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12.08.2015, 16:18 Uhr
Veronika Schöner
Spektakula
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WortWärts treiben: Ein Literaturnachmittag in Nürnberg

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© Literaturportal Bayern

Ein heißer Sommertag, ein schattiger Hinterhof und ausgezeichnete Literatur – diese wunderbare Mischung konnten die Besucher des WortWärts-Festivals in Nürnberg am Wochenende genießen.

Das Festival fand heuer zum zehnten Mal statt und ist damit eine fest etablierte Größe im Nürnberger Kulturleben. Das Kulturzentrum Nord (KUNO e.V.) organisiert diese Veranstaltung, die mit Galerie, Bücher- und Buchkunststand sowie Kulinarik ein gelungenes Gesamtkunstwerk darstellt. Das goutieren auch die Nürnberger, treue WortWärts-Besucher, die jedes Jahr zahlreich erscheinen.

Den Auftakt auf der Lesebühne machte der Autor und Kabarettist Philipp Moll. Der selbsterklärte „Wurstforscher“ ist ein fränkisches Original. Er erzählt von seiner Schulzeit im „Adolf-Hitler-Gymnasium weit, weit rechts der Pegnitz“, von seinen Erfahrungen mit dem Gastroangebot auf Musikfestivals, ausgekocht von Frauen, „die wo Tücher auf dem Kopf tragen tun“ und mit Dinkelbatzen und Biofimmel  sogar seinen Onkel, einen gestandenen fränkischen Metzgersmeister, zum Marketing-Konzept einer Hildegard-von-Bingen-Wurst inspirierten. An Molls Schreib- und Vortragsweise erkennt man die hohe Kunst hinter humorvollen Texten. Der Autor beobachtet präzise, die Gestalten seiner Erzählungen haben einen hohen Wiedererkennungswert und der Inhalt einen wahren und auch ernsten Kern.

Philipp Moll (c) Literaturportal Bayern

Einen etwas rapiden Genre- und Stimmungswechsel bildete die nächste Autorin auf der Bühne: Marica Bodrožić führte das Publikum mit ihrem Reisebericht mitten hinein in die Folgen des serbisch-kroatischen Bürgerkriegs. Die bedrückende Stimmung in einem kriegszerstörten, fast verlassenen Dorf, die Begegnung mit seelisch wie körperlich geschundenen Menschen und die philosophischen Überlegungen zum Ursprung von Gewalt machen Mein weißer Frieden zu einer aufrüttelnden und nachdenklichen Lektüre. Für das Buch, das sie selbst als „Denk- und Lebensbuch“, nicht als Roman bezeichnet, wurde die Autorin zuletzt mit dem Konrad-Adenauer-Preis geehrt. Besonders beeindruckte Marica Bodrožić im anschließenden Gespräch mit der Leiterin von KUNO, Margit Mohr. Eine Frau mit klaren Gedanken, ausgestattet mit der Gabe, diese in präzise Sätze zu fassen, hochreflektiert und gebildet – man hätte ihren Ausführungen gerne noch länger zugehört.

Michael Zeller las aus seiner Erzählung BruderTod, in der er den Selbstmord seines älteren Bruders verarbeitet, diesem ein literarisches Denkmal setzt und gleichzeitig die Bundesrepublik der fünfziger Jahre wiederauferstehen lässt. Iris Hanikas Wie der Müll geordnet wird ist die Geschichte der äußerst sympathisch geschilderten Romanfigur Antonius, die versucht, der allgemeinen Sinnlosigkeit mit sinnlosem Tun zu begegnen. Die drei Preisträgerinnen des 27. Literaturpreises der Nürnberger Kulturläden, Lara Sielmann, Sonja Medicus und Hanna Quitterer, stellten ihre Siegertexte vor.

Marica Bodrožić (c) Literaturportal Bayern

Steffen Kopetzky entführte im Anschluss das Publikum mit Risiko in eine spannende Verschwörung während des Ersten Weltkriegs – historisch verbürgt und kaum bekannt. Der Archäologe Max von Oppenheim versuchte, den Aufstand der islamischen Gebiete gegen ihre Kolonialherren England und Frankreich zu organisieren: Dschihad für Kaiser Wilhelm II.! Kopetzky gelingt es in dem Buch außerordentlich gut, Fakten und historische Hintergründe mit literarischen Elementen zu einer spannenden Geschichte zu verweben.

Den Schlusspunkt der Veranstaltung setzte Lokalmatadorin Christiane Neudecker mit ihrem jüngsten Werk Sommernovelle. Es erzählt von zwei jungen Mädchen, die den Sommer ihres Lebens in einer Vogelstation an der Nordsee verbringen. Das Besondere an ihrer Erzählweise ist die suggestive Kraft: Als plötzlich eine leichte Brise im KUNO-Hinterhof aufkommt, fühlt man sich als Zuhörer vollkommen an die Nordsee zwischen Strandflieder und Strandläufer versetzt.

Wer sich diesen rundum gelungenen Nachmittag hat entgehen lassen, kann zumindest in der neu erschienenen Ausgabe Nr. 21 von Wortlaut die Texte der Preisträgerinnen des Literaturpreises der Nürnberger Kulturläden nachlesen und sich ansonsten von der literarischen Lebendigkeit Frankens überzeugen (zu bestellen über: http://www.kultur-nord.org/litwlaut.html). Die Ausstellung „The same river twice“ von Cherith Lundin im Galeriehaus kann noch bis zum 20. September 2015 besichtigt werden.

Die Sommer-Leseliste der Anwesenden ist jedenfalls wieder erheblich gewachsen!



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