Info
13.03.2021, 11:26 Uhr
Renée Rauchalles
Text & Debatte
images/lpbblogs/autorblog/R.Rauchalles_pink1_10cmH164.jpg
Renée Rauchalles © Folker Schellenberg

Das bewegte und bewegende Leben der Schriftstellerin Oda Schaefer

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/2020/klein/Oda__Lange_1958_500.jpg
Horst Lange und Oda Schaefer, 1958 © Titus Horst

Lange Zeit war es still geworden um die Wahlmünchnerin Oda Schaefer. 38 Jahre hat sie in der Bayerischen Hauptstadt gelebt und gewirkt, verewigt hat man sie 2002 durch einen Oda-Schaefer-Weg. Ihre von dem Nachlassverwalter Titus Horst 2012 in der Edition Avicenna neu herausgegebenen Erinnerungen Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren, die auch den zweiten Band Die leuchtenden Feste über der Trauer beinhalten, weiterhin der Gedichtband Immer war ich. Immer werde ich sein (mit ausgewählten Gedichten aus fünf Lyrikbänden und teilweise unveröffentlichten aus ihrem Nachlass) sowie der 2011 mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Film Poll von Chris Kraus, der die 14-jährige Oda in den Mittelpunkt stellt, haben eine Schriftstellerin aus der Vergessenheit geholt, die einst mit Hilde Domin, Ingeborg Bachmann oder Marie Luise Kaschnitz in einem Atemzug genannt wurde.

Schreiben war für Oda Schaefer, die bereits als Kind Zugang zur Bibliothek des Vaters hatte, eine Notwendigkeit. Das half ihr nicht nur finanziell, sondern auch psychisch zu überleben.

Denn Schmerz und Leid, Armut und Krankheit bestimmten ihr Leben, das sie viele Häutungen hat durchmachen lassen. Stets gab es jedoch Menschen, die ihr in der Not und in düsteren Zeiten zur Seite standen, sodass die Autorin trotz aller Wirrnis und Dunkelheit dem Leben auch immer positive Seiten abgewinnen konnte. Es war ein bewegtes, an der Seite ihres zweiten Mannes, des Schriftstellers Horst Lange, geliebtes und liebendes, aber auch gefährdetes und unsicheres Leben. Als sie 1950 nach München in eine 42 qm kleine Wohnung umziehen konnten, fühlten sie sich in ihrem eigenen kleinen Reich vom Glück umarmt – Nach zwei Kriegen, so der Titel eines von Odas Gedichten, das lapidar beginnt: „Uns ist auferlegt worden zu leben.“

Früh schon zeigte sich bei Oda das malerische, literarische und musikalische Erbe, was dem Vater allerdings Sorgen machte, denn er wollte seine Kinder (Sohn Wolfgang war 13 Jahre älter als Oda) vor der Unsicherheit eines freien Berufes bewahren. Der Journalist und Schriftsteller Eberhard Kraus arbeitete als Chefredakteur bei einer Königsberger Zeitung und begeisterte sich für germanische Mythologie. Diese Liebe gab er an seine Tochter weiter. Er stammte wie sein Vater Hugo von Kraus, ein protestantischer Pastor, aus dem Baltikum, wo er 1857 auf Neugut in Kurland geboren wurde. Dieses Gut war Stammsitz mehrerer Pastoren-Generationen.

Hugos Frau, Sally Kügelgen, war die Nichte des 1802 in St. Petersburg geborenen Malers und Schriftstellers Wilhelm von Kügelgen, der vor allem durch seine posthum veröffentlichten Jugenderinnerungen eines alten Mannes bekannt wurde. Und sie war die Enkelin des 1772 am Rhein geborenen berühmten Porträtisten Gerhard von Kügelgen. Dieser kam 1795 durch ein Stipendium u.a. auch nach München, wo er seine Frau Helene Marie Zoege von Manteuffel kennenlernte – eine seiner Schülerinnen. (Er war auch Lehrer und Freund des Malers Caspar David Friedrich und ab 1805 Professor an der Dresdner Kunstakademie.) Seine Bilder, u.a. die von Schiller, Goethe, Herder, dem preußischen Königshaus und der russischen Zarenfamilie, hängen weltweit in den größten Pinakotheken. Sein Leben endete tragisch, er wurde 1820 von einem Raubmörder erschlagen.

