Militärische Konflikte sind Thema beim Erlanger Poet*innenfest 2026
Die Auswirkungen bewaffneter Konflikte auf der Welt haben längst unseren Alltag verändert. So steht auch das Erlanger Poet*innenfest nicht abseits von der Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg. Wie Literatur auf solche Ereignisse reagieren und in ihnen agieren kann, ist eine alte, jetzt wieder aktuell erscheinende Frage.
*
Die Orangerie im Erlanger Schlossgarten ist an diesem sommerlichen Sonntagnachmittag, dem 30. August 2026, völlig überfüllt, die Luft trotz offenstehender Türen warm und schlecht. Viele der häufig älteren Zuhörenden müssen stehen, so groß ist das Interesse daran, wie man „zwischen Krieg und Frieden“ schreiben kann.
Die Veranstaltung beginnt ein bisschen wirr, weil eine Teilnehmerin an dem Podiumsgespräch, die Schriftstellerin
Atefeh Chaharmahaliyan, unterwegs von Köln gestrandet ist. Die Journalistin und langjährige BR-Moderatorin Cornelia Zetzsche, die durch die Veranstaltung führt, bringt nach und nach Struktur in den Nachmittag.
Das ist nicht immer leicht.
Salim Alafenisch, der arabischisraelische Schriftsteller und älteste Gast der Veranstaltung wirkt bei seinem Auftritt jedenfalls recht autonom; er braucht die Fragen der Moderatorin nicht unbedingt für sein Ausführungen. Alafenisch lebt seit vielen Jahren in Deutschland und hat zwischen 1988 und 2007 neun Bücher in deutscher Sprache verfasst. Der Autor versteht es, mit Anekdoten aus seinem Leben und über seine beduinische Herkunft zu unterhalten. Auf der anderen Seite der Bühne sitzt
Tomer Gardi, ebenfalls ein israelischer, in Deutschland lebender Schriftsteller. Gardi ist 1974 geboren, schreibt auf Hebräisch und – laut Wikipedia – „bewusst gebrochenem Deutsch“. Gardi wirkt bei Fragen der Moderatorin nicht immer konzentriert, beschränkt seine Redebeiträge dafür zeitlich strenger als Alafenisch.
Erzähltes und Verschwiegenes
Das Podium beschäftigt sich mit der Frage, ob „Schriftsteller*innen gerade im Krieg über Blumen und Kinderlachen schreiben“ oder ob ihnen schlicht die Worte fehlen. Beide Autoren lesen dabei aus Werken, die nicht unmittelbar auf den gegenwärtigen Konflikt zwischen dem netanjahugeführten Israel und dem hamasgetriebenen Gazastreifen reflektieren. Für Alafenischs Schreiben ist das Bewahren des kulturellen Gedächtnisses und das Ausdrücken der Erfahrung von Vertreibung aus Ausgrenzung zentral. Er betont im Laufe des Nachmittags mehrfach, dass seiner Meinung nach Palästinenser und Israelis in einem Staat zusammenleben sollten. Es sei notwendig, den Konflikt, in dem niemand siegen werde, beizulegen. Es sei unumgänglich, die Rechte und die Existenz aller Menschen anzuerkennen und nach Möglichkeiten für ein friedliches Zusammenleben zu suchen.
Tomer Gardi beschäftigt sich mit der Frage, welche Geschichten erzählt und welche verschwiegen werden. Als Beispiel nennt er einen israelischen Museumsbau, der aus den Steinen eines zerstörten palästinensischen Dorfes errichtet wurde. Die Herkunft seiner Bausubstanz werde allerdings kaum thematisiert. Gardi macht diese Leerstelle schreibend sichtbar. In der israelischen Gesellschaft halte man normalerweise konträre Ansichten gut aus. In der Gegenwart beobachtet Gardi jedoch auch in Israel eine Verhärtung und Polarisierung von Meinungen. Auch er betont die Notwendigkeit, die Rechte aller Menschen zu berücksichtigen, statt auf militärische Stärke und nationale Abgrenzung zu setzen.
Im letzten Drittel der Veranstaltung kommt noch die Dichterin und Aktivistin Atefeh Chaharmahaliyan aufs Podium. Die 1981 geborene Iranerin nahm an den „Woman, Life, Freedom“-Protesten im Oktober 2022 teil und kam deshalb ins Gefängnis. Nach ihrer Freilassung unter der Auflage, nichts mehr zu publizieren, kam sie 2025 nach Deutschland und lebt seitdem in Köln.
