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Kultur trotz Corona: „Camus, das Absurde und das Jahr ohne Sommer“. Von Gunna Wendt

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Rita Greer, "The Great Plague 1665", 2009 (c) FAL 1.3

Gunna Wendt (* 1953) studierte Soziologie und Psychologie an der Universität Hannover und lebt seit 1981 als freie Autorin, Publizistin und Kuratorin in München. Neben Arbeiten für Theater und Rundfunk veröffentlichte sie mehrere Bücher, darunter Biographien über Liesl Karlstadt, Erika Mann und Therese Giehse, Maria Callas, Lena Christ und die Familie Bechstein. 2017 wurde Gunna Wendt für ihre Arbeit mit dem Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet.

Die aktuelle Corona-Krise hat Gunna Wendt zum Anlass für einen bislang unveröffentlichten Essay genommen, mit dem sie sich an Kultur trotz Corona“ beteiligt, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung bayerischer Literaturschaffender. Alle bisherigen Beiträge der Reihe finden Sie HIER.

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Camus, das Absurde und das Jahr ohne Sommer

In einer Schreibpause fiel mir einer meiner letzten Besuche in der Buchhandlung Lentner ein. Es war wenige Tage vor den allgemeinen Buchhandlungsschließungen im Lockdown und mehrere Kunden fragten innerhalb kurzer Zeit nach Albert Camus' Klassiker Die Pest. Ich begann, in meinen Bücherregalen danach zu suchen und ärgerte mich über meine mangelnde Ordnung, weil ich ihn nicht gleich fand. Doch dann sah ich ihn neben meinen anderen Camus-Büchern der bekannten rot-schwarzen Rowohlt-Taschenbuchausgabe. Meine Pest war allerdings leuchtend gelb mit blassen Straßenkonturen und grellschwarzer Schrift – also eine noch ältere Ausgabe: 1967. 

Der Erzähler, „den man noch früh genug kennenlernen wird“, erklärt am Anfang des Werkes, was ihn zu seiner Chronistenrolle berechtigt. Es sind neben dem Besitz einiger aussagekräftiger Dokumente vor allem die Kontakte zu Augenzeugen. Protagonist des Romans ist der Arzt Dr. Bernard Rieux. Erst am Schluss erfahren wir, dass er mit dem Erzähler identisch ist. Er schildert die dramatischen Ereignisse, die sich in der algerischen Stadt Oran in den 1940er-Jahren ereignen. Es beginnt mit dem Auftauchen sterbender Ratten an Orten, wo diese Tiere normalerweise nicht zu finden sind. Dann werden einige Menschen von einer unbekannten Krankheit heimgesucht, die zunächst harmlos erscheint, doch Rieux ahnt, dass es sich bei den Geschehnissen um die Vorboten einer Katastrophe handelt. Er behält Recht: Die Pest bricht aus und versetzt die Stadt in einen Ausnahmezustand. Weil die Seuche innerhalb kürzester Zeit unzählige Todesopfer fordert, wird sie als Feind der gesamten Menschheit wahrgenommen. Dagegen zu kämpfen erweist sich als aussichtslose Sisyphos-Aufgabe. Stattdessen beginnt der Erzähler, den Alltag zu beobachten – getreu seiner Maxime: „Die Darstellung der ersten Tage verlangt Genauigkeit.“

Die gewaltsame unerwartete Trennung einander nahestehender Menschen durch die angeordnete Ausgangssperre bildet für ihn „zusammen mit der Angst das größte Leid dieser langen Zeit der Verbannung“. Niemand hat sich darauf vorbereiten können, sondern wird plötzlich damit konfrontiert und in die Isolation hineingedrängt. Das Absurde bestimmt den Alltag, wird zur Normalität. „Man kann sagen, dass die erste Folge dieses schonungslosen Einbruchs der Krankheit unsere Mitbürger zu handeln zwang, als hätten sie keine persönlichen Gefühle“, konstatiert der Erzähler. „Denn das war wirklich das Gefühl der Verbannung, jene Leere, die wir unablässig in uns trugen, diese besondere innere Unruhe, der unvernünftige Wunsch, in die Vergangenheit zurückzukehren oder im Gegenteil die Zeit vorwärts zu treiben, diese brennenden Pfeile der Erinnerung.“

