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21.11.2019, 12:46 Uhr
Sandra Hoffmann
Text & Debatte
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© Thomas Dashuber

Kultur digital: Sandra Hoffmann spaziert durch das Literaturportal Bayern

Sandra Hoffmann schreibt Romane, Erzählungen und heimlich Gedichte. Sie lebt in München und Niederbayern, wo sie diesen Text geschrieben hat. Für ihr literarisches Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. erhielt sie für ihr damaliges Romanprojekt Paula 2014 das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und den Hans-Fallada-Preis. Soeben erschien ihr erstes Jugendbuch Das Leben spielt hier im Hanser Verlag. Der nachfolgende Artikel entstand für das Magazin aviso (3/19) zum Thema „Kultur digital".

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Es ist der 30. Juli, ein Dienstag. Die Balkontür steht offen. Der Wald glänzt noch vom letzten Schauer. In der Wand raschelt der Siebenschläfer. Jetzt scheint die Sonne, aber in der Ferne donnert es.

Ich könnte nach draußen gehen. Aber auf dem Schirm meines Notebooks ist das Leben weit und groß: Es wird mir das Blaue vom Himmel versprochen, Kadidja Wedekind kann ihren 108. Geburtstag nicht mehr feiern, in Schrobenhausen lesen Friederike Kretzen, Judith Kuckart, Norbert Niemann, Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland haben ein ganzes Dossier bekommen, im Journal gibt es Interviews, Informationen über Preise und all sowas. Ich bin auf den Seiten des Literaturportal Bayerns unterwegs. Im Netz. In einer Welt in der Welt, in der sich alles um die Literatur dreht. Der von damals und der von heute.

Das Literaturportal ist das Zuhause der großen Literaturlandschaft Bayerns, mit allem, was sie prägt: toten und lebendigen Autoren, Orten, Verlagen, die sie besiedeln, beherbergen, behausen, oder die sie beschrieben haben, Hinweise auf Veranstaltungen und Wettbewerbe. Es ist eine Bibliothek, eine Zeitschrift, eine Zeitung, ein Lexikon und eine Art Schwarzes Brett. Alles gleichzeitig. Man kann hier nichts kaufen. Hier gibt es nur Wörter und Bilder. Aber es ist ein unerschöpfliches Kompendium von Informationen. Jeden Tag kommen neue dazu. Deshalb ist es immer neu zu lesen, und immer anders, ganz abhängig davon, wofür ich mich interessiere, ich kann mit jedem Klick einen neuen Weg einschlagen, ich muss nie dorthin kommen, wo ich schon einmal war, aber ich kann. Weil alles mit allem verlinkt, vernetzt, verbunden ist. Alle Inhalte sind nur online verfügbar. Es ist nicht aus Papier.

Ich selbst bin wirklich, ein Mensch, ein Körper, Schriftstellerin. Auch ich komme darin vor. Als Information, in Interviews, Texten. In Wirklichkeit lebe ich für gewöhnlich in München, aber mitunter auch am Rande des Bayerischen Walds, nahe Straubing, unfern von Regensburg. Hier sitze ich heute an einem Schreibtisch aus Eichenholz, er stammt von meiner Großmutter. Ich schaue ins Grüne. Ich schaue auf die Eiche, die Kiefern, die Buchen, die Eschen, den Hasel, weit hinten den Holunder. Ich schaue den Wald hinauf und wieder zurück auf den Bildschirm.

Ich war schon häufig auf den Seiten des Literaturportals, aber noch niemals habe ich Literaturland geklickt. Ich klicke Karte. Die Karte Bayerns ist voller Zeichen, voller Buchstaben und Symbole. Zuerst erkenne ich nichts. Dabei ist es eine ganze Landschaft. Ich suche die Gegend, in der ich mich gerade befinde. Ich wähle Niederbayern. Eine weitläufige Karte öffnet sich. Farbig und strukturiert. Ich kann Bezirke erkennen und suche meinen. Straubing-Bogen. Da bin ich. Ich möchte gleichzeitig da sein, wo ich gerade sitze, und da, wo ich gerade suche. Ich möchte im Netz meiner Wirklichkeit herumgehen. Ein Doppelleben führen, zwischen Bäumen inmitten von Texten sein, die mich hier betreffen.