Chaharmahaliyan erzählt vom Leiden, der wirtschaftlichen Not und der Erschöpfung der iranischen Bevölkerung. Die Menschen dort wollten keinen Krieg. Sie erwarteten davon lediglich eine Verschärfung ihrer Probleme. In ihren Gedichten, von denen sie eines vorträgt, thematisiert sie die Gewalt und die Unterdrückung der Menschen. Dagegen setzt sie Naturbilder und lässt Hoffnungsvolles aufscheinen. Die Literatur, sagt die iranische Autorin, sei in der Lage, menschliche Schicksale vor dem Vergessen zu bewahren, wo Nachrichten oft abstrakt und statistisch blieben.
Was Literatur kann
Die Veranstaltung wird zudem noch um die Einspielung eines Statements von Ofer Waldman, des ebenfalls aktivistisch engagierten Autors, ergänzt. Am Ende zieht die Runde ein Fazit ihrer Eingangsfrage, ob und welche Worte Literatur in Zeiten des Krieges finden kann. Ihre Aufgabe liege nicht in der unmittelbaren Veränderung der politischen Gegebenheiten. Aber Literatur könne die Wahrnehmung ändern und der entmenschlichenden Realität bewaffneter Konflikte entgegenstehen.
Leider unternehmen die Beteiligten kaum den Versuch, von den Konflikten aus, die ihnen die nächsten sind, ins Allgemeine zu ziehen. Abgesehen von der nur kurz auftretenden iranischen Autorin, scheinen sie von Kampfhandlungen, Gefangenschaften usf. doch weit entfernt zu sein. Den Unterschied hätten unmittelbar Betroffene machen können wie beim Treffen von Eine Brücke aus Papier heuer (2026) in Lwiw. Dort lasen nicht nur am Krieg teilnehmende Autoren und Autorinnen, sondern auch Veteranen, für die das Schreiben ganz konkret der Traumatherapie dient. Das bringt einem den Krieg und seine Leiden sehr nah.
Militärische Konflikte sind Thema beim Erlanger Poet*innenfest 2026>
Die Auswirkungen bewaffneter Konflikte auf der Welt haben längst unseren Alltag verändert. So steht auch das Erlanger Poet*innenfest nicht abseits von der Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg. Wie Literatur auf solche Ereignisse reagieren und in ihnen agieren kann, ist eine alte, jetzt wieder aktuell erscheinende Frage.
*
Die Orangerie im Erlanger Schlossgarten ist an diesem sommerlichen Sonntagnachmittag, dem 30. August 2026, völlig überfüllt, die Luft trotz offenstehender Türen warm und schlecht. Viele der häufig älteren Zuhörenden müssen stehen, so groß ist das Interesse daran, wie man „zwischen Krieg und Frieden“ schreiben kann.
Die Veranstaltung beginnt ein bisschen wirr, weil eine Teilnehmerin an dem Podiumsgespräch, die Schriftstellerin
Atefeh Chaharmahaliyan, unterwegs von Köln gestrandet ist. Die Journalistin und langjährige BR-Moderatorin Cornelia Zetzsche, die durch die Veranstaltung führt, bringt nach und nach Struktur in den Nachmittag.
Das ist nicht immer leicht.
Salim Alafenisch, der arabischisraelische Schriftsteller und älteste Gast der Veranstaltung wirkt bei seinem Auftritt jedenfalls recht autonom; er braucht die Fragen der Moderatorin nicht unbedingt für sein Ausführungen. Alafenisch lebt seit vielen Jahren in Deutschland und hat zwischen 1988 und 2007 neun Bücher in deutscher Sprache verfasst. Der Autor versteht es, mit Anekdoten aus seinem Leben und über seine beduinische Herkunft zu unterhalten. Auf der anderen Seite der Bühne sitzt
Tomer Gardi, ebenfalls ein israelischer, in Deutschland lebender Schriftsteller. Gardi ist 1974 geboren, schreibt auf Hebräisch und – laut Wikipedia – „bewusst gebrochenem Deutsch“. Gardi wirkt bei Fragen der Moderatorin nicht immer konzentriert, beschränkt seine Redebeiträge dafür zeitlich strenger als Alafenisch.