Gleich als ich das Buch aufschlug, wurde ich mit Erinnerungen konfrontiert. Ich entdeckte rechts oben auf der ersten Seite den Namen einer ehemaligen Mitschülerin und fühlte mich plötzlich wie mit einer Zeitmaschine in meine Schulzeit versetzt. Gisela stammte aus dem Nachbardorf. Wir hatten beide einen langen Schulweg zum Gymnasium in Hannover. Damit verbunden waren endlos scheinende Wartezeiten, wenn man den Mittagsbus verpasst hatte, was häufig geschah. Ab und zu gingen wir durch die Straßen und redeten über Bücher. Das konnte man nur mit wenigen. Auf einem dieser Spaziergänge erzählte mir Gisela den Inhalt von Kafkas Prozess und initiierte damit meine – never ending – Kafka-Phase. Ein anderes Thema war für uns Vierzehnjährige der Existenzialimus: also Sartre und vor allem Camus und das Absurde. 

Meinen Fund im Bücherregal nahm ich zum Anlass, Gisela eine Mail zu senden – wir hatten uns vor einigen Jahren wiedergetroffen und Adressen ausgetauscht. Sie antwortete sofort, konnte sich jedoch nicht mehr so recht an unsere literarisch-philosophischen Gespräche erinnern. Was sie allerdings noch genau wusste, war, dass ich ihr zum dreizehnten Geburtstag Get off of my cloud geschenkt hatte und dass auf der Rückseite der Rolling Stones-Single I'm free war:  „I'm free to do what I want any old time“. Ein Thema, das sich durch Albert Camus gesamtes Werk hindurchzieht. So sind seine politischen Essays unter dem Titel Verteidigung der Freiheit erschienen. Darin heißt es: „Ohne Freiheit keine Kunst; die Kunst lebt nur von den Beschränkungen, die sie sich selbst auferlegt, an den anderen geht sie zugrunde.“

Gerade als ich Gisela schrieb, wie sehr ich mich über unsere durch Die Pest bewirkte Wiederbegegnung freute, rief Eva Hofmann an, die Witwe des Schriftstellers Gert Hofmann. Vor Jahren hatte ich unter dem Motto Zerlegen und Zusammensetzen in der Monacensia eine Ausstellung zu seinem Leben und Werk gemacht. Es folgte ein Radioessay für den BR mit dem Titel „Wenn ich Sie wäre, wäre ich lieber ich“. Eva Hofmann erinnerte mich an das Hörspiel Bericht über die Pest in London, erstattet von Bürgern der Stadt, die im Jahre 1665, zwischen Mai und November, daran zugrunde gingen. Ein Werk des Autors, das von verblüffender Aktualität war, obwohl die Ursendung bereits 1968 stattfand.

Wieder einmal erweist sich Hofmann als genauer Beobachter und Visionär. Ein breites Spektrum der Bewohner einer Stadt kommt zu Wort: Alte und Junge, Arme und Reiche, Mächtige und Unterdrückte – sowohl einzeln als auch gemeinsam im Chor. So verkündet der „Chor der Käuferinnen“: „Wir Käuferinnen sind vorsichtig geworden / Und halten uns weit zurück, / wenn wir in ihre Läden treten. / Wenn sie mit uns sprechen, / Wenden wir unser Gesicht ab. / Wir trauen ihrem Atem nicht. / Wir nehmen das Fleisch selber vom Haken / Und werfen unser Geld in ihre Essigtöpfe. / Wir haben stets Wechselgeld bei uns.“  