Odas Mutter, Alice, kam aus einer wohlhabenden estnischen Kaufmannsfamilie und stammte aus Dorpat (heute Tartu), der ältesten Stadt im Baltikum, wo Eberhard Kraus 20-jährig ein Germanistik- und Geschichtsstudium an der einst deutschsprachigen Universität begann. Sie galt als das schönste Dorpater Mädchen und war sehr musikalisch. Ihr Vater führte einen ausgedehnten Stoffhandel. Als er wegen eines Betrugs Bankrott anmelden musste, wurde sie mittellos und somit völlig abhängig vom Einkommen ihres Mannes.

Bei Odas Geburt am 21. Dezember 1900 lebten die Eltern bereits in Berlin. Eberhard Kraus betätigte sich nun als freier Schriftsteller. Da er davon nicht leben, geschweige denn eine Familie ernähren konnte, übernahm er die Chefredaktion der Ostpreußischen Zeitung in Riga, was viele Reisen notwendig machte. 1908 trennte sich das Paar, Kraus kehrte in das seit 1881 russifizierte Baltikum zurück. Ende Juni 1914 gab es ein Wiedersehen auf dem großen Gut Poll in Estland, entfernte baltische Verwandte hatten Mutter und Tochter eingeladen, den Sommer dort zu verbringen.

 



Links: die 12-jährige Oda in Berlin, © Titus Horst. Rechts: Oda Schaefer, 1941, © Titus Horst

Der Vater kam Ende Juli kurz zu Besuch. Er warnte vor einem Krieg. In ihren Erinnerungen beschreibt Oda Schaefer diesen einzigen Besuch in der Heimat ihrer Eltern als eine paradiesische Zeit, als einen „letzten Sommer des Friedens, der doch schon unterhöhlt war von unterirdischem Knistern und Bersten, vom Grollen kommender Kriege und Revolutionen“. Diese Episode schildert der Regisseur Chris Kraus in seinem Film Poll. Er entdeckte durch Zufall, dass er mit Oda Schaefer verwandt ist, als er 1987 während seines Studiums der Geschichte und Literatur auf ihre Lyriksammlung stieß.

Der Krieg kam. Ausgelöst durch den am 28. Juni 1914 verübten Mord an dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gemahlin, entwickelte er sich zum Ersten Weltkrieg. Die Deutschen wurden aus Russland abgeschoben. Nach einer alptraumhaften Flucht über Finnland nach Schweden erreichte die Familie Kraus völlig erschöpft Berlin, wo man den Lärm des Krieges noch nicht hörte, aber spürte. Odas Bruder meldete sich freiwillig zum Leipziger Ulanen-Regiment. Weil Eberhard Kraus fließend Russisch und Polnisch sprach (er konnte sogar Puschkins Gedichte ins Deutsche übersetzen), wurde er als Pressechef nach Warschau versetzt. Alice Kraus und Tochter Oda, die in Musik und Dichtung Zuflucht suchte, blieben nun allein in Berlin.

Später, als der Vater zurückzukam und als Oberlehrer an einem Berliner Gymnasium eingesetzt wurde, gab es die ersten Unruhen und Rebellionen an den höheren Schulen. Das war nicht mehr seine Welt. Der Verlust seiner Heimat und ehemaligen Anstellung, die 1917 ausgebrochene russische Revolution und die deutsche Novemberrevolution 1918, die zum Zusammenbruch des Kaiserreichs führte, sowie seine schwere Krankheit (vermutlich Diabetes), waren wohl ausschlaggebend dafür, dass er sich eine Woche nach Odas 18. Geburtstag erschoss.

Diese tiefe Erschütterung in ihrem jungen Leben stürzte sie in eine intensive Todessehnsucht, die viele schlimme Jahre andauerte. Der Tod wird in ihrem lyrischen Werk nun ein großes Thema, immer aber bringt sie auch Versöhnung und Verständnis zum Ausdruck, wie in dem Gedicht Am Grabe, das sich auf den Tod des Vaters bezieht. Viele ihrer Gedichte spiegeln wie in diesem ihre Biografie wider.

