Bericht über das 46. Erlanger Poet*innenFest
Ein Höhepunkt im jährlichen Literaturkalender Bayerns ist das Erlanger Poet*innenFest, das heuer zum 46. Mal stattfand. Die Redaktion des Literaturportals war vor Ort dabei.
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Man trägt ihn gern, den Pin, den man bekommt, wenn man für den weiteren Erhalt des Erlanger Poetenfestes spendet, das seit 2022 unter dem deutlich inklusiveren Namen Erlanger Poet*innenFest stattfindet. Denn leider wäre das Festival aus finanziellen Gründen dieses Jahr erstmals nach so langer Zeit fast ausgefallen, hätte es nicht, so Moderator Dirk Kruse, im letzten Moment einen „Freischuss“ des Freistaats Bayern gegeben. Ein schöner, freudscher Versprecher für einen Förderungszuschuss des Landes, der offenkundig als „Rettung in letzter Minute“ daherkam.
Wie wichtig dieses dreitägige Festival nicht nur für die Literatur und die dort auftretenden Autor*innen ist, die dort ihre jüngsten Werke vorstellen, wo sich der Literaturbetrieb also trifft, vernetzt und austauscht, sondern auch für die Menschen in der Region: als ein nahbarer Ort der Begegnung mit Literatur nämlich, das spiegelte die beeindruckende Zahl der Besuchenden jedweden Alters an diesem Sonntag, dem dritten und letzten Tag des Festivals.
Literatur lockt!
Man stelle sich vor: es ist Sommer, bestes Wetter, die geschlungenen Parkwege entlang der stattlichen Erlanger Schlossgartenwiese laden ein zum Flanieren, zum Verweilen an den Bücherständen, dem Plaudern und Netzwerken bei Snacks und an den Aperol-Spritz-Ständen – und wer nicht stehend den – über Lautsprecher akustisch hervorragend übertragenden Lesungen (nicht zu penetrant verstärkt, nicht zu leise) – folgen mag, dem bietet die große Schlosswiese neben der Möglichkeit, die eigene Picknickdecke auszubreiten, zahlreiche Liegestühle und sonnenbeschirmte Bierbänke zum Lauschen und Verweilen an.
Stimmengewirr, leichte, konstante Unruhe, Gläserklirren, Zurufe und dergleichen Anzeichen einer sich in Sommerlaune befindenden großen Menschenansammlung wären folglich zu erwarten gewesen. Stattdessen: konzentrierte Stille! Mag die fränkische Wurst oder der fränkische Wein, mögen Kaffee und Kuchen noch so gut munden, die gleißende Sonne noch so sehr zu einem Nickerchen im Gras verlocken: die Menschen lauschen der Literatur. Gebannt! Und zwar der sogenannten Belletristik, den anspruchsvoll-schönen Narrationen, vielschichtigen Reflektionen oder den lyrisch-dichten Wortspielen. Und dieses Publikum hat sichtlich Vergnügen daran. Und das sechs Stunden lang, denn die Revue der Neuerscheinungen (13.30 bis 19.00 Uhr, anschließender Ausklang bei Musik), gönnt sich keine Pause. Heureka! Ein Literatur-Ereignis, das nicht nur in höchstem Maße anregt und sofort gute Laune verbreitet, sondern auch Mut macht. Wenn die Literatur zu den Menschen kommt, dann kommen auch die Menschen; seht einmal her!
© Literaturportal Bayern
Die Revue der Neuerscheinungen
Auch bei der heutigen „Revue der Neuerscheinungen II“, die an den gestrigen Teil eins anschloss, wurde, was das ‚Namedropping‘ angeht, nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die Messlatte, hier auftreten und lesen zu dürfen, lag also durchaus hoch. Unter den namhaften Autorinnen und Autoren waren neben der diesjährigen Bachmann-Preisträgerin Lena Schätte, der für den deutschen Buchpreis nominierten Dana Vowinckel oder Christoph Peters, der als eine der eindrücklichsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur gilt, auch die so bemerkenswerten, vielbeachteten LPB-Autoren Thomas von Steinaecker, Anja Gmeinwieser und Nadine Schneider mit ihren Werken vertreten.
