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25.09.2015, 11:41 Uhr
Redaktion
Spektakula
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Eröffnung der Ausstellung „Gestatten, Kästner!“ im Literaturhaus

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Kästner und sein Sohn Thomas, 1974 (c) Literaturportal Bayern

Mit „Gestatten, Kästner!“ zeigt das Literaturhaus München vom 25. September 2015 bis zum 14. Februar 2016 die erste große Ausstellung über den Autor, seitdem der Nachlass Erich Kästners im Literaturarchiv Marbach vollständig erschlossen wurde.

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„Gestatten, Kästner!“ – Der Titel der dem Autor Erich Kästner gewidmeten Ausstellung im Münchner Literaturhaus, die vom 25. September bis zum 14. Februar zu sehen ist, könnte kaum passender sein: Denn tatsächlich lernt man den Schriftsteller hier immer wieder neu kennen – als Lyriker, Dramatiker, Romancier, Journalist, Kinderbuchautor oder zuletzt als „Schriftsteller im Ruhestand“, der mehr von seinem Privatleben als von seinem literarischen Schaffen bestimmt blieb.

Erich Kästner in einem Brief an seine Mutter (c) Literaturportal Bayern

„Einen solchen Autor kann man nicht in die Vitrine legen“, sagt der Leiter des Literaturhauses Reinhard Wittmann zur Einführung, daher lebt die Ausstellung im ersten Moment vor allem durch ihre multimediale „urbane Inszenierung“. Erich Kästner war ein bekanntlich ein „Großstadtmensch“ – und ein medienaffiner noch dazu. Schon in dieser äußeren Dimension fängt das Konzept der Ausstellung die Persönlichkeit Kästners damit ein.

Insgesamt sieben kubische Stationen, inspiriert von den wichtigsten Städten seines Lebenswegs – Dresden, Leipzig, Berlin und München –, evozieren Kästners Welt der Großstadt. Zwischen ihnen ergeben sich mitunter enge Gassen und Straßen, in denen man den verschiedenen Alter Egos des Autors begegnet. Auf den „Plätzen“ dazwischen sieht man sich dagegen durch Schwarz-Weiß-Projektionen buchstäblich mit dem Flimmern der Städte konfrontiert.

 

Bewegte Bilder auf den „Plätzen“ der Kästner-Stadt (c) Literaturportal Bayern

Die zweite Ebene, die narrative, widmet sich der Erzählung von Kästners Leben. An den Stadt-Lebens-Stationen geben ausgewählte Exponate wie Fotografien, Briefe, Zeitungsannoncen, Manuskripte und Besitztümer in der Kombination mit Zitaten aus Kästners Texten einen Einblick in das Leben des Autors zum jeweiligen Zeitpunkt. Die Kuratorinnen Karolina Kühn und Laura Mokrohs präsentieren Kästner dabei stets von zwei Seiten. Eine Vitrine bildet den bekannten Erfolgsautor ab, eine zweite daneben zeigt auch unbekanntere Facetten, ein ambivalentes Gegengewicht zu Kästners medialer Selbstinszenierung.

Zwischen den beiden „Doppelgängern“ eröffnet sich für die Besucher der Ausstellung aber noch eine weitere Ebene: Sogenannte „Denkbilder“ sollen den Betrachter dazu einladen, selbst „nachzuspüren“, wie sich das Leben für Kästner zu diesem Zeitpunkt angefühlt haben könnte – ergänzt durch Originalaufnahmen Kästners und für die Ausstellung eingesprochene Textauszüge. Hier blickt man auf sich abwechselnde Pseudonyme, in einen Spiegel, in einen rauschenden Fernseher …

Ein „Denkbild“ zu Kästners Lebensstation in München nach dem Ende des Krieges (c) Literaturportal Bayern

Die letzte Station ist eigens dem Kinderbuchautor Kästner gewidmet, einer Seite des Autors, die auf keinen Fall fehlen darf, war er zweifelsohne ein Mensch, dem viel an Kindern lag. Kästners Schreiben und Engagement für Kinder und Jugendliche soll so in der Ausstellung widergespiegelt werden und lädt gleichzeitig auch „die Großen“ dazu ein, den Kästner ihrer Jugend wiederzuentdecken.

Insgesamt lenkt die Ausstellung den Blick aber auf eine weniger bekannte Seite des Autors, den scheinbar fremden „Spiegelmenschen“, wie Kästner ihn in seinen Briefen an mich selber (1940) nannte. Vor allem wer Erich Kästner bisher „nur“ als den phantasievollen Autor der Kinderbuchklassiker Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton und Das doppelte Lottchen kannte, dem wird in der aktuellen Ausstellung auch ein ganz anderer Kästner begegnen.

Hier zeigt sich stellenweise sein düsterer Doppelgänger, ein nachdenklicher und zuletzt tief zerrissener Schriftsteller, der nicht nur an der Verarbeitung der Zeit des NS-Regimes, deren „Chronist“ er sein wollte, sondern auch an seinen privaten Verwicklungen zerbrach.

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„Oder bin sogar ich mir selber fremd geworden? Mitunter habe ich dieses Gefühl. Dann wird mir unheimlich zumute, und es hilft nichts, daß ich vor dem Spiegel draußen im Flur hintrete und eine kleine Verbeugung mache. ‚Gestatten, Kästner‘, sagt der Spiegelmensch. Mein rechtes Auge lächelt aus seiner linken Augenhöhle.“

Erich Kästner, Briefe an mich selber, 1940