Nach seinem Selbstmord ging es für die Familie darum, finanziell zu überleben. Oda Kraus kam auf die private Kunstgewerbeschule von Adolf Propp, um u.a. das gut bezahlte Entwerfen von Tapeten und Stoffmustern zu erlernen. Mit Stoffmalerei und Stickmustern verdiente sie dann ihr erstes Geld. Diese Schule wurde für sie ein Ort der Kreativität und Freude, an dem sie ihre Schüchternheit überwand. Sie feierte auf vielen Kostümfesten und fand Zugang zur Berliner Bohème der zwanziger Jahre.

Eine im Juni 1923 geschlossene Bohème-Ehe führte sie denn auch mit dem Maler und Zeichner Albert Schäfer-Ast, den sie nach einem Schulwechsel auf einem dieser Feste kennenlernte. Der fast zwei Meter große „Gorilla“ war eine schillernde Künstlerpersönlichkeit, seine Atelierfeste waren legendär. Aufgrund einer Augenverletzung im Ersten Weltkrieg malte er einäugig. Neben seinen Naturstudien entstanden Karrikaturen, die u.a. in der wöchentlich herauskommenden Kunst- und Literaturzeitschrift JUGEND erschienen sowie in zahlreichen Büchern wie Knigge für Verliebte, Lustig und listig und der bekanntesten Kinderzeitschrift Der heitere Fridolin (1921-1928, Ullstein), deren besonderes Kennzeichen Bildergeschichten mit wiederkehrenden Figuren waren.

 

 

Albert Schäfer-Ast mit seiner Spielzeugsammlung, © Titus Horst. Rechts: Trabrennen, aus: JUGEND 1931, Heft 36. Die Zeitschrift, Namensgeber für die Kunstrichtung Jugenstil, erschien von 1986 bis 1940 in München

Die Ehe mit Schäfer-Ast war schwierig, die Zeiten auch. Es herrschte Hochinflation, von Stunde zu Stunde fiel der Kurs der Mark und die Preise schnellten in ungeahnte Höhen. 1923 wurde die Rentenmark eingeführt und die Währung stabilisiert. Und Oda erwartete ein Kind. Die Geburt von Sohn Peter im Mai 1924 hätte sie beinahe nicht überlebt. Kaum war sie auf vom Krankenlager, musste das Paar mit dem Säugling zu Odas Mutter ziehen, weil das Wohnungsamt ihre Wohnung einer alten Frau zusprach. Schäfer-Ast erkrankte nun so schwer, dass ihn Oda löffelweise füttern musste. Eine Lungenembolie fesselte ihn ans Bett. Diese Zeit, da sie ihren Mann pflegte, so gut sie konnte, nannte sie „ihre Menschwerdung“.

Dennoch verlor sie nicht die Freude am Feste feiern. Vielmehr fand sie eine neue, freilich unglückliche Liebe. Der junge Mann, den sie auch heiraten wollte (weshalb sie sich scheiden ließ), hieß Uli und war der älteste Sohn des Bildhauers Fritz Klimsch, dessen Bronzeskulpturen u.a. im Berliner Botanischen Garten stehen. In seiner Wohnung, Treffpunkt für zahlreiche Persönlichkeiten und Künstler, begegnete Oda Schaefer (sie schrieb Schäfer mit ae) z.B. den Malern Max Liebermann und Max Pechstein. Malerei war ihr später immer wieder Inspiration für ihre Lyrik.

1926 wurde ein Umzug nach Liegnitz (heute polnisch: Legnica) in Niederschlesien notwendig. Ihr Bruder, von dem Oda und ihre Mutter immer noch abhängig waren, hatte eine Stelle als Chefredakteur beim Liegnitzer Tageblatt übernommen. Sohn Peter kam ebenfalls mit.

