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26.08.2022, 16:58 Uhr
Redaktion
Gespräche

Interview mit Michala Čičváková zum bayerisch-tschechischen Netzwerktreffen in Sulzbach-Rosenberg

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V.l.n.r.: Michala Čičváková (Tschechisches Literaturzentrum), Julia Miesenböck (Dolmetscherin), Markéta Pilátová (Autorin), Markus Ostermair (Autor), Patricia Preuß (Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg / Literaturhaus Oberpfalz)

Der Austausch geht weiter! Nach einem Lyrik-Abend im letzten Jahr veranstalteten der Adalbert Stifter Verein, das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg / Literaturhaus Oberpfalz und das Tschechische Literaturzentrum am 22.-24. Juni 2022 ein mehrtägiges Vernetzungstreffen mit Autorinnen und Autoren aus Tschechien und Bayern. Der Austausch drehte sich um aktuelle Themen, aber auch um Schreibprojekte und um Fragen nach den Möglichkeiten, als Autor oder Autorin seinen Platz im Literaturbetrieb zu finden und zu behaupten. In diesem Rahmen fand auch eine öffentliche Abendveranstaltung statt. Anwesend waren u.a. Ulrike Anna Bleier, Dora Kaprálová, Sophia Klink, Markus Ostermair, Markéta Pilátová, Jan Štifter und Jonáš Zbořil. Wir sprachen im Nachgang mit der Koordinatorin für internationale Zusammenarbeit des Tschechischen Literaturzentrums, Michala Čičváková.

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LITERATURPORTAL BAYERN: Sie sind innerhalb des Zentrums verantwortlich für den deutschsprachigen Raum und das Reiseprogramm für Autor*innen. Welche sind Ihre Ziele?

MICHALA ČIČVÁKOVÁ: Die Aufgabe des Tschechischen Literaturzentrums, das im Jahre 2017 als eine Sektion der Mährischen Landesbibliothek in Brno (Brünn) gegründet wurde, ist, die tschechische Literatur im Ausland zu verbreiten. Hauptziel des Zentrums ist, die Zahl der Übersetzungen aus dem Tschechischen zu erhöhen und die tschechischen Autor*innen dem Publikum im Ausland vorzustellen. Ich bin für den deutschsprachigen Raum zuständig, das heißt, ich organisiere unterschiedliche Veranstaltungen mit tschechischen Autor*innen in enger Zusammenarbeit mit literarischen Festivals, Literaturhäusern und anderen kulturellen Organisationen in deutschsprachigen Ländern. Ich bin auch oft in Kontakt mit Übersetzer*innen aus dem Tschechischen ins Deutsche und Verlagshäusern in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Ausländische literarische Institutionen, Verlagshäuser, Universitäten, Bibliotheken, aber auch tschechische Autor*innen können sich beim Tschechischen Literaturzentrum um eine finanzielle Unterstützung einer literarischen Veranstaltung bewerben. Das tschechische Literaturzentrum bietet finanzielle Mittel für die Unterkunft, Reisekosten sowie die Honorare für die tschechischen Autor*innen und für die Moderation oder das Dolmetschen an.

Mit dem Literaturhaus Oberpfalz gibt es schon seit geraumer Zeit Netzwerktreffen tschechischer und deutscher Autor*innen. Was macht diese Kooperation wichtig?

2011 hat das Prager Literaturhaus zusammen mit dem Literaturhaus Oberpfalz ein Treffen deutscher und tschechischer Autor*innen organisiert. Als ich mich vor drei Jahren im Rahmen der Leipziger Buchmesse mit Frau Preuß, der Programmleiterin der Literaturhauses Oberpfalz, getroffen habe, war sie gerade auf der Suche nach einem neuen Partner in Tschechien, mit dem sie an die Tradition solcher Begegnungen anknüpfen könnte. 2020 ist es uns gelungen, eine kleine gemeinsame Lesung von zwei jungen Autorinnen, Tereza Semotamová und Kristina Pfister, zu organisieren. 2021 haben wir zusammen mit dem Adalbert Stifter Verein dem Publikum aktuelle deutsche und tschechische Lyrik vorgestellt. Der Wunsch war aber immer, ein größeres Treffen zu verwirklichen, währenddessen wir mehreren Autor*innen aus beiden Ländern einen Raum für einen spontanen Austausch von Ideen, Projekten, Problematischem und Gelungenem anbieten könnten.

Im Juni 2022 trafen sich in Sulzbach-Rosenberg vier tschechische und drei deutsche Autor*innen, um sich über ihre literarischen Projekte auszutauschen, aber auch um die aktuelle Weltlage angesichts des Kriegs in der Ukraine zu besprechen. Ein Teil der Autor*innen stellte sich außerdem in Lesung und Gespräch der Öffentlichkeit vor. Was macht das Besondere an diesem Dialog aus?

Normalerweise verlaufen die Lesungen ziemlich hektisch und schnell, der Autor/die Autorin kommt für einen Abend und fährt weiter zu einer anderen Lesung oder zurück nach Hause. Das Besondere an diesem Treffen, an dem sich vier tschechische und drei deutsche Autor*innen getroffen haben, war das Tempo und eine gewisse Intimität des Treffens. Alle anwesenden Autor*innen haben sich drei Tage freigenommen, um in eine Kleinstadt zu kommen und sich hier mit anderen Schreibenden zu treffen und offen über ihre verwirklichten und geplanten literarischen Projekte, aber auch über die positiven sowie negativen Erfahrungen aus dem literarischen Betrieb zu sprechen. Viele Themen haben in den Gesprächen Resonanz gefunden – wie wählt man sich Themen, wie sucht man nach Neuem, in welchem Maße soll man sich vermarkten usw.

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an der kulturellen Kooperation zwischen Tschechien und dem Land Bayern? Welche Perspektiven sehen Sie hier?

Jede kulturelle tschechisch-bayerische Zusammenarbeit, jedes kleine Projekt, das stattfindet, öffnet ein Stück weiter die Grenzen, die zwischen unseren Regionen und Ländern manchmal noch spürbar sind. Jeder Dialog, der geführt wird, kann uns einander näherbringen, jeder kurze Augenblick, in dem man die Möglichkeit hat, eigenes Leben oder Schaffen aus einer anderen Perspektive anzuschauen, kann meiner Meinung nach sehr inspirierend sein. Ich bin sehr glücklich, dass es schon konkrete Ergebnisse gibt. Jan Škrob und Slata Roschal, die sich 2021 in Sulzbach-Rosenberg getroffen haben, sind im Kontakt geblieben, und haben sogar eine weitere Veranstaltung in München organisiert. Das wäre mein Wunsch, dass unsere Projekte lebendig bleiben und sich auf natürliche Weise weiterentwickeln.

 

Das Interview führte Thomas Lang.

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