Thomas von Steinaecker zum Beispiel las mit bedächtiger, leicht stockender Stimme aus seinem neuen Roman Schwestern (S. Fischer 2026) vor. Das passte gut zu dieser feinsinnig und einfühlsam gewebten Geschichte, die bereits beim ersten Hineinhören recht nachdenklich stimmte und eine gewisse Suggestivität entfaltete. Bettinas Kinder- und Jugendalltag ist von der Sorge und dem Gefühl der (Mit-)Verantwortung für ihre ältere, geistig beeinträchtigte Schwester Simone geprägt. Eine Emanzipationsgeschichte, deren erster selbstvergewissernder Schüsselmoment im Vortragen eines Gedichts in der Schule besteht: hier entdeckt Bettina ihr schauspielerisches Talent, ihr Gespür für Texte. Eine schwierige, schuldbehaftete Abnabelung aus dem familiären Kleinstadtmilieu und von der Schwester beginnt.
Thomas v. Steinaecker (links) im Gespräch mit Maike Albath © Literaturportal Bayern
Anja Gmeinwiesers bereits viel beachtetes und ausgezeichnetes Romandebüt Wir Königinnen (Berlin Verlag 2026) schlug hingegen einen ganz anderen Ton an. Ebenso plotsicher skurril wie dialogstark zwischen geradezu brutaler Profanität und berührender Alltagsweisheit hin- und herschwingend, schaffte dieser höchst unterhaltsame Roadtrip zweier Frauen, die mit einem LKW voller Kühe quer durch die Sommerhitze Südosteuropas unterwegs sind, das Nachdenken über eigene Lebensfluchten anzuregen; und dies vor der Folie der brachliegenden Hinterländer, Raststätten und Autobahnen, den sogenannten „halbblinden Winkeln“ der Gesellschaft. Was macht eigentlich ein würdevolles Arbeiten und Dasein aus? Die Autorin, die ihre Lesung angenehm moderierend einbettete, las überraschend zart und mädchenhaft vor. Um dann, gerade im Falle der zitierten englischen Wortwechsel, im Kontrast dazu plötzlich herrlich salopp und spröde zu werden. Dass die ausgewählten Passagen (hängt die Kuh an der Zunge oder die Zunge an der Kuh?) hier und da auch einmal zum Auflachen anregten, war im Rahmen der thematisch durchweg tragisch-schwergewichtigen Texte durchaus wohltuend.
Nadine Schneider bildete mit ihrem Roman Das gute Leben (S. Fischer 2026) nicht nur den Abschluss dieser literarischen Revue, sondern lieferte zugleich auch das Motto für diesen Tag. Denn das Poet*innenFest will, so kann man es in der Programm-Ankündigung nachlesen, „auch in diesem Jahr die persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Krisen literarisch in den Blick nehmen und dennoch das [gute] Leben feiern, wie es ist.“ Der Roman ist sowohl im Raum Nürnberg als auch in Rumänen angesiedelt und macht sich anhand von vier Frauen-Generationen auf dem Weg nach dem guten Leben. Leider sprach die Autorin teilweise recht leise, in sich gekehrt. Der Roman selbst sprach aber für sich. Und zum Glück war der Büchertisch quasi nur einen Handgriff weit entfernt. Dass die Lesenden ihre Werke gleich im Anschluss noch signierten, schaffte natürlich noch einmal einen zusätzlichen Kaufanreiz.
Literatur im Gespräch
Wer nach den jeweiligen Lesungen dann gerne noch Näheres erfahren wollte, konnte mit dem Autor oder der Autorin im Anschluss an die Lesung zum Nebenpodium wechseln, um dort unter den wechselnden Moderationen einer Art Werkstattgespräch zu lauschen. Leider bedeutete dies aufgrund der dichten Parallelität des Programms aber zugleich auch eine Entscheidung gegen die Autorin oder den Autor, den zeitgleich dazu sein bzw. ihr neues Werk vorstellte. Hilfreich war es hier, zu wissen, was man selbst wollte. Eine möglichst breite Übersicht oder einzelnen Autorinnen oder Autoren ein wenig vertieft zuhören.
