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01.08.2023, 08:29 Uhr
Katrin Diehl
Literarische Erkundungen
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Katrin Diehl (Foto: Frank Zuber)

Emmy Hennings – zwischen Rausch, Begabung, freiem Fall und hartem Aufschlag in der Münchner Boheme – Literarische Erkundungen (6)

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(c) Büro Alba

Das Leben von Emmy Hennings ist unglaublich schwer zu fassen. Das mag mit der Dokumentenlage zu tun haben, spiegelt aber auch einfach ihr unstetes, hyperaktives Dasein wider. Die vielen Rauschzustände, in die sie sich wissentlich begab, tun das ihre hinzu. Das Leben der Frauen in der (Münchner) Boheme hat Gemeinsamkeiten. Das ist nicht verwunderlich und hat natürlich auch damit zu tun, dass sich die Frauen gegenüber einer gemeinsamen Männerfront – und jenseits des bloßen Musendaseins – positionieren mussten. 

Ein kleines, sehr zart anmutendes, selbst gebundenes Heftchen aus wenigen Blättern eröffnet eine kleine Gegenwelt. Hier hat sich jemand für eine gewisse Zeit und angesichts von Hunger und finanzieller Not konzentriert. Das Heft steht auf einem Regal im vielleicht ruhigsten Raum der Monacensia. Es enthält sechs Gedichte, die Emmy Hennings selbst für diesen Zweck abgetippt hat. Katrin Diehl hat es sich – für die literarischen Erkundungen und anlässlich der Verlängerung der Ausstellung „Frei leben! Die Frauen der Boheme. 1890 – 1920“ (bis 14. Januar 2024) – näher angesehen.

*

Ein paar Seidenblätter – Emmy Hennings, immer in Not, verkauft Selbstgemachtes

Ich habe Emmy Hennings getroffen. Sie hieß Zita. Wer heißt heute noch Zita? Aber sie hieß Zita. Zita war verzweifelt. Sie stand dicht gedrängt mit anderen, viel zu vielen schwitzenden Menschen an der U-Bahn-Haltestelle, die gerade alle zur Verzweiflung bringt, weil sie mit Ansage bedient, wie sie nicht bedienen soll. Es pendeln da Züge hin und her, fordern ständig zum Umsteigen auf und bringen einen an kein Ziel. Zita schwitzt, wie alle schwitzen, aber sie schwitzt noch mehr. Sie ist knapp 30, schön und sehr wankend und sehr laut und sehr allein. Aus einer ihrer Plastiktüten kippt eine zusammengerollte Schlafmatte, macht sich lang, macht sich heimlich davon. Fährt eine U-Bahn ein, hebt sie ab, schwebt jedes Mal ein Stück weiter Richtung Ausgang.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis, 1911

Die Matte entfernt sich von Zita, die sie kein bisschen vermisst, vielleicht später (in der Nacht) dann doch vermisst, und dann wird sie fluchen, so viel ist sicher. Im Moment hat Zita mehr als genug Besitz. Noch eine Plastiktüte und noch eine ... Insgesamt also genau drei. Aus einer zieht sie ein Handy. Sie wankt beim Tippen noch ein wenig mehr, alle schwitzen noch ein bisschen mehr, wenn sie zu ihr hinsehen, und Zita schwitzt auch noch ein bisschen mehr. Plötzlich fängt Zita an zu weinen und plärrt lauter als alles andere ins Handy, von dem man nicht weiß, ob es da irgendwo ein Gegenüber gibt. „Du musst mich retten“, schreit Zita, „du musst mir Geld geben, wenigstens fünf Euro zum Beispiel oder gib mir wenigstens von dem Zeug da, wenigstens von dem Zeug“. „Ich hab's doch alles auf den Zettel geschrieben“, das sagt sie auch noch. Zita irritiert und man weiß nicht, wie sie ist, wenn sie glücklich ist. Und man weiß nicht, wann sie glücklich ist.

Gerade einmal glücklich

Und Zita macht einen verrückt, weil sie Unzuverlässigkeit in die Welt bringt und nur wenige damit umgehen können. Die Nachwelt wird damit zu tun haben, ihr Leben zu ordnen, und dann schauen wir mal.

