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28.07.2020, 17:32 Uhr
Andrea Heuser
Kultur trotz Corona
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© Mara Eggert

Ein Gedichtzyklus in Zeiten von Corona. Von Andrea Heuser

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Abensberg, Turmayr-Denkmal mit Nase-Mund-Bedeckung im Juni 2020

Andrea Heuser (*1972 in Köln) studierte Germanistik, Politik und Vergleichende Religionswissenschaften an den Universitäten Köln und Bonn. 2008 promovierte sie mit einer Studie zur deutsch-jüdischen Literatur. Im gleichen Jahr erschien ihr Lyrik-Debüt vor dem verschwinden, für das sie u.a. mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis ausgezeichnet wurde. Es folgten weitere Preise und Stipendien wie das Münchner Literaturstipendium. Im Herbst 2014 erschien ihr Debütroman Augustas Garten. Die Autorin lebt heute mit ihrer Familie in München und arbeitet an dem Roman Das Winkelhaus, für den sie zuletzt das Münchner Arbeitsstipendium erhielt.

Die aktuelle Corona-Krise hat Andrea Heuser zum Anlass für einen bislang unveröffentlichten Gedichtzyklus genommen, mit dem sie an Kultur trotz Corona teilnimmt, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung bayerischer Literaturschaffender. Wir veröffentlichen hier ihren vollständigen Zyklus und eröffnen damit die Präsentation der Reihe.

*

Entsicherte Landschaft

 IN DIESEM FRÜHLING erstarren die Blüten – man sieht es ihnen nicht gleich an,
Auch wer sich nach Wärme, ach was, nach Lichtem sehnt, dem wird durchaus gegeben,
Stars float along the void – Wann aber war es, dass sich die Tage, wie Jahre noch blättern ließen,
Als wir, bemäntelt nur mit unseren Häuten, einander nackt, sehend wurden –
Jetzt herrscht Endzeitberechnung, und ich traue meinem Herzschlag nicht. Ich gehe neben mir her,
Halte Abstand in diesem unwirtlichen Gebiet, dessen Sprache ich nicht beherrsche.
Ich werde sie lernen, lerne schon, ich sehe ja, dass alles möglich ist, nichts ruht.
Verifizierung, Falsifizierung – Du malst Dir einen goldenen Zahn,
Ich zeichne ein Wollmammut und horte Konserven.

Manchmal, da gehe ich nach draußen. Ich bin argwöhnisch. Habe ich alles, mich verriegelt?
Sicher,
Die Sonne streift meine Wangen, gelassen. Was kümmert es sie,
Dass sie mich einfach so betritt, als sei ich stets zugänglich. Reicht dies etwa aus
Dies Wissen, dass sie es ist, the one and only, die unser aller Leben bemaß, bemisst,
Sie, die die Schatten erfand, die Erbarmungslosigkeit und unsere sanfte, lustvolle Erschöpfung.
Ich wünschte, ich könnte sie leugnen. Sie wegen irgendetwas drankriegen. Nun aber summt sie.   
Such beauty – Gewiss, die Bienen kommen früh in diesem Jahr – aber starben sie nicht bereits aus? Und warum wäre das von Bedeutung?

Ich weiche gerne aus, ins Englische, zum Beispiel. Ins Faktische. Gegebene. Nebensätze,
Nebengedanken. Ins Beiläufige, Chats und andere Verschaltungen. Virenfrei ist
Nichts,
Void, stars float along the void...
Die Natur macht mir zu schaffen. Ich hinterfrage das nicht, dazu fehlt mir die Zeit und der Sinn
Ich horte Konserven, nein, keine Ängste! Ich bin geschmacklos. Nicht krank. Diverse Tests
Habe ich durchlaufen. Und ich lerne, verlerne, lerne. Wann war es, dass...
Die Schnecke ist eine Langstreckenläuferin, derzeit verschleimt sie die Reste meines Vorgartens.   
Love me tender... Ich übersetze mich. Ergebe mich nicht. Lasse nicht ab. In diesem Frühling –

