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07.09.2018, 11:48 Uhr
Andrea Heuser
Text & Debatte
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© Mara Eggert

#MeToo: Wie viel Correctness ist korrekt? Fragt sich Andrea Heuser

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Andrea Heuser (*1972 in Köln) veröffentlichte 2008 ihr Lyrik-Debüt vor dem verschwinden, für das sie u.a. mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis ausgezeichnet wurde. Es folgten weitere Preise und Stipendien wie das Münchner Literaturstipedium. Im Herbst 2014 erschien ihr Debüt-Roman Augustas Garten. Die Autorin lebt heute mit ihrer Familie in München und arbeitet derzeit an ihrem zweiten Roman Das Winkelhaus, für den sie eines der Literaturstipendien des Freistaats Bayern erhielt.

Nach Nora Gomringer, Birgit Müller-Wieland und Dagmar Leupold nimmt sie hier zur #MeToo-Offensive Stellung.

*

Seismographie einer Beklemmung

Ein Seismograph macht Erschütterungen des Bodens sichtbar, er zeichnet die Bewegungen unter der Oberfläche auf, die wir zunächst vage, dann zunehmend eindringlicher empfinden. Da Beklommenheit darauf drängt, verortet zu werden, insbesondere wenn es sich bei jenem Boden um den unserer 'freien Gesellschaft' handelt, ist dies hier ein Versuch, das eigene gesellschaftspolitisch motiverte Unbehagen einmal aufzuzeichnen. Was für Ressentiments, was für Bodensätze schieben sich in den öffentlichen Debatten um den #MeToo-Hashtag, um Political Correctness und die Rolle der Kunst derzeit so fatal, so eruptiv ineinander?

Zur inneren Standortbestimmung zunächst drei Statements: Erstens: Ich sage ja zu #MeToo. Als Debatte ist das überfällig. Elementar. Zweitens: Ich sage nein zu Shit-Storms, zur öffentlichen Diskriminierung. Politisch gewendet: Ich will nicht von Menschen regiert werden, die andere mit Vieh assoziieren. Ich bin also politically correct. Drittens: Ich sage ja zur Kunst. Und zwar zum gesamten kulturellen Gedächtnis als meiner 'Habe'. Ich will mir Bilder in Museen anschauen können, auch wenn keine Frauen darauf zu sehen sind. Ich will Pippi Langstrumpf so lesen dürfen wie Astrid Lindgren es geschrieben hat, ich will Gedichte, ja, auch das Avenidas-Gedicht von Eugen Gomringer, und ich will Satire. Ich bin also politically incorrect. Ich bin ein Widerspruch. Das ist ganz sicher nicht korrekt. Was nun?

Zudem lassen die herrschenden Umstände derlei simple Statements plötzlich verstörend komplex erscheinen. #MeToo: Als Hashtag gegründet, ist er eine Offensive zunächst weiblicher Opfer, um auf das Ausmaß sexueller Belästigung aufmerksam zu machen. Jede Offensive erzeugt jedoch eine Defensive und damit zwangsweise eine Art Kampfschauplatz. Dieser lässt sich medienwirksam ausschlachten, in leider alle Richtungen hin missbrauchen. Was bedeutet da mein 'Ja'?

Ressentiments: Die AfD sitzt im Bundestag, sie regiert mich mit. Shit-Storms gehören dank Social Media längst zur allgemeinen Sprach- und Wertepraxis, sie höhlen die Demokratie aus. Diffamierungen kommen im Deckmantel der freien Meinungsäußerung daher. Von den gescholtenen Sprachtabus weit und breit nichts zu spüren. Was bedeutet da mein 'Nein'?

 

Social-Media-Hetze gegen Flüchtlinge

 

Dann die Kunst: Sie wird derzeit gern mariginalisiert oder im Umkehrschluss, siehe die Diskussion um das Gomringer-Gedicht, dämonisiert. Sie wird ignoriert, abgehängt, boykottiert, ideologisiert oder auf ihren schlichten Warenwert im Sinne eines Konsumguts und die dazu gehörigen Kriterien reduziert: Lässt sich das vermarkten? Wem kann man das zumuten? Was bedeutet da mein 'Ja'? Wohl mehr ein 'Dennoch'.

