Sandra Hoffmann ist: DRAUSSEN (49). Und mag dieses mikrokosmische Sehen

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Alle Bilder (c) Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann schreibt Romane, Erzählungen und heimlich Gedichte. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben u.a. am Literaturhaus München und an Universitäten. Außerdem schreibt sie für das Radio und für Zeitungen. Sie lebt in München und Niederbayern, wo sie derzeit viel Zeit in der Natur verbringt. Für ihr literarisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet; zuletzt erhielt sie für den Roman Paula das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und den Hans-Fallada-Preis. 2019 erschien mit Das Leben spielt hier ihr erstes Jugendbuch. Für ein derzeit entstehendes Romanprojekt bekam sie 2020 das Münchner Arbeitsstipendium.

Über einen längeren Zeitraum schreibt Sandra Hoffmann für das Literaturportal Bayern eine Kolumne: DRAUSSEN. Ein Album. Darin schildert sie, was sie auf dem Land und seiner Natur erlebt, ob sie nun Rehe und Fasane beobachtet oder zum Essen aufsammelt, was sie vor sich auf dem Boden findet. Vor allem aber geht es um das Gehen selbst und die Gedankengänge dabei, um ein Flanieren zwischen Bäumen, das Blaue vom Himmel über den Wipfeln. Die Kolumne pausierte und wird ab heute wieder fortgesetzt.

Die Corona-Zeit ist eine Zeit der Einschränkungen, oft der Einsamkeit. Aber an ihr können sich auch die Sinne schärfen. Der besondere Geschmack schrundigen Gemüses, die bangende Pflege eines Quittenbaums. Das ist nichts Geringes. In einer Gegenwart, die uns die Folgen des langen menschlichen Raubbaus an der Natur immer drastischer vor Augen führt, sind darin wesentliche gesellschaftspolitische Fragen angelegt. Die Literatur verfolgt sie seit einiger Zeit mit einer auffallenden Renaissance des Nature Writing, bei Sandra Hoffmann in Form einer Schule der Wahrnehmung: Da DRAUSSEN gibt es etwas zu sehen, zu spüren, zu holen und zu schützen.

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49

Ich bin heute seit sehr langer Zeit mal wieder im Wald herumgelaufen, einfach nur so. Wachen Auges und vielleicht ein kleines bisschen fixiert. Ich habe die beste Pilzzeit nämlich verpasst, vielleicht finde ich ja noch irgendwas, dachte ich zuerst.

Aber dann veränderte sich dieser Blick, der ja eigentlich von den Geschmacksknospen ausgeht, also immer sofort denkt: Oh, das kann ich essen! Und dann setzt Speichelfluss ein. Heute nicht. Kann sein, das ist nicht passiert, weil ich aufgrund von Omikron noch nicht so gut schmecke, noch sind nicht alle Sinne zurück.

Da draußen im Wald fand ich das jetzt gar nicht so schlimm, weil ich plötzlich so einen Nymphen- und Elfenblick oder so einen Modelleisenbahnblick hatte. Die Welt geriet plötzlich ganz bodennah und klein. Und der Wald groß. Und alles, was auf dem Erdboden wuchs, sah mein Auge in Normalgröße. Nicht wirklich, vorgestellt eben. Ich dachte, wäre ich eine Ameise, wären die Pilze im Verhältnis Bäume. Und also bückte ich mich hinab und machte solche Fotos.

Ich mag dieses mikrokosmische Sehen, alles wird intensiviert, die Farben farbiger, das Moos strukturierter. Wo sonst ist das möglich, dass man das Auge an Linien, an Formen und Fasern schult, als in der Natur. Welche sonst in der Natur gibt es in so einer auffällig unhomogenen Vielfalt wie die Pilze. Äpfel unterscheiden sich ein wenig in Farbe und Art der Haut. Auch Kürbisse sind immer Kürbisse, Moose sind immer grün.

Aber die Pilze.

Zuerst dachte ich, wie langweilig es ist, über Pilze zu schreiben. Alle zeigen immer ihre Steinpilze vor und ihre krausen Glucken und so. Trophäen. Und klar, hätte ich ordentliche Exemplare davon gefunden, ich hätte das auch getan, wahrscheinlich.

Aber ich habe viele gesehen, alleinstehende Pilze mit großen Hüten und langen Stielen, etwas korallige safrangelbe Pilze, die einladend köstlich ausschauen, Familien von hellen Schirmpilzen, die da standen, wie ein Dorf. Aprikosenfarbige schleimige Pilzköpfe und rotstielige Röhrlinge. Eine Vielfalt von Pilzen auf kleinstem Raum, Moos und Rinde. Darüber der Wald, wie ein großes luftiges Dach.

Ich war eine dreiviertel Stunde im Wald, und obwohl ich kaum Essbares gesammelt habe – außer drei kleinen Maronen, die ich hier nicht vorzeigen werde – kommt es mir vor, als sei meine Welt wieder reicher geworden, größer. Als habe ich viel gefunden da draußen. Habe ich auch: Leben. Und zwar solches, das nichts mit mir zu tun hat. Und genau das ist das große Ding am Rausgehen, am Rumgehen in der Natur. Ich gehe hinaus in diesen Wald, auf die Wiesen, das Feld, ans Meer, den See, die Berge, ich gehe mit mir alleine zwar, aber alles, was ich sehe, ist nicht meinetwegen da. Es ist da, weil es zu diesem Wald, zu dieser Natur gehört, weil es Natur ist, weil es einfach so wächst, steht oder brandet.

Es wäre schade, um alles, was nicht mehr da wäre. Was ich nicht mehr sehe, wenn ich mich mit meinem Telefon hinabbücke und durch die Linse schaue, auf all das Kleine vom Großen. Und also auf Alles.

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Alle Folgen der Kolumne finden Sie HIER.

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