Von Ana Vowinckel etwa erfuhr man im Gespräch mit der Literaturkritikerin Maike Albath, dass sie für ihren jüngsten Roman Anton und Alma (Suhrkamp 2026) erst einmal ein riesiges Textkonvolut, inklusive einer Dissertation (für ihren Protagonisten Anton) erzeugt habe. Wovon sollte sie sich trennen? Das gelang ihr dann mit Hilfe ihrer Lektorin, die das Ganze unter dem gestrengen Blick „wen interessiert das?“ gegenlas. Interessant war auch Vowinckels eigene Deutung, dass die Liebe ihrer Protagonisten Anton und Alma nicht am deutsch-jüdischen Konflikt scheitere, sondern vor allen Dingen an den anderen Vorstellungen vom Glück.
Maike Albath (links) im Gespräch mit Anna Vowinckel © Literaturportal Bayern
Themen, die viele Menschen ansprachen
Fazit: Entgegen der gern postulierten „Nabel- und Befindlichkeitsschau“ der jüngeren deutschen Gegenwartsprosa, die aufgrund von politischer Correctness und den Debatten um kulturelle Aneignung angeblich alles über die eigene biographische Herkunft autorisieren und „labeln“ müsse, womit man zwangsweise nur bei sich selbst lande oder verzweifelt jede noch so verzweigten Migrationshintergründe ausschlachte, war der thematische rote Faden dieser Neuerscheinungen-Revue im Gegenteil ganz klar einer, der nicht sich selbst, sondern die inklusiven Perspektiven in den Vordergrund stellte und die an den Rand gedrängten Bevölkerungsgruppen in den Mittelpunkt rückte: Die Arbeitswelt der Fernfahrerinnen, die junge Selbstmörderin (Helene Bukowski, Wer möchte nicht im Leben bleiben, Claassen 2026), die geistig beeinträchtige Schwester, der Alkoholsüchtige (Christoph Peters, Entzug, Luchterhand 2026) , die missbrauchten Athletinnen im Leistungsturnen (Son Lewandowski, Die Routinen, Klett Cotta 2026), die stigmatisierten Hauptschülerinnen (Lena Schätte, Was wir tragen. Noch unveröffentlicht). Es verwundert nicht, dass diese Themen viele Menschen ansprachen.
Schön wäre es allerdings gewesen, hätte es in dem breit aufgestellten Gesamtprogramm – inklusive dem „Jungen Podium“ und der „Lesewiese“ – im Sinne der inklusiven Thematik, etwas weniger Blasenbildungen (bubbles) gegeben im Sinne von: die renommierten und ausgezeichneten Autoren und Autorinnen lesen dort auf dem Hauptpodium und im Redoutensaal, und die anderen (Newcomer, Poeten, Freie Szene) woanders, oder gar nicht. Aber es wäre ja auch erschreckend, wenn es für ein Festival nichts mehr zu entwickeln oder zu verbessern gäbe. Das 47. Poet*innenFest ist in jedem Fall ein Muss!
Musikalisch nicht nur umrahmt, sondern auch sinnlich bereichert wurde das Festival von der Münchner Band
„Le Millipede“. Es war ein ästhetischer Genuss, ihnen und ihren so klug komponierten, feinen Arrangements zuzuhören. Sie „übertönten“ die gehörten Geschichten mit ihren Stücken nicht, sondern trugen die Hörenden sanft und optimistisch weiter in ihren Reisen durch die inneren Welten. Auch sie wünscht man sich im kommenden Jahr unbedingt wieder dabei.
