Hommage zum 100. Geburtstag: Falkenberg 1945 – Zwischenstation für Günter de Bruyn
Günter de Bruyn, dem laut Marcel Reich-Ranicki der Ruf vorauseilte, „einer der besten DDR-Prosaisten seiner Generation“ zu sein, lebte zuletzt in einem kleinen Dorf in der Mark Brandenburg. Neben Christa Wolf, Christoph Hein, Ulrich Plenzdorf und dem Naturlyriker Wulf Kirsten zählte er zu den wenigen Autoren der ehemaligen DDR, die das in der Honecker-Ära beschworene Bild gesellschaftlicher Harmonie hartnäckig in Zweifel zogen. Sein bewegter Lebensweg führte ihn im Mai 1945 auch in den bayerischen Landkreis Tirschenreuth und verankerte Orte des Stiftlands fest in der deutschen Literaturgeschichte. Eine Würdigung von Bernhard M. Baron anlässlich des 100. Geburtstags des Dichters.
*
Günter de Bruyn (1926-2020), gebürtiger Berliner, zählt nach dem Zweiten Weltkrieg – währenddessen er kurze Zeit als Lehrer und Bibliothekar tätig war – zu den bekanntesten und stilistisch niveauvollsten Schriftstellern der DDR-Literatur. Der mehrfach mit namhaften Literaturpreisen ausgezeichnete Autor schildert in seiner Prosa und Essayistik den Alltag in der DDR in einem ironisch-distanzierten Ton. Im Jahr 1968 erschien Buridans Esel, 1979 folgte Märkische Forschungen und von 1999 bis 2003 seine ausdrucksstarke Preußische Trilogie. 1976 gehörte Günter de Bruyn zu den Mitunterzeichnern des offenen Briefes gegen die Ausbürgerung des DDR-Liedermachers Wolf Biermann. Im Oktober 1989 lehnte er den „Nationalpreis der DDR“ unter Hinweis auf die „Starre, Intoleranz und Dialogunfähigkeit“ der DDR-Regierung ab.
Für den ersten Teil seiner Autobiographie Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin (1992), die 1945 auch den Landkreis Tirschenreuth streift, erhielt Günter de Bruyn 1993 in München den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. In seinem Familien- und Entwicklungsroman Zwischenbilanz beschreibt er anschaulich, welche Kräfte einen Heranwachsenden beeinflussen und auf ihn einwirken, sowie die Desillusion am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Günter de Bruyn stammte aus einer holländischen Schauspielerfamilie, die im 15. Jahrhundert über Cleve und Köln sowie gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach Bayern kam, um hier ihr Glück zu versuchen. Günter de Bruyns Vater Carl besaß den Heimatschein des Freistaates Bayern, sein Großvater Eduard de Bruyn war Oberförster im bayerischen Viechtach (Landkreis Regen/Bayerischer Wald). Aus dieser großen, weitverzweigten Schauspielerfamilie stammte übrigens auch die beliebte, besonders aus der bayerischen TV-Serie Komödienstadel (BR) bekannte Schauspielerin Katharina de Bruyn (1940-1993). Am 10. Juli 1975 gastierte die volkstümliche Akteurin mit dem Tourneetheaterstück Glück mit Monika im Weidener Josefshaus. Katharina de Bruyn, die auch auf der Luisenburg in Ludwig Thomas Filser auf der Bühne stand, war langjährige Partnerin der populären Volksschauspieler Gerhart Lippert und Maxl Graf.
**
Günter de Bruyn wuchs in Berlin in einem römisch-katholischen Milieu auf; in seinem Stadtteil wohnten sowohl der linksintellektuelle Dichter Erich Mühsam als auch der SS-Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann. Die Eltern lasen das katholische Zentrums-Blatt Märkische Volkszeitung, sein Bruder Karl-Heinz war Mitglied im Bund Neudeutschland. Der lesefreudige junge Günter zählte bald Karl May zu seinen Lieblingsautoren. Im Jahr 1938 wurde die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend (HJ) für den wanderfreudigen und ausflugsbegeisterten Günter „obligatorisch“. Mit der Realität der Geländespiele und militärischen Übungen seines „Fähnleins Leuthen“ hatten Günters Träume jedoch nichts mehr gemein.