Dagmar Leupold hat in ihrem „Unbehagen“-Beitrag bereits auf die prekäre, vermarktungstaugliche Verquickung von #MeToo, Political Correctness und Kunst verwiesen. Gerade weil die Rolle des Einzelnen, politisch gewendet: die Teilhabe des Individuums an der Gestaltung der Gesellschaft immer undurchsichtiger und bereits auf Ebene der Willens- und Wunschausbildung von marktwirtschaftlichen Interessen gelenkt wird und unsere Freiheit subtilen, teils undurchsichtigen Beschränkungen unterliegt, möchte ich hier einmal bei der freien Meinungsäußerung des Einzelnen bleiben. Möchte mich anhand meiner eigenen Statements dahingehend befragen, welche Sprache mir in der öffentlichen Verständigung in Hinblick auf so wichtige, mich betreffende Themen wie #MeToo, Ressentiments und Kunstfreiheit eigentlich zur Verfügung steht? Und damit eng verbunden: An welchem Grad der Correctness müssen oder müssen sich meine Sprechakte nicht orientieren?

 

Ausbleibendes Gespräch

Oft genug wird in den Medien unsere fehlende Streitkultur bemängelt. (Unnötig zu sagen, dass in denselben Medien eine solche 'Unkultur' zugunsten stärkerer emotionaler Effekte mitbetrieben wird.) Ein prominentes Beispiel mit Tragweite hierfür ist die sogenannte Antisemitismus-Debatte. Wer will ernsthaft behaupten, dass es wirklich ein gelungenes, also ressentimentfreies deutsch-jüdisches Gespräch gibt? Man mag sich nur noch einmal die diesbezüglichen 'Schlaglichter' in Erinnerung rufen, die sich mit den Stichworten Historikerstreit, Fassbinder-Affäre, Bitburg, Walser-Bubis-Debatte, Möllemann-Affäre, Israel-Kritik, Mahnmahl-Debatte, Hohstein-Affäre verbinden. Verfehlungen, die jüngst bei der ECHO-Preisverleihung ein im wahrsten Sinne des Wortes trauriges Echo fanden. Statt eines Einspruchs: Ehrung der Rapper Kollegah und Farid Bang für ihr volksverhetzendes Werk. 

Die arg strapazierte 'Political Correctness' ist hierbei tatsächlich zunächst ein guter Indikator, denn sie führt uns rasch die Grenzen unseres Verständigungsvermögens vor Augen. Denn das, was als freie Meinung daherkommt, ist oft genug nichts weiter als gebilligte Diffamierung. So zeigt auch #MeToo als Debatte, dass es eben genau das nicht zu geben scheint, was alle diesbezüglichen Formen der öffentlichen Äußerungen, ob Outing, Polemik, Leserbrief, Statistiken, Berichte, Interviews, Initiativen, ja selbst die Anklage, die ja das Recht auf Verteidigung mit auf den Plan ruft, auf ihre Art doch anstreben: das Gespräch

Denn wer eben nicht das Schweigen, die Indifferenz oder Ignoranz wählt, der strebt in der Anstrengung seiner Mitteilung ja die Reaktion eines Gegenübers an, der das Gesagte zunächst einmal im Sinne der freien Meinungsäußerung gelten lässt, der den Sprechenden im Zuspruch wie im Widerspruch oder im Streit-Gespräch als ein gleichwertiges Gegenüber anerkennt.

Damit wird schnell klar, warum es #MeToo-Offensive und nicht #MeToo-Debatte heißen muss. Die Geschädigten, in allererster Linie sind dies nun einmal Frauen und Kinder, aber auch Männer, stehen denen, die die Macht hatten, sie in verschiedenen Graden zu beschädigen, nämlich nicht auf gleicher Höhe, also auf Gesprächsbasis gegenüber. Wie soll etwa in Form eines Outings eine Reaktion jenseits der Solidarität mit anderen Geschädigten erreicht werden, die beim Gegenüber, gar bei einem zum Kreis der Mächtigen Gehörenden etwas anderes bewirkt als reflexhafte Defensivität?

 

Hans Magnus Enzensberger © Wolfgang Maria Weber

 

„Frauen sind wie tückische Tellerminen“, der berüchtigte Kommentar von Enzensberger macht dies beispielhaft klar. Debatten, Talk-Runden, Interviews simulieren also gegenläufig zur gefühlten Äußerungsohnmacht, zu wem spreche ich eigentlich?, dass wir uns anscheinend permanent im Gespräch befinden. Nur um uns dann mittels der zutage tretenden Diffamierungen unser Scheitern vorzuführen.

