„München-Träume“. Von Nikolai Vogel (2)

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Ausgrabungen am Marienhof, München, 2011

München verändert sich dauernd – eine Stadt ist lebendig. Und in einer Stadt bleibt sich aber dauernd auch vieles gleich. Manches verschwindet fast unmerklich, anderes ist schlagartig weg. Neue Realitäten entstehen – wir schauen ihnen beim Gebautwerden zu oder entdecken sie im Vorbeigehen ganz unerwartet. Wie also geht der Wandel vonstatten? Wie geht es weiter? Wie öffnet sich Zukunft? In seiner neuen Kolumne hier im Literaturportal Bayern träumt der Autor und Künstler Nikolai Vogel davon, wie die Stadt, in der er seit vielen Jahren lebt, ihn immer wieder verblüfft ...

Mit der Kolumne „München-Träume“ beteiligt sich Nikolai Vogel an „Neustart Freie Szene – Literatur“, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung der Freien Szene in Bayern. Alle bisherigen Beiträge des Projekts finden Sie HIER.

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Vor der zweiten Stammstrecke

 

Ich mache einen Spaziergang durch die Stadt und die Schlagzeilen hauen wieder rein. Die zweite Stammstrecke wird teurer als gedacht, viel, viel teurer, und viel länger dauern wird es auch. Das ist eben ein komplexes Unterfangen, ein Mammutprojekt, so weit hinunter, unter der U-Bahn noch und nur unwesentlich über einigen Erdzeitaltern. Ich denke an die Elbphilharmonie, ich denke an den Berliner Flughafen, ich denke, dass es irgendwann ja doch fertig wird, alles, und dann da ist, und die verzögerten Jahre sind um und fallen nicht länger ins Gewicht.

Ich komme hinter dem Rathaus am Marienhof vorbei und schaue. Großbaustelle. Dauert noch. Aber durchs Mittelalter haben sie sich längst gegraben. Man mag mir meine Neugierde angesehen haben, oder mein Verweilen im Moment, denn ein Mensch, behelmt im weißen Kittel kommt und spricht mich an. Ob ich mich für den Bau interessiere, er arbeite hier in fast leitender Position. Er habe gerade Zeit, ihm sei danach, mich herumzuführen, wenn ich möchte.

Ich nicke nur und er nimmt mich an der Hand. Was die Zeitungen schreiben, stimmt schon, sagt er. Nur sind die Gründe komplizierter und tiefer sind sie auch. Wir gehen durch einen Verschlag, sind in irgendwelchen Gängen, einige Stufen schon, und von da in einen Aufzug – keinen, wie man ihn aus Neugebautem kennt, sondern mehr ein Käfig, vergittert, luftig. Hinunter gehtʼs, hinunter, rasch.

Sie hätten sich vergraben erst, sagt der Mensch, ich sehe jetzt, es ist eine Frau, sie seien im ersten Tatendrang zu weit hinabgestoßen. Sie hätten diskutiert, das wieder zuzuschütten, auszufüllen mit Beton. Aber es ging so leicht und war so spannend, also beschlossen sie tiefer zu gehen. Hallen öffneten sich und sie waren schnell mit Rolltreppen zur Stelle. Sie tanzen hier, sie spielen Boule – auf Kies und Sand. Noch bessere Bedingungen als im Hofgarten oben, sagt der Mensch, jetzt ist es doch ein Mann. Sie haben eine Boulderhalle, eine Bobbahn, Eisstockschießen, und für die Kleinen den größten Sandkasten weit und breit. Wer hier sein Eimerchen verliere, finde es schwerlich wieder.

Der U/S-Bahn-Bau sei schnell nebensächlich geworden. Das Bergwerk im Deutschen Museum habe derzeit ja geschlossen, aber nur, weil es jetzt hier ist, realistischer, größer, in voller Pracht. Die See wolle man hier auch anlegen, und der schöne Zweimaster mit seinen sechs Segeln aus der Schiffsabteilung werde daher ebenfalls gebraucht – das U-Boot nach wie vor Verhandlungssache.

Geheimwissen, frage ich. Nicht wirklich, sagt sie und schüttelt ihren Kopf. Mehr Insider-Info. Wen es interessiere, die erfahre es. Aber das sei ja immer noch fast oberirdische Welt. Der Schacht führt tiefer längst! Wir lassen die Rolltreppenareale hinter uns. Weiter geht es in der Rutsche, sagt der Mann, der jetzt erst meine Hand freigibt. Wir sehen uns unten, meint sie und lässt mir den Vortritt.

Das Rutschen macht Spaß. Es dauert lang. Ganz schön steil und viele Kurven. Die Rutsche endet einfach, ich falle durch die Luft und finde mich – im tiefen Gras. Weich und wollig. Mammutbäume breiten ihre Äste über uns und Mammuts grasen. Wie der Archaeopteryx schreit, ich weiß es jetzt und werde mich daran gewöhnen. Weit größere Körper gehen vorbei auf sachten Tatzen. Warum wundern mich die Saurier denn nicht, überlege ich noch. Die Frau ist auch gelandet, aber schon verwickelt in ein Gespräch. Vor ihr zwei Nackte mit Gehstock, langen Haaren und einem Leuchten im Gesicht. Die beiden wollen sie davon überzeugen, dass es keine Autos braucht und keine S-Bahn. Aber wie kommen wir denn dann woanders hin, fragt der Mensch von oben, und wie von da zurück? Wo sie denn hin will, fragen die beiden ihn und deuten übers weite Land. Alles hier, sagen sie, und Millionen Jahre. Dann begrüßen sie mich voller Anmut. Sehr schön, dass du hier bist, sagen sie, wir geben dir jetzt deinen Namen, willst du ihn hören? Natürlich nicke ich –

– und wache auf ...

 

 

Nikolai Vogel (* 1971 in München) lebt in München als Schriftsteller und bildender Künstler. Er studierte Germanistik, Philosophie und Informatik an der LMU und war Finalist beim Open Mike 2004 sowie beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2005. Darüber hinaus war er Stipendiat der Autorenwerkstatt im Literarischen Colloquium Berlin (2005), Preisträger beim Bayerischen Kunstförderpreis (2007), Projektstipendiat für Bildende Kunst der Stadt München (2008) und Gewinner im Wettbewerb „Letʼs perform Kunst im öffentlichen Raum“ des Kulturreferats München (2012). Zuletzt erschien sein 2520 Verse umfassender Gedichtband fragmente zu einem langgedicht im gutleut Verlag (2019). Vom 18. März bis 26. April 2020 las er in quarantäneähnlicher Zeit 40 Tage lang seinen noch unpublizierten Roman Angst, Saurier ein und veröffentlichte die Lesungsvideos täglich auf YouTube.