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08.02.2021, 15:49 Uhr
Harald Beck
Text & Debatte

Eine unwahrscheinliche Begegnung: Franziska zu Reventlow und James Joyce

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Links: James Joyce in Zürich, 1915. Rechts: Franziska zu Reventlow mit Sohn Rolf 1898.

Am 8. August 1917 gelang dem kaiserlichen Soldaten des 15. Bayerischen Infanterieregiments, 2. Kompanie der Maschinengewehrschützen, Rolf Reventlow während eines Fronturlaubs am Bodensee die Flucht in die Schweiz zu seiner Mutter, der Schriftstellerin und Übersetzerin Franziska zu Reventlow. Die französische Zeitung Journal des Débats griff den Vorfall zwar bereits am 20. August auf, aber erst Wochen später, am 23. September begann diese Desertion gewaltiges Aufsehen zu erregen. Die populäre französische Illustrierte Excelsior machte an diesem Tag ihre Titelseite auf mit der Schlagzeile: LE NEVEU DU PANGERMANISTE REVENTLOW A DÉSERTÉ über zwei ganzseitigen Aufnahmen von Rolf Reventlow in Uniform. Ernst von Reventlow, der entfremdete Bruder von Franziska zu Reventlow, war europaweit durch seine regelmäßigen Beiträge zur Deutschen Tageszeitung als deutschnationaler Propagandist und englandfeindlicher Kriegshetzer bekannt. Der eigentliche Artikel auf der zweiten Seite ist mit Porträtbildern von Ernst und Franziska zu Reventlow und einer Skizze der Fluchtroute auf dem Bodensee illustriert. Sein authentischer Charakter beruht auf Gesprächen, die der Sonderkorrespondent J.R. des Excelsior in Locarno-Muralto mit der Mutter und in Luzern mit dem Sohn geführt hatte.

Nach der Veröffentlichung im Excelsior verbreitete sich die Nachricht über den desertierten Neffen des deutschen Eisenfressers und England-haters rasch auch in der englischen Presse.

Auf Grund der starken Resonanz des Vorfalls dürfte sich Franziska zu Reventlow wenig später entschlossen haben, einen eigenen, ausführlichen, bekennerhaften Bericht in französischer Sprache über die Ereignisse zu verfassen. Sie verfügte über ausgezeichnete Französisch-Kenntnisse, und die Tatsache, dass ihr Text gelegentlich Fehler enthält, die einem native nicht unterlaufen würden, bestätigt nur ihre Autorschaft.

Die südafrikanische Romanistin Catherine du Toi entdeckte das Typoskript (Reventlow bediente sich schon seit ca. 1904 der Schreibmaschine) im Nachlass des französischen Schriftstellers Henri-Pierre Roché (1879-1959), der seit 1907 eng mit Reventlow befreundet war. Es umfasst 89 Seiten und trägt den Titel L’envers du miracle allemand, in ironischer Anspielung auf den 1916 publizierten Roman Das deutsche Wunder des seinerzeit erfolgreichen Schriftstellers Rudolf Stratz, der während des ersten Weltkriegs im Dienst des Kriegspresseamt der Obersten Heeresleitung stand. Reventlow hatte sich dieses Kunstgriffs eines invertierten Titels bereits 1898 in ihrem Essay Das Männerphantom der Frau bedient, mit dem sie kritisch auf Ria Claaßens Schrift Das Frauenphantom des Mannes reagierte.

Die neun Abschnitte von L’envers du miracle allemand tragen in deutscher Übersetzung die Überschriften:

I. Die Familie Reventlow und das deutsche Vaterland
II. Patriotismus und Krieg
III. Das „deutsche Wunder“ in München
IV. Was ein Junker ist – Mein Bruder Ernst, Graf zu Reventlow, der Pangermanist
V. Mein Sohn Rolf, ein deutscher Soldat – Krawalle in München
VI. Der Spionagedienst. Ich entwickle das Projekt von Rolfs Desertion
VII. Beamte und Schmuggler
VIII. Vorbereitungen für die Flucht
IX. Die Flucht

Reventlow hat ihr letztes abgeschlossenes Werk also aller Wahrscheinlichkeit nach auf Wunsch Henri-Pierre Rochés verfasst. Er war seit 1917 in diplomatischer Mission Mitglied der französischen Delegation der Franco-American War Cooperation in New York und erkannte offensichtlich das politische Potenzial dessen, was für die Verfasserin zunächst nur ein privates Weltereignis war. So erklärt sich wohl auch die überraschende Tatsache, dass sich in Rochés Nachlass zu den Reventlow-Memoiren ein Brief des amerikanischen Botschafters in Deutschland zur Zeit des Ersten Weltkriegs, James William Gerard, befindet.

