Sandra Hoffmann ist: DRAUSSEN (44). Und zieht es vor, von der Natur fremdbestimmt zu werden

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Alle Bilder (c) Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann schreibt Romane, Erzählungen und heimlich Gedichte. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben u.a. am Literaturhaus München und an Universitäten. Außerdem schreibt sie für das Radio und für Zeitungen. Sie lebt in München und Niederbayern, wo sie derzeit viel Zeit in der Natur verbringt. Für ihr literarisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet; zuletzt erhielt sie für den Roman Paula das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und den Hans-Fallada-Preis. 2019 erschien mit Das Leben spielt hier ihr erstes Jugendbuch. Für ein derzeit entstehendes Romanprojekt bekam sie 2020 das Münchner Arbeitsstipendium.

Über einen längeren Zeitraum schreibt Sandra Hoffmann für das Literaturportal Bayern eine Kolumne: DRAUSSEN. Ein Album. Darin schildert sie, was sie auf dem Land und seiner Natur erlebt, ob sie nun Rehe und Fasane beobachtet oder zum Essen aufsammelt, was sie vor sich auf dem Boden findet. Vor allem aber geht es um das Gehen selbst und die Gedankengänge dabei, um ein Flanieren zwischen Bäumen, das Blaue vom Himmel über den Wipfeln. Die Kolumne pausierte und wird ab heute wieder fortgesetzt.

Die Corona-Zeit ist eine Zeit der Einschränkungen, oft der Einsamkeit. Aber an ihr können sich auch die Sinne schärfen. Der besondere Geschmack schrundigen Gemüses, die bangende Pflege eines Quittenbaums. Das ist nichts Geringes. In einer Gegenwart, die uns die Folgen des langen menschlichen Raubbaus an der Natur immer drastischer vor Augen führt, sind darin wesentliche gesellschaftspolitische Fragen angelegt. Die Literatur verfolgt sie seit einiger Zeit mit einer auffallenden Renaissance des Nature Writing, bei Sandra Hoffmann in Form einer Schule der Wahrnehmung: Da DRAUSSEN gibt es etwas zu sehen, zu spüren, zu holen und zu schützen.

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44

Ich erlaube mir heute beim Schreiben eine gewisse Wucherung, um von hier nach da zu kommen, aber Sie werden den Weg mit mir finden.

Ich muss nämlich ausholen.

Als vor ein paar Jahren dieses Haus am Wald uns gefunden hat, wie wir es gefunden haben, war das Grundstück eine Wildnis. Ein Jahrzehnt lang hatte niemand gemäht, niemand einen Baum gefällt. Vielleicht haben ein paar Tiere sich durch das, was heute eine Wiese geworden ist, also durch das Gestrüpp genagt, das wars dann aber schon.

Als wir angefangen haben zu roden, wenigstens so, dass wir vor dem Haus eine Einfahrt fürs Auto hatten, einen Platz um etwas auszuladen und einen Platz, an dem wir sitzen konnten, kamen ein paar Granitsteine zum Vorschein, die darauf hinwiesen, dass jemand mal versucht hat, das Grundstück zu ordnen. Wir haben das dann weiter betrieben. Aber immer mit dem Gedanken, die natürliche Grundordnung, also die Wildnis um uns herum nicht zu stören.

Und also pflanzten wir zuerst einmal nur Stauden und Bäume, die die Bienen und Schmetterlinge und alle anderen Insekten auch mögen und gut brauchen können. Wildrosen und Rosen mit offenen Blütenköpfen, Minzen, Melissen, Malven, Lavendel, Schmetterlingsbäume, Obstbäume, all so etwas.

Wir stellten ein Hochbeet auf, in dem ich Kräuter wachsen ließ, deren Blüten auch essbar sind, und die uns grüne Pestos und Smoothies und sowas bescherten; und im Jahr später noch eines, in dem vor allem Tomaten kaputtgingen; dafür aber Auberginen und Zucchini gut gediehen. Und im Jahr später noch eines, damit ich Brokkoli und Wirsing und Schwarzkohl und vor allem Rosenkohl anbauen konnte, weil in den Töpfen, in dem ich den Rosenkohl zuerst hielt, die Rehe alle Röschen abnagten.

Und klar kamen zum Beispiel die Wühlmäuse und fraßen etwa den Felsenbirnen so lange die Wurzeln ab, bis die Pflanzen tot waren. Und so weiter. Vieles verschwand deshalb einfach, aber vieles wuchs auch gut. Niemals aber Tomaten.

Deshalb ernte ich seit zwei Jahren die Tomaten auf einem Bioland-Selbsterntefeld, das Wurzelgarten heißt, dort wachsen unter anderem 80 Sorten Tomaten, die besser sind, als alle Tomaten, die ich je selbst angepflanzt habe und je zuvor im Leben gegessen. Seither sprießen auch in meinen Hochbeeten Tomaten, und zwar ohne mein Zutun, weil die Kerne dieser alten (Bio-)Sorten anscheinend so resistent und gesund sind, dass sie den Winter auf dem Kompost gut überleben und sich im nächsten Jahr mit dem Kompost in meinem Hochbeet wieder aussähen. Es sind keine 80 Sorten, immerhin kamen in diesem Jahr jedoch fünf verschiedene Tomatenpflanzen, die der Feuchtigkeit im späteren Frühling und der Hitze im hohen Sommer trotzten, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, sie haben Mühe damit.

Ich habe inzwischen verstanden, dass ich aushalten muss, dass der Garten mich erzieht und nicht ich den Garten, dass ich mich anpassen muss, an das, was er kann, wegen des Lichts, wegen der Böden und so weiter, und daran, was gar nicht geht, wegen der Wühlmäuse, wegen der Rehe, wegen des Klimas hier am Rand vom Bayerischen Wald, wo die Sommer tatsächlich heiß und die Winter sehr frostig sein können.

Ich mag es, dass ich fremdbestimmt werde von der Natur. Und wenn ich es dulde, dann fühlt es sich wie an, wie selbstgewählt.

 

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