Dennoch: Eine solche 'Aporie der Form' aufzeigen ist schön und gut, das allein aber hilft nicht weiter. Denn oftmals erscheint den Geschädigten das Zur-Sprache-Bringen gegenüber der Alternative, dem Schweigen, als das kleinere Übel. Wer übrigens je einem öffentlichen Gerichtsprozess beigewohnt hat, in dem die Geschädigte glaubhaft machen musste, dass sie nicht etwa das Brillenetui in der Hand hatte, sondern tatsächlich das männliche Glied anfassen musste, wird sich einmal weniger fragen, warum die Dunkelziffer im Punkto sexueller Übergriffe am Arbeitsplatz weiterhin so schwindelnd hoch ist.

 

Verbindlichkeit des Richtigen

Was ist nun dabei die Rolle der Correctness? Correctness, zu deutsch Richtigkeit, basiert per Definitionem auf Tatsachen. Dass etwas richtig ist, in Abgrenzung zum Falschen. Eine Setzung also, deren Unflexibilität allererst ein Zusammenleben nach Gesetz und Moral ermöglicht. Denn ich will ja, dass im zwischenmenschlichen Miteinander Regeln eingehalten werden. Regeln der Moral und des Anstands. Dass diese nicht jede Stunde umgeschrieben werden können, dass man sich zum Zwecke eines einigermaßen geordneten Zusammenlebens darüber verständigen können muss, was richtig ist und was falsch, versteht sich im Grunde von selbst. Unmöglich die Vorstellung, dies jeden Tag neu zu verhandeln: Ist die Würde des Menschen etwa nicht angetastet, wenn mir jemand zwischen die Beine greift, den ich nicht dazu aufgefordert habe?

„Wehr dich doch!“  ̶  Kann man derzeit allerorten, gerne aus dem Munde von Frauen, vernehmen. Natürlich kann ich mich zu einem Übergriff souveräner oder hilfloser verhalten. Das ändert aber nichts an der Verbindlichkeit der Regel. Als Bürgerin, die ich nicht als Polizistin, Lehrerin oder Richterin arbeite, bin ich allein für die Befolgung dieser Regel, nicht für deren Durchsetzung und Verteidigung verantwortlich. Ich kann, aber muss mich hier nicht als die Klassenbeste in Wehrhaftigkeit beweisen, denn die Regeln gelten gottlob sowohl für die sogenannten 'Starken' als auch für die sogenannten 'Schwachen' unter uns. Mit einem Wort: Ohne Correctness und, wo nötig, das Beharren darauf geht es nicht.

„Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen. Wir werden die Regierung vor uns hertreiben.“  ̶  Diffamierungen wie jene von Gauland, die Menschen mit Vieh assoziiert, gehören unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung derzeit fast schon zum gewohnten Ton, da die 'Shit-Storms' des Internets das Niveau der öffentlichen Bekundungen bereits so drastisch herabgesetzt haben. Sie dringen in die öffentliche Alltagssprache ein, verändern sie. Von jenem 'Maulkorb', dem Tabu, das die Political Correctness angeblich über den freien Sprachgebrauch verhängt, kann ich zumindest auf Ebene der aktuellen Debatten um #MeToo, Einwanderung sowie in Bezug auf die Äußerungen etwa eines Donald Trumps nicht viel spüren.

Weder die AfD scheint mir zum Beispiel irgendwelchen Hemmnissen unterworfen, noch die Social Media. Mittels der Political Correctness hingegen werden Diffamierungen wenigstens noch hier und da aufgespürt. Und zwar gerade aufgrund jener Starrheit, die mit der Correctness einhergeht, durch ihren oftmals lästigen Beharrungswillen, dass so etwas eben 'nicht in Ordnung' ist. Seismographisch kann sie die Bodensätze einer Gesellschaft sichtbar machen, die der jeweiligen Diskriminierung als Ressentiment oder Handlungswille zugrunde liegen. Die Schichten einer Gesellschaft, die sich, um im Bild zu bleiben, dabei so eruptiv gegeneinander schieben, sind die der Ermächtigten und die der Ohnmächtigen. Ob dies eine emotionale (Selbst-)Zuschreibung oder realpolitische Gegebenheit ist, ist zumindest für die Bildung von Ressentiments irrelevant.