Den Münchner Literaturwissenschaftlern Kristina Kargl und Waldemar Fromm gebührt das Verdienst, Reventlows Schilderung 2018 zum ersten Mal in einer deutschen Übersetzung von Aline Coulombeau-Ottinger der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben. Der Text Die Kehrseite des deutschen Wunders wird in ihrer Ausgabe ergänzt durch den oben erwähnten Excelsior-Artikel, Erinnerungen aus Rolf Reventlows bislang unveröffentlichtem Manuskript Kaleidoskop des Lebens im Besitz der Monacensia-Sammlung und ein aufschlussreiches Dokument aus dem Kriegsarchiv des Hauptstaatsarchivs München, das belegt, dass Reventlow Ende 1917 in Locarno im Auftrag der deutschen Militärpolizei bespitzelt wurde.

* * *

Zwei bislang unbeachtet gebliebene und unveröffentlichte Briefe Franziska zu Reventlows, die sich in der Joyce-Collection der Cornell University Library befinden, machen deutlich, dass sie bis zu ihrem plötzlichen Unfalltod in Locarno am 26. Juli 1918 bemüht war, L’envers du miracle allemand wenigstens außerhalb des deutschen Sprachraums zu veröffentlichen. Zu diesem Zweck suchte sie auch den Rat einer denkbar unwahrscheinlichen Bekanntschaft, die sie vermutlich im Spätherbst 1917 gemacht hatte. Wie Reventlows erster Brief vom 14. April 1918 erkennen lässt, hatte sie ihr Manuskript im Frühjahr dem irischen Schriftsteller James Joyce anvertraut, der während der Kriegsjahre im Schweizer Exil in Zürich lebte. Von Oktober 1917 bis Anfang Januar 1918 hielt er sich mit seiner Familie sogar vorübergehend in Locarno auf, wo er an der Reinschrift der ersten drei Kapitel seines Romans Ulysses arbeitete. Seit 1916 war er in Kontakt mit dem New Yorker Anwalt und Förderer John Quinn, der seinerseits ein enger Freund Henri-Pierre Rochés war. Wie genau Reventlows Kontakt zu Joyce zustande kam, bleibt aber Spekulation.

Ihre beiden Briefe an ihn sind in weitgehend korrektem Englisch abgefasst, was nicht überrascht, wenn man weiß, dass Reventlow zu dieser Zeit eine Übersetzung von John de Kays The World Allies: A Survey of Nationalism, Labour and World-trade angefertigt hatte: Die Welt-Allianz: Ein Überblick über Nationalismus, Arbeit und Welthandel und ein Weg, um der Lohnsklaverei und dem Krieg ein Ende zu machen, Bern/Biel/Zürich 1918.

Mit freundlicher Genehmigung der James Joyce Collection, #4609. Division of Rare and Manuscript Collections, Cornell University Library

Die folgende Transkription spiegelt den Zeilenfall der Vorlage:

                Locarno. 14/IV
Dear Sir
          Thank you so much for your letter
and your kind suggestions. I had in the mean-
time news from America and was told
again to delay any publication in Europe,
until matters are settled there definitively.
         If they are, I shall communicate immediately
with the ad[d]ress you gave me and with Mr. Segrue.
        As for a german version – for here – I am
afraid it might still aggravate the position of my
son, who has always to suffer from the
chicanes of the military police. ??
        Please send the manuscript – I want
to do still some copies in order to have them
ready, when further steps may be taken.
        Yours sincerely
                F Reventlow.

Die Quelle des news from America war wohl niemand anderer als der bereits erwähnte Henri-Pierre Roché, der seit 1916 in New York lebte. Als Verfasser des Romans Jules et Jim erlangte er 1962 durch Truffauts Verfilmung posthumen Weltruhm.