Am 15. Februar 1943 wurden die sechsten Klassen der Berliner Albrecht-Dürer-Schule zum Dienst an der Flugabwehr beordert. Die Schüler- und Lehrlingssoldaten hießen amtlich Luftwaffenhelfer, volkstümlich Flakhelfer. Zu der blaugrauen Ausgehuniform mit Luftwaffenadler musste eine Hakenkreuzbinde getragen werden. Meist wurde diese Armbinde beim Verlassen der Stellung jedoch abgestreift, weil die Spätpubertierenden als Erwachsene gelten wollten – ein Erwachsener war schließlich Soldat und kein Hitlerjunge mehr. Später erhielt er das Luftwaffenhelferzeugnis, das auch den Reifevermerk trug. Im März 1943 kam Günter de Bruyn in die Flakbatterie 4/326 nach Hohenschönhausen.
Wie für seine Jahrgangsgenossen Erich Loest (Jungens, die übrig blieben), Max von der Grün (Wie war das eigentlich? – Kindheit und Jugend im Dritten Reich), Hermann Kant (Die Aula), Siegfried Lenz (Deutschstunde), Dietmar Schönherr (Junge Adler), Dieter Lattmann (Jonas vor Potsdam) oder Werner Heiduczek (Tod am Meer) begann die Zeit der verschiedenen Uniformenphasen, die nahtlos von der Hitlerjugend über die Luftwaffenhelfer und den Reichsarbeitsdienst (RAD) in die Wehrmacht führte.
Am 15. Februar 1944 kam der 17-jährige Günter de Bruyn zum RAD nach Ostpreußen auf den Feldflugplatz des nahen Führerhauptquartiers. Dort brach er beim Latrinenreinigen mit einer Lungen- und Rippenfellentzündung zusammen. Während eines dreiwöchigen Genesungsurlaubs lernte er die Berlinerin Ilse kennen, eine literarische Gesinnungsgenossin. Ende Juli 1944 folgte der Gestellungsbefehl zur Wehrmacht nach Neuruppin. Obwohl er nach Aussage seiner Ausbilder „eine MPi nicht von einer Klobürste unterscheiden [kann]“, wurde Günter de Bruyn noch ein halbes Jahr vor Kriegsende zu einem Kurs für Reserveoffiziersbewerber (ROB) nach Wriezen am Rande des Oderbruchs abkommandiert.
Den Winter 1944/45 erlebte der Soldat Günter de Bruyn auf dem verschneiten Truppenübungsplatz Döllersheim im Waldviertel. In St. Pölten erhielt er den kleinen Totenkopf als Abzeichen der Kampfgruppe Krell. Anfang April 1945 geriet er in einen russischen Angriff, noch bevor die Rote Armee mit der Eroberung der Reichshauptstadt Berlin begann, und wurde schwer verwundet. Ein Lazarettzug beförderte ihn von Wien über Prag nach Pilsen. Am 9. April 1945 kam Günter de Bruyn ins Behelfslazarett Rakonitz 2. Als am 5. Mai 1945 US-Jeeps mit Offizieren gesichtet wurden, waren bereits alle im Lazarett befindlichen SS-Dienstgrade in Wehrmachtsränge umgewandelt worden. Tschechische Milizionäre übernahmen die Aufsicht mit der Auflage: „Gehfähige müssten die Stadt verlassen.“ Unverzüglich verließ Günter de Bruyn am 9. Mai das nun tschechisch umbenannte Rakovnik, womit der Spießrutenlauf durch die bewaffneten Einwohner begann.
***
In Petersberg, wo noch Sudetendeutsche wohnten, traf Günter de Bruyn am 11. Mai 1945 auf zwei adlige Schwestern (Gräfinnen) aus Niederschlesien, „die von weither, aus einer fernen Zeit zu kommen schienen, als man noch duftige Sommerkleider und Strohhüte trug“. Sie luden den abgemagerten, todkranken jungen Mann ein, sie, ihre Eltern und Gutsbediensteten in ihrem Planwagen-Treck zu begleiten. Er wurde als erst fünfzehnjähriger, kranker Sohn ausgegeben.
