Erich Kästner in Mayrhofen

Erich Kästner gelangt Anfang 1945 mit einem Filmteam der Ufa zu Dreharbeiten nach Mayrhofen in Tirol, wo er das Kriegsende erlebt; seine Berliner Wohnung ist zu diesem Zeitpunkt bereits zerstört. Diesen Aufenthalt hält er in Briefen und in dem 1961 veröffentlichten Tagebuch Notabene 45 fest. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges zieht Kästner nach München, wo er 1974 stirbt:

Abends fuhren wir, von Jenbach aus, mit der Zillertaler Lokalbahn nach Mayrhofen hinauf. Der Fahrplan läßt sich leicht behalten. Der Zug fährt einmal täglich von Jenbach nach Mayrhofen und ebenso häufig von Mayrhofen nach Jenbach. Mayrhofen ist die Endstation, hat etwa zweitausend Einwohner und lebt, sei nun Krieg oder Frieden, nicht zuletzt vom Fremdenverkehr. Die Gegend eignet sich sowohl für Sommerfrischler, die es bei Spaziergängen und Halbtagsausflügen bewenden lassen, als auch für Touristen, denen die Erdkruste erst dreitausend Meter überm Meeresspiegel interessant wird. Die wichtigste Rolle neben den Fremden, wenn nicht die wichtigere, spielt das Vieh, das während der Fremdensaison auf hochgelegenen Almen weidet. So geraten die zweibeinigen und die vierbeinigen Sommerfrischler einander nicht ins Gehege. Die Natur ist weise, und Milch, Butter und Käse sind vorzüglich.

Zur Zeit freilich ist es mit der natürlichen Ordnung nicht weit her. Denn das Vieh ist noch nicht auf der Alm, und die Fremden sind schon im Ort. Der Krieg stiftet noch in den fernsten und schönsten Tälern Unfrieden. An der Qualität von Butter und Käse hat er nicht rütteln können. Umso kräftiger hat er am Preis gerüttelt. Der Schwarze Markt gedeiht nicht nur im Flachland. Die Tiroler sind nicht nur, wie es im Lied heißt, lustig. Sie haben auch andere Eigenschaften. Das bare Geld, das man mir am Bankschalter in Berlin aufnötigte, tut seine Dienste. Schade, daß sich das hiesige Klima nicht für den Anbau von Getreide eignet. Sonst hätten wir sogar Brot. Doch Großstädter, eher mit Bomben als mit Butter überfüttert, sind bescheiden. Sie säbeln Scheiben vom Käselaib und von der goldnen Butterkugel und belegen eins mit dem andern. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. (Zit. aus: Erich Kästner: Notabene 45. Ein Tagebuch. Berlin 1961, S. 68-73. © Atrium Verlag, Zürich 1961)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 54f., S. 254.



Kommentar schreiben