 

 

DEN SOMMER ERKENNE ICH NOCH an seinen Bäumen, so selbstversunken
Grün, dass selbst Stubenhockersinne weich, übermütig werden
Die Wiesen, lippenblütig, tief erregt erbeben –

Dieser Sommer legt den Frühlingsvogel ins Grab
This summer buries a spring bird
Wirft sein Gold so großspurig vor's Dunkel
Als sei Blindheit ein Geschenk

Erzwinge nichts! Horte die kühlen
Verblichenen Farben derer,
Die es fortzog, – zöge

Gäbe es das, Flügel

 

 

EINMAL NOCH Vögel
Von Zugvögeln träumen
Von Wolkengeschwindigkeit
Davon, zielstrebig flüchtig zu werden
Von jetzt auf gleich federleicht zu verschwinden

Kontur geben dem blinzelnden Moment
All jenen, die ohne jede Erwartung zum Himmel
Aufzublicken gewohnt sind
Die Starre lösen und Herzschläge später
Die Starre wieder fixieren: sie zogen fort

Viele sein! Flügel und Leiber, Wind
In den Windschatten gleiten
Auf Autopilot schalten, wenn weit unten
Ein Hund heult, Gänse sich scharren
Um altes Gebein, Steine einstürzen – all dies
 
Was nicht aufhören will zu haften: hinter sich lassen
Die Brutgebiete
Schwerkraft der Herkunft
Und die dazugehörige zähe Wiederkehr trüber Aussichten
Verhaltenslehren der Kälte

Fort! Lichtjäger sein, Formationsprofis
Fliegen, in Höhen-, in Sturzflügen
Fortwährend fliegend sich krallen, sich paaren
Nahrung erhaschen im Flug und
Weiter, weiterfliegen im Zwielicht, im Schlaf, dort:

Einer sein. Vogel  
Der alles verschönt
Er, spricht der Traum, harrt aus

Nester baut er, üppig, umhegend wie Liebeslauben  
Bodennester, die hundertfach ihn überragen

Aus Blättern, Zweigen, die er färbt im Mundsaft der Beeren
Aus Federn, Steinen, all dem Tand
Dem Verworfenen, das ihm, es auffindend, Glanz ist
Er, versichert der Schlaf, erklärt mich als nicht vorhanden
Seine Schöpfung verzehrt ihn, lässt maßlos ihn

Den Himmel nicht erkennen, der
Hoch oben sich räkelt
Verhüllt, und manchmal rötet
Komm!
Komm!

Er jedoch wartet. Auf die eine, die mögliche Braut
Pfeift, tanzt, flattert, zeigt, hofft, harrt
Und all dies, so flüstert's schlafwärts
Den Vielen, dem Wind
Meistens vergebens   

 

 

BEINAH HERBST, und immer noch stockt die innere Uhr
And the devil still comes visiting his poor relations
Jeden Morgen halte ich den Atem an, doch
Die Kaffeemaschine funktioniert weiterhin
Und so schlinge ich meine Finger um diese konkrete, flüchtige Wärme
Der Tasse, die einst die Deine war –
Mit der Zeitung red' ich nicht gern, ich lasse sie rascheln
Das Laub, das unsere Füße aufwirbelten –
Gerüchten zufolge fällt es weiterhin stoisch, in Farbe
The woods are lovely, dark and deep...
Soll ich wider besseren Wissens die Vorhänge öffnen?
Ich gähne – Miles to go before I sleep...
Mein Lippen beginnen bereits zu vergessen

 

 