Markt Mähring, historische Postkarte (um 1940). Foto: Archiv Robert Treml
Auf den Landstraßen und Waldwegen herrschten chaotische Zustände mit Flüchtlingen, geschlagenen deutschen Soldaten, tschechischen Milizionären sowie siegreichen russischen und amerikanischen Soldaten. In Poschau tauchten russische Vergewaltiger auf der Suche nach weiblichen Opfern auf. Da der Weg nach Karlsbad versperrt war, peilte die Flüchtlingsgruppe Marienbad an. Abseits von Schloss Gießhübel – wo bereits ein russischer Generalstab residierte – traf die Gruppe auf US-Offiziere, die einen Passierschein ausstellten. Über Pauten, Pobitz, Wilkowitz und Kuttenplan erreichten sie über Hinterkotten (Bezirk Plan) die bayerische Grenze:
Schon um sieben, wie das Tagebuch mit einem Gottseidank meldet, passierten wir, ohne es zu merken, die Grenze und wurden in dem kleinen Ort Mähring, dessen auf einem Hügel stehende Kirche uns beim Einzug mit Glockengeläut begrüßte, von deutschem Organisationstalent überrascht. Es gab nicht nur Lebensmittel-, sondern auch Tabakkarten, mit denen man im Gemischtwarenladen tatsächlich auch etwas erwerben konnte... Das Beste aber, das die Bürgermeisterei von Markt Mähring zu bieten hatte, war eine Bescheinigung in englischer Sprache, mit der dem Mister meines Namens gestattet wurde, TO TRAVEL FROM MÄHRING TO HIS NATIVE TOWN. Der praktische Nutzen dieses Dokuments mit beeindruckendem Stempel bestand lediglich darin, daß es vorgab, einen zu haben, so daß mir die Entscheidung erleichtert wurde, nun wieder allein meines Weges zu ziehen. Denn mein Ziel lag im Nordosten ...
Pfarrkirche St. Katharina in Mähring. Foto: Archiv Robert Treml
So verabschiedete sich der nunmehr 18-jährige Zivilist Günter de Bruyn von seinen adligen Gönnern vor der Burg Falkenberg, die wirkte, als sei sie von einem Filmarchitekten für einen solchen Anlass entworfen worden: Sie war eine komplette Ritterburg mit Zugbrücke, schießschartenartigen Fenstern, finsteren Verliesen und einem wuchtigen Bergfried. Wie aus dem Bilderbuch stand sie auf steilen Felsen, blickte ins Tal der Waldnaab hinunter, und zu ihren Füßen breitete sich der Marktflecken Falkenberg aus.
Triefend vor Nässe waren wir vor die Burgherrin getreten, eine Dame in Schwarz. Deren Mann, Werner Graf von der Schulenburg, bei Kriegsbeginn deutscher Botschafter in Moskau, hatte das Bauwerk, das jahrhundertelang als Ruine gelegen hatte, in den dreißiger Jahren stilgerecht wieder aufbauen lassen; als Mitverschwörer des 20. Juli war er zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Daß das erst Monate her war, sah man der Witwe an. Sie hatte die Burg in ein Flüchtlingslager verwandelt. Auf dem Weg in mein Turmzimmer hatte ich mich auch in Schlafsäle mit Kindergeschrei verirrt...
Zeitgenössische Ansicht der Burg Falkenberg. Quelle: Tourismusverband Oberpfälzer Wald
Günter de Bruyn ließ sich jedoch von diesem vielgeschichtigen Panorama nicht ablenken, schnürte seine wenigen Habseligkeiten und wollte heim nach Berlin:
Mein Auszug aus der Burg war von Glockenklängen begleitet. In den Straßen von Falkenberg, die Fahnen und Birkengrün schmückten, herrschte Menschengedränge. Von einem Mädchen in Spitzenbluse, das mich auf der Zugbrücke fragte, ob ich auch zur Messe wollte, erfuhr ich, daß Fronleichnamstag war. Die Kirche war so überfüllt, daß wir keinen Sitzplatz bekamen. Ich fühlte mich fremd unter den festlich gekleideten Leuten, ärgerte mich über den Pfarrer, dessen Predigt so klang, als trüge man mit dem Hitlerreich einen in Ehren gefallenen Helden zu Grabe, und fand das pompöse Hochamt unzeitgemäß. Rührend in seiner Andacht dagegen war das Mädchen, das neben mir kniete. Sie kam aus dem Riesengebirge, hatte auf der Flucht ihre Mutter verloren und wußte nicht wohin...
****
Bei dem katholischen Geistlichen, von dem sich der junge, vom Kriegsgeschehen gezeichnete Günter de Bruyn durch dessen wortgewaltigen Predigtstil vermutlich missverstanden fühlte, handelte es sich um Pfarrer Johann Baptist Kohlhepp (1874-1954), der von 1933 bis 1949 als Geistlicher in Falkenberg wirkte. Wie alte Falkenberger wussten, hatte er stets scharf gegen die Nationalsozialisten gepredigt – ganz im Gegensatz zu seinem christlichen Oberhirten Michael Kardinal von Faulhaber. Angeblich waren auch seine Predigten mitstenographiert worden, doch finden sich darüber im Diözesanarchiv keinerlei Hinweise.
