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25.06.2019, 13:05 Uhr
Klaus Hübner
Text & Debatte
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Klaus Hübner (c) Max Straub

Harald Grills dichterische Streifzüge durch den Balkan

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„Bei der Weiterfahrt fällt mir auf, dass ich die Landschaftsbilder, die ich in den letzten Tagen wahrgenommen habe, nach innen projiziere“, protokolliert der Autor. „Seelenlandschaften“. Harald Grill, der 1951 geborene ostbayerische Schriftsteller mit einem umfangreichen, mehrfach ausgezeichneten Werk – 2007 erschien sogar eine Auswahl seiner Gedichte auf Rumänisch –, bekannt auch durch seine regelmäßigen Features und Fernsehfilme für den Bayerischen Rundfunk, hat sich 2015 auf eine dreimonatige Reise begeben. Im Bayerischen Wald bricht er auf, nach drei Sonnenaufgängen ist er in Großwardein (rum. Oradea, ung. Nagyvárad, slk. Vel’ký Varadín). Er reist meistens mit seinem alten Auto, dessen Funktionstüchtigkeit immer wieder eine Rolle spielt, und als belastbarer Fernwanderer geht er auch gerne zu Fuß. Seine Reisephilosophie umreißt er so:

Ich brauche so wenig, aber ich will so viel. Frei sein, unabhängig, was heißt das? Will nicht mehr mitschleppen, als ich tragen kann. Will mich nicht meinem Gepäck ausliefern oder den Menschen, die es befördern. Ich will nicht wissen, wo ich nächste Woche schlafe, will jetzt reisen, einfach weiterreisen, ohne Aufsehen zu erregen, will mich möglichst nicht unterscheiden von den einfachen Leuten in den Gegenden, die ich bereise, ich muss niemandem imponieren. Ich will mich lösen aus dem Würgegriff der Geschwindigkeit, will mir keine Richtung diktieren lassen, will mich frei bewegen, mich drehen und wenden, oder einfach stehen bleiben und schauen, aber nur dann, wann es mir passt.

Harald Grill ist ein friedlicher, eher zur spirituellen Meditation als zum lautstarken Protest neigender Dichter, den kleine Räume interessieren, vor allem Grenzräume, und der den Umgang mit Minderheiten und das Nebeneinander mehrerer Sprachen und Religionen stets im Auge hat. Sein Balkanbuch ist eine Art Geschichtensteinbruch geworden, eine gekonnt rhythmisierte Sammlung subjektiver Erzählbilder. Und zahlreiche originelle Fotos, aber auch Kartenausschnitte und Anhänge bereichern den Text; sie gehören ganz wesentlich mit dazu. Gewidmet ist das Buch seiner 2015 verstorbenen Mutter. „Davongelaufen bin ich erst nach ihrem Tod. Jetzt bin ich im Grunde auf der Flucht und komme nur langsam zur Ruhe …“.

Harald Grill hat alles Einschlägige aus dem und über den Balkan gelesen und spielt auch gerne darauf an. Unvermittelte, durch Körper und Seele gehende persönliche Balkan-Erfahrungen aber macht er erst jetzt, auch wenn er 1987 schon mal in Sofia war. Er begegnet vielen Menschen, unbekannten und prominenten. Dabei gibt es ein zentrales Problem, das sich naturgemäß immer wieder in den Vordergrund schiebt: die vielen unterschiedlichen Sprachen und Dialekte, mit denen er es zu tun hat und die er nicht versteht. Oder kaum. Dass die Kommunikation trotzdem ganz gut funktioniert, ist auch eine Erfahrung.

Und oft, zum Beispiel im Banat, geht’s ja auch auf Deutsch. Dort erklären ihm Roswita und Adam Csonti Geschichte und Gegenwart der Deutschen in Rumänien, und Anni Weber verrät ihm: „Jedes Dorf spricht andersch, hat an andersch Dialekt. Jahrmark is a Dorf, und Lenauheim tut auch andersch sprechen. Manchmal isses nur die Betonung von einem Buchstaben“.

Harald Grill sieht sich um, ist neugierig und lernwillig. Er besucht die deutschen Stimmen von Radio Temeschwar, trifft sich mit dem in Nitzkydorf (rum. Niţchidorf, ung. Niczkyfalva) aufgewachsenen Dichter Balthasar Waitz, fährt auch dorthin und sucht nach Bezügen zu Herta Müllers Niederungen, trifft sich in Reschitza (rum. Reşiţa, ung. Resicabánya) mit Werner Klemm, dem einzigen in Rumänien gebliebenen Gründungsmitglied der „Aktionsgruppe Banat“, genießt die Gebirgslandschaft, erreicht schließlich die Donau, bestaunt das Eiserne Tor und lauscht den Geschichten über die versunkene Insel Ada Kaleh.

