Sandra Hoffmann ist: DRAUSSEN (35). Und stellt den Hebel auf eiskalt, um klarzusehen

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Alle Bilder (c) Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann schreibt Romane, Erzählungen und heimlich Gedichte. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben u.a. am Literaturhaus München und an Universitäten. Außerdem schreibt sie für das Radio und für Zeitungen. Sie lebt in München und Niederbayern, wo sie derzeit viel Zeit in der Natur verbringt. Für ihr literarisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet; zuletzt erhielt sie für den Roman Paula das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und den Hans-Fallada-Preis. 2019 erschien mit Das Leben spielt hier ihr erstes Jugendbuch. Für ein derzeit entstehendes Romanprojekt bekam sie 2020 das Münchner Arbeitsstipendium.

Über einen längeren Zeitraum schreibt Sandra Hoffmann für das Literaturportal Bayern eine Kolumne: DRAUSSEN. Ein Album. Darin schildert sie, was sie auf dem Land und seiner Natur erlebt, ob sie nun Rehe und Fasane beobachtet oder zum Essen aufsammelt, was sie vor sich auf dem Boden findet. Vor allem aber geht es um das Gehen selbst und die Gedankengänge dabei, um ein Flanieren zwischen Bäumen, das Blaue vom Himmel über den Wipfeln.

Die Corona-Zeit ist eine Zeit der Einschränkungen, oft der Einsamkeit. Aber an ihr können sich auch die Sinne schärfen. Der besondere Geschmack schrundigen Gemüses, die bangende Pflege eines Quittenbaums. Das ist nichts Geringes. In einer Gegenwart, die uns die Folgen des langen menschlichen Raubbaus an der Natur immer drastischer vor Augen führt, sind darin wesentliche gesellschaftspolitische Fragen angelegt. Die Literatur verfolgt sie seit einiger Zeit mit einer auffallenden Renaissance des Nature Writing, bei Sandra Hoffmann in Form einer Schule der Wahrnehmung: Da DRAUSSEN gibt es etwas zu sehen, zu spüren, zu holen und zu schützen.

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35

Man kann zur Zeit allerlei lesen über Kaltbaden und Eisbaden, viele tun es, und ich glaube, es hat tatsächlich mit dem Gefühl zu tun, etwas mit sich selbst erleben wollen, was man gerade nur noch selten mit anderen zusammen hat, sowas wie Party, Spaß, oder ganz einfach: Endorphin – Ausschüttung.

2020, Corona drängte uns ins häusliche Leben, ich hielt mich fast ausschließlich auf dem Land auf, weil mir das zu heikel war, mit den Möglichkeiten mich in der Stadt zu infizieren. Und wie bei vielen anderen auch wurden meine Geh- und Laufgewohnheiten intensiver, hinzu kam die morgendliche Gymnastik, die ich seither mache; da entdeckte ich, dass es eigentlich ganz schön toll ist, nach der heißen oder warmen Dusche auch noch kalt zu duschen. Am Anfang war das nur sehr kurz möglich, nach zwei Monaten etwa freute ich mich darauf, manchmal einfach nur noch kalt zu duschen. Den Hebel auf eiskalt stellen, rein in die Dusche und so lang drunterstehen, wie es halt gut ist. Meist waren es drei Minuten. Es war groß. Und ich behielt das bei.

Als ich im späten Sommer in der Bretagne war, hatte der Atlantik gerade mal sechszehn Grad. Aber jeden Morgen bin ich nach vorne gelaufen zum Meer, zwei Wochen lang, und bin darin zuerst nur sechs, am Ende manchmal fünfzehn Minuten geschwommen. Ich war süchtig nach diesem starken Kältereiz, den ich in den ersten zwei Minuten im Wasser erlebte und gegen den ich dann anschwamm, ich war süchtig nach der fokussierten Wahrnehmung, die die Kälte auslöste, so als würde ich schärfer sehen, gründlicher, tiefer, intensiver. Und ich liebte dieses Prickeln auf der Haut, wenn ich aus dem Wasser stieg. Dann lief ich mich am Strand entlang wieder warm. Danach war ich high. Natural stoned. Glücklich.

Als ich zurück war im September, stieg ich in den Eisbach, der war auch nicht kälter zu der Zeit, ließ mich treiben, noch einmal und noch einmal, bis mir ausreichend kalt war. Und machte das weiter. Bei dreizehn Grad, bei zwölf. Ende Oktober schwamm ich bei elf Grad Wassertemperatur zehn Minuten lang im Starnberger See. Und wieder hatte ich das Gefühl, so klar sehe ich sonst nie. Es war fantastisch.

Nun bin ich seit dem 20. Dezember viel auf dem Land. Der nächste See ist fünfzehn Minuten entfernt, da fahre ich im Sommer gerne hin, um eine halbe Stunde zu schwimmen, aber nicht für ein dreiminütiges Bad am Morgen. Am 27. Dezember bemerkte ich, wie sehr mir das kalte Wasser fehlte und dass die kalte Dusche schon auch groß ist, aber nicht dieses schlimmschöne Gefühl ersetzt, das ich erlebe, wenn ich bis zum Hals im Wasser sitze oder stehe.

Deshalb nun die Tonne.
Die Tonne steht hinter unserem Haus, ich habe ein Thermometer darin befestigt, und weiß also immer sehr genau in was für ein kaltes Wasser ich steige.
Heute hatte es Minus 1 Grad, zum allerersten Mal bin ich in Wasser unter 5 Grad gestiegen. Ich hatte ein wenig Angst. Aber das hineinsteigern ging sehr leicht. Versehentlich tauchte ich die Hände ein. Das war nicht gut und tat weh. Sofort streckte ich sie wieder in die Luft. Und dann blieb ich, immerhin fünfzehn ausführliche tiefe Atemzüge lang, was bei meiner Atmung etwa eineinhalb Minuten entspricht. Sie können sich nicht denken, wie ich mich nun fühle!

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