Wie der Westen sich verändert hat: München und die Wende

Das diesjährige Literaturfest München widmete sich Fragen an die Welt nach 1989". In seinem Textbeitrag beschäftigt sich der Autor Fridolin Schley damit, dass viele glauben, die Wende habe das Leben im Westen kaum verändert, besonders in Städten wie München – und wenn man 1989 noch ein Kind war. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Im Grunde hat sich alles verändert, vom Lebensgefühl der Stadt bis zur eigenen Familiengeschichte.

Vorgestellt und diskutiert wurde der Text neben weiteren von Katja Huber, Dagmar Leupold und Tilman Spengler im Rahmen des forum:autoren am 23. November im Literaturhaus München.

*

Dazwischen: das sind Übergänge, in denen Gespenster wandeln. Das Dazwischen ist von seinen Rändern her bestimmt, es hält die Bruchkanten zusammen, ein Transit, in dem der Nebel formwandelt, wird zum Gedächtnis, wird Fantasie. In der Leere sind Spuren an- und abwesend zugleich, sind nicht mehr, was war, und noch nicht, was sein könnte – Spielräume aus Widersprüchen und Möglichkeiten, umgeben von Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Mein Eindruck ist, dass München mit Mauerfall und Wiedervereinigung etwas von diesem Dazwischen verloren ging, eine Art Verständnis seiner selbst, das noch verschwommener war und wie improvisiert, weil es zumindest eine Ahnung davon hatte, in einem Land zu liegen, das recht unbestimmt zwischen den historischen Zeiten schwebte. Es ahnte, es würde nicht immer so bleiben – und darin lag die Freiheit, die Beweglichkeit der Fuge. Natürlich hat man sich auch damals ein Bild von sich gemacht, aber man schoss es schneller und flüchtiger, spielerisch aus dem Bauch, lässig aus der Hüfte. Grobes Korn und Bewegungsunschärfe. Im Vergleich kommt mir München heute manchmal vor wie die Ästhetik seiner digitalen Abbilder – kristallklar, glatt und ein bisschen leblos. Eben perfekt aufgelöst. Eine fertige Kulisse ohne Baulücken mit Lattenzaun.

Nicht dass sich die Stadt heute nicht mehr verändern würde, im Gegenteil, wahrscheinlich ist der Wandel rasanter denn je. Doch was mir fixiert erscheint, ist die Idee von sich dahinter. Oder dass man sie überhaupt als solche benennen kann: Laptop und Lederhose, Weltstadt mit Herz, sogar München ist bunt. Label wie Verkaufsetiketten. Damit München München bleibt, lautet ein Wahlkampfslogan. Aber ist das nicht eher eine Drohung, selbst wenn man die Stadt liebt? Würde Brechts Herr K. da nicht erbleichen? Um die genaue Beschreibung der Preisschilder geht es mir aber gar nicht, sondern eher darum, dass sich offenbar plötzlich ein Bewusstsein darüber festsetzen konnte, wo vorher ein ungewisseres Wabern war, mit viel Leerlauf, aber auch ungestümer Entfaltungslust. Als wäre das München meiner Kindheit damals selbst erst in der Pubertät gewesen und sollte mit der Wende plötzlich erwachsen sein und endgültig erkennen, wer es war, jetzt, am Ende der Geschichte.

Was ich vermisse, ist also keine Wunschvorstellung eines München im wiedervereinten Deutschland, die man früher gehabt und die sich als falsch erwiesen hätte, keine Utopie, die sich mit der realen Entwicklung auflöste, sondern der Zustand selbst, der Zwischenzustand als Lebensgefühl der Stadt.


Unzuverlässige Erinnerungen


Es ist wie ein Phantomschmerz. Ich vermisse etwas, das möglicherweise nie da war. Wo das eigene Gedächtnis nicht verlässlich anknüpfen kann, entwickelt sich leicht ein Ersatzgefühl, Sympathie für ein Zeitkollektiv aus fremden, sich angeeigneten Bildern, klassische Nostalgie-Falle. Und zugegeben, meine Erinnerungen an das München vor '89 sind die einer manchmal bedrückend behüteten Vorort-Kindheit mit Patina-Verdacht. Wenn aber den pastellblassen Erinnerungen schon nicht zu trauen ist, wie dann erst den fehlenden? Als sich der Schlagbaum für die ersten DDR-Bürger hob, spielte sich mein ganzes Leben gerade zwischen Jugendzentrum, Tennisplatz und dem Schüleraustausch mit Clermont L'Hérault ab. Damit hatte ich schon alle Hände voll zu tun.

