Die ganze Welt ist Dada: Emmy Hennings und Hugo Ball

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Hanns Bolz: Porträt Emmy Hennings 1911

Emmy Hennings wird am 17. Januar 1885 als Tochter eines Werftarbeiters und einer Wäscherin in Flensburg geboren. Mit 18 Jahren beschließt sie dem Leben als Dienstmädchen ein Ende zu bereiten und schließt sich einer Wanderbühne an. 1904 heiratet sie, bereits schwanger, ihren Kollegen Joseph Hennings. 1905 stirbt das Kind. Da ist Emmy schon von Hennings getrennt und von Ensemblemitglied Wilhelm Vio schwanger. Die gemeinsame Tochter Annemarie wird bei den Großeltern aufwachsen, und Emmy lässt sich 1907 offiziell von Hennings scheiden. Sie tingelt nun als Solokünstlerin durchs Land, ist Schauspielerin, Gelegenheitsprostituierte, Animierfräulein, Dichterin, Muse und Hausiererin, arm ist sie immer.

Emmy Hennings wird die Geliebte zahlreicher Künstler, die ihr hymnische Verse widmen, und pendelt zwischen München und Berlin, wo sie mit Claire Waldorf auftritt. Morphinsüchtig und haltlos taumelt sie durch die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts. Auch die Hinwendung zum Katholizismus vermag ihr keinen Halt zu geben. 1912 lernt sie in Kathi Kobus Künstlerkneipe Simplicissimus in München den Dichter Hugo Ball kennen.

Geboren am 22. Februar 1886 in Pirmasens, hat der Sohn aus gutem Hause nach abgebrochenem Studium in München und Heidelberg von 1910 bis 1912 die Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin unter Max Reinhardt besucht und ist seit Juli 1912 Ensemblemitglied im Münchner Lustspielhaus, das noch im selben Jahr in die Münchner Kammerspiele umgewandelt wird. Namensgeber ist Hugo Ball, der damit eine Anlehnung an die Berliner Kammerspiele beabsichtigt. Als Hugo Ball Emmy Hennings kennenlernt, arbeitet er als Dramaturg für die Kammerspiele. 1914 versucht er Franz Marc und Wassily Kandinsky als Bühnenbildner für die Kammerspiele zu gewinnen. Hugo Ball ist der erste Mensch, der Emmy als Künstlerin anerkennt, der hinter der Frau auch die Dichterin entdeckt. Zwei Künstler begegnen sich hier auf Augenhöhe.

München wurde in mancherlei Hinsicht für mein späteres Leben entscheidend. Ich kam hier sehr rasch in einen Kreis von gebildeten Menschen, die natürlich einen sehr günstigen Einfluss auf mich ausübten. [...] Interessen, die vorher in mir geschlafen hatten, erwachten jetzt zum Leben. Ich wurde mit der bildenden Kunst und der modernen Literatur vertraut gemacht und lernte bewusster als vorher aufnehmen, was schön und gut war. Mir war, als ströme mir die Fülle des Lebens [...] von allen Seiten zu.

(Emmy Ball-Hennings: Das flüchtige Spiel. Wege und Umwege einer Frau. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 263.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

Sekundärliteratur:

Baron, Bernhard M. (2016): Dada meets Stigma. Als Emmy Ball-Hennings 1927 die „Konnersreuther Resl“ besuchte. In: Literatur in Bayern 31. Jg., Nr. 124, S. 18-20.

Reetz, Bärbel (2001): Emmy Ball-Hennings. Leben im Vielleicht. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Stock, Wiebke-Marie (2012): Denkumsturz. Hugo Ball. Eine intellektuelle Biographie. Wallstein Verlag, Göttingen.



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