„München-Träume“. Von Nikolai Vogel (4)

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Highlight Towers an der A9 bei Nacht in München. Foto von Michael Siebert aus Pixabay

München verändert sich dauernd – eine Stadt ist lebendig. Und in einer Stadt bleibt sich aber dauernd auch vieles gleich. Manches verschwindet fast unmerklich, anderes ist schlagartig weg. Neue Realitäten entstehen – wir schauen ihnen beim Gebautwerden zu oder entdecken sie im Vorbeigehen ganz unerwartet. Wie also geht der Wandel vonstatten? Wie geht es weiter? Wie öffnet sich Zukunft? In seiner neuen Kolumne hier im Literaturportal Bayern träumt der Autor und Künstler Nikolai Vogel davon, wie die Stadt, in der er seit vielen Jahren lebt, ihn immer wieder verblüfft ...

Mit der Kolumne „München-Träume“ beteiligt sich Nikolai Vogel an „Neustart Freie Szene – Literatur“, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung der Freien Szene in Bayern. Alle bisherigen Beiträge des Projekts finden Sie HIER.

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Hochhäuser satt

 

Habe ich etwas nicht mitbekommen? Da müsste doch jahrelang Baustelle gewesen sein? Die Türme der Frauenkirche wirken auf einmal klein. Da sind überall Hochhäuser außenrum. Eine völlig andere Skyline! Habe ich da nicht einmal einen Entwurf von Karl Valentin gesehen? Ist das jetzt verwirklicht worden? Haben sie ihm damit endlich ein würdiges Denkmal gesetzt?

Eigentlich wollte ich nur ein bisschen im Stadtzentrum herumlaufen, aber jetzt bin ich neugierig. Da hinten links. Der ist doch mindestens doppelt so hoch, nein dreimal so hoch wie die Kirchtürme. Und das ist noch nicht einmal der Höchste. Bei weitem nicht. Auf das Dach der Frauenkirche habe ich doch vom Rathausturm schon mal so schön blicken können. Aber jetzt, von ganz da oben. Wie muss das ausschauen!

Ich gehe um die Kirche und suche einen Eingang in eines der Hochhäuser. Aber alles abweisend. Die Pforten glänzend und so à la Rühr mich nicht an! Ich warte vor einer, bis jemand hineingeht. Ich folge ihm. An der Türschwelle steht jemand, schüttelt den Kopf, hält mir die ausgestreckte Hand hin, als sei es ein Stoppschild. „Für dich nicht!“ Für mich also nicht, aber immerhin geduzt ... oder gerade deshalb? Ich fühle mich leicht verloren auf dem Platz, fehl am Platz. Seit wann gibt es nur noch Anzüge hier? Keine Menschen ohne? Alle mit Aktenkoffern. Wird Geld drin sein. Na ja, Bares haben die wahrscheinlich gar nicht mehr ... Ich schaue wieder hoch. Wachstum allerorten.

Für mich nicht? Falsch gekleidet? Krawatten haben die gar keine an, sondern so Dreiecke, die wie angeklebt ausschauen. Habe ich noch nie gesehen ... – In die Frauenkirche komme ich noch. Ich sehe mich um, aber da ist niemand. Dieses große Gebäude, das plötzlich so klein wirkt. Sind denn die Häuser jetzt auch alle SUVs? Ich gehe wieder raus und es bleibt nur der Blick hinauf. Der Himmel ist jetzt sehr weit weg, sie haben ihn weiter nach oben verlegt.

Ich habe Durst und Hunger, aber ich sehe kein Geschäft, kein Café und auch kein Restaurant. Das ist jetzt sicher alles nicht mehr ebenerdig. Die Vertikale ist das neue Mantra. Ich würde mich so gerne hinlegen, aber ich trau mich nicht. Nimmt mich denn niemand mit nach oben? Sind da Betten? Oder nur Büros?

Ich habe eine Idee und laufe zum Stachus. Richtig! Hier aus dem Untergeschoss führen neue Aufzüge nach oben. Und keine Stoppschildhand in Sicht. Also schnell! Keine Ahnung, in welchem Turm ich landen werde, aber egal, ich steige ein und drücke. Stockwerk 164! – Ich fühle mich wie ein Flummi. Werde erst leicht zusammengestaucht und dann wieder in die richtige Länge gezogen. Es ist völlig lautlos. Dass ich gehoben werde, merke ich nur am eigenen Schwereempfinden. Vorsichtshalber schlucke ich ein paar Mal. Die Ohren knacksen ein wenig. Der Etagenzähler läuft, als ginge es um sein Leben. 50 schon ... 100 schon ... 150 ... jetzt! 164! Die Fahrstuhltüre öffnet sich geschmeidig. Vor mir liegt ein Flur. Ich gehe auf dem weichsten Teppich. Am Ende des Flurs ein großes Fenster, eine Fensterwand. Gegenüber andres Hohes. Gespiegel und stürzende Linien en masse. Vertigo! Die Kirche liegt unter mir wie noch nicht aufgestanden.

Ich bin nun also in der neuen Oberstadt. Aber bin ich nicht viel mehr im Gebirge? Die Spitzen der Wolkenkratzer liegen im ewigen Eis. Unten ist es längst zu warm, denke ich. Dort unten liegt nur noch die Vergangenheit. Jetzt spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich schaue mich um und sehe einen Anzug, so ein Dreieck und einen Zeigefinger, der verneinend sich erhebt. Ich weiß, was jetzt kommt –

– und wache auf ...

 

 

Nikolai Vogel (* 1971 in München) lebt in München als Schriftsteller und bildender Künstler. Er studierte Germanistik, Philosophie und Informatik an der LMU und war Finalist beim Open Mike 2004 sowie beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2005. Darüber hinaus war er Stipendiat der Autorenwerkstatt im Literarischen Colloquium Berlin (2005), Preisträger beim Bayerischen Kunstförderpreis (2007), Projektstipendiat für Bildende Kunst der Stadt München (2008) und Gewinner im Wettbewerb „Letʼs perform Kunst im öffentlichen Raum“ des Kulturreferats München (2012). Zuletzt erschien sein 2520 Verse umfassender Gedichtband fragmente zu einem langgedicht im gutleut Verlag (2019). Vom 18. März bis 26. April 2020 las er in quarantäneähnlicher Zeit 40 Tage lang seinen noch unpublizierten Roman Angst, Saurier ein und veröffentlichte die Lesungsvideos täglich auf YouTube.