Die Band Le Millipede (von links) Andreas Hirth, Stefan Schreiber, Sascha Lüer, Mathias Götz © Literaturportal Bayern
Bericht über das 46. Erlanger Poet*innenFest>
Ein Höhepunkt im jährlichen Literaturkalender Bayerns ist das Erlanger Poet*innenFest, das heuer zum 46. Mal stattfand. Die Redaktion des Literaturportals war vor Ort dabei.
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Man trägt ihn gern, den Pin, den man bekommt, wenn man für den weiteren Erhalt des Erlanger Poetenfestes spendet, das seit 2022 unter dem deutlich inklusiveren Namen Erlanger Poet*innenFest stattfindet. Denn leider wäre das Festival aus finanziellen Gründen dieses Jahr erstmals nach so langer Zeit fast ausgefallen, hätte es nicht, so Moderator Dirk Kruse, im letzten Moment einen „Freischuss“ des Freistaats Bayern gegeben. Ein schöner, freudscher Versprecher für einen Förderungszuschuss des Landes, der offenkundig als „Rettung in letzter Minute“ daherkam.
Wie wichtig dieses dreitägige Festival nicht nur für die Literatur und die dort auftretenden Autor*innen ist, die dort ihre jüngsten Werke vorstellen, wo sich der Literaturbetrieb also trifft, vernetzt und austauscht, sondern auch für die Menschen in der Region: als ein nahbarer Ort der Begegnung mit Literatur nämlich, das spiegelte die beeindruckende Zahl der Besuchenden jedweden Alters an diesem Sonntag, dem dritten und letzten Tag des Festivals.
Literatur lockt!
Man stelle sich vor: es ist Sommer, bestes Wetter, die geschlungenen Parkwege entlang der stattlichen Erlanger Schlossgartenwiese laden ein zum Flanieren, zum Verweilen an den Bücherständen, dem Plaudern und Netzwerken bei Snacks und an den Aperol-Spritz-Ständen – und wer nicht stehend den – über Lautsprecher akustisch hervorragend übertragenden Lesungen (nicht zu penetrant verstärkt, nicht zu leise) – folgen mag, dem bietet die große Schlosswiese neben der Möglichkeit, die eigene Picknickdecke auszubreiten, zahlreiche Liegestühle und sonnenbeschirmte Bierbänke zum Lauschen und Verweilen an.
Stimmengewirr, leichte, konstante Unruhe, Gläserklirren, Zurufe und dergleichen Anzeichen einer sich in Sommerlaune befindenden großen Menschenansammlung wären folglich zu erwarten gewesen. Stattdessen: konzentrierte Stille! Mag die fränkische Wurst oder der fränkische Wein, mögen Kaffee und Kuchen noch so gut munden, die gleißende Sonne noch so sehr zu einem Nickerchen im Gras verlocken: die Menschen lauschen der Literatur. Gebannt! Und zwar der sogenannten Belletristik, den anspruchsvoll-schönen Narrationen, vielschichtigen Reflektionen oder den lyrisch-dichten Wortspielen. Und dieses Publikum hat sichtlich Vergnügen daran. Und das sechs Stunden lang, denn die Revue der Neuerscheinungen (13.30 bis 19.00 Uhr, anschließender Ausklang bei Musik), gönnt sich keine Pause. Heureka! Ein Literatur-Ereignis, das nicht nur in höchstem Maße anregt und sofort gute Laune verbreitet, sondern auch Mut macht. Wenn die Literatur zu den Menschen kommt, dann kommen auch die Menschen; seht einmal her!
© Literaturportal Bayern
Die Revue der Neuerscheinungen
Auch bei der heutigen „Revue der Neuerscheinungen II“, die an den gestrigen Teil eins anschloss, wurde, was das ‚Namedropping‘ angeht, nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die Messlatte, hier auftreten und lesen zu dürfen, lag also durchaus hoch. Unter den namhaften Autorinnen und Autoren waren neben der diesjährigen Bachmann-Preisträgerin Lena Schätte, der für den deutschen Buchpreis nominierten Dana Vowinckel oder Christoph Peters, der als eine der eindrücklichsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur gilt, auch die so bemerkenswerten, vielbeachteten LPB-Autoren Thomas von Steinaecker, Anja Gmeinwieser und Nadine Schneider mit ihren Werken vertreten.