Vieles von dem, was der Autor berichtet, mag bekannt sein. Die Form seiner Erzählung jedoch, diese Mischung aus Reiseprosa, eingestreuten Gedichten und aussagekräftigen Fotos, entfaltet einen ganz eigenen, geradezu magischen Sog. Man folgt ihm gerne auch in weniger bekannte Regionen. Mit der Fähre geht’s hinüber nach Bulgarien, am Iskar entlang ins Balkan-Gebirge bis in die Hauptstadt und auf Umwegen zurück zur Mama Donau, wie ein schönes Buch von Eva Demski heißt.

In Sofia erläutert ihm die Dolmetscherin Bozhana Tschakalova die jüngsten Umbrüche und aktuellen Probleme im Lande, am Stadtrand von Veliko Tarnovo überraschen ihn „Werbeschilder von Mercedes über Deichmann bis Kaufland und Lidl“, und wie Grill das kommentiert, ist typisch für dieses Reisebuch: „Da schau her! … Offensichtlich geht es unseren Unternehmen trotz Korruption und Mafia gar nicht so schlecht hier. Bei den Firmennamen dominiert die lateinische Schrift. Es ist, als wären die Römer zurückgekommen, um Kyrill und Method, den mittelalterlichen Designern der kyrillischen Schrift, Schranken zu setzen“.

Das ist Harald Grill in nuce, ein schriftfixierter Literat und ein belesener, dennoch weiterhin zum Staunen fähiger Kulturhistoriker – und dass er das durch und durch ist, verbirgt er nirgendwo. Warum auch?

Weiter geht’s, durchs „verrufene Oltenien“ und die Kleine Walachei nach Siebenbürgen und durch die Große Walachei zurück an die Donau. „Am Ortsrand von Hermannstadt viel Schmutz … Die Fußgängerzone ist belebt wie die einer italienischen Stadt an einem lauen Sommerabend“. Das „Deutsche Forum“ wird besucht, ebenso der Honorarkonsul der Republik Österreich und Beatrice Ungar, eine Redakteurin der Hermannstädter Zeitung – und alle haben sie Interessantes zu berichten über die Sachsen, die Rumänen und die Roma. „Das Nebeneinander von fast mittelalterlicher Lebensweise und Hightech-Zeitalter macht das Land flügellahm, scheint mir“. Klar, dass in Rothberg (rum. Roşia, ung. Veresmart) nach „l’église – chiesa – church – kirka“ gefragt werden muss, was erst beim zweiten Anlauf – „E-gi-nald Schlatt-ner“ – zum Erfolg und zu einem ausführlichen, facettenreichen Porträt des bekannten Pfarrers und Schriftstellers führt. „Rumänien kommt mir vor wie das Deutschland der 1950er Jahre“.

In Großau (rum. Cristian, ung. Kereszténysziget) entsteht das Gedicht besuche an freien tagen (heimatmuseum in siebenbürgen):

 

sie kommen im urlaub
um nachzusehen wer sie waren

schaufensterpuppen in alten trachten
häkelborten an den vorhängen
gestickte verse auf handtüchern
die ränder der heimat

fünf sind geladen
zehn sind gekommen
gieß wasser zur suppe
heiß alle willkommen

 

Der Autor bestaunt „Disneyland in Rumänien“, nämlich die Villen der „Hut-Zigeuner“ von Heynod (rum. Huedin, ung. Bánffyhunya), besucht die Germanistin Nora Gabriella Tar in Klausenburg (rum. Cluj-Napoca, ung. Koloszvár) und lässt sich über die konfliktträchtige Situation der Roma in Neumarkt am Mieresch (rum. Târgu Mureş, ung. Marosvásárhely) aufklären. Dann Bukarest, sogar mit Nachtleben. Vor allem aber mit vielen aufschlussreichen Gesprächen, in denen es oft um die sprachlich-kulturellen Minderheiten im Lande geht – mit Varujan Vosganian zum Beispiel, mit Mircea Cǎrtǎrescu, Ernest Wichner, Liliana Corobca und vielen anderen.

