Europas Dichter im KZ Dachau

„Literatur – selbst im Angesicht des Todes? Warum eigentlich nicht?“, schrieb der niederländische Autor Nico Rost in seinem berühmten Buch Goethe in Dachau. Schreiben im Konzentrationslager war eine lebensgefährliche Form von Widerstand, und doch wurde diese auch von Nicht-Schriftstellern häufig praktiziert, wie zahlreiche Häftlingstagebücher eindrucksvoll belegen. Selbst wenn niemand wusste, ob das Geschriebene das Lager jemals verlassen würde, nahmen die Häftlinge jedes Risiko auf sich, um Zeugnis abzulegen, auch für die, die dies nicht mehr konnten. Schreiben wurde zum Symbol der geistigen Selbstbehauptung, ein Zeichen der kulturellen Würde, dem die Barbarei der Nationalsozialisten letztlich nichts anhaben konnte. Dem Schreibenden ermöglichte das Schreiben, dem totalitären System, das sich seiner bemächtigt hatte, für einen kurzen Augenblick zu entkommen – frei zu sein.

Dabei war Schreiben ungeheuer schwierig. Es war kompliziert, Schreibwerkzeug zu organisieren, die Zeit fürs schreiben zu finden und zuletzt auch noch ein sicheres Versteck für die Aufzeichnungen zu finden. Wer schrieb, ging ein hohes Risiko ein. Und doch: „Mit der Feder in der Hand habe ich, mit gutem Erfolg, Schanzen erstiegen, von denen andere mit Schwert und Bannstrahl bewaffnet zurückgeschlagen worden sind“, schrieb einst Georg Christoph Lichtenberg (Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbücher. E 1775-1776, E 419. Matrix Verlag, Wiesbaden 2011, S. 115).

Unter denen, die sich dieser Waffe bedienten, waren im Konzentrationslager Dachau auch zahlreiche Schriftsteller aus ganz Europa. Eine kleine Auswahl wird im Folgenden vorgestellt. Sie alle hatten bereits im Vorfeld offen gegen den Nationalsozialismus angeschrieben, und ihre Inhaftierung zeigt deutlich, wie sehr die Nationalsozialisten das Wort fürchteten. Sie mundtot zu machen gelang nicht. Viele machten sich bereits im Lager heimlich Notizen, andere brauchten Jahre, um ihre Erlebnisse nach der Befreiung zu Papier zu bringen. Ihre Texte künden nicht nur von Tod und Schrecken, sondern auch von der Solidarität und Menschlichkeit unter den Gefangenen und wurden zur eindringlichen Mahnung wider das Vergessen. 

(Laqueur, Renata [1992]: Schreiben im KZ. Tagebücher 1940-1945. Bearbeitet von Martina Dreisbach und mit einem Geleitwort von Rolf Wernstedt, Donat-Verlag, Bremen)

(Wollenberg, Jörg [2007]: „Goethe in Dachau“. Das Konzentrationslager als Lernort zur Selbstbehauptung in Grenzsituationen. Beitrag zur 27. Konferenz des Arbeitskreises zur Aufarbeitung historischer Quellen der Erwachsenenbildung – Deutschland-Österreich-Schweiz vom 20. bis 23. November 2007 im Wissensturm Linz)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

Sekundärliteratur:

Literaturverzeichnis

Weiterführende Literatur:

Heiser, Dorothea (1993): Mein Schatten in Dachau: Gedichte und Biographien der Überlebenden und der Toten des Konzentrationslagers. Hg. vom Comité International de Dachau. Mit einem Vorwort von Walter Jens. Pfeiffer, München.

Externer Link:

Homepage der KZ-Gedenkstätte Dachau



Kommentare

Peter Ludewig am 02.05.2016 um 07:50

Unter den Dichtern, die im KZ Dachau interniert wurden, sollte auch Wilhelm (Thomas W.) Schlichtkrull Beachtung finden. Er war vom 28. 11. 1940 bis 10. 6. 1941 in Haft.



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