Mr Segrue war John Chrysostom Segrue, ein engagierter und couragierter englischer Journalist, der zu dieser Zeit in Genf für die Daily News arbeitete, mit Joyce bekannt war und sich u.a. für dessen Theaterprojekt The English Players einsetzte. Er starb 1941 in einem Stalag (Stammlager) der Nationalsozialisten, die ihn 1940 wegen seiner regimekritischen Artikel auf die Sonderfahndungsliste Großbritannien gesetzt hatten. Die Joyce-Collection in Cornell besitzt zwar zwei Briefe und ein Telegramm Segrues an Joyce, aber bedauerlicherweise enthalten sie keine Hinweise auf Reventlow und ihr Manuskript.

Der vorletzte Absatz belegt unstrittig, dass sich Reventlow in diesem Brief auf das Manuskript von L’envers du miracle allemande bezieht. Joyce hatte wohl eine deutsche Version für die Schweiz ins Gespräch gebracht, die sie aber mit dem Hinweis auf eine daraus resultierende Verstärkung der Schikanen der Schweizer Heerespolizei gegen ihren Sohn ablehnt.

Der zweite, sehr kurze Brief, den Reventlow genau zwei Monate vor ihrem Tod verfasste, ist auf einem Briefbogen des Casino Kursaal de Locarno geschrieben. Wie ihr Sohn in seinen Erinnerungen erwähnt, arbeitete sie dort, um sich finanziell über Wasser zu halten, für einen Lohn von zehn Franken pro Abend als „Lockvogel“. Ihre Spielgewinne wurden einbehalten, Verluste storniert.

Mit freundlicher Genehmigung der James Joyce collection, #4609. Division of Rare and Manuscript Collections, Cornell University Library

Transkription:

            26/5
Dear Sir.
        I just received Mr.
Segrue’s letter and shall fore-
ward my manuscript to you
within 5-6 days, as I am just
making another copy of it.
            Yours sincerely
            F. Reventlow.

Es ist möglich, dass diese letzte Mitteilung an Joyce unbeantwortet blieb, da er in den Monaten Juni und Juli 1918 an einer schmerzhaften Irisentzündung litt. Ob Reventlow Joyce das Manuskript erneut zusenden wollte, weil er darum gebeten hatte oder weil es überarbeitet wurde, geht aus der kurzen Nachricht nicht hervor. Vier Exemplare der in beiden Briefen erwähnten Kopien befinden sich in Rochés Nachlass im Harry Ransom Center der University of Austin, Texas.

Die Briefe von James Joyce an Franziska zu Reventlow und weitere Korrespondenz aus dem letzten Lebensjahr sind leider nicht erhalten. Eine Ursache könnte sein, dass die Fremdenpolizei ihrem Sohn anlässlich ihres Todes nur einen kurzen Aufenthalt im Tessin bewilligte und dass er womöglich mit L’envers du miracle allemand gar nicht vertraut war. In seinem Nachlass findet sich jedenfalls kein Exemplar des letzten vollendeten Werkes seiner Mutter, obwohl er selbst in dessen Zentrum stand.

Franziska zu Reventlows plötzlicher Tod, die völlig veränderte Situation nach Kriegsende und die Rückkehr Rolf Reventlows nach Deutschland führten dazu, dass dieser Text, an dessen Verbreitung ihr so viel gelegen war, erst hundert Jahre nach ihrem Tod publiziert wurde. Er schließt mit dem stolzen Satz: „Ich hatte dem Kaiser meinen Sohn weggenommen.“

Dass James Joyce ihr engagiert zur Seite stand, um diesen Sieg einer Mutter gegen einen übermächtigen Feind öffentlich zu machen, zeigt eine Seite seines Wesens, die den Biographen bislang verborgen geblieben ist.

 

Der Verfasser dankt Kristina Kargl und Waldemar Fromm für ihre Unterstützung. Ohne ihre deutsche Edition von L’envers du miracle allemand wären die beiden letzten erhaltenen Briefe von Franziska zu Reventlow rätselhaft geblieben.

Sekundärliteratur:

Kargl, Kristina Kargl; Fromm, Waldemar (2018): Die Kehrseite des deutschen Wunders. Franziska zu Reventlow und der Erste Weltkrieg. Volk Verlag, München.

Norburn, Roger (2004): A James Joyce Chronology. London.

Reventlow, Rolf: Kaleidoskop des Lebens (428 S., unveröffentlichtes Manuskript).

Externe Links:

LE NEVEU DU PANGERMANISTE REVENTLOW A DÉSERTÉ