ALS DER VOGEL FLOH, mir aus dem Mund trieb
Mit den Bauch nach oben, als sei er – endlich – ein Fisch
Inwendig durchspült von müdem Gewässer, Jahre und Tage
Da waren die Kammern der Seelen leer, das ganze System der Verteilung
Laut Verschwörungen an sein Ende gelangt
Und die Gläubigen wurden hush-a-bye von ihren Dämonen hinweggefegt
Während den Zweiflern die Lösungen all ihrer Rätsel zufielen
Alle Bilder, alle Fragen der Welt auf einmal in den Hirnen sich entschlüsselten
entcodierten – Ich komm nicht heraus auf dem Mund, ich komm nicht heraus,
Ich komm nicht heraus aus dem Mund, ich komm nicht heraus – Ein raunendes
Polyphones Ausbluten aller Substanz, die so allmählich als hätte sie noch Zeit
Allerorten aus Augen und Ohren lief, ein universales, mechanisches Pochen schlug
Laut, lauter ein auf die Masse der Herzen, war in den Herzen war Herz um Herz
War Donner, Vogel war Mund... Der Vogel, er flieht und flieht, er kommt an dein Fenster
Mitunter nur um dir seine Flucht zu zeigen, er schlägt seinen kleinen Trommelwirbel...
Ich komm nicht heraus aus dem Mund, ich komm nicht heraus
Ich komm mich heraus aus dem Mund
Ich komm nicht heraus

 

 

DUNKELKAMMER: Träumen, rapid
eye movement wie ein Vogel flöge
in die entsicherte Landschaft
Spreizen, das Hirn weit, weiter
bis das Denken zerstiebt
Versperrt dieser Strand
Bleiche, lichtbrechende Pfützen
Pulsierend nur der Rand der Innensicht, die sich
ins Vage verliert, der schmale Streifen
Meer, solider als der zögerliche Himmel
Die geile, tote Gischt unter
schwindender Sonne
                            flatline
Und das Herz, der Vogel schreit
Unerreichbar
Sanfter Körper
Blass vor dem Jenseits
krallen sich Finger ins Unterbelichtete

 

 

MEIN KOPF, ER GEHT SPAZIEREN
Bis in die Pflaumenmonate ragt tief der Himmel
Will Wolke unter meiner Kopfhaut sein
Man kommt nicht hinein in den Traum

 

 

HINTERLAND. Tage, und wieder

Als seien es Tage nur, dass

Wüste war – vom Auto aus gesehen – Wüste!

Wieso Wüste, wirst Du gleich sagen, sieh doch

Endlich einmal keine Landschaften, sondern nur
Natur – Da fällt mir zunächst aber Grün zu ein
Saatwuchs und Pflanzen. Gräser, Gras und
Wasser, Wasserlilien und Schilf, Binsen, Weiden und
Blätter: Buchenblätter, Birken-, Pappel-, Klee-
Kastanien und Löwenzahnblätter, Wiesenkraut
Fliederzweig, grün –  
Die Erde ist aber rot. Sagst Du
Dabei, wenn ich aus dem Fenster sehe
Sehe ich ja, dass die Erde dort rot ist.
Die Erde ist rot, auch der Staub ist es.
Staub, den wir wirbeln lassen während wir
Schon wieder anderswo sind, wenn er sich legt  
Trotz der Hitze, wir schließen die Fenster
Wir schauen nach vorn wo – mein Gedanke an
Grün weicht weiter – wir schauen nach vorn
Wo erneut Staub entsteht

Mauvaise route, sagt der Fahrer
Er lacht, weil die Hauptverkehrsstraße
Die schnelle Gerade von Accra nach Togo
Heute gesperrt ist
Für Autos, für Menschen
Und für all die Menschen, die etwas an
Menschen in Autos verkaufen
Hier draußen aber kauft sich keiner was