 

Macht vs. Ohnmacht

Die Dichotomie auf jener Basis von Macht versus Ohnmacht  ̶  sprachlich formuliert, siehe oben: „Jäger sein“ oder „Gejagter“  ̶  kennt die unterschiedlichsten Besetzungen. Auf Ebene der sexuellen Übergriffe, des Machtmissbrauchs: Mann versus Frau, RektorIn versus StudentIn, ProduzentIn versus SchauspielerIn, LehrerIn versus SchülerIn, Sängerknabe versus Chorleiter, Kind versus Priester.

Bezeichnend ist, dass es auffallend häufig erst zu einer Anklage des Machtmissbrauchenden, seines falschen Verhaltens kommt, wenn sich jene Dichotomie wenigstens ansatzweise verschiebt. Wenn also die Handlungsweise einer als mächtiger erlebten Person von dem Geschädigten im wahrsten Sinne Zur-Sprache-gebracht werden kann, ohne dass dieser zugleich eine weitere Beschädigung befürchten muss.

Im Falle des Stardirigenten James Levine zum Beispiel wurden seine zahlreichen sexuellen Übergriffe erst im Zuge seiner fortschreitenden Krankheit offiziell publik, während man inzwischen sicher davon ausgehen kann, dass die Metropolitan Opera Jahre zuvor bereits davon Kenntnis hatte. Weswegen man sich nicht wundern muss, dass Täter wie Levine oder Weinstein, denen die Wirklichkeit jahrzehntelang gespiegelt hat, dass sie tun dürfen, was sie tun, plötzlich die Welt nicht mehr verstehen. Sie sind nicht realitätsfremd, sondern die Realität hat sich verändert.

Dass so eine der Anklage zugrunde liegende Dichotomie von Macht/Ohnmacht so gut wie nie rein privater Natur, sondern von gesellschaftlicher Dimension ist, zeigt sich daran, dass es vor allem in den auf Machterhalt gegründeten Institutionen zahlreiche Mitarbeiter  ̶  und leider auch Mitarbeiterinnen  ̶  sind, die durch unterschiedliche Praktiken der Billigung, des Wegsehens, Verschweigens, Bedrohens, Vertuschens den Machterhalt des Täters und ihre eigene Position mitsichern, zum Teil allererst ermöglichen. So erschreckte der Legende nach den Ägidius auf seinem Weg durch die Hölle bekanntlich nichts so sehr wie der schwankende, tiefe Boden, der nämlich aus seinesgleichen bestand: aus Weichlingen. Aus Mitläufern und denen, die nichts in ihrer Selbstgefälligkeit und Selbstsicherheit erschüttern konnte.

 

Ägidius von Assisi, Bildausschnitt aus der Basilika Santa Maria degli Angeli bei Assisi © Joachim Schäfer CC BY 4.0

 

#MeToo ist notwendig. Die Sprecherrollen im öffentlichen Diskurs sind jedoch (schon vor jeder juristischen Klärung ihrer strafrechtlichen Relevanz) zwangsweise dichotomisch verteilt: Aufdecken, aufzeigen, anklagen einerseits. Abwiegeln, leugnen, gegenklagen andererseits. „Frauen sind wie tückische Tellerminen.“

Die Political Correctness seismographiert eine ebensolche Aussage wie die von Enzenzberger nicht nur als Diffamierung, sondern als Solidaritätsbekundung gegen Frauen. Als Gegenerschaft also genau dort, wo ein Gespräch zur Sache weiterhin vorgegaukelt wird. Sie deckt Unterschwelliges auf, sie hilft, auf Regeln des Anstands zu beharren. Einen Menschen als „tückische Tellermine“ zu bezeichnen, ist tatsächlich niemals richtig.

Dennoch: Bietet die Political Correctness eine Stütze für die Kommunikation des öffentlichen Miteinanders und Verhaltens an, so wird sie dort zum einzwängenden Korsett, wo es eben nicht um das Zur-Sprache-Bringen, um das Verhandeln von Taten und Tatsachen im weiteren Sinne geht, sondern um dynamischere Prozesse der Sprachanwandlung, um Vieldeutigkeit und Ambivalenz. Mit anderen Worten: um Kunst.