Dass ein norddeutscher Katholik das pompöse Hochamt des gelebten bayerischen Barock-Katholizismus nicht unmittelbar nachvollziehen konnte, ist vor dem Hintergrund geschichtlicher Tradition und Mentalität verständlich. Erst recht galt dies für einen schwerverletzten, traumatisierten jugendlichen Kriegsheimkehrer wie Günter de Bruyn (ähnlich dem Unteroffizier Beckmann in Wolfgang Borcherts Heimkehrer-Drama Draußen vor der Tür von 1947), der sich im Stiftland – bis zur böhmischen Grenze bedroht und um sein Leben laufend – wie in einer „Oase der Seligen“ vorkommen musste. Ähnlich empfanden auch die zahlreichen Flüchtlinge, die unter den Bombardierungen gelitten und monatelang in Trecks unterwegs gewesen waren, ständig bedroht von marodierenden Milizen und Rotarmisten. Sie erreichten Ostbayern, wo mancher Einheimische in den letzten Kriegswochen noch naiv an die Wunderwaffe glaubte und in den ostdeutschen Landsleuten oft nur lästige Flüchtlinge sah.
Katholische Pfarrkirche St. Pankratius in Falkenberg. Foto: Archiv Robert Treml
Als das Mädchen zur Kommunion ging, nahm Günter de Bruyn sein Bündel und schlich sich davon: „Es war sonnig und kühl, also Wanderwetter, und meine Stimmung war dementsprechend. Das Gerücht, daß von Wiesau, Marktredwitz oder Wunsiedel aus wieder Züge nach Hof fahren sollten, versuchte ich, um nicht enttäuscht zu werden, nicht ernst zu nehmen, und trotzdem beflügelte es meinen Schritt.“
Doch die Freiheit, die Günter de Bruyn auf den oberpfälzischen Straßen entdeckt hatte, endete abrupt in Franken. Kurz vor Hof (möglicherweise in Schwarzenbach, Leopoldsgrün, Rehau oder einem anderen Ort) nahm ihn ein US-Sergeant in Gefangenschaft, die ihn über Bamberg quer durch Franken und Hessen in ein englisches Gefangenenlager nach Lollar bei Gießen führte. Noch nicht 19-jährig kehrte Günter de Bruyn im Juli 1945 zu seiner Mutter nach Königs Wusterhausen im Spreewald zurück, wo er in einer Gartenlaube hauste. „Hilft ja nichts! Oder: Wie's kommt, muß man's nehmen!“ pflegte seine Mutter zu sagen, wenn sich jemand über die schweren Zeiten beklagte. Im Oktober 1945 setzte Günter de Bruyn seine abgebrochene Schulzeit fort und war damit zwei Jahre älter als seine Klassenkameraden. Von der weltanschaulichen Orientierungssuche und den Identitätskonflikten der jüngsten Kriegsgeneration nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches handelt sein Roman Der Hohlweg (1963).
Günter de Bruyn hatte überlebt.
Baron, Bernhard M. (1975): Theater-Interview mit der Schauspielerin Katharina de Bruyn: „Ich bevorzuge das Boulevardtheater“. In: OBERPFÄLZER NACHRICHTEN (Weiden i.d.OPf.) Nr. 157, 12. Juli.
Ders. (2014): Falkenberg. Zwischenstation für Günter de Bruyn. In: Heimat-Landkreis Tirschenreuth, Bd. 26. Pressath, S. 163-170.
Böhm, Anton (1999). Falkenberg in der Oberpfalz. Holzkirchen.
Ders. (2006): Falkenberger G’schicht’n. Rottach-Egern, S. 111f.
Bruyn, Günter de (1992, 2. Aufl.): Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin. Frankfurt/Main [S. Fischer-TB 11967, 1994, 8. Aufl. Mai 2000].
Ders. (1975): Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie, Halle/Saale.
Knedlik, Manfred (1995): Landkreis Tirschenreuth. Zwei literarische Reisen. Tirschenreuth, S. 8f. u. 26.
Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945 (1997), begr. von Hermann Kunisch, neu hg. von Dietz-Rüdiger Moser. Bd. 1. München, S. 191-193.
Luckau, Josef (1995): Polens Prominente auf Burg Falkenberg. In: Heimat-Landkreis Tirschenreuth, Bd. 7. Tirschenreuth, S. 17-20.
Siegert, Toni (1995): Kriegsende 45. Das Drama der letzten Tage. In: Heimat-Landkreis Tirschenreuth, Sonderbd. 2. Pressath.
Treml, Robert (2012): Auf moderne Spurensuche zum Kriegsende 1945 im Stiftland. In: Heimat-Landkreis Tirschenreuth, Bd. 24. Pressath, S. 172-177.
Von Abraham bis Zwerenz. Eine Anthologie (1995), hg. vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie. Bonn, S. 228-245.