Die DDR, das war kaum mehr als die käsigen Athleten mit den vielen Rekorden, die ich bei Olympia säuberlich notierte. Der Mauerfall, das war nicht mehr als meine Eltern, meine Schwester und ich auf dem braunen Wohnzimmerteppich vor dem Fernseher in Gauting – und dass die Mutter, die aus Berlin stammt, stundenlang weinte und ständig wiederholte, endlich, endlich sei es überstanden, während die Schwester die Gelegenheit nutzte, um heimlich rauchen zu gehen, und der Vater immer wieder wortlos auf ein anderes Programm umschaltete, wo Boris Becker das Masters-Finale gegen Stefan Edberg spielte.

Das ist alles, mehr an Wende ist da nicht in mir, und vielleicht nicht mal das. Denn warum sollte der Vater, der politischer Journalist war, ausgerechnet an diesem Abend so unbeteiligt geblieben sein? Und war die Schwester im November '89 nicht schon auf ihrem Auslandsjahr in Minnesota – und das Masters-Finale, glaubt man dem Internet, in Wirklichkeit erst eine Woche später?

Andererseits existiert eben diese Erinnerung, und sei es nur als Phantom eines Augenblicks. Kein Vorher und kein Nachher, aber ganz deutlich das verquollene Gesicht der Mutter, endlich, endlich ist es überstanden, der wippende Fuß des nervösen Vaters auf den bunten Teppichstreifen, die Schwester mit angezogenen Knien, weiß aus zerrissenen Jeans ragend, ein Reporter mit Schnurrbart und Boris‘ Doppelfehler im vierten Satz. Dazu ein Unbehagen, das über allem schwebt.

Selbst wenn dieses wie eingefrorene Bild trügerisch ist, hat es vielleicht überdauert, weil es mich frösteln lässt, bis heute. Weil es stellvertretend für etwas anderes, wirkliches steht – dafür, dass uns damals vor dem Fernseher keinerlei Euphorie ergriff, sondern im Gegenteil eine gegenseitige Befremdung, eine Beklemmung, die mich immer noch kurz anweht, wenn ich jetzt alte Aufnahmen feiernder Menschen auf der Mauer sehe, und die auch meinen Vater so unruhig gemacht haben muss, dass er es am liebsten wegschalten wollte, ein Gefühl, dass zwar etwas endlich, endlich überstanden war, aber damit auch eine unbestimmte Zwischenzeit endete, die Schonfrist eines Dazwischen, in dem alles noch werden konnte, und wir nun, da zusammenwuchs, was zusammen gehörte, endgültig erkennen sollten, was wir waren: eine unglückliche Familie.



© Lear 21 in der englischen Wikipedia CC BY-SA 3.0


Schon deshalb liegt mir eine feierliche Beschwörung der Vorwendejahre fern. Sloterdijk mit rotem Gewand im Café Adria oder koksende Bohème in der Klappe? Geschenkt. Der hedonistische Mythos ist in den Werken von Helmut Dietl doch gut aufgehoben, auch der von der Sehnsucht nach wiederum älteren: Schwabinger Krawalle, Dichterrepublik und Mädchen mit großen Füßen. Münchens Glanzzeit war schon immer gestern Abend, Alltag war sie wahrscheinlich nie. Das mochte ich eigentlich immer an der Stadt – sie wurschtelt sich was über sich zurecht. Zumindest bis gestern Abend.

Bei Tageslicht glaube ich, heute in der besseren Stadt zu leben: einer, in der sich Bürgerbegehren für öffentliche Grünflächen und bezahlbaren Wohnraum einsetzen und Zehntausende friedlich gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße gehen; einer, die toleranter ist und sich weniger eitel stilisiert, ob im Landtag oder an der Türschwelle zum P1.

München hat mit den höchsten Ausländer- und Migrationsanteil in Deutschland, München hat die Pinakothek der Moderne gebaut und das NS-Dokumentationszentrum. Hier läuft immer noch Rainer Langhans barfuß durch die Staatsbibliothek, auch im Winter. Hier kann man mitten in der Stadt auf einer stehenden Welle im Eisbach surfen. Hier kann ein junger Kerl ein großes Schiff vom Ammersee auf eine stillgelegte Gleisbrücke ziehen und eine Bar darin eröffnen, in der auch Fitzcarraldo ein Augustiner trinken würde. Sogar die New York Times schrieb dazu: Munich is finally getting cool. Das sagt doch alles. Allerdings in beide Richtungen, denn jetzt schreibt es eben die New York Times, während es in den 70ern oder 80ern bloß die Leser der Abendzeitung wussten – und Rainer Langhans. Und die Menschen, die von überall kamen, nur um hier zu tanzen. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Ein Journalist nannte die Libertinage Münchens eine mit pumucklartiger Grandezza.

