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21.04.2020, 14:57 Uhr
Gunna Wendt
Kultur trotz Corona
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© Rohrbach

Camus, das Absurde und die Stones

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Albert Camus (1957)

Gunna Wendt studierte Soziologie und Psychologie an der Universität Hannover und lebt seit 1981 als freie Autorin, Publizistin und Kuratorin in München. Neben Arbeiten für Theater und Rundfunk veröffentlichte sie mehrere Bücher, darunter Biographien über Liesl Karlstadt, Erika Mann und Therese Giehse, Maria Callas, Lena Christ und die Familie Bechstein. 2017 wurde Gunna Wendt für ihre Arbeit mit dem Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet. Den folgenden Text hat sie vor den Eindrücken der aktuellen Corona-Krise geschrieben. 

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In einer Schreibpause fiel mir einer meiner letzten Besuche in der Buchhandlung Lentner ein. Es war wenige Tage vor den allgemeinen Buchhandlungsschließungen und mehrere Kunden fragten innerhalb kurzer Zeit nach Albert Camus' Klassiker Die Pest. Ich begann, in meinen Bücherregalen danach zu suchen und ärgerte mich über meine mangelnde Ordnung, weil ich es nicht gleich fand. Doch dann sah ich es neben meinen anderen Camus-Büchern der bekannten rot-schwarzen Rowohlt-Taschenbuchausgabe. Meine Pest war allerdings leuchtend gelb mit blassen Straßenkonturen und grellschwarzer Schrift – also eine noch ältere Ausgabe: 1967. 

Als ich das Buch aufschlug, entdeckte ich rechts oben auf der ersten Seite den Namen einer ehemaligen Mitschülerin und fühlte mich plötzlich wie mit einer Zeitmaschine in meine Schulzeit versetzt. Gisela stammte aus dem Nachbardorf. Wir hatten beide einen langen Schulweg zum Gymnasium in Hannover. Damit verbunden waren endlos scheinende Wartezeiten, wenn man den Mittagsbus verpasst hatte, was häufig geschah. Ab und zu gingen wir durch die Straßen und redeten über Bücher. Das konnte man nur mit wenigen. Auf einem dieser Spaziergänge erzählte mir Gisela den Inhalt von Kafkas Prozess und initiierte damit meine – never ending – Kafka-Phase. Ein anderes Thema war für uns Vierzehnjährige der Existenzialimus: also Sartre und vor allem Camus und das Absurde.    

Meinen Fund im Bücherregal nahm ich zum Anlass, Gisela eine Mail zu senden – wir hatten uns vor einigen Jahren wiedergetroffen und Adressen ausgetauscht. Sie antwortete sofort, konnte sich jedoch nicht mehr so recht an unsere literarisch-philosophischen Gespräche erinnern. Was sie allerdings noch genau wusste, war, dass ich ihr zum dreizehnten Geburtstag Get off of my cloud geschenkt hatte und dass auf der Rückseite der Rolling Stones-Single „I'm free“ war: „ I'm free to do what I want any old time“.

Gerade als ich Gisela schrieb, wie sehr ich mich über unsere durch Die Pest bewirkte Wiederbegegnung freute, rief Eva Hofmann an, die Witwe des Schriftstellers Gert Hofmann. Vor Jahren hatte ich eine Ausstellung zu seinem Leben und Werk in der Monacensia und einen Radioessay über seine Hörspiele für den BR gemacht.

William Turners "Vesuvius in Eruption" (1817/20) wurde vom Ausbruch des Tambora 1815 inspiriert.

Sie erinnerte mich an sein Hörspiel Bericht über die Pest in London, erstattet von Bürgern der Stadt, die im Jahre 1665, zwischen Mai und November, daran zugrunde gingen. Ein Werk des Autors, das von verblüffender Aktualität war. Wieder einmal erwies er sich als genauer Beobachter und Visionär...

Camus, Kafka, die Stones, Gert Hofmann, Gisela – Wiederbegegnungen, die innerhalb weniger Stunden in meinen Schreiballtag einbrachen und parallel mitliefen: erklärend, ermutigend, die Phantasie herausfordernd – wie es seinerzeit Mary Shelley erlebte. 1816 reiste sie mit ihrem zukünftigen Ehemann Percy Bysshe Shelley zu Lord Byron an den Genfer See, um in dessen Anwesen den Sommer zu genießen. Doch es sollte anders kommen: Der unerwartete Ausbruch eines Vulkans in Indonesien wirkte sich weltweit auf das Klima aus, so dass 1816 als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte einging. Die Folgen für das Alltagsleben und die Wirtschaft waren gravierend.  

Mary Shelley berichtet, dass sie und ihre Freunde durch Unwetter und Dunkelheit ans Haus gefesselt waren und sich zunächst die Zeit mit dem Lesen von Gespenstergeschichten vertrieben. Daraus entstand die Idee, selbst eine zu verfassen, dem Absurden mit Phantasie entgegenzutreten. Mary Shelley zögerte anfangs, weil sie sich plötzlich mit unerwarteten Seelenzuständen konfrontiert sah. In einem „halbschlummernden Nachsinnen“ tauchten „ungebeten“ Bilder von erschreckender Lebendigkeit vor ihren geschlossenen Augen auf. Im Mittelpunkt stand „der bleiche Jünger der schrecklichen Wissenschaft“, der vor dem Wesen kniet, das er selbst erschaffen hat. Sie setzte sich während ihres Eingeschlossenseins in idyllischer Umgebung zum Ziel, eine Geschichte zu verfassen, „die das tiefste Entsetzen im Leser hervorrufen, das Blut stocken und das Herz heftiger klopfen lassen sollte“. Mary Shelley hat es realisiert.