Ein wesentliches Thema des Hörspiels ist die Informationspolitik der Stadtverwaltung. Der Magistrat und die Beamten beteuern: „Von Gefahr kann jedoch keine Rede sein! / Die Stadt ist längst über den Berg! / Die Stadt ist längst über alle Berge! / Deshalb Schwamm drüber, meine Freunde! / Unsre Stadt / Mai Sechzehnfünfundsechzig, / Liebe Bürger, / Ist gesund!“

Flüsternde Stimmen äußern ihre Vermutung über die Herkunft der Epidemie: „Es kommt aus Holland! / Aus Zypern! Aus Zypern! / Unsinn! Die Türkei! Die Türkei! / Von Frankreich! Von Frankreich! / Aus Amsterdam!“

Gert Hofmann lässt eine reale historische Figur in seinem Hörspiel auftauchen: den Publizisten Roger L' Estrange (1616-1704), der als Journalist, Übersetzer und Flugblattverfasser begann und schließlich zum Herausgeber und Zeitungsgründer avancierte. Als Königstreuer war er auch politisch tätig und daran gewöhnt, Nachrichten in seinem Sinn zu verfassen, so auch in Hofmanns Hörspiel: „Schreiben Sie: Um die Gerüchte über eine Seuche, / Die angeblich in London grassiert, / Ein für allemal aus der Welt zu schaffen, / Hat sich Monsieur L' Estrange entschlossen, / Die wöchentliche Zahl der Opfer / In seinem weltberühmten Blatt, / Dem ersten seiner Art, / Zum Abdruck zu bringen. / In London gestorben / In der ersten Woche im Juli: / Dreihundertsiebenundvierzig. / Davon an der Seuche: einer.“

Das Wort „Pest“ will er vermeiden, stattdessen lieber von „Seuche“ oder „Krankheit“ sprechen. Die Informationspolitik der nächsten zwei Wochen hat er bereits geplant: „So bestehen die Opfer, / Die es wie Fliegen dahinrafft, /  Etwas Ironie kann nicht schaden... [...] / ... vierzehn und aus siebzehn Seelen / Ausschließlich Kinder und Greise!“ Weiter beruhigt er mit dem Hinweis: „Von Londons einhundertunddreißig Gemeinden / Sind nur fünf betroffen. / Nein, schreiben Sie vier.“ Seinem Sekretär versichert er: „Alle Zahlen / Sind offiziell und authentisch.“ 

Kritik an der Einflussnahme der Politik auf die Medien findet sich auch in Henrik Ibsens Stück Ein Volksfeind, auf dessen Aktualität die britische Tageszeitung The Guardian am 30. April 2020 hinweist. Der Protagonist des 1882 entstandenen Werkes ist der Badearzt Dr. Tomas Stockmann. Er deckt die industrielle Wasserverschmutzung in dem angesehenen Kurort, in dem er lebt und arbeitet, auf. Im Namen der Verantwortung für die allgemeine Gesundheit drängt er auf Einstellung des Badebetriebs, bis Renovierungsmaßnahmen getroffen worden sind. Zunächst wird er als Retter gefeiert, der Redakteur der ansässigen Zeitung Volksnachrichten verspricht ihm, sofort einen aufklärerischen Artikel zu schreiben: „Dieser unverzeihliche große Fehlgriff mit dem Wasserwerk muss allen stimmberechtigten Bürgern einsichtig gemacht werden.“ Doch nachdem der Bruder Stockmanns – als Amtsrat, Polizeidirektor und Vorsitzender der Kurbadverwaltung einer der Honoratioren der Stadt – interveniert hat, gibt der Redakteur zu bedenken, dass er in seiner Funktion nicht immer so handeln könne, wie er gern möchte, sondern sich „der Meinung des Volkes beugen“ müsse. „Die Politik ist doch die Hauptsache im Leben – jedenfalls für eine Zeitung; und wenn ich das Volk für Befreiung und Fortschritt mitreißen will, dann darf ich es nicht abschrecken.“ Die Legitimationsversuche seines opportunistischen Handelns steigern sich im Laufe der Handlung: „Dass eine Zeitung bei lokalen Angelegenheiten mit einer gewissen Vorsicht vorgehen muss“, habe er „von erfahrenen und besonnenen Männern“ gelernt. „Die erste und vornehmste Pflicht eines Redakteurs“ sei es, „in Übereinstimmung mit seinen Lesern“ zu handeln. „Hat er nicht sozusagen stillschweigend das Mandat erhalten, unermüdlich und unverdrossen auf das Wohl seiner Gesinnungsgenossen zu achten?“

