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22.05.2019, 11:52 Uhr
Klaus Hübner
Text & Debatte
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(c) Max Straub

Klaus Hübner über die Buchreihe „Vergessenes Bayern"

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Die von Ingvild Richardsen und Waldemar Fromm im Münchner Volk Verlag herausgegebene Buchreihe Vergessenes Bayern möchte „wenig bekannte oder gänzlich unbekannte Seiten der Kulturgeschichte Bayerns“ zeigen. Weshalb sie von vornherein ein weites Herz haben muss: „Interessante Persönlichkeiten, einmalige Ereignisse und faszinierende Entwicklungen haben darin ebenso ihren Platz wie vergessene Texte oder Chroniken, einstige Bräuche oder alte Rezepte und Esstraditionen… Das Themenspektrum umfasst vergessene Künstlerinnen und Künstler, Schriftsteller, Poeten, Satiriker, Musiker, Maler und Architekten. Erfinder haben ebenso ihren Auftritt wie Juristen, Herrscher und Politiker, Auswanderer, die Bayern in die Welt hinausgetragen haben, Freigeister und Universaltalente“.

Whow! Eine beeindruckende Ansage! Vor zwei Jahren, 2017, erschien der erste Band – Ingvild Richardsen wandelte Auf den Spuren der vergessenen Künstlerinnen von Frauenchiemsee (Untertitel) und legte ein umfangreiches, mit eindrucksvollen Fotos attraktiv ausgestattetes Buch mit dem Titel Die Fraueninsel vor. Dass es Dichter und Maler seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf die kleine Insel mit ihrer uralter Geschichte zog, ist bekannt – doch dass gleich mehrere bis heute interessante Schriftstellerinnen und Frauenrechtlerinnen zur dortigen Künstlerkolonie gehörten, stand nie im Vordergrund und ist inzwischen fast vergessen. Warum das so ist und weshalb das nicht so bleiben sollte, erläutert die Autorin in ihrer konzisen Einleitung – und noch einmal im Epilog. Dazwischen geht es um Leben und Werk von Emma Haushofer-Merk (1854–1925), Carry Brachvogel (1864–1942), Marie Haushofer (1871–1940) und Eva Gräfin von Baudissin (1868–1943).

Ingvild Richardsen führt behutsam hin zu den von ihr mit Bedacht ausgewählten Novellen, Versen und Essays, die die immer besondere Atmosphäre der Fraueninsel umspielen und neue Blicke auf vier für ihre Zeit ungewöhnlich moderne, also auch politisch engagierte Künstlerinnen ermöglichen. Und sie so dem Vergessen entreißen. Dass sie, wie Ingvild Richardsen nicht zum ersten Mal betont, als Autorinnen „ersten Ranges“ angesehen werden müssten, wird man allerdings nicht unbedingt unterschreiben wollen.

Die drei Bücher der Reihe Vergessenes Bayern © Volk Verlag

Der zweite Band gilt einer Frau, die mit Sicherheit nicht vergessen ist – ihre Bezeichnung „Wahnmoching“ für das Bohème-Schwabing vor 1914 kennt jeder, und auch als Autorin und nonkonformistische Lebens- und Liebeskünstlerin ist Fanny von Reventlow keine Unbekannte. Ob sie als Schriftstellerin wirklich bedeutend ist? Als mutige Frau, energische Mutter und engagierte Zeitgenossin jedenfalls ist sie das, und wer’s nicht glaubt, der lese ihren ohne literarische Spielereien auskommenden Bericht Die Kehrseite des deutschen Wunders, der in Wirklichkeit ein authentischer, traurig-düsterer, entschieden antibellizistischer Bodensee-Krimi mit glücklichem Ausgang ist. Dass dieser in der Tat vergessene Bericht, ursprünglich in französischer Sprache verfasst und mit dem Titel L’Envers du miracle allemand versehen, nach hundert Jahren in der Übersetzung von Aline Coulombeau-Ottinger auf Deutsch vorgelegt wird, ist sensationell.

Reventlow schildert, wie sie ihrem „Bubi“, dem heißgeliebten, damals 20-jährigen Rolf, im August 1917 bei der Flucht über die schwer bewachte Bodensee-Grenze in die neutrale Schweiz geholfen und ihn so vor weiteren Fronteinsätzen bewahrt hat – eine Mutter, die den unbedingten Mut besaß, „einfach nicht mitzutun“, wie ihre Schwiegertochter 31 Jahre später schreiben wird. „Es existiert nicht, dieses deutsche Vaterland, das man immer zu entdecken oder zu erfinden sucht“, heißt es einmal. Franziska von Reventlow artikuliert mehrfach ihre Verachtung von Krieg und Militär und beglaubigt ihre Haltung durch schlichtes Berichten davon, wie es, jenseits aller Politparolen, in den Jahren des Ersten Weltkriegs in München wirklich herging – ernster, rigider und entschieden ungemütlicher nämlich als vor 1914. Wohl empfinde sie eine „tiefe Verbundenheit“ mit ihrem Land, auch und gerade mit den schönen Landschaften Bayerns, „aber dieses intensive Gefühl des Daheimseins unter Meinesgleichen, des Einsseins mit der eigenen Nation und allem, was ein Vaterland ausmacht, das habe ich vergebens gesucht“.