Die virtuelle Kommune Der Harem  mit Rainer Langhans (sitzend rechts)

Da ist also, vielleicht wider besseren Wissens, diese Phantomsehnsucht oder: da ist diese Sehnsucht nach einem Phantom. Nach mehr Halbschatten und Zwischenräumen. Eine Großstadt ohne Dazwischen ist eine Stadt des Kleinmuts, und das meint weniger eine träge Verwaltung oder verschlepptes Bauen unter Verdichtungsstress; das meint eben nicht, dass München nicht mehr leuchtet, sondern eher, dass es kaum noch dämmert.

Eine Stadt ohne Dazwischen wird von ihrem Marktwert erdrückt, ihren Gütesiegeln Sicherheit und Stabilität, ach, und die Berge, ach, und die Seen! In einer Stadt ohne Dazwischen werden hundeelende Menschen vor den goldenen Toren in Lager zusammengepfercht. Sie hat auch keinen Platz mehr für einen 89jährigen Rentner mit altem Mietvertrag, nicht mal in Neuperlach. Er wird aus seiner Wohnung geklagt, nach 44 Jahren – er sagt, München war mal ein Versprechen, jetzt ist es ein Fluch. Er wird nicht mehr gebraucht, aber er ist eben noch da.


Veränderungen, Zug um Zug

Am 10. November 1989 war er ebenfalls da, hat mittags am Hauptbahnhof gestanden, als die ersten berstenden Züge aus Thüringen ankamen. In keiner anderen Stadt war der Andrang so groß, denn München legte nochmal 50 Mark aufs Begrüßungsgeld drauf. Die Züge waren dermaßen voll, dass schon in Erfurt die Achsen zu brechen drohten. Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats trugen in Sporttaschen hektisch Geldbündel durch die Stadt, in Papier eingewickelt wie Pausenbrot. Es war kalt, es schneite, aber die Leute standen die Lindwurmstraße hinauf, bis in die Implerstraße und einmal um den Block.

Als die ersten zusammenbrachen, rückte der Soziale Rettungsdienst mit Gulasch-Kanonen und Decken an. Bei Hettlage weinte ein Mädchen, weil es die neuen Schuhe gleich anbehalten durfte. Auf der Theresienwiese parkten tausende Wartburgs, Ladas und Trabis, aber die Polizei sprach nur kostenlose Verwarnungen aus und klemmte Zettel mit Parkregelungen unter die Scheibenwischer. In Altenheimen und Turnhallen wurden Übernachtungslager mit Feldbetten eingerichtet, die Abendzeitung titelte: München überschwemmt von DDR-Bürgern!

Und das war nur der Anfang, das war nur der erste Tag! Und das soll München nicht verändert haben? Ich glaube, es hat im Grunde alles verändert. In den Schulklassen saßen neue Mitschüler, die keine Mengenlehre kannten, eine Entdeckung: Es gab noch andere Zeichensysteme im Universum als unseres! Im Tierheim München-Riem wurden bald arbeitslose Mauerhunde angeboten, damit sie in der DDR nicht eingeschläfert werden mussten. Sie galten als harmlos, obwohl sie im Zwinger aufgewachsen waren.

Dann Katerstimmung nach der großen Umarmung: Die Brüder und Schwestern verstopften mit ihren Schlumpfautos den Mittleren Ring, und irgendwie anders warns ja scho. A bissl weinerlich und dings … lethargistisch. Ein Sendlinger Druckereibesitzer beschwerte sich, die neuen Fachkräfte würden den halben Tag Skat spielen. Ned a mal Schafkopf! Bis Weihnachten sahen schon zwei Drittel der Münchner keinen Grund mehr, warum noch mehr DDR-Bürger herkommen sollten. Flüchtlinge nannte sie niemand mehr.