Auch wenn es zunächst nicht so aussah, in Liegnitz begann Oda Schaefers eigentliche Bestimmung. Dort lernte sie im Winter 1929/30 ihre große Liebe kennen, den vier Jahre jüngeren Schriftsteller Horst Lange, der ursprünglich Maler werden wollte. Dort begann die über 40-jährige gemeinsame Wanderschaft – gegen alle Widerstände beider Familien –, die nicht selten von „wilden Strömen, Flutungen und reißenden Wassern umspült wurde, dieser Zerstörung aber absolut standhielt“. Und dort begannen sie, sich gegenseitig Gedichte zu schreiben. Auch konnte Oda für einige Zeitungen wie die Schlesische Zeitung oder die Schlesischen Monatshefte feuilletonistische Beiträge verfassen sowie neuartige Naturschilderungen für den Wanderer im Riesen- und Isergebirge. Allen Warnungen zum Trotz aber verließen die beiden im Mai 1931 die Liegnitzer Kleinstadtenge. Heimlich. Sohn Peter blieb zurück.

 

 

Horst Lange, 1937, im Erscheinungsjahr der „Schwarzen Weide". Neben seiner literarischen Tätigkeit verfasste er auch zahlreiche feuilletonistische Beiträge und Rezensionen. Zudem arbeitete er für den Rundfunk. © Titus Horst. Rechts: Horst Lange: „Der Dichter und sein Verleger", 1964, © Titus Horst

Mit nur 300 Mark fuhren sie nach Berlin. Zum Glück konnte Oda Schaefer für die Frauenbeilage des Liegnitzer Tageblattes weiterarbeiten und hatte somit eine finanzielle Basis, wenn auch eine sehr geringe, während Horst Lange vorerst nur hin und wieder etwas verdiente. Anfang 1933 erfuhren sie bestürzt, dass Hitler nun auch von Industriellen wie Thyssen finanziell unterstützt werden sollte. Eine nächtliche Hausdurchsuchung in ihrer Zehlendorfer Wohnung im März 1933 verunsicherte sie zutiefst. Nachbarn im Nebenhaus hatten sie denunziert, sie wussten, dass Horst Lange für das Berliner Tageblatt und die Vossische Zeitung schrieb (beides jüdische Blätter).

Dieses Erlebnis führte dazu, dass sie im Juli 1933 heirateten. Trauzeuge war ein Freund, der bekannte Lyriker Günter Eich, dem Oda ihre erste Gedichtveröffentlichung in seiner Zeitschrift Kolonne verdankte. Beide tauschten zur gegenseitigen Kritik Gedichte aus. Sie waren auch einmal ineinander verliebt, er war Inspirationsquelle für ihre Ballade Die Totenbraut. Mit Balladen, von deren Stärke sie Georg von der Vring zu überzeugen suchte, hatte sie ihre lyrische Arbeit begonnen. Weitere gemeinsame Freunde waren u.a. Carl Zuckmayer, Karl Krolow, Wolfgang Koeppen und ihr Nachbar Werner Bergengruen. Er gehörte wie sie zum Schriftstellerkreis der von Verleger Victor Otto Stomps in Berlin herausgegebenen Rabenpresse, bei der auch Horst Lange seine Gedichtbände veröffentlichte. 1939 erschien dort Odas erster Lyrikband Die Windharfe.

Die 30er Jahre schildert Oda Schaefer in ihren Erinnerungen als einen Tanz auf dem Vulkan.

Es war schwer überhaupt durchzukommen und nicht zu verhungern. Alle Kreativen mussten nun in die Reichskulturkammer eintreten. Im Gegensatz zu manch anderen traten die Langes aber nicht der NSDAP bei. Das Jahr 1939 läutete den Alptraum des Zweiten Weltkrieges ein.

Genau dann, als Horst Lange einen Filmstoff an die Bavaria verkaufen konnte, kam im Juni 1940 der Gestellungsbefehl. Im Herbst 1941 wurde er bei -40 Grad Kälte nach Moskau geschickt und schwer verwundet. Odas Sohn war ebenfalls nach Russland abkommandiert worden, zur Heeresartillerie. Ab Juni 1944 wurde er vermisst. Sie sah ihn nie wieder. Ihr Gedicht An meinen Sohn drückt ihren Schmerz und tiefste Verzweiflung aus, aber auch Hoffnung, während das nachfolgende Gedicht bereits die Aussichtslosigkeit erahnen lässt (Auszug):

 

Ich warte

Wo bleibt dein Schrei?