Keine Verbindungen hier
Nichts mehr zu sehen von Accras Mehrspurigkeit
Schlangenrücken, züngelnden Waren, Drehscheiben-
Verkehr, hier gibt es nur Erde, die Erde ist rot
Auch der Staub ist es
Staub, den wir wirbeln lassen während wir
Schon wieder anderswo sind, wenn er sich legt
Die Erde ist rot
Nur klebt jetzt ihr Bild an uns, den Rädern
Der Karosserie, den Felgen, den Scheiben
Trotz der Hitze, wir schließen die Fenster
Wir schauen nach vorn, wo – Gedanken an
Grün bleicht weiter – wir schauen nach vorn
Wo erneut Staub entsteht
Staub, der die Schlaglöcher aber nicht füllt
Sieh doch, diese Löcher – Sagst Du
Als würde ich sie nicht sehen
Dabei, Löcher, nichts hat eine solche Präsenz
Diese hier, verschwinden werden sie erst, wenn Regen fällt
Der Regen füllt die Löcher mit Wasser
Das Wasser wird rot sein

         aus meinem Mund möchte ich gehen
         aus meinem Mund,
         aus meinem Mund möchte ich gehen
         aus meinem Mund,

Mauvaise route, sagt also der Fahrer
Vielleicht mag er Umwege
Schließlich verdient er mit diesen Umwegen mehr Geld
Dabei, Löcher wie diese besiegen die Straße
Sie schlagen jede Bewegung, jeden Gedanken
Selbst Körper in Bögen

Was eben noch gerade war, durch sie wird es krumm
Diese hier, verschwinden werden sie erst
Wenn Regen fällt, der Regen füllt
Die Löcher mit Wasser
Das Wasser wird rot sein
Mauvaise route, sagt also der Fahrer
Vielleicht mag er Bögen
Schließlich verdient er mit diesen Bögen mehr Geld
Jeder Kilometer hier draußen bringt die Cedi-Scheine
In unseren weißen Taschen zum Blühen
Wie weit, denke ich, müsste er fahren
Bis auch das letzte Bündel Geld, unsere Körper
Verbraucht sind, wir blank sind bis auf die Haut
Unsere Zahlkraft verfällt, wir nichts mehr wert sind
Nichts, dass man nicht in Erde und Staub   
Schnell wieder vergisst
Wie weit würden wir, kämen wir ohne
Wasser, ohne Wissen und Wege
Wie weit, denke ich, wie weit
Hier draußen, wo Erde, Staub
Wo unsere Knochen schnell bleichen
Dabei, manchmal färbt sich der Staub hier auch golden
Weswegen wir gerne Goldküste sagen, Elfenbeinküste
Namen blinken ihre Versprechen
Von den Rändern der Welt
Wie weit würden, wie weit kämen wir
Wie weit, denke ich, wie weit
Dabei, wir sitzen hier hinter den Scheiben
Als hätten wir Afrikas Banken beraubt
Auch ein Kasino – wenn es Kasinos hier gäbe
Hätten mit Falschgeld gespielt, uns die Hosentaschen
Die Beutel über der Brust aufgefüllt mit
Blüten einer sterbenden Währung

Das Leben ist kurz, unsere Hemden sind hell
Wir tragen die Ärmel bis weit über die Hände
Das bietet mehr Schutz

         aus meinem Mund möchte ich gehen
         aus meinem Mund,
         aus meinem Mund möchte ich gehen
         aus meinem Mund,

Mauvaise route, sagt also der Fahrer
In Togo, sagst Du, spricht man französisch
Wir nähern uns der Grenze
Der Grenze zu was?
Zu Togo, sagst Du
Wenn man von Ghana aus denkt
Zu Ghana, sage ich
Wenn man von Togo aus denkt, dabei
Die Nähe zum Meer ist für diese Straße nicht mehr
Als das Gerücht einer Grenze
Verschwinden wird es erst, wenn Regen fällt
Nur der Regen bringt noch Straßen wie diese zum Meer
Regen – Du prüfst, ob die Scheibe auch regensicher ist
Schau, auch die Dörfer sind rot, sage ich
Das liegt am Lehm, sagst Du  
Das liegt am Staub
Das liegt an der Erde
Ich aber fange an die Leiber zu sehen
Die kleinen, geduckten von Hühnern und
Ziegen, die der Ziegen ganz nah
An den Wänden der Hütten
Das erinnert sie an das Gebirge, sagst Du
Dabei, Berge haben wir bislang nur in der Ferne gesehen
Die Menschen dort hielten sich gerade