Die U-Bahn kommt, zu voll, um wahr zu sein. Die Matte ist weg. Zita quetscht sich in den Waggon. Und drinnen ruft einer „Zita!“, und Zita ruft „Benno!“ und neben Benno ist tatsächlich noch ein Platz frei und Zita schafft es mit ihren hundertunddrei Plastiktüten zu Benno. „Ich bin am Ende“, sagt Zita und Benno lacht. Und Zita zieht zwei Jägermeister aus der einen Plastiktüte. Und Zita und Benno lachen und sie prosten sich zu und Zita sagt: „Das war's dann“. In München „bleibt sie keinen Tag länger“, in der Stadt, „in der mich die Ärzte abhängig gemacht haben“. Sie nennt die Ärzte Arschlöcher. „Das war's, sage ich dir“, sagt sie zu Benno, „und nochmal lassen die mich nicht sitzen“, und beide lachen, und beide prosten sich noch einmal zu. Und gerade ist Zita glücklich.

Ich lausche und warte Tag und Nacht.
Es klopft an die Tür. Jetzt aufgemacht.
Auf Regen folget der Sonnenschein.
Nach Leid kommt die Freude ins Herz hinein.
Wer bringt wohl das Glück, wenn die Blume blüht?
Ein Königssohn, der in Liebe erglüht.
Wer grüßet die schönsten Augen der Welt?
Ein Gärtner, der vorher kein Feld bestellt.

(Emmy Hennings, aus „Die schöne Gärtnerstochter“, in Märchen am Kamin, 1943)

Emmy Hennings – ein wildes, prekäres Leben in der Münchner Boheme

Emmy Hennings (1885-1948) macht einen verrückt. „Ich lebe – im Vielleicht / Bin eine stumme Frage ...“ (aus Gefängnis, 1919), schreibt sie. Sie gleitet einem aus den Fingern wie ein kleiner Fisch, der eine leicht goldene Spur auf der Haut hinterlässt, und man ist dankbar dafür. Man tauscht Gewissheiten gegen Nebulöses und dann ist es eben so. Am Ende eine gute Übung für zu viel duales System.

Emmy Hennings, tanzende Sängerin, Dichterin, Dame der Boheme, Kabarettistin, frühe Dadaistin, Hungernde, Jahrhundertfrau der Avantgarde, wandlungsfähig, verrückt katholisch, Nachtkatze (Auftritte auf Kabarett-Bühnen dauerten bis 3 Uhr morgens), rauschhaft kreativ (und was ist von so was zu halten?).

Geboren wurde sie als Emma Maria Cordsen. Sie erinnert sich an eine glückliche Kindheit, die sie zugleich mehrdeutig als ein „Märchen“ bezeichnet, in dem auch eine Kindergärtnerin zu einem „Engel ohne Flügel“ geworden eine Rolle spielt.

Und geht das Kind zur Ruhe
Der Engel weichet nicht.
Er hütet treu sein Bettchen,
Bis an das Morgenlicht.
Er weckt es auf mit stillem Kuß
Zur Arbeit und zum Frohgenuß.
O, lieber Engel, führe
Auch mich den Kindern zu,
Die du so gern geleitest
Zu Arbeit, Spiel und Ruh.
Bei solchen Kindern lieb und fein,
Da möcht' ich auch so gerne sein.

(Emmy Hennings, aus Blume und Flamme. Geschichte einer Jugend, 1938)

Die Kindheit geht in die Jugend über, immer noch schön, immer noch ein Märchen, in dem so allgemein wie üblich von „Mädchen“ und „Matrosen“ und so die Rede ist.

Kindheit

Mein Jugendhimmel – eine Glocke aus Glas.
Wir trugen Florentinerhüte.
Auf Kinderhände fiel Kirschenblüte.
Schneeflocken fielen weich und nass.

Die Berge Jütlands und blaue Heide
Und in Vaters Hof fielen manchmal die Sterne.
Da erzählte der Seemann von einer Taverne
Und bunten Mädchen in leuchtender Seide.

