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Yamen Hussein beim Kulturfestival 'Acht Mal Ankommen' in der Monacensia

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Yamen Hussein © Verena Kathrein

Auf Betreiben einer Reihe von Münchner Kulturschaffenden werden unter dem Motto Meet your neighbours seit April 2016 einmal im Monat Menschen vorgestellt, die auf der Flucht nach München gekommen sind. Die Reihe ist unter dem Dach des Aktionsbündnisses Wir machen das entstanden. Ende Februar hat Meet your neighbours ein großes internationales Lese- und Kulturfestival in der Monacensia im Hildebrandhaus veranstaltet – mit Neuankömmlingen in Bayern aus 25 Jahren. Auch das Literaturportal Bayern war daran als Kooperationspartner beteiligt.

Der syrische Dichter und Journalist Yamen Hussein wurde 1984 in Homs geboren. Er verfasste zahlreiche regimekritische Artikel, durch die er schon früh ins Visier der syrischen Sicherheitsbehörden geriet. Nach Morddrohungen flüchtete er in die Türkei. Von 2014 bis 2017 lebte Yamen Hussein als PEN-Stipendiat des Writers-in-Exile-Programms in München. Inzwischen sind etliche seiner Gedichte in verschiedenen Anthologien erschienen. Ein Briefwechsel mit dem iranischen Dichter SAID soll noch in diesem Jahr als Buch veröffentlicht werden. Anfang des Jahres zog Yamen Hussein nach Leipzig. Sein Text für das Festival 'Acht Mal Ankommen' ist ein Abschiedsbrief an Fridolin Schley.

*

Lieber Fridolin,

ich habe mehrmals versucht, Dir diesen Brief zu schreiben und bin jedes Mal daran gescheitert. Jetzt versuche ich es erneut. In meinem Innern überstürzen sich die Gefühle – eine Mischung aus Angst und vagen Fragen.

Am 14.1.2018, um zwei Uhr morgens, habe ich, aus Berlin kommend, München erreicht. Das war das letzte Mal als Einwohner dieser Stadt. Kurz zuvor hatte ich begonnen, meine Sachen zu packen, um sie nach Leipzig zu bringen. Da mein Writers-in-Exile-Stipendium zu Ende ist, musste ich nach Leipzig umziehen und München verlassen, wo ich drei Jahre verbracht hatte.

Anfang 2014 kam ich nach Beirut, es war die erste und die schwierigste Etappe meiner Reise ins Exil. Ich war auf der Flucht. Hinter mir mein Land Syrien. Ich erreichte die Grenze über die Berge. Ich schaute nicht zurück, um mir meinen Mut zu bewahren und nicht von dem Gefühl der Trauer überwältigt zu werden.

In den ersten Tagen meines Exils schrieb ich einen Text mit dem Titel Neue Gebote. Eigentlich formulierte ich diese Gebote nur für mich: Ich wollte mich nicht an die neuen Städte gewöhnen, denn es waren alles Orte meiner Verbannung.

Leider habe ich mich nicht an das gehalten, was ich mir selbst ans Herz legte. In München habe ich mich verliebt, so nahm die Stadt in meinem Herzen einen intimen und warmen Platz ein. Ich übertreibe nicht, ich konnte sie eine Heimat nennen.

Ich sagte mir, während ich meine Kleidung und andere persönliche Sachen einpackte, hätte ich dich doch nur nicht geliebt, du Stadt! Ich hatte ein bedrückendes Gefühl, als ob ich aus meinem Platz gerissen wurde und als bedeutete jeder Gegenstand, den ich einpackte, einen Teil meines Herzens auszureißen wie eine Rose aus ihrem Topf. Ich vermied es, Briefe und E-Mails zu beantworten und auf die Straßen zu schauen, die ich hier für gewöhnlich entlangging. Mein Gott, warum sollte sich diese bittere Erfahrung jedes Mal wiederholen, seitdem ich mein Land verlassen hatte? War es nicht an der Zeit, dass all dies einmal zu Ende ging? Ich fand keine Antwort.

Ich erzählte meiner Freundin, die in Leipzig auf mich wartete: Die Koffer reichen nicht aus! Ich habe dir schon mal gesagt, dass die Koffer der Flüchtlinge im Exil nie ausreichen, egal wie groß sie auch immer wären! Was soll ich jetzt tun?! Sie antwortete nicht, sie hatte auch keine Antwort.

Ich war gezwungen, unter mehreren Sachen zu wählen, die ich aus Syrien mitgenommen hatte und die mich an drei Orte des Exils begleitet hatten. Eine davon war eine alte Hose, in deren Innenteil mein Name auf Arabisch geschrieben stand. Er wurde vor etwa fünf Jahren von einem Mitarbeiter der Wäscherei Al Scham notiert, damit er meine Hose wiederfinden konnte. Als ich mich entschied, sie wegzuwerfen, hat mein Herz mir nicht gehorcht. Wie hätte ich denn meinen Namen wegwerfen können, nachdem er die Kriege und das Waschpulver überlebt hatte?

 

Impressionen des Festivals von ©  Laura Velte

 

Lieber Fridolin, ich wollte nicht, dass mein Brief so sentimental wird, aber ich fühle, dass mein Zuhause in Syrien mein Herz einst mit einer dicken Kruste umschlossen hielt wie eine Gebärmutter. Dann kam der Krieg und brach diese beruhigende Kruste auf, und unsere Körper und Herzen werden jetzt all diesen Schmerzen und Schwierigkeiten ausgesetzt.

Bin ich angekommen?