Erzähltes und Verschwiegenes
Das Podium beschäftigt sich mit der Frage, ob „Schriftsteller*innen gerade im Krieg über Blumen und Kinderlachen schreiben“ oder ob ihnen schlicht die Worte fehlen. Beide Autoren lesen dabei aus Werken, die nicht unmittelbar auf den gegenwärtigen Konflikt zwischen dem netanjahugeführten Israel und dem hamasgetriebenen Gazastreifen reflektieren. Für Alafenischs Schreiben ist das Bewahren des kulturellen Gedächtnisses und das Ausdrücken der Erfahrung von Vertreibung aus Ausgrenzung zentral. Er betont im Laufe des Nachmittags mehrfach, dass seiner Meinung nach Palästinenser und Israelis in einem Staat zusammenleben sollten. Es sei notwendig, den Konflikt, in dem niemand siegen werde, beizulegen. Es sei unumgänglich, die Rechte und die Existenz aller Menschen anzuerkennen und nach Möglichkeiten für ein friedliches Zusammenleben zu suchen.
Tomer Gardi beschäftigt sich mit der Frage, welche Geschichten erzählt und welche verschwiegen werden. Als Beispiel nennt er einen israelischen Museumsbau, der aus den Steinen eines zerstörten palästinensischen Dorfes errichtet wurde. Die Herkunft seiner Bausubstanz werde allerdings kaum thematisiert. Gardi macht diese Leerstelle schreibend sichtbar. In der israelischen Gesellschaft halte man normalerweise konträre Ansichten gut aus. In der Gegenwart beobachtet Gardi jedoch auch in Israel eine Verhärtung und Polarisierung von Meinungen. Auch er betont die Notwendigkeit, die Rechte aller Menschen zu berücksichtigen, statt auf militärische Stärke und nationale Abgrenzung zu setzen.
Im letzten Drittel der Veranstaltung kommt noch die Dichterin und Aktivistin Atefeh Chaharmahaliyan aufs Podium. Die 1981 geborene Iranerin nahm an den „Woman, Life, Freedom“-Protesten im Oktober 2022 teil und kam deshalb ins Gefängnis. Nach ihrer Freilassung unter der Auflage, nichts mehr zu publizieren, kam sie 2025 nach Deutschland und lebt seitdem in Köln.
Chaharmahaliyan erzählt vom Leiden, der wirtschaftlichen Not und der Erschöpfung der iranischen Bevölkerung. Die Menschen dort wollten keinen Krieg. Sie erwarteten davon lediglich eine Verschärfung ihrer Probleme. In ihren Gedichten, von denen sie eines vorträgt, thematisiert sie die Gewalt und die Unterdrückung der Menschen. Dagegen setzt sie Naturbilder und lässt Hoffnungsvolles aufscheinen. Die Literatur, sagt die iranische Autorin, sei in der Lage, menschliche Schicksale vor dem Vergessen zu bewahren, wo Nachrichten oft abstrakt und statistisch blieben.
Was Literatur kann
Die Veranstaltung wird zudem noch um die Einspielung eines Statements von Ofer Waldman, des ebenfalls aktivistisch engagierten Autors, ergänzt. Am Ende zieht die Runde ein Fazit ihrer Eingangsfrage, ob und welche Worte Literatur in Zeiten des Krieges finden kann. Ihre Aufgabe liege nicht in der unmittelbaren Veränderung der politischen Gegebenheiten. Aber Literatur könne die Wahrnehmung ändern und der entmenschlichenden Realität bewaffneter Konflikte entgegenstehen.
Leider unternehmen die Beteiligten kaum den Versuch, von den Konflikten aus, die ihnen die nächsten sind, ins Allgemeine zu ziehen. Abgesehen von der nur kurz auftretenden iranischen Autorin, scheinen sie von Kampfhandlungen, Gefangenschaften usf. doch weit entfernt zu sein. Den Unterschied hätten unmittelbar Betroffene machen können wie beim Treffen von Eine Brücke aus Papier heuer (2026) in Lwiw. Dort lasen nicht nur am Krieg teilnehmende Autoren und Autorinnen, sondern auch Veteranen, für die das Schreiben ganz konkret der Traumatherapie dient. Das bringt einem den Krieg und seine Leiden sehr nah.
