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11.01.2018, 21:09 Uhr
Andrea Heuser
Text & Debatte
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© Mara Eggert

Auszug aus einem neuen Romanmanuskript von Andrea Heuser

Andrea Heuser (*1972 in Köln) studierte Germanistik, Politik und Vergleichende Religionswissenschaften an den Universitäten Köln und Bonn. 2008 promovierte sie mit einer Studie zur deutsch-jüdischen Literatur. Im gleichen Jahr erschien ihr Lyrik-Debüt vor dem verschwinden, für das sie u.a. mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis ausgezeichnet wurde. Es folgten weitere Preise und Stipendien wie das Münchner Literaturstipendium. Im Herbst 2014 erschien ihr Debüt-Roman Augustas Garten. Die Autorin lebt heute mit ihrer Familie in München und arbeitet aktuell an ihrem zweiten Roman Das Winkelhaus, für den sie eines der Literaturstipendien des Freistaats Bayern erhielt. Wir veröffentlichen einen Auszug aus dem Manuskript.

*

1952, Köln

VIELLEICHT war es das Licht. Mattgolden verlieh es dem kargen Raum eine gewisse Andacht, wie sie nur jenen frühesten Tagen im Jahr innewohnt, in denen die Welt, zögernd noch, ihre Augen aufschlägt.

Dieses Licht ließ nun auch die Frau und den Jungen aufleuchten, die sich dort im Türrahmen dicht beieinander hielten, als sei ihnen nicht recht klar, wer wen zu schützen hatte.

„Eine Wand, hier?“ – Wilhelm war bemüht, sich seine vielschichtige Verwirrung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Nicht ahnend, dass an diesem ruhigen, weichen Januarmorgen gerade etwas Folgenreiches seinen Anfang nahm, verspürte er doch eine gewisse erregte Anspannung; eine Sprachlosigkeit, die er nicht verstand. Dies war nun weiß Gott nicht die erste schöne Frau, die er in seinem Leben vor sich sah. Wobei, in diesem Licht –

Wilhelm hatte eine Schwäche für gute Lichtverhältnisse. Allerdings kam es ihm dabei in erster Linie auf Helligkeit an. Scharfe Umrisse, die für Klarheit sorgten, die die wahre Beschaffenheit der Dinge zu Tage treten ließen. Zufriedenstellend oder unzureichend. Ja oder nein.

Die Werkzeugtasche fester umfassend, versuchte er den Raum nun so in Augenschein zu nehmen, wie es sich gehörte. Immerhin war er hergekommen, um ein Geschäft abzuwickeln.

Wilhelm Koch, Willi genannt, war ein auffallend großer Mann. Beim Reden hielt er sich daher stets leicht nach vorne gebeugt. Eine eingefleischte Haltung, die seinem Umgang mit Kundschaft, dem Gespräch auf angestrebter Augenhöhe gut bekam. Seinem Rücken allerdings nicht.

Die öffentlichen Bauaufträge waren zur Jahreswende vorübergehend eingestellt worden, angeblich wegen der Witterung. Dabei war der Winter derzeit vergleichsweise mild, es lag noch nicht einmal Schnee. Stattdessen häuften sich in der Innenstadt die Trümmer.

Wenigstens, sagte sich Willi und spürte den Anflug von Bitterkeit kaum, wurde der Schutt noch vom Kölner Dom überragt. Sanierungen und die Umbauwünsche einiger Privatiers bestimmten derzeit das Tagesgeschäft und erhoben den ‚Aufschwung’ über den Status eines Gerüchts. ‚Materialknappheit’ hingegen war ein Wort, das nur hinter vorgehaltener Hand und im Flüsterton weitergegeben wurde.

Seit die Großbaustellen brach lagen, hatten Willis Rückenschmerzen wieder zugenommen. Keine Frage, er hielt sich lieber im Freien auf. Geschlossene Räume, Enge, nein, das war nichts für ihn. Ebenso Stille. Sie machte ihn nervös, war der Hohlraum, in den Dinge einsickern konnten.

Sieben Jahre waren seit dem Ende nun vergangen; dem Ende des Krieges. Und alle sieben Jahre, sagte sich Willi zuversichtlich, wächst einem eine neue Haut.