 

Ein Gedicht ist nicht korrekt

Ein Gedicht kann zum Nachdenken darüber anregen, was richtig oder falsch ist, es selbst ist niemals 'richtig' oder 'falsch'. Ein Gedicht ist nicht korrekt. Meine Lektürehaltung ist es entsprechend auch nicht. Im Sinne meiner Statements heißt das: 'Nein' zur Political Correctness in der Kunst. 'Ja' zur Kunst! Sie hat es 'unter dem Diktat von Markt und Macht', um mit Norbert Niemann zu sprechen, sowieso schon schwer genug. (Erschütterungen. Literatur und Globalisierung unter dem Diktat von Markt und Macht, 2017.)  

Wer also die Kriterien der Political Correctness auf ein Kunstwerk anwendet, der beraubt es seiner Existenz als vieldeutiges, subversives System, das sich nicht bloß konsumieren, das sich nicht ideologisieren oder zur Propaganda umfunktionalisieren lassen will. 

In Hinblick auf #MeToo, Shit-Storms, Diffamierungen und andere brisante Phänomene kann sie, die Kunst, uns aber vielleicht eine andere, dynamischere Art der 'Richtigkeit' als die der Political Correctness anbieten: Das der Correctness, der Richtigkeit zugrundeliegende Adjektiv „richtig“ bedeutete ursprünglich nicht das Gegenteil von „falsch“, sondern „gerade, nach der Richtschnur ausgerichtet“. Damit nimmt es mehr auf das wesentlich dynamischere „(Aus)richten“ Bezug als unmittelbar auf „recht“. Da 'richtig' nicht gleichzusetzen ist mit 'wahr', die Correctness nicht mit der Wahrheit deckungsgleich ist, wäre es eine weiterführende, spannende Frage, einmal über das Folgende nachzudenken: Kann das, was korrekt ist, dennoch unwahr sein? Und im Umkehrschluss: Inwiefern kann es im inkorrekten Raum der Kunst um so etwas wie Wahrheit, oder vielmehr um Wahrhaftigkeit gehen?

 

Gesetz und Eigengesetzlichkeit

Wie auch immer, die Kunst mit ihrer einzigartigen Möglichkeit der Eigengesetzlichkeit, der eigenen 'inneren Richtschnur', wenn man so will, bietet uns an, uns über eine mögliche Wirklichkeit, ebenso wie über unsere (oder eine vergangene) Gesellschaft im Sinne eines Zuspruchs oder Einspruchs zu verständigen, uns kritisch in ihr zu spiegeln, unsere Wahrnehmung in Form einer Selbstbefragung verändern zu lassen. Konsens ist dabei nicht das, was sie fordert, sondern genau das, was den meisten Debattenführenden abgeht: Einfühlung. Und damit eröffnet sie mir die Möglichkeit lesend, schauend, hörend neue, andere Erfahrungen zu machen. In ein Gespräch einzutreten.

 

Liegender weiblicher Akt, Egon Schiele, 1917

 

Kein Wunder, dass im Wirkungsraum der hochkomplexen Mechanismen von 'Markt und Macht' gerade der Kunst so misstraut wird. Sie wird oft genug marginalisiert, indem sie entweder als reiner Unterhaltungsgegenstand auf den möglichst kleinsten Nenner, ihre größtmögliche Anschlussfähigkeit heruntergebrochen wird, oder sie wird boykottiert. Und zwar dort, wo sie sich nicht im Sinne einer wie auch immer gearteten Botschaft funktionalisieren und ideologisieren oder sich gar, siehe Gomringers 'Avendias'-Gedicht, als Widerspruch zu einem neu formulierten Wirklichkeitsanspruch lesen lässt. Im Falle von Gemälden wird sie sogar, im wahrsten Sinne des Wortes abgehängt, weil 'frauenverachtend.'

Wollen wir jetzt Amnesie? Das kulturelle Gedächtnis und damit uns selbst abschaffen? Während also die Ressentiments einer Partei wie etwa der AfD zur Meinungsfreiheit geadelt werden, billigt man der Kunst eine solche 'Freiheit' nicht zu.

Warum kann ich nicht eine Pippi-Langstrumpf-Ausgabe mit einem erläuternden Kommentar zum „Negerkönig“ versehen, wo wir doch Kommentare so lieben? Das macht jedem, der es braucht, den Kontext, die Zeit, die jedes Werk atmet, deutlich. Und ich kann ansonsten das Werk als Werk gelten lassen. Ein Kunstwerk deckt ja gerade eine Sache nicht zu, sondern auf.