The Guardian zieht eine direkte Parallele zum aktuellen Verhalten der britischen Regierung in der Corona-Krise: „The play's message is a counsel of democratic despair: that might is more powerful than right.“ Wie Ibsens fiktiver Politiker weigerten sich die Minister, die virale Bedrohung zu sehen. „Rather than admit responsibility for being behind the curve, ministers instead seek to delegitimise the media for asking questions about why Britain failed.“

1881, ein Jahr vor Ibsens Volksfeind, erschien Jens Peter Jacobsens Novelle Die Pest in Bergamo, in der der dänische Schriftsteller die verschiedenen Stadien innerhalb des Seuchenverlaufs aufzeigt: von der gegenseitigen Fürsorge und Rücksichtnahme über Resignation und Lethargie bis hin zu Aggression und Bösartigkeit. Schließlich folgt ein irrationaler Totentanz unter dem Motto: „Heute wollen wir prassen, denn morgen sind wir tot!“ Die Musik steigert sich zu einem Höllenkonzert, das nicht enden will. „Ja, wären nicht alle Sünden schon vorher erfunden gewesen, so wären sie es hier geworden, denn es gab keinen Weg, den sie in ihrer Verwerflichkeit nicht eingeschlagen hätten. Die unnatürlichsten Laster blühten unter ihnen, und selbst so seltene Sünden wie Nekromantia, Zauberei und Teufelsbeschwörung waren ihnen wohlbekannt, denn da waren viele, die vermeinten, bei den Mächten der Hölle den Schutz zu finden, den der Himmel nicht hatte gewähren wollen.“

Ähnliches hatte ein halbes Jahrhundert vorher Heinrich Heine erlebt. Er war 1831 nach Paris gegangen, um der Zensur, mit der er sich ständig herumplagen musste, zu entkommen. In Paris war er für die in Augsburg erscheinende Allgemeine Zeitung tätig. In der damals meistgelesenen deutschsprachigen Tageszeitung schrieb er regelmäßig über „Französische Zustände“, so auch 1832 über die Cholera-Epidemie in Paris. In seinem Artikel Nummer VI vom 19. April schildert er, wie sich die Bewohner der Stadt bei sonnigem Wetter fröhlich auf den Boulevards tummelten, nachdem der Ausbruch der Epidemie am 29. März 1832 offiziell bekanntgemacht worden war. Es war der Tag des Demicarême, mit dem der alljährliche Karneval begann. Die Ballsäle waren so überfüllt wie lange nicht, „übermütiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik“. Es waren Masken zu sehen, „die, in karikierter Missfarbigkeit und Ungestalt, die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten“. Die Stimmung änderte sich jäh, „als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte und die Maske abnahm und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorschein kam“. Das Gelächter verstummte, nach und nach wurden Menschen direkt vom Ballsaal zum Hôtel-Dieu, dem Zentralhospital gebracht, „wo sie, in ihren abenteuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden. Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte und die ältern Gäste des Hôtel-Dieu ein grässliches Angstgeschrei erhoben, so sind jene Toten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, dass man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.“