„Na, Mädel, willst du mit? Sag ja!“
Matrose gab mir einen Kuss.
„Weil heute ich noch reisen muss“.
Schön sind die Mädchen von Batavoa.

(Emmy Hennings, aus Helle Nacht, 1922)

Als Emmy 16 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater, der für sie mehr war als die Mutter, und sie beschließt, Schauspielerin zu werden, und schnell beginnt ein Reigen von Liebschaften, Leidenschaften, Verrücktheiten, Drogen, Enttäuschungen, Hungerleiden, Männergeschichten mit und ohne Ende, Schwangerschaften, kreativen Schüben. Emmy verliert sich im Karussell eines zügellosen Künstler*innendaseins. Emmy ist nichts als auf der Suche nach sich selbst: „Mein einziger Bedarf ist, das zu erlernen, was ich bin“ (Das Brandmal, 1920).

Anregender Verkehr

Zwischen 1910 und 1913 lebte sie „frisch aus Berlin“ mit wechselnden Adressen in München. Hier wird sie „zum ersten Mal als Künstlerin wahrgenommen“, auch dank des Kabaretts Simplicissimus, das mit ihrer Unzuverlässigkeit lebte und sie „sozusagen fest engagiert“, was sie für Sekunden glücklich macht. Kurt Wolff veröffentlicht 1913 ihren ersten Gedichtband in seinem Verlag, der drei Jahre später von Leipzig nach München umzieht. Das freut sie so sehr, dass man sich auf den unheilvollen Titel Die letzte Freude einigt.

Anregender Verkehr passiert mit Lotte Pritzel, Wassily Kandinsky, Franz Marc, Jakob van Hoddis (eine Berliner Liebe, die nicht von ihr lassen kann und ihr nachreist), Frank Wedekind, Rudolf Reinhold Junghans, Hugo Ball, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler, Johannes R. Becher ..., bei denen sie häufig Spuren hinterlässt in den Korrespondenzen, Tagebüchern. Sie kommt nach München, erkrankt an Typhus, wird äther- und morphiumsüchtig, kokst, was das Zeug hält, prostituiert sich, verbringt 1914 sechs Wochen im Gefängnis wegen einer alten Geschichte aus Hannover (Diebstahl an einem Freier?), woraus 1919 ihr Roman Gefängnis entsteht.

Mädchen am Kai

Hab keinen Charakter, hab nur Hunger.
Ich Passagier im Zwischendeck des Lebens.
Geliebt und gehasst hab ich vergebens.
Und jeden Abend auf der Lunger.
Und diese Kunst, die geht nach Brot.
Und kann man sterben wohl vor Scham?
Ich bin so müde, lendenlahm
Und dennoch, Zähne gesund, mein Mund ist rot.
Madonna, lass mich fallen in tiefen Schacht.
Nur einmal noch: behütet sein.
Lieb mich von allen Sünden rein.
Sieh ich hab manche Nacht gewacht.

(Emmy Hennings, aus Helle Nacht, 1922)

Boheme und Prostitution lagen für die Frauen des Milieus nahe beieinander. Was sich dahinter verbarg, wäre ein eigenes Forschungsfeld. Für Emmy wie für alle hätte man sich natürlich immer einen Menschen mit Herz und Verstand als Gegenüber gewünscht.

Emmy Hennings schreibt so leicht wie schwer, so beständig wie flüchtig. Sie war eine Schönheit. Und die Männer müssen verrückt nach ihr gewesen sein. Und wenn man ihre Biografie liest, fliegt einem wieder und wieder „der Hut vom Kopf“, bleibt man manisch wie rätselhaft auf der Suche nach Glücksmomenten. Manchmal wird man fündig und immer nur halb.

Idyll

Die Heiligen sind Sommernachmittage.
Die Worte wehen weiche Flocken.
Das Schäfchen mit den Seidenlocken
Ist schimmernd helle, fromme Sage.

Verstand ich doch – o süss Vertrauen –
Da M.enschliches mich nicht verstand,
Hindurchgeliebt durch jede Wand,
Durch alle Schleier deinen Grund zu schauen.