Aufdecken, in den freien wilden Raum eintreten und sich dieser vielschichtigen Art der Selbstverständigung aussetzen. Das ist und bleibt das ganz und gar unkorrekte Forum der Kunst.

 

Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren

 

Dennoch: Moral und Kunst werden zunehmend, ich empfinde dies als zutiefst bitter, gegeneinander ausgespielt. Und zwar über die Lichtgestalt des Künstlers. Auch in punkto #MeToo musste man leider wiederholt Sätze wie diese lesen: „Aber er ist doch ein so genialer Künstler“, „Er hat doch so viel geleistet“. Muss das Kunstwerk seine Eigengesetzlichkeit mitunter auch gegen viele Widerstände behaupten, ihr Schöpfer steht deswegen wie jede andere Person nicht außerhalb des Gesetzes. Gerade diese zwei Ebenen möglichst auseinanderzuhalten, den inkorrekten Raum der Kunst und den korrekteren öffentlichen Raum des zwischenmenschlichen Miteinanders, halte ich für wesentlich. Ist die Political Correctness für die Freiheit der Kunst geradezu fatal, kann die Kunst im Umkehrschluss jedoch durchaus als Wahrnehmungskorrektiv produktiv wirksam werden. Sie stellt 'das Richtige' ebenso infrage wie 'das Falsche', bietet Lesarten menschlichen Daseins und Verhaltens, aus denen sich keine Dogmen ableiten lassen, sondern Einsichten.

Die Kunst selbst ist, trotz der ihr inhärenten Anarchie als belebendem Moment, ja gar nicht so frei, wie gern behauptet wird. Sie kann es nicht sein, weil der Kunstschaffende es nicht ist, natürlich je nach Grad der gesellschaftlichen Restriktion in größeren Abstufungen.

Busoni hat einmal von der Tonkunst gesagt, es sei ihre 'Bestimmung frei zu werden'. Dieser unabschließbare, graduelle Frei-Werdungs-Prozess der Kunst ist lebensrelevant für mich sowohl als Autorin wie auch als Rezepierende von Kunst. Sie macht mir ein Angebot der Einfühlung, der Erfahrungsmöglichkeiten von Welt, hinter dem die öffentlichen Diskurse, die etwas möglichst eindeutig Zur-Sprache-bringen möchten, weit zurückbleiben. Insofern sollte sie, die Kunst, immer das letzte Wort haben.

Abschließend daher ein Auszug aus einem politisch inkorrekten, einem satirischen Text des Komponisten Moritz Eggert:

 

Lektüren zu Eugen Gomringers "Avenidas"-Gedicht

 

Das Original:

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

 

Die Übersetzung des Originals:

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

 

Wie es Dieter Wedel liest:

Filme
Filme und Schauspielerinnen

Schauspielerinnen
Schauspielerinnen und Casting

Casting
Casting für Filme

Casting für Filme und Schauspielerinnen
so wird's mir kommen

 

Wie es Feministinnen lesen:

Egal
Egal und blabla

blabla
blabla und FRAUEN!!!

Egal
Egal und FRAUEN!!!

Blabla und Egal und FRAUEN!!! und
ein lüsternes Macho-Arschloch, das sich beim Anschauen einen runterholen will.

 

Wie es Donald Trump liest: 

Avenues
Avenues and buildings

Buildings
Buildings are real estate

Avenues
Avenues are also real estate

Stock Market
Stock Market and buildings and real estate and...

Covfefe

Covfefe and Avenues and somebody
Covfefe and Avenues and somebody will have to pay that porn actress

Starbucks
Starbucks makes covfefe

Porn Actress
Porn Actresses
More Porn Actresses

Porn Actresses and Porn Actresses and
Porn

Avenues and buildings and real estate and Stock Market and covfefe and fake news and porn actresses and

grab her by the pussy

 

Wie es die AfD liest

Flüchtlinge
Flüchtlinge und Immigranten

Immigranten
Immigranten und Fremdenangst

Fremdenangst
Fremdenangst und Flüchtlinge

Flüchtlinge und Immigranten und Fremdenangst und
ich komm nicht mehr so richtig mit, Leute

 

 

[Dieser Text von Andrea Heuser ist auch in der aktuellen Ausgabe von die horen erschienen.]


Externe Links:

Andrea Heuser beim Literaturport

Zeitschrift die horen


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