Auf den Köpfen Lasten, die Kinder in Tüchern
An ihre Körper gebunden
Hier aber hocken die Frauen
Ihre Hände machen allerlei Essbares zu Brei
Kinder kicken ein Rund
Andere treiben mit Stöckchen ein verirrtes Vieh
Das ist weniger nackt als sie, vor sich her
Männer schlafen unter allem, was
Einen kleinen Schatten herwirft
Vor uns heben sich Gesichter
Heben sich Hände, sie schlagen den Staub
Staub, der in die Löcher gar nicht erst fällt
Wenn er sich legt
Während wir schon wieder
Anderswo sind
Der Staub ist rot
Nur klebt jetzt sein Bild
An den Gesichtern, den Händen
Hier sind die Lehmhäuser bunt
Eine außerirdische Firma hat sie bemalt
Mit Werbung, Omo und Wella
Wir kommen näher
Unsere Blicke formen ein Foto
Wir kommen näher

         aus meinem Kopf möchte ich gehen
         aus meinem Kopf,
         aus meinem Kopf möchte ich gehen
         aus meinem Kopf,

Wieder hebt sich was
Hände, Gesichter lachen
Sie zeigen mit Fingern auf uns

Wir aber fliegen vorbei
Ein lärmender Wind aus Metall
Vielleicht mehr als ein Auto
Vielleicht auch weniger
Zwei bleiche Monde hinter der Scheibe, vielleicht
Flieger, welcher Flieger?
Fragt das der Fahrer?
Vielleicht spricht er doch englisch, spricht er
Deutsch, vielleicht liest er den Himmel
Flieger, Nachts sind sie laut, denke ich
Dabei, wir haben ja noch gar keine Nacht hier verbracht
Nacht, ich schaue nach vorn, wo kein Staub mehr ist
Erde nicht, wo Dunkelheit streckt sich nach oben
Bäume strecken, fächern den Himmel fremd
Affenbrot-, Dschungelbuchbaum, verschleierter
Mond, manchmal fällt hier einer herunter
Tiefflieger, nachts, sie kratzen die Wolken
Vom Himmel, fallen in Erde, in Staub, schwinden
Verschwinden werden sie erst, wenn Regen fällt
Regen füllt Löcher mit Wasser
Wasser, das Wasser wird Erde, Erde ist
Rot – Wach auf! Sagst Du
Dabei, ich sehe, dass auch dein Gesicht müde ist
Du denkst an deine zarte, blasse Geliebte
Europa, sagst Du, Europa, und
Jemand von dort wartet hier hinter der Grenze, wartet
Auch ein Motel wartet, Betten
Klimaanlage, fließendes Wasser
Bald sind wir da, warum zum Teufel ist denn der Motor
Sind die Zikaden so laut, als hingen wir noch in der Luft
Auch Moskitos fliegen nicht lautlos, fliegen
Weiter, bloß keine Panne hier draußen
Weiter, in Bewegung bleiben

Hier hinter den Scheiben prüfen, ob die Scheiben
Der Motor, warum ist denn der Motor sind die Zikaden
So als hingen wir noch in der Luft, auch Moskitos
Fliegen nicht lautlos, wir haben von ihrem Fieber gehört   
Fieber, ja doch, Hitze, das ist Hitze, die mir da
Hinter die Augen kriecht
Die Augen, die Lider sind  
Rot – Das liegt an der Hitze am Staub, das liegt
An der Erde, dabei
Auch die Dörfer waren ja rot darin
Die geduckten Leiber die schwarzen
Von Hühnern Ziegen Kindern Frauen, jetzt
Wo es dunkel ist, wir nähern uns der Grenze
Jetzt, wo es Nacht ist, ist Grün Schlingpflanzen
Leuchten staudenblättrig stängelig Grünes biegt sich
Über den Weg grün ist das Dunkel an seinen Rändern ist
Grün nahe dem Boden grün biegt sich die Straße jetzt
Grün führt sie weiter zwischen blättriges stängeliges
In buschbaumdichte Schlingbetten Grünes greift sich  
Grün – Wach auf! Sagst du, dabei
Tiefflieger, sage ich, Tiefflieger so laut
Die Scheiben, jemand hat sie geöffnet