O du Genosse der Verwunschenheit,
Komm zu mir in den fernsten Traum
Und uns umblüht der Wunderbaum,
Die Blume aus der Ewigkeit.

(Emmy Hennings, aus Helle Nacht, 1922)

Emmy Hennings war auch, Jahre später, 1920, die Frau von Hugo Ball, den sie 1914 im Münchner Simplicissimus kennengelernt hatte und mit dem sie 1915, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nach Zürich ging/floh, wo sie 1916 gemeinsam das „Cabaret Voltaire“ gründeten, einen Ort, an dem man mit viel DADA dem Krieg etwas entgegenzusetzen versuchte.

Seidenpapier von Emmy Hennings im kleinen Turmzimmer

Auf einem Stück Seidenpapier steht in einer langsam verblassender Bleistifthandschrift so korrekt wie ordentlich wie schön wie katalogisierend: [Ball-]Hennings, Emmy.

Das „B“ bekommt einen Unterstrich, was die Anweisung enthält, das besondere Stück unter dem Buchstaben „B“ einzuordnen.

Anlässlich der Ausstellung #FrauenDerBoheme befindet sich dieses Heftchen zu Forschungszwecken im Turmzimmer der Monacensia. Sehr wahrscheinlich von Emmy Hennings selbst gebunden, selbst gefaltet, selbst bedruckt, selbst kreiert in DIN A 5 und ohne Datierung.

Vier Seidenseiten DIN A 4 ineinandergelegt, in der Mitte des Querformats geknickt, mit einem roten Bändchen aus Luftmaschen gebunden und eingeschlagen in braunes Packpapier, enthält das federleichte Heft sechs Gedichte von Emmy Hennings, die sie vermutlich selbst dafür abgetippt hat: Ich bin so vielfach (trägt in den Gedichtanthologien den Titel „Traum“), Kindheit, Idylle, Blaue Lilien, Tänzerin, Mädchen am Kai.

Das Heft stammt aus der Sammlung von Hans Ludwig Held (1885-1954), dem Gründer der Monacensia-Bibliothek, wofür das große „H“ in der Signatur spricht.

Wie kam Held an das Heft? Wir wissen, dass Emmy Hennings gelegentlich solche Heftchen verkaufte, um sich ein paar Groschen zu verdienen (vor allem aus ihrer Züricher Zeit im Cabaret Voltaire ist das bekannt). War einer ihrer Käufer Held gewesen? Hatten sie sich getroffen? In München? In Zürich? In Berlin? Und wenn ja, wann? Belegt ist, dass Held, der übrigens im gleichen Jahr wie Hennings geboren wurde, in jungen Jahren ebenfalls als Dichter tätig war. Und überhaupt hatte er natürlich generell ein großes Interesse an zeitgenössischer Literatur, insbesondere an jener, die in seiner Heimatstadt München entstanden war.

Die Monacensia-Bibliothek wurde 1921 von Held gegründet, in dem Jahr, in dem Emmy mit ihrem Mann Hugo und ihrer Tochter Annemarie aus dem Schweizerischen Tessin nach München zurückkehrte. Ebenfalls in München wird 1922 Emmys Gedichtband Helle Nacht fertiggestellt (gedruckt in Berlin), in dem die sechs Gedichte aus dem Seidenheftchen im Turmzimmer enthalten sind. Unter x Möglichkeiten, wie es in Helds Hände gekommen sein könnte, gibt es noch eine weitere – zumal wir zwar wissen, wann die Gedichte in gebundener Form erschienen sind, auf welches Jahr sie „offiziell“ datiert wurden, wann sie dann aber tatsächlich entstanden sind, steht auf einem anderen Blatt.

1911, ein Jahr, das in Hennings erste, äußerst produktive Münchner Jahre fällt, hatte Hans Ludwig Held in und für München den „Schutzverband deutscher Schriftsteller“ mitbegründet, der sich um die Rechte der Schreibenden gekümmert hat. Auch in diesem Zusammenhang scheint eine Begegnung mit Emmy Hennings nicht ganz ausgeschlossen, wenn sie ein solches Anliegen nicht zu überorganisiert empfunden hat.