Die Weiterreise nach Odessa wird zur „Hängepartie“, denn es gibt keine Fähre in die Ukraine, und so muss der trotz aller Widrigkeiten stets gut gelaunte Fremde, der aufmerksam durch Konstantsa (rum. Constanţa) streift und den Spuren des Ovid im antiken Tomis nachgeht, den Landweg wählen. Die Magie der Donau packt ihn wieder, er erinnert sich an Georg Brittings schauderliche, den Schüler Grill einst aufwühlende Geschichte Brudermord im Altwasser, und natürlich entsteht ein Gedicht: im donaudelta.

Wer wenig weiß von Moldawien, Gagausien oder Transnistrien, erfährt hier mehr. Das Auto bleibt in Tulcea, und der Marschrutka-Bus rumpelt nach Odessa, die Patenstadt von Regensburg. Fast alles dreht sich dort um die Politik, vor allem um den Krieg im Osten des Landes. Harald Grill hat auch hier seine zumeist weiblichen Kontaktpersonen, die ihm die Stadt zeigen und erläutern; er kann sogar mit dem Oberbürgermeister sprechen und absolviert eine Lesung im Bayerischen Haus. Und vergisst nicht zu betonen, dass Odessa immer noch ein wunderschöner Ort ist – und eine lebendige „Kulturstadt“.

Für die rund 370 Kilometer ins rumänische Galaţi gibt’s einen bequemen Fernbus. Dreizehn Stunden, davon vier Stunden an vier Grenzkontrollpunkten. In Tulcea dann gleich zum Parkplatz: „Ob das Auto noch da ist? Ob es anspringt? Wie hoch wird die Parkgebühr sein?“. Es springt an, die Rückfahrt kann beginnen, eine Rückfahrt mit vielen reizvollen Umwegen allerdings. Zuerst noch einmal nach Rustschuk (bg. Russe), in die Ulica Gurko 13 zum etwas heruntergekommenen Geburtshaus des Nobelpreisträgers für Literatur, zu Penka Angelova, der Präsidentin der Canetti-Gesellschaft, und zum aus siebzehn vorwiegend älteren Damen und Herren bestehenden bulgarisch-deutschen Freundschaftsverein – dann aber überraschenderweise nach Südosten, über Razgrad nach Baltschik und die Schwarzmeerküste entlang bis Rezovo an der Grenze zur Türkei.

Der nächste Weg ist das nicht. Aber man kann am Meer sitzen: „Manche mögen das Meditieren nennen, das ist mir in diesem Augenblick zu hoch, ich hock nur da und schaue und höre der Wassermusik zu, atme die salzige Luft ein, atme sie aus, atme so lange im Rhythmus der Brandung bis ich im Gleichgewicht bin“. Und man kann Professor Ivan Iliech lauschen, einem an der Universität Kǎrdžali lehrenden Spezialisten für Minderheiten und Minderheitensprachen in Bulgarien. Zauberhaft sind die Rhodopen, die häufigen „Border Area! Grenzregion!“-Schilder stören da kaum. „Na und, sagt ein Naivling wie ich, das ist die Heimat der Thraker und des Orpheus. Im Kopf hör ich ihn ein Loblied auf die Verlangsamung singen. Ich hör ihm zu. Die Welt um mich herum wird größer und größer“. Der angebliche „Naivling“ hat sogar in Roshen bei Melnik kenntnisreiche deutschsprachige Kontaktpersonen, von denen jede Menge Wissenswertes zu erfahren ist.

Auf dem Weg nach Sofia liegt das berühmte Rila-Kloster: „Auf einem Wandgemälde kämpfen die Engel gegen die Teufel den ewigen Kampf. Und man kann wenigstens auf diesem Bild die Guten und die Bösen auf Anhieb unterscheiden“. Was einem Fremden in der unübersichtlichen Gegenwart offenbar kaum möglich ist. Noch einmal kluge und gastfreundliche Gesprächspartner, noch einmal schier endlose Straßen, endlich: „Am späten Nachmittag steige ich in Vidin in einer kleinen Pension ab – mit Blick zur Donau“. Nicht zufällig Vidin (rum. Diiu) – am Abend trifft sich Harald Grill mit den Schriftstellern Vladimir Zarev und Dimitré Dinev, und es wird wieder einmal ein unglaublich spannender Abend, nicht nur für die Beteiligten natürlich, sondern vor allem für uns Leser. Spannend, weil überraschend ist auch das Porträt von Mircea Dinescu, der „Kultfigur des rumänischen Widerstands gegen Ceauşescu“, den er in Cetate trifft. Dann aber wird’s wirklich Zeit: ab nach Hause! Schade, denkt man, schon zu Ende – so ein grundsympathisches, schönes Buch!

 


Externe Links:

Website Harald Grill


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