Externe Links:
Günter de Bruyn in der Wikipedia
Katharina de Bruyn in der Wikipedia
Hommage zum 100. Geburtstag: Falkenberg 1945 – Zwischenstation für Günter de Bruyn>
Günter de Bruyn, dem laut Marcel Reich-Ranicki der Ruf vorauseilte, „einer der besten DDR-Prosaisten seiner Generation“ zu sein, lebte zuletzt in einem kleinen Dorf in der Mark Brandenburg. Neben Christa Wolf, Christoph Hein, Ulrich Plenzdorf und dem Naturlyriker Wulf Kirsten zählte er zu den wenigen Autoren der ehemaligen DDR, die das in der Honecker-Ära beschworene Bild gesellschaftlicher Harmonie hartnäckig in Zweifel zogen. Sein bewegter Lebensweg führte ihn im Mai 1945 auch in den bayerischen Landkreis Tirschenreuth und verankerte Orte des Stiftlands fest in der deutschen Literaturgeschichte. Eine Würdigung von Bernhard M. Baron anlässlich des 100. Geburtstags des Dichters.
*
Günter de Bruyn (1926-2020), gebürtiger Berliner, zählt nach dem Zweiten Weltkrieg – währenddessen er kurze Zeit als Lehrer und Bibliothekar tätig war – zu den bekanntesten und stilistisch niveauvollsten Schriftstellern der DDR-Literatur. Der mehrfach mit namhaften Literaturpreisen ausgezeichnete Autor schildert in seiner Prosa und Essayistik den Alltag in der DDR in einem ironisch-distanzierten Ton. Im Jahr 1968 erschien Buridans Esel, 1979 folgte Märkische Forschungen und von 1999 bis 2003 seine ausdrucksstarke Preußische Trilogie. 1976 gehörte Günter de Bruyn zu den Mitunterzeichnern des offenen Briefes gegen die Ausbürgerung des DDR-Liedermachers Wolf Biermann. Im Oktober 1989 lehnte er den „Nationalpreis der DDR“ unter Hinweis auf die „Starre, Intoleranz und Dialogunfähigkeit“ der DDR-Regierung ab.
Für den ersten Teil seiner Autobiographie Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin (1992), die 1945 auch den Landkreis Tirschenreuth streift, erhielt Günter de Bruyn 1993 in München den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. In seinem Familien- und Entwicklungsroman Zwischenbilanz beschreibt er anschaulich, welche Kräfte einen Heranwachsenden beeinflussen und auf ihn einwirken, sowie die Desillusion am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Günter de Bruyn stammte aus einer holländischen Schauspielerfamilie, die im 15. Jahrhundert über Cleve und Köln sowie gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach Bayern kam, um hier ihr Glück zu versuchen. Günter de Bruyns Vater Carl besaß den Heimatschein des Freistaates Bayern, sein Großvater Eduard de Bruyn war Oberförster im bayerischen Viechtach (Landkreis Regen/Bayerischer Wald). Aus dieser großen, weitverzweigten Schauspielerfamilie stammte übrigens auch die beliebte, besonders aus der bayerischen TV-Serie Komödienstadel (BR) bekannte Schauspielerin Katharina de Bruyn (1940-1993). Am 10. Juli 1975 gastierte die volkstümliche Akteurin mit dem Tourneetheaterstück Glück mit Monika im Weidener Josefshaus. Katharina de Bruyn, die auch auf der Luisenburg in Ludwig Thomas Filser auf der Bühne stand, war langjährige Partnerin der populären Volksschauspieler Gerhart Lippert und Maxl Graf.
**
Günter de Bruyn wuchs in Berlin in einem römisch-katholischen Milieu auf; in seinem Stadtteil wohnten sowohl der linksintellektuelle Dichter Erich Mühsam als auch der SS-Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann. Die Eltern lasen das katholische Zentrums-Blatt Märkische Volkszeitung, sein Bruder Karl-Heinz war Mitglied im Bund Neudeutschland. Der lesefreudige junge Günter zählte bald Karl May zu seinen Lieblingsautoren. Im Jahr 1938 wurde die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend (HJ) für den wanderfreudigen und ausflugsbegeisterten Günter „obligatorisch“. Mit der Realität der Geländespiele und militärischen Übungen seines „Fähnleins Leuthen“ hatten Günters Träume jedoch nichts mehr gemein.