         Berührungen,
         in die Berührungen gehen

Was vom Tage übrig blieb ist Straße, überall
Brennend der Müll, die Schwüle, der Schweiß
schwelender Fisch, Garküchenpfeffer, huschende
Schatten, Köpfe, Kerosinlicht, Trommeln, Gelächter, jetzt auch
Flüsternde Stimmen, Gesang, auch Augen, ja, Augen
Ruhig die Augen, sagst Du, als hättest
Ach, Du hast noch nichts von diesem Fieber gehört, dabei

Meine Stirn bleibt kühl wo deine Hand sie berührt
Als sei sie der Wüste tiefstes Gestein
Erinnerungen einer alternden Zeit
Silur und Kambrium
Kreide und Stein
Gegründet auf
Kühler bergender Stille
Als hätten sich hier niemals
Die Schichten verschoben
In Fieberschüben
In Schüttelfrösten
Unter klarer lidloser Stratosphäre
Als sei allein Gras, das Gras, das
Über die Risse Spalten die Wunden sich
Schlingt staudenblättriges
Stängeliges sprießendes
Üppiges Buschwerk Weg
Keine Wege mehr Betten Augen
Vorhänge Laken das Kissen über
Kopf Augen Ohren nichts hören nichts
Sehen schlafen
Schlafen in Silur in Kambrium
Warum ist denn der Motor sind die Zikaden
 
         Berührungen
         in die Berührungen gehen

Dabei
Europa Deutschland jemand von dort
Jemand ist hier ist hinter der Grenze ist wachsam
Er wartet auf Reisende wie wir es sind
Wir wissen nichts davon, sagt er, was man hier draußen
In der Wildnis noch alles so

Auch was es eigentlich schon gar nicht mehr gibt
Wird sich finden alles was da bleibt
Ohne Riemen ohne Tücher
an den Körper gebunden
Tage
Karge Tage
Das Reservoir der Wünsche
Schlummernd in Silur
Kambrium Fels
Als stürmten nur
Anderswo
Meere
Und zerrissen die Ufer der Horizonte
Als stürmte nur
Anderswo
Hitze das ist die Hitze die mir da
Hinter die Augen kriecht die Lider
Den Augen sind sie nicht mehr
Als das Gerücht einer Grenze
Die Scheiben aber die Scheiben
Sind fort ich komm nicht heraus aus dem Kopf
ich komm nicht heraus aus dem Kopf ich
komm nicht heraus komm nicht
komm nicht komm
nicht säen Pflanzen
Asphaltieren
Straße Währung Sprache
Häuser gebaut aus Stein
Vertraute Gesichter
Greifen verfehlen
Sinken in Nischen
Loses Grau rau raspelt es
Splittert Himmel  

Der Himmel
Berührungen    
In die Berührungen gehen  
Von den Rändern der Welt
Fliegen
Tiefer fliegen
Fallen über die Erde
Fallen in Schüben kreisen
Die Erde befallen den Staub
Den Staub
Staub fällt
Das Gerücht einer Grenze
Ist nah ist hier
Ist hier unter der Haut
Das Vibrieren deine
Meine Stirn gegen das Glas gedrückt
Hier hinter der Scheibe meine
Meine Stirn gegen das Glas
Augen
Vibrieren
Augen
Blicke
Zart
Blass

Berührungen
In die Berührungen gehen  so

Suchend als seien
Tage

Und wieder
Als seien es

Tage nur
dass
 
Wüste,

 

 

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