Thomas von Steinaecker zum Beispiel las mit bedächtiger, leicht stockender Stimme aus seinem neuen Roman Schwestern (S. Fischer 2026) vor. Das passte gut zu dieser feinsinnig und einfühlsam gewebten Geschichte, die bereits beim ersten Hineinhören recht nachdenklich stimmte und eine gewisse Suggestivität entfaltete. Bettinas Kinder- und Jugendalltag ist von der Sorge und dem Gefühl der (Mit-)Verantwortung für ihre ältere, geistig beeinträchtigte Schwester Simone geprägt. Eine Emanzipationsgeschichte, deren erster selbstvergewissernder Schüsselmoment im Vortragen eines Gedichts in der Schule besteht: hier entdeckt Bettina ihr schauspielerisches Talent, ihr Gespür für Texte. Eine schwierige, schuldbehaftete Abnabelung aus dem familiären Kleinstadtmilieu und von der Schwester beginnt.
Thomas v. Steinaecker (links) im Gespräch mit Maike Albath © Literaturportal Bayern
Anja Gmeinwiesers bereits viel beachtetes und ausgezeichnetes Romandebüt Wir Königinnen (Berlin Verlag 2026) schlug hingegen einen ganz anderen Ton an. Ebenso plotsicher skurril wie dialogstark zwischen geradezu brutaler Profanität und berührender Alltagsweisheit hin- und herschwingend, schaffte dieser höchst unterhaltsame Roadtrip zweier Frauen, die mit einem LKW voller Kühe quer durch die Sommerhitze Südosteuropas unterwegs sind, das Nachdenken über eigene Lebensfluchten anzuregen; und dies vor der Folie der brachliegenden Hinterländer, Raststätten und Autobahnen, den sogenannten „halbblinden Winkeln“ der Gesellschaft. Was macht eigentlich ein würdevolles Arbeiten und Dasein aus? Die Autorin, die ihre Lesung angenehm moderierend einbettete, las überraschend zart und mädchenhaft vor. Um dann, gerade im Falle der zitierten englischen Wortwechsel, im Kontrast dazu plötzlich herrlich salopp und spröde zu werden. Dass die ausgewählten Passagen (hängt die Kuh an der Zunge oder die Zunge an der Kuh?) hier und da auch einmal zum Auflachen anregten, war im Rahmen der thematisch durchweg tragisch-schwergewichtigen Texte durchaus wohltuend.
Nadine Schneider bildete mit ihrem Roman Das gute Leben (S. Fischer 2026) nicht nur den Abschluss dieser literarischen Revue, sondern lieferte zugleich auch das Motto für diesen Tag. Denn das Poet*innenFest will, so kann man es in der Programm-Ankündigung nachlesen, „auch in diesem Jahr die persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Krisen literarisch in den Blick nehmen und dennoch das [gute] Leben feiern, wie es ist.“ Der Roman ist sowohl im Raum Nürnberg als auch in Rumänen angesiedelt und macht sich anhand von vier Frauen-Generationen auf dem Weg nach dem guten Leben. Leider sprach die Autorin teilweise recht leise, in sich gekehrt. Der Roman selbst sprach aber für sich. Und zum Glück war der Büchertisch quasi nur einen Handgriff weit entfernt. Dass die Lesenden ihre Werke gleich im Anschluss noch signierten, schaffte natürlich noch einmal einen zusätzlichen Kaufanreiz.
Literatur im Gespräch
Wer nach den jeweiligen Lesungen dann gerne noch Näheres erfahren wollte, konnte mit dem Autor oder der Autorin im Anschluss an die Lesung zum Nebenpodium wechseln, um dort unter den wechselnden Moderationen einer Art Werkstattgespräch zu lauschen. Leider bedeutete dies aufgrund der dichten Parallelität des Programms aber zugleich auch eine Entscheidung gegen die Autorin oder den Autor, den zeitgleich dazu sein bzw. ihr neues Werk vorstellte. Hilfreich war es hier, zu wissen, was man selbst wollte. Eine möglichst breite Übersicht oder einzelnen Autorinnen oder Autoren ein wenig vertieft zuhören.