Jedenfalls hat das Heftchen einen schönen Knick. „Knickstelle durchgehend“ heißt das in Bibliothekar*innensprache.

Und die Schreibmaschine ließ die Zeichen hin und wieder hüpfen und springen. Vor allem die Punkte am Ende eines Verses sitzen schmuckhaft zu hoch, die Großbuchstaben am Anfang eines Wortes wollen manchmal davonfliegen. War es Emmy, die schwankte, war es die Unterlage oder hatte die Maschine – eine geliehene, eine eigene? – die Nacht durchgemacht? Bekannt ist, dass sie sich ein solches Schreibwerkzeug mit Hugo Ball teilte. Das Druckband gibt mal weniger, mal mehr Schwärze her. Fehler oder Korrekturstellen gibt es kaum. Ein Kraftakt für Emmy? Das rote Wollband am schmalen Buchrücken hat nichts von seiner Farbkraft verloren. Schmückt.

Tänzerin

Mir ist, als ob ich schon gezeichnet wäre
Und auf der Totenliste stünde.
Es hält mich ab von mancher Sünde.
Wie langsam ich am Leben zehre.
Und ängstlich sind oft meine Schritte.
Mein Herz hat einen kranken Schlag.
Und schwächer wirds mit jedem Tag.
Ein Todesengel steht in meines Zimmers Mitte.
Doch tanz ich bis zur Atemnot.
Bald werde ich im Grabe liegen.
Und niemand wird sich an mich schmiegen.
Ach, küssen will ich bis zum Tod.

(Emmy Hennings, aus Helle Nacht, 1922)

Auch Jakob van Hoddis hatte immer wieder über Tänzerinnen gedichtet, wahrscheinlich mit seiner Emmy vor Augen.

Die Tänzerin

Wie mich die zärtlichen Gelenke rühren,
Dein magrer Nacken, Deiner Kniee Biegen!
Ich zürne fast. Werde ich Dir erliegen?
Wirst Du zu jenem Traum zurück mich führen,
Den ich als Knabe liebend mir erbaute
Aus süssen Versen und dem Spiel der schönen
Schauspielerinnen, linden Geigentönen
Und Idealen, die ich klaute?
Ach! keine fand ich jenem Traume gleich,
Ich musste weinend Weib um Weib vermeiden,
Ich war verbannt zu unermessnen Leiden,
Und hasse jenen Traum. Ich spähe bleich,
Und sorgsam späh ich wie Dein Leib sich wende,
Nach jeder Fehle, die im Tanz du zeigst,
Ich bin dir dankbar, da du doch am Ende
Mit einem blöden Lächeln dich verneigst.

(Jakob van Hoddis, aus Varieté, 1910)

Und so drehte sich alles immer weiter. Jacques Derrida hat 1995 in seinem Text Dem Archiv verschrieben darauf hingewiesen, dass die Arbeit mit Archivmaterial immer auch mit der Sehnsucht nach einer „Rückkehr zum ... Ursprung“ zu tun hat. So ist das. Da kann das Häkelbändchen noch so rot leuchten.

Mein Name ist Katrin Diehl, ich bin Journalistin und Autorin, gehöre dem Netzwerk Münchner Theatertexter*innen an und für die Monacensia habe ich etwas übrig.

Die „literarischen Erkundungen in und um die Monacensia“ erscheinen immer am ersten Dienstag eines Monats. Alle Folgen der Kolumne finden Sie im Journal unter Reihen & Kolumnen.

Fotos im Text: (c) Katrin Diehl

Lesetipps zu Emmy Hennings und den #FrauenDerBoheme:
Ausstellungsseite zu „Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890–1920“ – kurze Einführung mit zahlreichen Videos
• Online-Magazin https://www.muenchner-stadtbibliothek.de/boheme-magazinmon_boheme zur Ausstellung
Emmy Hennings' Weg in das Gefängnis – August 1914 von Nicola Behrmann

Besuchen Sie gerne die Ausstellung „Frei Leben! Die Frauen der Boheme 1890–1920“, die bis zum 14. Januar 2024 verlängert wurde!

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