstiger Freund Manns und später Nazi-Mitläufer, eigene Ziele verfolgen. Fragen der Literatur werden gestellt: es geht um Ruhm und Verzicht, um Verantwortung des Künstlers, aber auch um den Preis des eigenen Lebens.

In einem exklusiven Interview, das wir im Rahmen einer Autoreninterviewbewerbung des Literaturfests München führen durften, haben wir Hans Pleschinski zu seinem Roman befragt. Pleschinski stellt ihn am 18. November im Literaturhaus München vor.

 

LITERATURPORTAL BAYERN: 1927 lernte Thomas Mann den 18-jährigen Klaus Heuser auf Sylt kennen – seine „letzte Leidenschaft“, wie der Schriftsteller notierte. Warum wollten Sie Thomas Mann und Klaus Heuser noch einmal literarisch aufeinandertreffen lassen?

HANS PLESCHINSKI: Die Wiederbegegnung von Thomas Mann und Klaus Heuser ermöglichte es, aus zwei Biographien heraus ein halbes Jahrhundert Revue passieren zu lassen. Und beide Lebensgeschichten sind hochbedeutsam, bewegend und können auch uns viel lehren. Doch vor allem geht es im Roman um die Liebe, ihre Macht, ihre möglichen Schwierigkeiten – besonders bei zwei Männern jener Zeit –, um den Zauber der Gefühlswelt, den vielleicht einzigen Schatz, der im Menschen bewahrt bleibt.

LPB: Ihr Roman Königsallee spielt im Jahr 1954, da waren Sie noch nicht einmal auf der Welt – wie erarbeitet man sich eine soziale, gesellschaftliche und ästhetische Atmosphäre, die man nicht mit den eigenen Sinnen erlebt hat?

HP: Man dringt in eine fremde Zeit durch viel Recherche, Fingerspitzengefühl für die Eigenheiten einer entfernten Welt, durch einen historischen Sensus. Der erzählerische Vorlauf bis zum Eintreffen Thomas Manns in Düsseldorf diente auch mir dazu, mich in die Atmosphäre einzufühlen. Beim Eintreffen Klaus Heusers und Anwars [Heusers indonesischer Freund, Anm. d. Red.] in der Stadt erwanderte auch ich mir selbst die Stimmung der Stadt, der Zeit, erlebte sie durch Augen des Heimkehrers Heuser und des Asiaten Anwar.

LPB: Stilistisch nähern Sie sich ja ebenfalls an Thomas Mann an, auch abgesehen von den direkten Zitaten, die sich in dem Roman finden. Welche Schwierigkeiten bereitet es einem Autor, sich an ein derart großes Vorbild heranzuwagen? Und wie begegnet man diesen Schwierigkeiten?

HP: Am Anfang bedachte ich gottlob kaum, wie massiv Thomas Mann im Roman auftreten, denken und sprechen muss. Das hätte einige Furcht erweckt. Durch eingebaute Zitate von ihm kam ich gut auf das Gleis seiner Diktion. Und rasch bereitete es große Freude, Thomas Manns exquisite Sprache zwanglos in eigener Regie fortzuführen. Wichtig war das Gefühl, dass ihm selbst seine Verlebendigung im Roman gefallen würde, dass er mitlächelte, wenn ich ihm das Wort ‚Polarzuber‘, für ein eiskaltes Bad, etc. in den Mund legte, die Girlanden seiner Gedanken fortsetzte, seine humanistische Botschaft vertrat.

LPB: Vielleicht noch ein paar Worte zu der auffälligsten Figur des Romans: Wieso benimmt sich Erika Mann in Königsallee so herrlich merkwürdig?

HP: Erika Mann befand sich 1954 in einer schwierigen Lebensphase. Sie war kaum mehr eigenständig kreativ und entwickelte sich zur ‚Bürovorsteherin‘ ihres Vaters, in Konkurrenz zu Katia Mann. Erika Manns Liebeswelt war konfus und von wenig Glück beschienen. Von der Umwelt wurde sie nicht selten als hysterisch gefürchtet. In der Königsallee entsprechen ihre Auskünfte zum größten Teil ihren eigenen Texten,  Zeitzeugenberichten. Sie war alles in allem eine fulminante, kämpferische Frau – ohne ruhige Perspektive –, doch der Roman würdigt auch ihre Charakterstärke und ihr freiheitliches Engagement in früheren Jahren. Ich hoffe, sie erscheint als ein schwieriger, impulsiver, aber aufrechter Mensch. Dann wäre ihr Auftritt stimmig.

LPB: Sie haben bereits mehrmals historische Briefwechsel (Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen 1992, Briefe von Madame de Pompadour 1999) und jüngst Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ herausgegeben. Was interessiert Sie an solch ‚dokumentarischen‘ Unternehmungen?

HP: Mich leitet kein künstliches Interesse. Ich halte Vergangenheit stets für gerade abwesende Gegenwart, Verstorbene sind abwesende Lebende, mit ihren Gefühlen und Gedanken, die auch zu uns gehören. Was war, ist unser Erbe und sind unsere zivilisatorischen Gene. Also verlebendige ich aus und mit Freude Geschichte. Ja, unsere Gegenwart kennen wir oft gut und oft bis zum Überdruss. Vergangenes meint ein Reich, das wir mit Entdeckungslust entdecken können, so die Welt der Madame de Pompadour, jene Thomas Manns. – L'histoire c'est moi.

 



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