Erstickt, vermummt schleppst du weiter
Die klirrende Kette
tiefer ins eisengrau dunkelnde Land,
Schächte, Wüsten, ja endlos
Kreisende Ebenen
Füllst du vergebens mit Traum.

Drang meine Liebe nicht hin,
Hin zu dir, mein Geliebter,
Aus meinem Schoße Geborener
Drang nicht der Ruf durch die Winde,
Die Wolken, die Nächte, den Schnee?
Konnte die Fessel er nimmer
Lösen vom blutenden Fuß                                  
Oder den Bann, der dich hält,
Mit uraltem Zauber,
der Formel, dem Wort?                                   

Aus: Oda Schaefer, Immer bin ich, immer werde ich sein,
1. und 2. Strophe

 

Freundschaften waren in diesen Zeiten das Wichtigste, wie z.B. die mit Elisabeth Langgässer. Deren Mann, Wilhelm Hoffmann, arbeitete beim Berliner Rundfunk. Für ihn schrieb Oda Schaefer viele Hörfolgen, eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen, auch nach dem Krieg, als sie für den Bayerischen Rundfunk arbeitete. Geschickt wusste sie Themen, die sie oft schon bei Zeitungen angebracht hatte, auszuschlachten und mehrfach an Rundfunk- und TV-Sender zu verkaufen. Durch Langgässers Vermittlung konnte auch Horst Lange seinen 1933 begonnenen Roman Schwarze Weide 1937 veröffentlichen. Er fand bei Presse und Kollegen viel Beachtung.

Ein besonders guter Freund war Erich Kästner. Er half, wo er konnte. In den Dichter Peter Huchel war Oda zeitweise verliebt, wie auch in den Grafiker und Maler Max Hauschild, der für ihren Gedichtband Die Windharfe das Titelbild zeichnete und auch Gedichte von Horst Lange illustrierte. Oda wiederum schrieb zu einem seiner Aquarelle das Gedicht Mondsee. Natur spendete ihr Trost, was vermehrt Eingang in ihre fast physisch erlebbare Lyrik fand (vor allem durch die Naturlyrik wurde die Dichterin bekannt), in der sie die Musik der Natur zum Klingen bringt wie im Gedicht Die stumme Harfe.

Die Ehe mit Horst Lange war nicht immer eitel Sonnenschein. Beide brauchten den Flirt (Oda hatte viele Verehrer), Horst auch die Erotik außerhalb ihrer Beziehung. Immer wieder kam es zu Streit und Eifersuchtsszenen. Auch sein großer Alkoholkonsum spielte eine Rolle, mit dem der schwer Kopfverletzte seinen traumatischen Kriegserlebnissen entfloh. Oda Schaefer thematisierte das in ihrem Gedicht Der Trinker.

All das tat aber ihrer Liebe keinen Abbruch. Angeregt durch eine Zeichnung von Horst, schrieb Oda das Gedicht Liebespaar 1945, in dem sich beide unversehrt durch die Trümmerlandschaft einer friedvollen Zukunft entgegengehen. Noch ließ sie auf sich warten. Horst wurde Ende März 1945 nach Mittenwald zu den Gebirgspionieren versetzt. Sie kamen dort in der Nacht des Karfreitags an. Es lag hoher Schnee. Trotz der schlechten Gesundheit, unter der beide litten (Oda Schaefer musste sich einigen schweren Operationen unterziehen), und des Verlusts der ausgebombten und besetzten Berliner Wohnung gab der Neuanfang in Mittenwald Auftrieb.

Oda veröffentlichte zahlreiche Gedichte und Beiträge in neuen Zeitschriften und Anthologien, fünf weitere Lyrikbände sollten noch folgen, auch Prosabände, wie z.B. Die Kastanienknospe. Dieser kam 1947 als erstes Buch im Piper Verlag heraus, dessen Hausautorin sie wurde. Ihre dort veröffentlichte Schwabing-Anthologie, die das künstlerische Leben Schwabings ab 1900 thematisiert, erreichte die traumhafte Auflage von 15.000.