Am 15. Februar 1943 wurden die sechsten Klassen der Berliner Albrecht-Dürer-Schule zum Dienst an der Flugabwehr beordert. Die Schüler- und Lehrlingssoldaten hießen amtlich Luftwaffenhelfer, volkstümlich Flakhelfer. Zu der blaugrauen Ausgehuniform mit Luftwaffenadler musste eine Hakenkreuzbinde getragen werden. Meist wurde diese Armbinde beim Verlassen der Stellung jedoch abgestreift, weil die Spätpubertierenden als Erwachsene gelten wollten – ein Erwachsener war schließlich Soldat und kein Hitlerjunge mehr. Später erhielt er das Luftwaffenhelferzeugnis, das auch den Reifevermerk trug. Im März 1943 kam Günter de Bruyn in die Flakbatterie 4/326 nach Hohenschönhausen.
Wie für seine Jahrgangsgenossen Erich Loest (Jungens, die übrig blieben), Max von der Grün (Wie war das eigentlich? – Kindheit und Jugend im Dritten Reich), Hermann Kant (Die Aula), Siegfried Lenz (Deutschstunde), Dietmar Schönherr (Junge Adler), Dieter Lattmann (Jonas vor Potsdam) oder Werner Heiduczek (Tod am Meer) begann die Zeit der verschiedenen Uniformenphasen, die nahtlos von der Hitlerjugend über die Luftwaffenhelfer und den Reichsarbeitsdienst (RAD) in die Wehrmacht führte.
Am 15. Februar 1944 kam der 17-jährige Günter de Bruyn zum RAD nach Ostpreußen auf den Feldflugplatz des nahen Führerhauptquartiers. Dort brach er beim Latrinenreinigen mit einer Lungen- und Rippenfellentzündung zusammen. Während eines dreiwöchigen Genesungsurlaubs lernte er die Berlinerin Ilse kennen, eine literarische Gesinnungsgenossin. Ende Juli 1944 folgte der Gestellungsbefehl zur Wehrmacht nach Neuruppin. Obwohl er nach Aussage seiner Ausbilder „eine MPi nicht von einer Klobürste unterscheiden [kann]“, wurde Günter de Bruyn noch ein halbes Jahr vor Kriegsende zu einem Kurs für Reserveoffiziersbewerber (ROB) nach Wriezen am Rande des Oderbruchs abkommandiert.
Den Winter 1944/45 erlebte der Soldat Günter de Bruyn auf dem verschneiten Truppenübungsplatz Döllersheim im Waldviertel. In St. Pölten erhielt er den kleinen Totenkopf als Abzeichen der Kampfgruppe Krell. Anfang April 1945 geriet er in einen russischen Angriff, noch bevor die Rote Armee mit der Eroberung der Reichshauptstadt Berlin begann, und wurde schwer verwundet. Ein Lazarettzug beförderte ihn von Wien über Prag nach Pilsen. Am 9. April 1945 kam Günter de Bruyn ins Behelfslazarett Rakonitz 2. Als am 5. Mai 1945 US-Jeeps mit Offizieren gesichtet wurden, waren bereits alle im Lazarett befindlichen SS-Dienstgrade in Wehrmachtsränge umgewandelt worden. Tschechische Milizionäre übernahmen die Aufsicht mit der Auflage: „Gehfähige müssten die Stadt verlassen.“ Unverzüglich verließ Günter de Bruyn am 9. Mai das nun tschechisch umbenannte Rakovnik, womit der Spießrutenlauf durch die bewaffneten Einwohner begann.
***
In Petersberg, wo noch Sudetendeutsche wohnten, traf Günter de Bruyn am 11. Mai 1945 auf zwei adlige Schwestern (Gräfinnen) aus Niederschlesien, „die von weither, aus einer fernen Zeit zu kommen schienen, als man noch duftige Sommerkleider und Strohhüte trug“. Sie luden den abgemagerten, todkranken jungen Mann ein, sie, ihre Eltern und Gutsbediensteten in ihrem Planwagen-Treck zu begleiten. Er wurde als erst fünfzehnjähriger, kranker Sohn ausgegeben.