So habe ich es mir gedacht: Den Ort, an dem ich mich gerade befinde, anfüllen, auffüllen mit dem, was ich gerade tue. Schreiben. Das Literturportal Bayern ist mein natürliches Umfeld. Ich lebe in Wörtern. Ich scrolle mich durch Regierungsbezirke, ich klicke Straubing. Nicht weit davon entfernt führe ich mein Teilzeitleben und kenne mich literarisch kein bisschen aus. Da sitze ich im Wald. Da bin ich.

Gäubodengeschichten steht über dem Artikel. Ich sehe Autorennamen und kenne niemanden. Ich wähle Ulrike Anna Bleier, der Name klingt gut. Ich denke an Monopoly, das habe ich gerne gespielt als Kind, als Jugendliche. Ich will hier keine Besitzrechte erwerben, keine Straßen kaufen. Das Imperium, in dem ich mich befinde, ist von anderem Reichtum, immateriell, es ist das literarische Gedächtnis Bayerns. Dennoch gibt es Wege, gelegte Spuren, ich muss mich nur entscheiden, eine zu nehmen.

Der Wind rauscht durch die Bäume. Ein Eichelhäher ruft laut, kommt näher, ruft. Ruft. Ulrike Anna Bleier wird 1968 in Regensburg geboren. Kindheit und Jugend verbringt sie in der Oberpfalz und Niederbayern in der Nähe von Regensburg. Im Herbst 1989 zieht sie von der Donau an den Rhein nach Köln, wo sie Angewandte Sozialwissenschaften, Linguistik, Phonetik und Indogermanistik studiert. Die Donau wird sie fortan in ihrem Pseudonym „Greta von der Donau" begleiten, unter dem sie u. a. 1999 im Kölner Musikclub MTC mit Alltagslyrik und einer Tampon-Performance auftritt. Ab 2003 ist sie zusammen mit dem Musiker Gunter von der Weiden mit dem musikalisch-literarischen Bühnenprogramm „Sex und andere traurige Sachen" unterwegs. Von 2013 bis 2015 moderieren die beiden das gleichnamige Programm im Kölner Internetradio 674 fm.

„Sex und andere traurige Sachen" kann man nicht anklicken, was ich sofort bedauere, auch geht es bei den Buchveröffentlichungen nicht weiter, aber eigentlich macht das nichts, dafür werde ich verlinkt mit der Internetseite der Autorin, bleier-online.de. Hier steht: Es wurde niemand krank. Gut, denke ich und dass mir das gefällt. Ich gehe wieder zurück. Ich lese Rezensionen zu einem ihrer Romane, von dem ich auch noch nie etwas gehört habe. Was ich lese, gefällt mir sehr. Ich möchte mehr davon. Ich möchte das Buch haben. Schwimmerbecken. Es ist beim lichtung verlag erschienen.



„Ich kann mit jedem Klick einen neuen Weg einschlagen, ich muss nie dorthin kommen, wo ich schon einmal war, aber ich kann", schreibt Sandra Hoffmann.


Gegen Abend, wenn das Haus am Wald seinen Schatten wirft, kommt manchmal das Reh vorbei. Ich warte auf das Reh. Draußen. Auf der Lichtung. Was mir wie eine Engführung vorkommt, wie eine zufällige Begegnung zwischen den Welten. Das Ziel vom Reh ist die riesige Eiche am Rand unseres Grundstücks, die im letzten Herbst so viele Früchte getragen hat, dass das Reh immer noch welche finden kann. Manchmal gefällt dem Tier unser Garten, der ohne Hürden an den Wald angrenzt.