Überall wurde gebangt. Bei der CSU um Einfluss im Bund, sollten CDU und FDP Zuwächse durch den Osten bekommen; da ließ Max Streibl seine Juristen gleich mal eine Sezession Bayerns durchprüfen. Alle sprachen plötzlich von Berlin. Was würde dann aus München werden, der heimlichen Hauptstadt, finstere Provinz? Da pöbelte Streibl gleich mal los: In Berlin drohe doch die Herrschaft der Friedrichshainer Anarchos. Das Städte-Ranking begann, ach, und die Berge, ach, und die Seen! Neue Abgrenzungslinien, Stadt gegen Stadt.

In der Landwehrstraße bangten Türken um ihren Status als Gastarbeiter. Andere waren erleichtert, dass auf den Fluren der Wohnungs- und Sozialämter jetzt auch „Zonis“ beschimpft wurden, nicht mehr nur „Kanaken“. Unter die Schreibtische installierte man Alarmknöpfe. Die Handwerker bangten um die fehlende Konkurrenz, die Wirtschaftspatrioten um ihren Wohlstand. Sie wichen aus, auf einen neuen alten Patriotismus, einen nationalen, der davon träumte, wieder Vormacht zu sein und die Hausaufgaben der anderen zu kontrollieren. Man blickte schon auf die nächst größere Einheit, Europa. Wir wurden Fußballweltmeister, Exportweltmeister, der Osten war offen – für unsere Wirtschaftskraft.

Es war ein Anziehen und Abstoßen in einer Bewegung. Das Münchner Ifo-Institut verkündete einen Nachfragesegen aus dem Osten, und alleinstehende DDR-Frauen suchten angeblich liebeswütig nach ihrem gemütlichen Bayern fürs Leben. Ehe-Institute witterten das große Geschäft.


Einübung in den Konsum

Die Arbeiter aus dem Arbeiterstaat brachten uns das Pendeln bei, sie fuhren Kolonne, um am neuen Münchner Flughafen mitzubauen. Eigene Shuttlebusse wurden für sie eingerichtet, Umzugswillige mit 5000 Mark Prämie gelockt. Erding – das neue Erfurt. Und alles mobil, ein vereintes Volk auf Rädern – stand im Stau. Die Verkehrsindustrie witterte das große Geschäft. Ein junger Mann aus Frankenwald fuhr jetzt BMW, während zu Hause der Grenztourismus starb, eine Region verödete. Stadt gegen Land. Ein Nullsummenspiel, in dem der eine gewinnt, was der andere verliert.

Aber die Neu-Münchner veränderten ja nicht nur unsere Stadt, sondern vor allem ihre. In das Bild, das sie sich aus der Ferne von ihr gemacht hatten, drängten jetzt triste Auffanglager, oberflächlicher Umgang, Belastungsstress. Ärzte schrieben neue Diagnosen auf die Krankschreibungen: Übersiedlungssyndrom oder Adaptionsschwierigkeiten. Der Bayerische Lehrerverband gab Lernziele vor: Integration und Einübung in die freie, konsumorientierte Gesellschaft. Das stand da wirklich. Einübung ins Paradies.

Dabei hätten doch auch wir einiges zu üben gehabt, zum Beispiel bessere Kinderbetreuung. Wie kriegten die das drüben so gut hin? Wollte niemand wissen. Jetzt, 30 Jahre später, wird mit dem Thema Wahlkampf gemacht. Eine Weile fiel auch noch auf, wenn der U-Bahnfahrer die Station Marienplatz als Mohrienplötz ankündigte, aber das schliff sich ab. Sprachlich ist von der Wende bloß der bruzzelnde Broiler auf dem Viktualienmarkt geblieben.


Gaststätte „Zum Goldbroiler“, Berlin 1990; Bundesarchiv, Bild 183-1990-1016-300 / CC-BY-SA 3.0


Und das war nur der Anfang, das war nur das erste Jahr! Mir kommt es heute wie ein letztes großes Zwischenspiel vor, in dem nochmal alles werden konnte, bevor die Stadt erstarrte – ähnlich jener Erkrankung der Nerven, bei der sich das Vibrieren des Körpers bis zur Lähmung steigert und die Befallenen auf Jahre in völliger Reglosigkeit verharren, atmende Standbilder ihrer selbst.

Mit der Mauer fiel auch ein Rand weg, und ohne Ränder kein Dazwischen. Das ist, um Gottes Willen, kein Trauern um verschwundene Grenzen; es geht bloß um Randerscheinungen. Um die Selbstbespiegelung dessen, dem das Gegenüber fehlt. Die Stadt ist jetzt nur noch, was sie ist. Damit München München bleibt.
Externe Links:

Literaturfest München