Albert Camus, Franz Kafka, die Rolling Stones, Gert Hofmann, Henrik Ibsen, Jens Peter Jacobsen, Heinrich Heine, meine Schulfreundin Gisela – Wiederbegegnungen, die während der Ausnahmesituation in meinen Schreiballtag einbrachen und parallel mitliefen: erklärend, ergänzend, ermutigend, die Phantasie herausfordernd – wie es seinerzeit Mary Shelley erlebte. 1816 reiste sie mit ihrem zukünftigen Ehemann Percy Bysshe Shelley zu Lord Byron an den Genfer See, um in dessen Anwesen den Sommer zu genießen. Doch es sollte anders kommen: Grund dafür war keine Seuche, sondern eine Naturkatastrophe: Der unerwartete Ausbruch eines Vulkans in Indonesien wirkte sich weltweit auf das Klima aus, so dass 1816 als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte einging. Die Folgen für das Alltagsleben und die Wirtschaft waren gravierend. 

Mary Shelley berichtet, dass sie und ihre Freunde durch Unwetter und Dunkelheit ans Haus gefesselt waren und die idyllische Umgebung, auf die sie sich gefreut hatten, nicht genießen konnten. „Da fielen uns gelegentlich einige Bände deutscher Gespenstergeschichten in die Hände.“ Daraus sei die Idee entstanden, selbst eine zu verfassen, dem Absurden mit Phantasie entgegenzutreten. Während Lord Byron und Shelley „oft und lange“ diskutierten, habe sie bescheiden geschwiegen und aufmerksam zugehört. „Eine der philosophischen Hauptfragen, die diskutiert wurden, war die nach dem Ursprünge des Lebens und ob es je möglich sei, ihm auf den Grund zu kommen.“ Diskussionsthemen waren auch die Lehren und Experimente Charles Darwins, denen die neunzehnjährige Mary Shelley skeptisch gegenüberstand. Ihre Assoziationen bewegten sich in andere Richtungen: „Aber vielleicht wäre es denkbar, einen Leichnam wieder zu beleben, was ja auf galvanischem Wege bereits geschehen ist, oder die Bestandteile eines Lebewesens zusammenzufügen und ihm lebendigen Odem einzuhauchen.“

Mary Shelley zögerte anfangs mit dem Schreiben, weil sie sich plötzlich mit unerwarteten Seelenzuständen konfrontiert sah. In einem „halbschlummernden Nachsinnen“ tauchten „ungebeten“ Bilder von erschreckender Lebendigkeit vor ihren geschlossenen Augen auf. Im Mittelpunkt stand „der bleiche Jünger der schrecklichen Wissenschaft“, der vor dem Wesen kniet, das er selbst erschaffen hat. Die Erzählerin identifizierte sich so stark mit der von ihr imaginierten Figur des Schöpfers, dass es ihr nicht gelang, „das gespenstische Bild meiner Phantasie wieder mit der Wirklichkeit zu vertauschen“. Die Umgebung, in der sie sich befand, konnte ihre Visionen nicht vertreiben. „Ich erinnere mich noch heute ganz genau an das dunkle Zimmer mit seiner Täfelung, auf der sich durch die geschlossenen Gardinen fahl das Licht des Mondes spiegelte. Ich wusste, dass draußen spiegelglatt der See lag und die Alpen ihre Häupter starr zum Himmel erhoben; aber trotzdem konnte ich meines Phantasiegebildes nicht ledig werden.“

Erst nach längerem Wachliegen fiel ihr wieder der von Lord Byron erdachte Plan ein, eine Gespenstergeschichte zu schreiben. „Wie ein Licht flammte es in mir auf. Ich habe sie! Was mich erschreckte, soll auch andere erschrecken. Ich habe nur den unheimlichen Halbtraum jener Nacht zu beschreiben.“ Um die Macht der Visionen zu bannen, die, kaum unterscheidbar von realem Geschehen, in den Alltag eindrangen, mussten sie gestaltet werden. Und so hatten sich die drei Reisenden während ihres Eingeschlossenseins zum Ziel gesetzt, eine Geschichte zu verfassen, „die das tiefste Entsetzen im Leser hervorrufen, das Blut stocken und das Herz heftiger klopfen lassen sollte“. Mary Shelley hat es realisiert.

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