Mein Ziel ist der lichtung verlag, er wurde 1990 gegründet. Vorausgegangen war der Entstehung des Verlages die Etablierung des Kulturvereins Bayerwaldforum – auf Initiative von Hubert Ettl, der schon 1987 Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstler und Kulturinteressiere in Viechtach versammelte, um die Herausgabe einer „kritischen Kulturzeitschrift für den Bayerischen Wald" zu diskutieren. Der gegründete Verein sollte dies ermöglichen und Ende des Jahres erschien die erste Ausgabe des Magazins lichtung. Viechtach kann man nicht anklicken. Viechtach ist von meinem Schreibtisch aus genauso weit entfernt wie Straubing. Der Donner kommt näher. Wenn ein Wetter kommt, kommt es aus dem Wald. Bevor das Wetter bei mir ankommt, erreicht es Viechtach. Ich klicke Website, ich befinde mich jetzt auf lichtung-verlag.de. Ich sage, das ist ok mit den Cookies. Ich befinde mich anscheinend in einem Fotoalbum. Jede Menge Damen, dann jede Menge Herren, dann vier paar Füße hinter einer Europaflagge. Ich interessiere mich für die Bücher. Es donnert. Über den alten Balkon huscht eine Maus. Draußen höre ich den Eichelhäher warnen. Ich verlasse die Website.

Erste Veröffentlichungen im lichtung verlag waren Sigi Zimmerschieds Ausschwitz’n (Mai 1990) und Schwer ist leicht was von Ottfried Fischer. Lese ich auf Literaturportal. Ich mag das, dass ich wieder zurück kann, wenn es nicht vorwärts geht. Erste Tropfen fallen. Ich sehe einen Namen, den ich kenne, ohne zu wissen, woher und warum. Harald Grill. Ich lese. Draußen regnet es, ich denke, dass die Rehe dann nicht kommen, ohne zu wissen, warum die Rehe bei Regen nicht auf meine Lichtung kommen sollen. Ich denke Regen, als ich Donau lese, weil das ist der andere Fluss, der unfern von Viechtach durch den Bayerischen Wald fließt, ich denke Regen, weil ich Donau lese und dann weiß ich, warum ich von Harald Grill schon einmal gehört habe.

Im August 2015 startet Harald Grill sein Balkan-Projekt. Hinter drei Sonnenaufgängen eine andere Welt. Der Autor bricht erneut wandernd auf, um in drei Monaten dem Lauf der Donau bis nach Odessa zu folgen. Am 25., 26. und 27. Dezember 2015 stellt der Bayerische Rundfunk das literarische Reiseprojekt über den westlichen Schwarzmeer-Raum in einstündigen Hörbildern vor. September 2018 erscheint sein Reisejournal dann auch als Roman in der edition lichtung (Viechtach) u. d. T. Hinter drei Sonnenaufgängen eine andere Welt. Streifzüge durch den Balkan, von Rumänien über Bulgarien nach Odessa.

Es regnet nicht stark, aber es regnet stark genug, um auf dem Weg von Viechtach nach Odessa sehr nass zu werden. Ich habe dieses Buch nicht gelesen, ich würde es aber gerne tun. Leichter Wind kommt auf, von der Kiefer regnet es Zapfen. Durch die offene Balkontüre höre ich das Reiben zweier Bäume aneinander. Die Rehe kommen nicht bei Regen. Wegkreiz lese ich, als ich bayrische gedichte von Harald Grill im lichtung verlag geklickt habe und weiter vor a poar joahr im mai/ hat a se darennt/ an dera stell/ und aller-weil wieder/ um de zeit/ stehngan/ do im senfglasl/ frische himmlschlüssal/ aber eahm/ hat da zündschlüssl glangt/ zum aafsperrn vom himml.

Mehr Gleichzeitigkeit geht nicht. Da bin ich. Und jetzt bin ich ganz sicher, dass es keinen Zufall gibt. Obwohl das einer ist. Ich bin im Wald, im Regen, im Gedicht, bin im tiefen Bayern, in einer Sprache, die nicht meine ist, die ich aber verstehe. Ich bin im Eigenen und im Fremden. Ich bin auf meiner Spur. Und auf einer. Ich habe mir gerade eine literarische Landschaft erschlossen. Der Himmel ist offen. Ich höre dem Regen zu.
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