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05.03.2026, 09:09 Uhr
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Betriebsgeflüster

Das Literaturfest München 2026: Ein Vorgespräch mit Projektleiterin Angelika Otto

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Titelmotiv: „Goldie“ © Rebecca Aldernet

Freiheit!heißt das Motto des Literaturfests München 2026, das heuer zum zweiten Mal im Frühling, vom 21.-30. April, stattfindet. Das Literaturportal hat mit der Projektleiterin Dr. Angelika Otto ein Gespräch über das Programm geführt und erfahren, worauf wir uns freuen können. Auf ins literarische Frühlingserwachen!

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LITERATURPORTAL BAYERN: Liebe Frau Otto, nun sind die wichtigsten Vorbereitungen für das Literaturfest München so gut wie abgeschlossen. Wie fühlt sich das an?

ANGELIKA OTTO: Sehr gut, ich bin zufrieden – und durchaus auch erleichtert. Im Prozess lässt sich kaum ermessen, wie sich all die Gespräche, Ideen und Abstimmungen am Ende zu einem schlüssigen Ganzen fügen werden. Gerade in der engen Zusammenarbeit mit der Programmleiterin Tanja Graf, mit Anne Brocks und dem gesamten Team des Literaturhaus München war dieser Prozess ein intensives gemeinsames Ringen um Qualität und Stimmigkeit. Jede Veranstaltung, die jetzt so folgerichtig erscheint, ist das Ergebnis mitunter auch kontroverser Diskussionen.

Natürlich kann man leider auch nicht alles umsetzen; manche schöne Idee mussten wir schweren Herzens auch wieder verwerfen. Dafür haben umgekehrt auch Gäste zugesagt, mit denen aufgrund ihrer vielen Verpflichtungen gar nicht so selbstverständlich zu rechnen war. Das Besondere am diesjährigen Programm ist u.a. seine, sich auch aus dem Motto speisende, Vielfalt. Und endlich sitzt – vor allem dank der professionellen Arbeit des Literaturhaus-Teams – jeder Mosaikstein nun auch da, wo er sitzen soll.
Besonders wichtig war der diesjährigen Kuratorin, Dana Grigorcea, die Öffnung des Literaturfests in Richtung anderer Künste. Literatur tritt in Dialog mit der Musik und der Bildenden Kunst, die als gleichberechtigte Ausdrucksformen einer gemeinsamen Fragestellung präsent sind.   

LPB: Kommen wir zu besagter Fragestellung. Das Motto des Literaturfests lautet in diesem Jahr: „Freiheit!“ – Ein ebenso elementarer, dringlicher wie recht allgemeiner und leider arg überstrapazierter Begriff. Können Sie uns diese Entscheidung ein wenig erläutern?

OTTO: Gerade weil der Begriff so präsent und zugleich umkämpft ist, erschien er uns geeignet. Was ein Wort alles symbolisieren, wie stark es aufgeladen werden kann: Man denke nur an die gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen, die öffentlichen Diskussionen – sprich, „Freiheit“ wird von jedem nach seinen eigenen klaren Vorstellungen vereinnahmt. Von den Rechten, von den Linken. Man denke etwa an die sicherheitspolitischen Debatten seit dem russischen Angriff auf die Ukraine: Parteien wie Bündnis 90/Die Grünen, die historisch aus der Friedensbewegung hervorgegangen sind, haben ihre Position neu bestimmt und betonen heute die Notwendigkeit militärischer Unterstützung als Verteidigung von Freiheit und Demokratie. Hier wird sichtbar, wie sich politische Freiheitsvorstellungen im Laufe der Zeit verschieben können – vom Primat des Pazifismus hin zur Verantwortungsethik im internationalen Kontext.

Doch genau dies wollte Dana Grigorcea eben nicht zum Hauptpunkt des Festivals machen. Sie möchte vielmehr die Freiheit der und in den Künsten selbst zeigen. Das bedeutet keinesfalls, die politischen Dimensionen des Begriffs auszuklammern. Ganz im Gegenteil. Aber es geht um die ureigene Fähigkeit von Literatur und Kunst insgesamt, Freiheit nicht nur zu spiegeln, sondern zuallererst hervorzubringen. Die Sinnlichkeit war und ist für sie, aber auch für Tanja Graf dabei ein ganz zentrales Kriterium. 