Er liebte derlei Redeweisen und Sinnsprüche, kleine Volksweisheiten wie diese. Hier und jetzt aber, so viel stand fest, war es nicht die Haut, alte oder neue, war es nicht der Rücken, der ihm zu schaffen machte.

„Die wird Ihnen da aber viel Helligkeit wegnehmen, die Wand. Frau De Boer?“ Diesen Namen hatte er sich im Auftrag notiert. Auf der Leiste mit den Klingelschildern allerdings hatte er soeben vergeblich nach einer Familie De Boer gesucht. Womöglich war ihre Auskunft deswegen so präzise gewesen: „In die dritte Etage müssen Sie, in die Wohnung ganz rechts. Bei Heider.“

„Frau De Boer?“

Die Frau im Türrahmen rührte sich nicht.

„Das macht nichts. Mit der Helligkeit“, sagte sie schließlich und ließ seine Nachfrage hinsichtlich ihres Namens unbeantwortet. Der Junge an ihrer Seite sah Willi an. Nicht unangenehm; mehr auf eine Weise, die Willi das diffuse aber dringliche Gefühl eingab, dieses so sorgsam gescheitelte Haar zerwühlen zu wollen. Ihn hochzuheben, das dünne, bleiche Kerlchen da vor ihm, hoch hinaus zu Wind und Licht, es auf seinen Schultern reiten zu lassen. Aber momentan fiel es ihm schwer, sich überhaupt zu regen.  

Die Frau, ihr Gesicht: ebenmäßig, umrahmt von offenbar naturblondem Haar, war ebenso wie ihre ganze, in Rollkragenpullover und Caprihose dezent zur Geltung gebrachte Gestalt von jener ruhigen Schönheit, die Willi normalerweise registrierte, ohne sich davon angesprochen zu fühlen. Doch nun – da war etwas an ihr; ihre Haltung, ihr Blick, der nicht warb, nicht kokettierte, und der dennoch eine unterschwellige Aufforderung – was zu tun? – barg. Willi, seltsam betroffen, verspürte den absurden Drang, sich der Welt im Nahkampf zu stellen, jetzt gleich.

„Geh bitte in die Küche, Fred!“ – Der Junge, an derlei Anweisungen offensichtlich gewöhnt, löste sich umgehend von der Mutter. Ohne Willi aus den Augen zu lassen, griff er im Vorbeigehen nach einem Buch, das auf der Ablage im Flur bereitlag.

Donnerlittchen, das Kerlchen kann doch nicht etwa schon lesen, fuhr es Willi durch den Kopf. Während sich Fred mit seinem Buch in die Küche zurückzog, deren Tür er weit geöffnet ließ.

Und endlich, als sei durch den Rückzug des Jungen etwas aufgehoben worden, ein bislang unbekanntes Element der Schwerkraft vielleicht, konnte auch Willi sich wieder regen. Sein gewohntes Tempo, seine Sicherheiten aufnehmen, die in der Tätigkeit, der sich vergewissernden Rede lagen: „Nicht mehr hausen, wieder wohnen – was sich die Stadt da mal wieder für Fisimatenten einfallen lässt. Wissen Sie, ich bin kein Theoretiker, ich bin Praktiker. Für Wärme- und Schallisolierungen, für Deckengeschosse ist zurzeit offenbar nichts übrig, aber den Rundfunk unbedingt bis zum Sommer fertig bauen. Eines der schönsten und modernsten Funkhäuser Europas – und auf dem Weg dorthin macht man am besten die Augen zu, oder wie stellen die sich das vor? Also, wenn Sie mich fragen: Lächerlich!“ 

Ihm wurde zusehends wohler, die Wirklichkeit kehrte zurück. Frau De Boer – oder war es Frau Heider? – strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. Sie selber, sagte sie, höre gern Radio, das sei so tröstend.

Willi, der darauf nichts zu erwidern fand, empfahl ihr das Radiogeschäft Simons: „Gleich hier in direkter Nachbarschaft.“ Ein Geschäft, das weit und breit die besten Röhrengeräte anbot. Mit Garantie sogar: „Da wissen Sie genau, was Sie für ihr Geld bekommen. Der Simons nimmt auch gebrauchte Geräte in Zahlung. Falls Sie, na, Sie wissen schon ...“