Die Schriftstellerin Lena Christ

Die 1881 in Glonn geborene Lena Christ debütierte 1912 erfolgreich mit ihrem Roman Erinnerungen einer Überflüssigen, in dem sie ihre eigenen Erlebnisse als ungewolltes uneheliches Kind literarisch verarbeitet. Das Buch endet, bevor der eigentliche Selbstschöpfungsprozess begonnen hatte: die Geburt der Schriftstellerin.

Lena Christ hat ihre Überflüssigkeit klar erkannt und einer Verwandlung unterzogen. Das Stigma wurde für sie zur Chance, sich selbst zu erfinden: Wer zu nichts nutze ist, der ist auch zu nichts verpflichtet, dem wird auch kein fester Platz zugewiesen. Damit entsteht ein Freiraum. Wohl kaum eine andere hat diesen so genutzt wie Lena Christ: Sie begann, das Glück zu suchen: „Glei frisch drauf los und mitten eine ins Glück!“, heißt es in ihrem Roman Die Rumplhanni.

Lena Christ suchte es überall: in der Stadt, auf dem Land, in der Familie, bei den Männern, im Schreiben, im Ruhm, im Luxus. Ihre Fluchtlinien finden sich in ihren Romanen wieder: In Mathias Bichler ist es der Weg zur Kunst, in der Rumplhanni und in der Madam Bäurin der Weg zu einem selbst bestimmten Leben als Frau – in der Stadt und auf dem Land.

Lena Christ war genauso flexibel wie ihre Protagonistinnen. Immer bereit zu einem Neuanfang war sie nicht einmal auf einen speziellen Ort festgelegt: „Jetzt probier i’s amal z’Münka, und is’s z’Münka nix, nachha geh i auf Berlin“, lässt sie ihre Protagonistin Rumplhanni sagen, doch auch Berlin bedeutet keine Endstation: „Wenn’s da aa nix is, nachher roas’i ganz furt. In’s Amerika.“ Radikal wie ihr Leben war auch ihr Tod: Lena Christ hat sich selbst erfunden und wieder ausgelöscht.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

Sekundärliteratur:

Wendt, Gunna (2012): Lena Christ. Die Glückssucherin. Biografie. LangenMüller Verlag, München.

Quellen:

Peter Benedix: Der Weg der Lena Christ. Ludwig Baur-Verlag, München 1950 (Erstausgabe Adolf Luser Verlag, Wien 1940).

Lena Christ: Lausdirndlgeschichten. Franz Ehrenwirth Verlag, München 1981 (Erstausgabe Martin Mörikes Verlag, München 1913).

Lena Christ: Unser Bayern anno 14. Albert Langen Verlag, München 1923 (Erstausgabe Albert Langen Verlag, München 1914).

Lena Christ: Werke. Süddeutscher Verlag, München 1970. Darin: Erinnerungen einer Überflüssigen (Erstausgabe Albert Langen Verlag, München 1912), Mathias Bichler (Albert Langen, München 1914), Die Rumplhanni (Albert Langen, München 1916), Madam Bäurin (Paul List Verlag, Leipzig 1919), Bauern (Paul List, Leipzig 1919).

F. Gräfin zu Reventlow: „Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich“. Tagebücher 1895-1910. Hg. v. Irene Weiser und Jürgen Gutsch. Verlag Karl Stutz, Passau 2006.

Nachlass Lena Christ. Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek München.



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Lena Christ, um 1911 (Archiv Monacensia)