München bietet den privilegierten Rahmen, eine solche ästhetische Auseinandersetzung zu führen. Dana Grigorcea, als schweizerische Schriftstellerin rumänischer Herkunft selbst noch unter der Ceaușescu-Diktatur aufgewachsen, weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, wenn Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Diese biografische Dimension fließt in das Programm ein, ohne es zu dominieren.

Es gibt beispielsweise den festivalbegleitenden Künstler Dan Perjovschi, der, ebenfalls im Rumänien der Ceaușescu-Diktatur aufgewachsen, die Wände im Literaturhaus künstlerisch mit seinen Graffiti-Freiheitskollagen umgestalten und auch den Besucher/innen den Platz geben wird, selbst mitzuwirken. Hier öffnet sich eine so gestandene Institution wie das Münchner Literaturhaus dem Experiment, lässt sich um- und anverwandeln. Das ist ein großes Commitment und auch ein Bekenntnis dazu, institutionelle Räume beweglich halten zu müssen. 

LPB: Das hört sich jetzt ganz nach einem weiteren Dynamisierungsprozess, einer Öffnung an... Zielt dies auch in Richtung Mitgestaltung seitens des Publikums?

OTTO: Genau. Partizipation im Sinne dessen, dass ja auch Freiheit kein statischer Zustand, sondern ein permanenter, in einer Demokratie von uns allen gestalteter Prozess ist. Dies als Ansatz erfahrbar zu machen, wird bei den Workshops ermöglicht und anderen, offenen Formaten in Form der Ausstellung oder dem Silent-Reading. Sehr wichtig finde ich persönlich auch, dass es wieder kostenlose Veranstaltungen wie etwa die Kino-Abende und das Live-Streaming im Literaturhaus oder das gesamte Programm der Münchner Schiene geben wird. So wird Teilhabe für jeden möglich gemacht und nicht an das Privileg von Wohlstand geknüpft. 

LPB:  Bei dem Pressefrühstück, wo das Programm vorgestellt wurde, war die Begeisterung und das persönliche Engagement von Dana Grigorcea auch sehr deutlich zu spüren. Sprich, das Ausrufezeichen hinter „Freiheit!“, ihr Appell hat sich übertragen, sich den Zuhörenden geradezu „hinreißend“ vermittelt. Man merkte, wie wichtig ihr die Sinnlichkeit ist. Weniger als Begriff; vielmehr als eine grundlegende Herangehensweise und Zuwendung. Das verleiht dem zunächst ja recht abstrakt-konzeptionell wirkenden Motto die nötige Lebendigkeit. Wenn man ihr zuhört, mit welchem persönlichen Einsatz sie die einzelnen Programmpunkte, die Künstlerinnen und Künstler vorstellt, möchte man sofort bei allem dabei sein. 

OTTO: Ja, Dana Grigorcea ist auch in diesem Sinne eine ganz außergewöhnliche Kuratorin, weil sie sehr aus dem Persönlichen heraus denkt. Sie hat auch vor, bei jeder Veranstaltung zu begrüßen, bei jeder Veranstaltung dabei zu sein. Das Programm speist sich auch aus jenen literarischen und künstlerischen Erfahrungen, die sie geprägt haben.
Gleichzeitig ist es bestimmt auch für sie eine besondere Erfahrung; zu beobachten, wie sich persönliche Impulse in einen öffentlichen Zusammenhang übertragen lassen. Dieser Prozess – vom Individuellen ins Allgemeine – ist ein spannender Teil kuratorischer Arbeit.

LPB: Und dabei hatte sie in Ihnen eine tatkräftige Unterstützung. Nun sind Sie in diesem Jahr zum ersten Mal für die organisatorische Realisierung verantwortlich. Was war für Sie persönlich ganz besonders spannend und herausfordernd? Was hat Sie vielleicht sogar überrascht?

OTTO: Als jemand, der zwar von außen zum Team des Literaturhauses hinzukommt und andererseits dennoch seine Insidererfahrungen mitbringt – ich bin ja auch Münchnerin und schon lange mit der Literaturszene gut vertraut – da war es für mich persönlich schon eine große Bereicherung, weil mir viele der Künstlerinnen und Künstler, die Dana Grigorcea uns vorschlug, so noch nicht näher bekannt waren. Das war ein Augenöffner, denn in einem so zentralen Literaturland wie Deutschland und einer Verlagsstadt wie München neigt man offen gestanden schnell mal dazu zu denken, der Nabel der Welt zu sein und alle wichtigen literarischen Stimmen zu kennen. Dann gibt es eben aber Personen, wie zum Beispiel die Schriftstellerin Gabriela Adameşteanu, die in Rumänien wirklich jeder kennt, wir hier aber nicht. Und dann denkt man, man wäre literarisch bewandert …

LPB: Das klingt bereichernd. Gab es auch Schwierigkeiten oder ganz besondere Herausforderungen?