Markt Mähring, historische Postkarte (um 1940). Foto: Archiv Robert Treml
Auf den Landstraßen und Waldwegen herrschten chaotische Zustände mit Flüchtlingen, geschlagenen deutschen Soldaten, tschechischen Milizionären sowie siegreichen russischen und amerikanischen Soldaten. In Poschau tauchten russische Vergewaltiger auf der Suche nach weiblichen Opfern auf. Da der Weg nach Karlsbad versperrt war, peilte die Flüchtlingsgruppe Marienbad an. Abseits von Schloss Gießhübel – wo bereits ein russischer Generalstab residierte – traf die Gruppe auf US-Offiziere, die einen Passierschein ausstellten. Über Pauten, Pobitz, Wilkowitz und Kuttenplan erreichten sie über Hinterkotten (Bezirk Plan) die bayerische Grenze:
Schon um sieben, wie das Tagebuch mit einem Gottseidank meldet, passierten wir, ohne es zu merken, die Grenze und wurden in dem kleinen Ort Mähring, dessen auf einem Hügel stehende Kirche uns beim Einzug mit Glockengeläut begrüßte, von deutschem Organisationstalent überrascht. Es gab nicht nur Lebensmittel-, sondern auch Tabakkarten, mit denen man im Gemischtwarenladen tatsächlich auch etwas erwerben konnte... Das Beste aber, das die Bürgermeisterei von Markt Mähring zu bieten hatte, war eine Bescheinigung in englischer Sprache, mit der dem Mister meines Namens gestattet wurde, TO TRAVEL FROM MÄHRING TO HIS NATIVE TOWN. Der praktische Nutzen dieses Dokuments mit beeindruckendem Stempel bestand lediglich darin, daß es vorgab, einen zu haben, so daß mir die Entscheidung erleichtert wurde, nun wieder allein meines Weges zu ziehen. Denn mein Ziel lag im Nordosten ...
Pfarrkirche St. Katharina in Mähring. Foto: Archiv Robert Treml
So verabschiedete sich der nunmehr 18-jährige Zivilist Günter de Bruyn von seinen adligen Gönnern vor der Burg Falkenberg, die wirkte, als sei sie von einem Filmarchitekten für einen solchen Anlass entworfen worden: Sie war eine komplette Ritterburg mit Zugbrücke, schießschartenartigen Fenstern, finsteren Verliesen und einem wuchtigen Bergfried. Wie aus dem Bilderbuch stand sie auf steilen Felsen, blickte ins Tal der Waldnaab hinunter, und zu ihren Füßen breitete sich der Marktflecken Falkenberg aus.
Triefend vor Nässe waren wir vor die Burgherrin getreten, eine Dame in Schwarz. Deren Mann, Werner Graf von der Schulenburg, bei Kriegsbeginn deutscher Botschafter in Moskau, hatte das Bauwerk, das jahrhundertelang als Ruine gelegen hatte, in den dreißiger Jahren stilgerecht wieder aufbauen lassen; als Mitverschwörer des 20. Juli war er zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Daß das erst Monate her war, sah man der Witwe an. Sie hatte die Burg in ein Flüchtlingslager verwandelt. Auf dem Weg in mein Turmzimmer hatte ich mich auch in Schlafsäle mit Kindergeschrei verirrt...
Zeitgenössische Ansicht der Burg Falkenberg. Quelle: Tourismusverband Oberpfälzer Wald
Günter de Bruyn ließ sich jedoch von diesem vielgeschichtigen Panorama nicht ablenken, schnürte seine wenigen Habseligkeiten und wollte heim nach Berlin:
Mein Auszug aus der Burg war von Glockenklängen begleitet. In den Straßen von Falkenberg, die Fahnen und Birkengrün schmückten, herrschte Menschengedränge. Von einem Mädchen in Spitzenbluse, das mich auf der Zugbrücke fragte, ob ich auch zur Messe wollte, erfuhr ich, daß Fronleichnamstag war. Die Kirche war so überfüllt, daß wir keinen Sitzplatz bekamen. Ich fühlte mich fremd unter den festlich gekleideten Leuten, ärgerte mich über den Pfarrer, dessen Predigt so klang, als trüge man mit dem Hitlerreich einen in Ehren gefallenen Helden zu Grabe, und fand das pompöse Hochamt unzeitgemäß. Rührend in seiner Andacht dagegen war das Mädchen, das neben mir kniete. Sie kam aus dem Riesengebirge, hatte auf der Flucht ihre Mutter verloren und wußte nicht wohin...
****
Bei dem katholischen Geistlichen, von dem sich der junge, vom Kriegsgeschehen gezeichnete Günter de Bruyn durch dessen wortgewaltigen Predigtstil vermutlich missverstanden fühlte, handelte es sich um Pfarrer Johann Baptist Kohlhepp (1874-1954), der von 1933 bis 1949 als Geistlicher in Falkenberg wirkte. Wie alte Falkenberger wussten, hatte er stets scharf gegen die Nationalsozialisten gepredigt – ganz im Gegensatz zu seinem christlichen Oberhirten Michael Kardinal von Faulhaber. Angeblich waren auch seine Predigten mitstenographiert worden, doch finden sich darüber im Diözesanarchiv keinerlei Hinweise.