In dem Moment, als ich beschloss, mein Zuhause in Homs zu verlassen, nachdem der Geheimdienst mich bedroht hatte, ging mein Vater aus dem Haus. Er wollte vermeiden, sich von mir verabschieden zu müssen. Meine Mutter ermahnte mich, ich solle nicht schwach werden und weigerte sich, die Tür hinter mir zu schließen. Sie ließ sie angelehnt, damit wir beide die Hoffnung auf eine Rückkehr nicht verloren. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich auf diese Weise an kein Ende kommen würde, es gibt kein Endziel und keinen letzten Platz, um sich niederzulassen. Selbst wenn ich eines Tages nach Homs, nach Hause zurückkehren würde, es würde nie wieder so sein, wie es war. Die Straßen und die Menschen dort hätten sich verändert, wie auch ich.

In der arabischen Sprache haben die beiden Verben ankommen und erreichen die gleiche Bedeutung und Schreibweise. Daher denke ich, dass das Ankommen nichts anderes als eine liebliche Illusion ist. Ankommen bedeutet, dass deine Reise im Leben zu Ende ist. Die Tür schließt sich hinter einer neuen lebendigen Erfahrung; das bedeutet einen immateriellen Tod.

So lange ich nicht ankomme, muss ich weiter suchen.

Ich beschloss, Mut zu schöpfen und alles mitzunehmen, das ist mein Reichtum im Exil: meine Bücher der deutschen Sprache, meine Erinnerungen aus Syrien und Istanbul, Andenken aus Paris und Hannover, Dein Buch, das Buch meiner Lieblingsautorin Hannah Arendt in deutscher Sprache, die CD mit der Winterreise von Schubert.

Jetzt mache ich mich auf den Weg, um mich von der Stadt, in der ich vor drei Jahren angekommen bin, zu verabschieden. Ich erinnere mich an all die Stationen von Misserfolgen und Erfolgen, an die Verwirrung, die ich bei meiner ersten Dichterlesung hier erlebte, und meine Freude, als der erste Text von mir in deutscher Übersetzung erschienen war und die Zeitungen darüber berichteten.

Ich bewahre das alles in mir auf.

Ich sage Dir, wenn der Mensch in einer fremden Stadt ankommt, wird er zum Kind, es gibt so viel Neues zu lernen, eine neue Sprache und auch andere Denkweisen und unzählige Türen öffnen sich für Experimente. In den letzten drei Jahren habe ich liebe Menschen verloren und Sehnsucht nach den Verwandten gehabt. Unsere Generation, die ein freies und demokratisches Land wollte, musste den Schmerz der Niederlage spüren. Die Städte sind unter Bombardierung und Belagerung gefallen. Wir mussten fliehen. Trotzdem waren es drei Jahre, in denen ich die Welt, die Gedanken und meine Ausdrucksweise neu interpretiert habe. Ich entdeckte neue Welten und neue Freunde. Sind die neuen schöpferischen Ideen und die vielfarbigen Freunde aus aller Welt nicht auch ein Reichtum? Lassen wir uns das Exil als Versuch begreifen, unsere Erfahrung zu bereichern und unsere Sensibilität für menschliche Probleme weiterzuentwickeln.

Dies sind als Erstes die Gerechtigkeit, als Zweites die Freiheit und als Drittes die Liebe und Solidarität.

Ins Exil zu gehen, ist nie ein freiwilliger Akt. Nicht immer ist es so, dass das Leben in den neuen Städten auch den Reichtum des Wissens in Kreativität verwandelt oder in die Fähigkeit, mit dem Anderen zu fühlen. Wir müssen die Würde des Menschen in uns bewahren, indem wir nach einer freien und offenen Welt streben.

Lieber Freund Fridolin, Ich möchte nicht, dass der Weg endet, ich möchte nicht vergreisen.

 

© Verena Kathrein

 

 

Eine Herde von Hirschen

 

Vor der Abreise
Lasse ich die Koffer offen,
wie ein aufgeschlagenes Buch ohne Abschluss
und gehe zur Maximilianbrücke,
um Abschied von München zu nehmen.
Ich strecke meine Hände in die kalte Luft aus,
damit mein Herz von Trauer geheilt wird.
Aus der Ferne trägt die Isar in ihrer Leistengegend
Zweige von trockenen und zerbrochenen Bäumen,
vom letzten Sturm.
An mir vorbei schiebt sich eine alte Frau mit ihrem Rollator
und schaut mich mit ihrem freundlichen Gesicht an.
Sie lächelt, als sie auf die Zweige zeigt,
die auf dem Fluss schwimmen:
Sieh nur, wie schön diese Hirschhörner!
Diese Herde überrennt die Stadt.
Sei wie ein Sturm und lass dein Herz so jung bleiben wie diese Hirsche,
überquere alle Städte und Flüsse
und komme nicht an, damit du nicht alterst.

 

*

 

Deine Hand

 

Deine zum Gruß ausgestreckte Hand
tanzt auf dem Hochzeitsfest.
Sie trägt eine Tüte mit Gemüse für deine Kinder
Ausgestreckt: fünf Erwartungen.
Klopft auf die Schulter eines Freundes
Herabhängend nach einer Niederlage.
Schöpft das Quellwasser, um es dir zum Trinken anzubieten,
winkt zum Abschied,
hochgehalten zum Anstoßen und beim Demonstrieren,
Deine vom Koffertragen müde Hand wünscht sich anzukommen.
Deine abgerissene Hand, deren leeren Platz an deinem Körper du beobachtest,
ist eine Gazelle, die dir in der Steppe entgleitet,
eine Gazelle, deren Augen als Erstes schon früh auf die Weide fielen,
und die Hausgärten werden sie nicht verlocken.

 

 

Übersetzung: Suleman Taufiq


Externe Links:

Yamen Hussein im PEN Zentrum Deutschland

Yamen Hussein bei WeiterSchreiben

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