Ebenfalls 1947 brachte eine Reise in die Schweiz ein Wiedersehen mit alten Freunden, u.a. mit Erich Kästner. Sie und Horst erlebten einerseits viel Hilfsbereitschaft, aber auch Ressentiments, weil sie nicht emigriert waren. Oda Schaefers Modeberichte nahmen in der Schweiz ihren Anfang, als sie den Redakteur einer Modezeitschrift kennenlernte. Die Kulturgeschichte, die ihr dafür als Basis diente, wurde dann ihr „eigentliches journalistisches Arbeitsgebiet“. Die Freundschaft zu Kästner, der in München (wohin Oda Schaefer und ihr Mann 1950 von Mittenwald zogen) die Leitung des Feuilletons der Neuen Zeitung übernommen hatte, war ein Geschenk des Himmels. Stets blieb er seinem Spruch „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ treu.

Oda Schaefer konnte nun Feuilletons für die Neue Zeitung schreiben, später auch für die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit. Sie veröffentlichte sie meist noch in einigen anderen Zeitungen. Vor allem diese Publikationen machten auch ihre Gedichte bekannt, für die sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. mit der Ehrengabe der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, dem Förderpreis der Stadt München, der Medaille München leuchtet und dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Als Erich Kästner 1957 den Büchner-Preis erhielt, verteilte er das Preisgeld an ärmere Kollegen, Oda Schaefer erhielt ein Fünftel.

             

                 

Links: Oda Schaefer mit ihrem Sohn Peter, 1929, © Titus Horst. Rechts: Oda Schaefer mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss in der Ausstellung „Horst Lange, Bilder-Zeichnung-Skizzen eines Schriftstellers" in der Münchner Galerie Malura, April 1960, © Titus Horst

Ab Mitte 1968 schrieb sie an ihren Erinnerungen. Dafür brauchte sie ihre ganze Kraft, weshalb sie die journalistische Arbeit fast ganz aufgab. Kraft brauchte sie auch für Horst Lange. Seine Kriegsverletzungen und sein Alkoholismus forderten immer mehr ihren Tribut. Am 6. Juli 1971 starb er an den Folgen einer Leberzirrhose. 40 Jahre gemeinsamen Lebens, das sich furchtlos Gegen die Dunkelheit der Welt (so der Titel eines Gedichts) behauptete, waren zu Ende gegangen. In dem Gedicht fragt sie: „Wer hat den Mut den andern zu tragen / Über den schwarzen Fluss / In die Ungewissheit des Nebels, / Den Verirrten zu suchen / Zwischen endlos sich gleichenden Stämmen / Die den Gesunden verwirren ... “.

Oda Schaefer hatte diesen Mut und den Mut zur beständigen Liebe – trotz aller Nöte und Leidenserfahrungen. Sie hatten ihr Leben von Anfang an auf das Abenteuerliche, Unerwartete, Improvisierte und Unbürgerliche eingestellt, schrieb sie in ihren Erinnerungen, die mit dem überaus berührenden Satz enden: „Ich habe dich geliebt wie keinen anderen Menschen auf dieser Erde.“

Nach dem Tod ihres Mannes zog sie sich zurück, schrieb aber weiter Gedichte: „Ich trete ein in das Alter / Unter die Brücken. / Kalt ist der Stein / und leicht als Decke die Zeitung / ...“. 17 Jahre wird sie Horst Lange überleben und zu ihrem letzten Geburtstag, ca. acht Monate vor ihrem Tod am 4. September 1988 (ihr gemeinsames Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof in München) dieses Gedicht an ihn schreiben:

 

An H.:

Neige herab dich zu mir,
Herab aus dem Gürtel
Des harten Jägers Orion,
Den Du von allen den
Bildern des Himmels
Am meisten Dir ähnlich fandest,
Wo Du jetzt wohnst –
Und ich blicke hinauf
Dich zu finden
Strahlend
für mich allein.

**

Literaturnachweis:
Auch wenn du träumst, gehen die Uhren, Immer war ich. Immer werde ich sein: Edition Avicenna, München 2012
Überschrift: Ich habe heftig gelebt, aus: Brief Oda Schaefer an Karl Krolow vom 13.11.1944, DLA Marburg.