Dass ein norddeutscher Katholik das pompöse Hochamt des gelebten bayerischen Barock-Katholizismus nicht unmittelbar nachvollziehen konnte, ist vor dem Hintergrund geschichtlicher Tradition und Mentalität verständlich. Erst recht galt dies für einen schwerverletzten, traumatisierten jugendlichen Kriegsheimkehrer wie Günter de Bruyn (ähnlich dem Unteroffizier Beckmann in Wolfgang Borcherts Heimkehrer-Drama Draußen vor der Tür von 1947), der sich im Stiftland – bis zur böhmischen Grenze bedroht und um sein Leben laufend – wie in einer „Oase der Seligen“ vorkommen musste. Ähnlich empfanden auch die zahlreichen Flüchtlinge, die unter den Bombardierungen gelitten und monatelang in Trecks unterwegs gewesen waren, ständig bedroht von marodierenden Milizen und Rotarmisten. Sie erreichten Ostbayern, wo mancher Einheimische in den letzten Kriegswochen noch naiv an die Wunderwaffe glaubte und in den ostdeutschen Landsleuten oft nur lästige Flüchtlinge sah.
Katholische Pfarrkirche St. Pankratius in Falkenberg. Foto: Archiv Robert Treml
Als das Mädchen zur Kommunion ging, nahm Günter de Bruyn sein Bündel und schlich sich davon: „Es war sonnig und kühl, also Wanderwetter, und meine Stimmung war dementsprechend. Das Gerücht, daß von Wiesau, Marktredwitz oder Wunsiedel aus wieder Züge nach Hof fahren sollten, versuchte ich, um nicht enttäuscht zu werden, nicht ernst zu nehmen, und trotzdem beflügelte es meinen Schritt.“
Doch die Freiheit, die Günter de Bruyn auf den oberpfälzischen Straßen entdeckt hatte, endete abrupt in Franken. Kurz vor Hof (möglicherweise in Schwarzenbach, Leopoldsgrün, Rehau oder einem anderen Ort) nahm ihn ein US-Sergeant in Gefangenschaft, die ihn über Bamberg quer durch Franken und Hessen in ein englisches Gefangenenlager nach Lollar bei Gießen führte. Noch nicht 19-jährig kehrte Günter de Bruyn im Juli 1945 zu seiner Mutter nach Königs Wusterhausen im Spreewald zurück, wo er in einer Gartenlaube hauste. „Hilft ja nichts! Oder: Wie's kommt, muß man's nehmen!“ pflegte seine Mutter zu sagen, wenn sich jemand über die schweren Zeiten beklagte. Im Oktober 1945 setzte Günter de Bruyn seine abgebrochene Schulzeit fort und war damit zwei Jahre älter als seine Klassenkameraden. Von der weltanschaulichen Orientierungssuche und den Identitätskonflikten der jüngsten Kriegsgeneration nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches handelt sein Roman Der Hohlweg (1963).
Günter de Bruyn hatte überlebt.
Baron, Bernhard M. (1975): Theater-Interview mit der Schauspielerin Katharina de Bruyn: „Ich bevorzuge das Boulevardtheater“. In: OBERPFÄLZER NACHRICHTEN (Weiden i.d.OPf.) Nr. 157, 12. Juli.
Ders. (2014): Falkenberg. Zwischenstation für Günter de Bruyn. In: Heimat-Landkreis Tirschenreuth, Bd. 26. Pressath, S. 163-170.
Böhm, Anton (1999). Falkenberg in der Oberpfalz. Holzkirchen.
Ders. (2006): Falkenberger G’schicht’n. Rottach-Egern, S. 111f.
Bruyn, Günter de (1992, 2. Aufl.): Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin. Frankfurt/Main [S. Fischer-TB 11967, 1994, 8. Aufl. Mai 2000].
Ders. (1975): Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie, Halle/Saale.
Knedlik, Manfred (1995): Landkreis Tirschenreuth. Zwei literarische Reisen. Tirschenreuth, S. 8f. u. 26.
Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945 (1997), begr. von Hermann Kunisch, neu hg. von Dietz-Rüdiger Moser. Bd. 1. München, S. 191-193.
Luckau, Josef (1995): Polens Prominente auf Burg Falkenberg. In: Heimat-Landkreis Tirschenreuth, Bd. 7. Tirschenreuth, S. 17-20.
Siegert, Toni (1995): Kriegsende 45. Das Drama der letzten Tage. In: Heimat-Landkreis Tirschenreuth, Sonderbd. 2. Pressath.
Treml, Robert (2012): Auf moderne Spurensuche zum Kriegsende 1945 im Stiftland. In: Heimat-Landkreis Tirschenreuth, Bd. 24. Pressath, S. 172-177.
Von Abraham bis Zwerenz. Eine Anthologie (1995), hg. vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie. Bonn, S. 228-245.