OTTO: Nun, wir wollen ja einerseits, dass die Veranstaltungen einen möglichst großen Zulauf haben, dass die Säle gefüllt und die Abende ausverkauft sind; dass also ein möglichst breites Publikum angesprochen wird. Das heißt, man braucht schon auch immer eine Art von „Anker“; große Namen, Stars, die ziehen, mit denen die Leute etwas verbinden. Es darf also nicht nur ganz Fremdes dabei sein, denn ohne Resonanzfiguren bleibt selbst das beste Programm unsichtbar.
Aber es braucht auch das Widerständige, Unbekannte, die inspirierende Perspektive vom Rand. Ich glaube, es ist ganz wunderbar gelungen, diese Elemente in diesem Jahr ganz besonders gut zu verbinden. Aber das war auch die Schwierigkeit und die Herausforderung bei der Programmerstellung: wie schaffen wir es, beides zu vereinen? 
Hier empfand ich es persönlich als großes Privileg, in einem so professionellen Haus wie dem Literaturhaus eingebunden zu sein – mit Kolleginnen und Kollegen, die hier seit vielen Jahren auf höchstem Niveau rund 300 Veranstaltungen pro Jahr realisieren und neben dem laufenden Betrieb auch ein Festival dieser Größenordnung stemmen. 

LPB: Leitung hin, Leitung her, das klingt nach Teamarbeit...

OTTO: Allerdings. Neben der engen Zusammenarbeit mit der Programmleiterin Tanja Graf und der wunderbaren Anne Brocks möchte ich ausdrücklich Marion Bösker nennen, die mit inhaltlichen Impulsen, ihrer Pressearbeit und der Redaktion des Programmheftes wesentlich dazu beiträgt, dass das Festival in der Öffentlichkeit sichtbar wird sowie Alke Wendlandt, die den Social Media Auftritt und die Website verantwortet, aber auch fachlich gerade bei den Workshops und dem Comic-Panel starke Akzente gesetzt hat. Auch wenn ich Respekt vor den zehn Tagen im April habe, in denen dann alles wirklich wird, was jetzt veröffentlicht ist: auch dank des motivierten Technikteams, der Projektassistenz und dem gesamten Rahmen im Literaturhaus blicke ich der tatsächlichen Realisierung dann aber doch relativ gelassen entgegen.

LPB: Das Festival-Motto, so hört man es heraus, spiegelt sich also auch im organisatorischen Findungsprozess – zumindest in einem gewissen Grad die Dinge auch geschehen zu lassen: Freiheit. Zum Beispiel, wie Frau Grigorcea es schilderte, in der Möglichkeit, auch jüngsten Begegnungen wie mit der kurdisch-türkischen Dichterin Meral Şimşek einen Raum zu geben. Hier ist ein Moment des künstlerisch-inspirierenden Miteinanders, ein zündender spontaner Auftritt in Berlin, in die Einladung Meral Şimşeks zu diesem Festival gemündet.  Auch auf diese Weise wird ja die Kunst in die Partizipation, ins Miteinander geholt. Und dann besteht natürlich Ihre Aufgabe darin, das Ganze organisatorisch aufzufangen und auf die Bühne zu holen …   

OTTO: Ja, das war schon eine Herausforderung und andererseits auch ein besonders lebendiges und fruchtbares Miteinanderverhandeln zwischen der Institution Literaturhaus und der Kuratorin Dana Grigorcea. Programmplanung, das habe ich gelernt, verläuft nicht in erster Linie strategisch, sondern entsteht aus lebendiger künstlerischer Resonanz.

LPB: Auf die Ergebnisse des Ganzen dürfen sich dann alle Interessierten jetzt schon sehr freuen. Also, bitte jetzt vormerken: am 21. April geht es los! Natürlich erfolgt dann auch in unserem Journal noch zeitnah die entsprechende informative Ankündigung. 
Nun würden Sie als Projektleiterin selbstverständlich alle Veranstaltungen wärmstens empfehlen. Davon gehen wir aus. Wenn Sie aber, vielleicht in Hinblick auf unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse der potentiellen Besucherinnen und Besucher blickend, wenn Sie also etwas auswählen müssten – was würden Sie uns schon mal vorab bitten, auf den eigenen inneren Merkzettel zu schreiben. Gehen Sie unbedingt zu …?