Die Weltkriegs-Deutschen gehen ihr vor allem auf die Nerven: „Und was hatte ich mit ihnen, mit dem Krieg, mit all dem zu tun? … Ich war eine Frau, ich war unabhängig. Ach nein, ich war es nicht mehr, ich hing wohl von diesen Uniformen ab und von dem, was sie verordnen würden“. Ja, sie hing von ihnen ab – aber eben nicht ganz, und so endet der Text mit einem Triumph: „Ich hatte dem Kaiser meinen Sohn weggenommen“. Kontrastiert wird Reventlows intensiver Bericht mit entsprechenden Passagen aus den Erinnerungen ihres Sohnes, und alles Wissenswerte drumherum wird im Vor- wie im Nachwort der Herausgeber derart liebevoll dargelegt, dass man ihnen gerne bis ins letzte Detail folgt. Auch dieser Band enthält Fotos – nicht nur den Text irgendwie illustrierende Abbildungen, sondern seltene, ausdrucksstarke und instruktive Fotografien –, und insgesamt zeigt er, was Vergessenes Bayern im allerschönsten Sinne bedeuten kann.

Der dritte, wiederum mit aussagekräftigen Fotos ausgestattete Band, der über den Hofsänger und Gastwirt Joseph Leoni, hinterlässt einen eher zwiespältigen Eindruck. Die Geschichte dieses Musikus aus Palermo, der am Münchner Hof nur mäßig erfolgreich war und stets im Schatten seiner Frau Marianna Schmaus stand, ist auf jeden Fall der Darstellung wert. Für die an Münchner Stadtgeschichte Interessierten schon allein deshalb, weil man von einem einst unweit des Hofbräuhauses gelegenen „Leoni-Weiher“ bisher recht selten gehört hat, und natürlich auch, weil die aus eher spärlichen Quellen gearbeitete Studie des Musikwissenschaftlers Christian Lehmann eine Fülle von Einblicken in das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben der Stadt in der Goethe-, Napoleon- und Biedermeierzeit bietet. Mit seinem Freund, dem Staatsrat Franz von Krenner, fuhr Joseph Leoni immer mal wieder nach Assenbuch am Starnberger See, wo Krenner einen Obstgarten erworben hatte – und dieses idyllische Fischernest wird bald dafür sorgen, dass der Name „Leoni“ bis heute bekannt ist.

Denn 1824, nach dem Tod seiner Frau, kommt der Sänger zu Geld; im Jahr darauf heiratet er die Schuhmachertochter Rosina Oehler, kauft das Assenbucher Seegrundstück, baut dort ein „ländliches Lusthaus“ und erhält das „Tafernrecht“. Das ist der Anfang einer späten Karriere – „Leonihausen“, wie der Ort bald genannt wird, entwickelt sich zu einem beliebten Ausflugslokal, das nicht nur prominente Maler wie Cornelius, Overbeck, Kaulbach oder Rottmann anzieht, sondern auch durch einen Besuch König Ludwigs I. geadelt wird. Joseph Leoni stirbt Ende 1834, Rosina führt das Wirtshaus bis 1861 weiter – da redet niemand mehr von Assenbuch, denn der Ort samt Schiffsanlegestelle heißt nun Leoni, und so heißt er bis heute.

Eine Wahnsinnsgeschichte eigentlich! Christian Lehmann breitet sie in wirklich allen Einzelheiten aus, und das macht sein Buch vor allem im ersten Teil etwas langatmig – dass er „prima erzählen“ kann, wie der SZ-Rezensent behauptet, wird man nicht unbedingt unterschreiben wollen. Sicher ist, dass ein wenig Komprimieren der Lesbarkeit nicht geschadet hätte. Dennoch wird man den erhellenden Recherchen des verdienstvollen Autors seinen Respekt nicht versagen – und außerdem macht Joseph Leoni. Ein Italiener am Starnberger See dem Reihentitel alle Ehre.   

Man darf gespannt sein, wie es mit Vergessenes Bayern weitergeht. So einleuchtend es ist, dass sich die Herausgeber thematisch nicht einschränken oder gar festlegen möchten – aufpassen müssen sie schon, damit sich ihre Buchreihe nicht allzu heterogen und damit auch ein wenig beliebig gestaltet. Bestimmt werden sie auch im Auge behalten, dass „Bayern“ doch wesentlich größer ist als Alt- oder gar nur Oberbayern. Nach drei Bänden lässt sich noch nichts Definitives sagen – unverwechselbare Konturen, also ein „Gesicht“, hat Vergessenes Bayern noch nicht. Aber das kann sich schnell ändern.



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