Von Ana Vowinckel etwa erfuhr man im Gespräch mit der Literaturkritikerin Maike Albath, dass sie für ihren jüngsten Roman Anton und Alma (Suhrkamp 2026) erst einmal ein riesiges Textkonvolut, inklusive einer Dissertation (für ihren Protagonisten Anton) erzeugt habe. Wovon sollte sie sich trennen? Das gelang ihr dann mit Hilfe ihrer Lektorin, die das Ganze unter dem gestrengen Blick „wen interessiert das?“ gegenlas. Interessant war auch Vowinckels eigene Deutung, dass die Liebe ihrer Protagonisten Anton und Alma nicht am deutsch-jüdischen Konflikt scheitere, sondern vor allen Dingen an den anderen Vorstellungen vom Glück.
Maike Albath (links) im Gespräch mit Anna Vowinckel © Literaturportal Bayern
Themen, die viele Menschen ansprachen
Fazit: Entgegen der gern postulierten „Nabel- und Befindlichkeitsschau“ der jüngeren deutschen Gegenwartsprosa, die aufgrund von politischer Correctness und den Debatten um kulturelle Aneignung angeblich alles über die eigene biographische Herkunft autorisieren und „labeln“ müsse, womit man zwangsweise nur bei sich selbst lande oder verzweifelt jede noch so verzweigten Migrationshintergründe ausschlachte, war der thematische rote Faden dieser Neuerscheinungen-Revue im Gegenteil ganz klar einer, der nicht sich selbst, sondern die inklusiven Perspektiven in den Vordergrund stellte und die an den Rand gedrängten Bevölkerungsgruppen in den Mittelpunkt rückte: Die Arbeitswelt der Fernfahrerinnen, die junge Selbstmörderin (Helene Bukowski, Wer möchte nicht im Leben bleiben, Claassen 2026), die geistig beeinträchtige Schwester, der Alkoholsüchtige (Christoph Peters, Entzug, Luchterhand 2026) , die missbrauchten Athletinnen im Leistungsturnen (Son Lewandowski, Die Routinen, Klett Cotta 2026), die stigmatisierten Hauptschülerinnen (Lena Schätte, Was wir tragen. Noch unveröffentlicht). Es verwundert nicht, dass diese Themen viele Menschen ansprachen.
Schön wäre es allerdings gewesen, hätte es in dem breit aufgestellten Gesamtprogramm – inklusive dem „Jungen Podium“ und der „Lesewiese“ – im Sinne der inklusiven Thematik, etwas weniger Blasenbildungen (bubbles) gegeben im Sinne von: die renommierten und ausgezeichneten Autoren und Autorinnen lesen dort auf dem Hauptpodium und im Redoutensaal, und die anderen (Newcomer, Poeten, Freie Szene) woanders, oder gar nicht. Aber es wäre ja auch erschreckend, wenn es für ein Festival nichts mehr zu entwickeln oder zu verbessern gäbe. Das 47. Poet*innenFest ist in jedem Fall ein Muss!
Musikalisch nicht nur umrahmt, sondern auch sinnlich bereichert wurde das Festival von der Münchner Band
„Le Millipede“. Es war ein ästhetischer Genuss, ihnen und ihren so klug komponierten, feinen Arrangements zuzuhören. Sie „übertönten“ die gehörten Geschichten mit ihren Stücken nicht, sondern trugen die Hörenden sanft und optimistisch weiter in ihren Reisen durch die inneren Welten. Auch sie wünscht man sich im kommenden Jahr unbedingt wieder dabei.
Die Band Le Millipede (von links) Andreas Hirth, Stefan Schreiber, Sascha Lüer, Mathias Götz © Literaturportal Bayern