OTTO:  Also für junge Leute und auch für die, die nicht so viele Anknüpfungspunkte an die Literaturszene haben, würde ich die Gala Lesen, hören, feiern! (23. April, Literaturhaus) zum Welttag des Buches empfehlen, weil diese Veranstaltung so eine große Bandbreite hat. Da kommt zum einen Bestsellerautorin Josi Wismer, die ja auch ganz stark auf BookTok vertreten ist, ich folge ihrem sehr sympathischen Social Media Auftritt auch ganz eifrig, und die eine ganze andere Perspektive hineinbringt in Kombination mit Doris Dörrie, die wir ja nicht nur aus der Literatur, sondern vor allem auch aus dem Film kennen, zum anderen können wir uns auf Meike Winnemuth freuen und ebenfalls mit von der Partie ist der großartige Florian Paul und seine Band Die Kapelle der letzten Hoffnung, die an diesem Tag live auftreten. Das denke ich, ist eine Veranstaltung, mit der man ganz viele Leute abholen kann. 

Und ansonsten (überlegt) – Ich persönlich finde, weil es wirklich widerständig ist und so hier andernfalls nie stattgefunden hätte ohne das Literaturfest, die Veranstaltung im Lyrik-Kabinett sehr empfehlenswert mit den Stimmen der Freiheit (22. April, Lyrik-Kabinett); also mit Dichterinnen und Dichtern, die aufgrund ihrer Überzeugungen in Haft waren und denen die Literatur und das Schreiben geholfen hat, sich selbst treu zu bleiben: Yirgalem Fisseha Mebrahtu, Yassin Al-Haj-Saleh und eben Meral Şimşek.  

Wer die große Bühne liebt oder im Anschluss an die Stimmen der Freiheit ein aktuelles politisches Thema vertiefen möchte, sollte auf die Veranstaltung der Pussy Riot-Mitbegründerin Maria Aljochina Political Girl (22. April; Literaturhaus) gehen. Dies ist natürlich eines unserer Highlights und eine Veranstaltung, die nur möglich ist, weil wir so großzügig vom Kulturreferat der Stadt München unterstützt werden. Dann wird es einen sehr informativen, aufschlussreichen Abend zur Gemeinfreiheit Gemein oder frei? (28. April, Monacensia) geben; ein Abend, der an spannenden Beispielen zeigt, dass Freiheit, in diesem Falle „Gemeinfreiheit“ eine strukturelle Voraussetzung lebendiger Literatur ist.

Berührend wird sicherlich auch der Kalligraphie-Workshop des afghanischen Vater-Tochter-Künstlergespanns Maren und Ahmadjan Amini Vögel Kalligraphieren (24. April, Bellevue di Monaco) und ich persönlich, als Mutter von vier Jungs, bin auch sehr gespannt auf den kontroversen Abend Kämpfen für die Freiheit? (27. April, Literaturhaus) zur Wehrpflicht, der zwei konträre, gewichtige Stimmen, die Autoren Artur Weigandt und Ole Nymoen im Pro und Contra zum Wehrdienst auf die Bühne bringt. Ein unglaublich wichtiger Abend.  

LPB: Wenn man Ihnen so zuhört, dann empfiehlt sich fast, ein paar Tage (Kultur-)Urlaub einzulegen, damit man möglichst viel und Vielschichtiges in aller Ruhe mitnehmen kann. Wer im Übrigen nicht persönlich zu einer Veranstaltung kommen kann, der findet im Programm auch Live-Stream-Angebote; darauf also auch unbedingt mal einen Blick werfen, ob die gewünschte Veranstaltung auch in diesem Format zu haben ist. Liebe Frau Otto, ich danke Ihnen für das Gespräch!

OTTO:  Ich danke Ihnen, es war mir eine Freude!     

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Dr. Angelika Otto ist promovierte Germanistin, Journalistin und Moderatorin mit Sitz in München. Seit 2016 konzipiert und moderiert sie u. a. Folgen der Kultursendung Andere Seiten, die auf München TV ausgestrahlt wird. Sie arbeitet regelmäßig als Jurymitglied und Fachberaterin für Literatur. Zudem publiziert sie zu Literatur- und Kunstthemen (Neurotransmitter, Münchner Feuilleton, Katalogtexte).

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