Sandra Hoffmann ist: DRAUSSEN (39). Und sieht, wie makelvoll schön die Dinge altern

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Alle Bilder (c) Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann schreibt Romane, Erzählungen und heimlich Gedichte. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben u.a. am Literaturhaus München und an Universitäten. Außerdem schreibt sie für das Radio und für Zeitungen. Sie lebt in München und Niederbayern, wo sie derzeit viel Zeit in der Natur verbringt. Für ihr literarisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet; zuletzt erhielt sie für den Roman Paula das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und den Hans-Fallada-Preis. 2019 erschien mit Das Leben spielt hier ihr erstes Jugendbuch. Für ein derzeit entstehendes Romanprojekt bekam sie 2020 das Münchner Arbeitsstipendium.

Über einen längeren Zeitraum schreibt Sandra Hoffmann für das Literaturportal Bayern eine Kolumne: DRAUSSEN. Ein Album. Darin schildert sie, was sie auf dem Land und seiner Natur erlebt, ob sie nun Rehe und Fasane beobachtet oder zum Essen aufsammelt, was sie vor sich auf dem Boden findet. Vor allem aber geht es um das Gehen selbst und die Gedankengänge dabei, um ein Flanieren zwischen Bäumen, das Blaue vom Himmel über den Wipfeln.

Die Corona-Zeit ist eine Zeit der Einschränkungen, oft der Einsamkeit. Aber an ihr können sich auch die Sinne schärfen. Der besondere Geschmack schrundigen Gemüses, die bangende Pflege eines Quittenbaums. Das ist nichts Geringes. In einer Gegenwart, die uns die Folgen des langen menschlichen Raubbaus an der Natur immer drastischer vor Augen führt, sind darin wesentliche gesellschaftspolitische Fragen angelegt. Die Literatur verfolgt sie seit einiger Zeit mit einer auffallenden Renaissance des Nature Writing, bei Sandra Hoffmann in Form einer Schule der Wahrnehmung: Da DRAUSSEN gibt es etwas zu sehen, zu spüren, zu holen und zu schützen.

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39

Heute Morgen, als ich getan habe, was ich immer tue, nämlich meine vom Wetter des letzten Sommers sehr mitgenommenen Bioäpfel mit der Gemüsebürste geschrubbt, um sie ins Müsli zu reiben, ist mir aufgefallen, wie alt die Äpfel geworden sind. (Über die ich an anderer Stelle schon geschrieben habe.) Wie faltig, wie schrumpelig, wie sich an manchen Stellen braune kleine Flecken bilden, wie sie sich zusammenhutzeln, dort, wo viel Fruchtfleisch darunter ist, aber auch: wie sie leuchten, wie schön sie sind.

Und ich habe sie meinem Mann gezeigt, schau, wie die ausschauen, wie schön sie altern, wie sehr sie uns dabei ähneln, unserer Haut.

Und dann habe ich ein wenig darüber nachgedacht, warum wir eigentlich immer diese ebenmäßigen jungen Körper behalten wollen und uns so sehr wehren dagegen, dass wir schrumpfen und schrumpeln und unsere Haut sich beginnt zu fälteln und unsere Haare ihre ursprüngliche Farbe verlieren und all sowas. Und dachte, klar hat das damit zu tun, dass wir dabei kapieren, dass wir endlich sind, dass es irgendwann vorbei sein wird mit uns, wie mit den Äpfeln, die eben all ihr Wasser verlieren, oder aus anderen Gründen faulig werden und ungenießbar. Dass wir das bei den Äpfeln normal finden, aber an uns macht uns das Angst. Mir auch.

Aber gleichzeitig erwischte mich so eine Begeisterung, und ich erinnerte mich an das alte Holz, das ich vor geraumer Zeit mal im Garten aufgesammelt habe, seiner Schönheit wegen. Die Rinde abgestorben, hat sich auf dem darunterliegenden Holz eine dunkle Zeichnung gebildet, schön wie das Fell eines scheckigen Jaguars. Das Holz so glatt, dass man es immerzu streicheln möchte. Und wie lange es auf meinem Schreibtisch lag, weil ich den Blick nicht davon wenden konnte. Und noch immer bewahre ich es auf.

Und dann bin ich rausgerannt in den Garten, weil neulich schon sah ich, wie die Hagebutten, die im späten Herbst noch ampelrot blinkten, nun eben eingeschrumpelt glänzen und wie manche schwarz geworden sind, eingetrocknet von innen heraus eingedunkelt, ausgealtert sind, und bald abfallen werden. Wie makelvoll schön sie dabei sind. Dachte ich.

Und weil ich schon dabei war, das alles so zu sehen, habe ich auch gleich noch die Hortensie gewürdigt, die ihre einstmals weißen dicken Doldenblüten immer noch mit Würde trägt. Ausgetrocknet zwar, aber von so filigraner Feinheit, dass ich sie vielleicht noch mehr liebe.

Meine Schwiegereltern werden in diesen Tagen neunundachtzig und neunundneunzig Jahre alt, sie sind sehr klein geworden und sehr zart und sehr zerbrechlich, aber etwas an ihnen leuchtet noch immer.

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