Karl Valentin – Der Kampf mit der Sprache

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Valentin-Karlstadt-Musäum um 1960. Schattenriss in einer Nische: "Dieses Musäum entstand durch Spenden der Münchner Bürgerschaft und durch tatkräftige Unterstützung des Kulturreferates und des Kommunalreferates der Stadt München"; "An diesen Nagel hängte Karl Valentin 1902 seinen Beruf und wurde Volkssänger" (Bayerische Staatsbibliothek/Fruhstorfer).

Überhaupt war er hoffnungslos, sich zu verständigen. Alle einfachen Dinge gerieten sogleich ins Problematische. Das Sprachliche reichte nicht [...] Die Hände reichten nicht, die Füße reichten nicht, die Zunge reichte nicht. Es war eine schwierige Welt. (Erfolg, S. 262)

Dass Sprache als Verständigungsmittel komplett scheitern kann, schildert Lion Feuchtwanger in seinem Roman Erfolg von 1931 anlässlich eines Auftritts des Münchner Komikers Balthasar Hierl alias Karl Valentin. Manchmal wird sprachliche Kommunikation bei Valentin durch äußere, mechanische Faktoren wie starker Lärm oder beabsichtigtes Murmeln verhindert oder erschwert, so in den Szenen Die verfluchte Hobelmaschine (1939), Schwierige Auskunft (1940) und in dem Stück Tingeltangel (bis ca. 1920). Manchmal wirkt sich aber ganz direkt Valentins sensible und nervöse Artikulation beim Einsprechen von Stücken aus. Dies bestätigt der Filmregisseur Erich Engels bei den Dreharbeiten zu dem Film Kirschen in Nachbars Garten (1935): „Valentins Nervosität hatte sich nicht gelegt, so daß er immer wieder steckenblieb.“ Das Stottern ist nur eine Folge davon.

Das bekannteste Beispiel des Kampfes mit der Sprache ist jedoch zweifellos Valentins Sketch vom Buchbinder Wanninger. Darin versucht der Buchbinder, telefonisch bei seinem Auftraggeber, der Baufirma Meisel & Co., zu erfahren, ob er die Rechnung für die von ihm fertiggestellten Bücher der Lieferung beilegen soll oder nicht. Stattdessen wird er nur, ohne die gewünschte Information zu bekommen, von einem zum anderen Ansprechpartner – insgesamt zehn an der Zahl – weiterverbunden.

Die zunehmende sprachliche Verunsicherung, die immer auswegloser scheinende Verstrickung im labyrinthischen Diskurs der Sprache und ihrer bürokratischen Verwalter werden auf so eindrucksvolle Weise wiedergegeben, dass sich die ganze Sprechweise Wanningers im Laufe des Telefonats zusehends verändert: neben stereotyp gebrauchten affirmativen Floskeln und Redensarten als Ausdruck von Wanningers Hilflosigkeit gegenüber einer übermächtig empfundenen Instanz („Jawohl“, „ist schon recht“), unnötigen Wiederholungen („ob ich die, die Ding da“, „ich hab, ich hab“), anakoluthischen Satzgebilden und abgebrochenen Sätzen („Ich möcht Ihnen nur mitteilen, daß ich die, die Bücher da, wo, daß ich die fertig hab“) sind es vor allem das Stottern und der Kampf zwischen Mundart und Schriftsprache, der sich in zunehmenden Maße durchsetzt – sei es um Wanningers Gefühl der Machtlosigkeit zu demonstrieren oder seine steigende Ungeduld auszudrücken: „So, da muaß i glei“, „ich dadats, dats jetzt Ihnen hin-hin-hinoweschicken, hinaufschicken, in eichere Fabrik“.


Verfasser: Dr. Peter Czoik / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Lion Feuchtwanger: Der Komiker Hierl und sein Volk. In: Erfolg, Kap. 15, Buch II. Berlin 1931, S. 259-268.

Karl Valentin: Die Raubritter vor München. Szenen und Dialoge (dtv 165). München 1963.

Schwimmer, Helmut (1977): Karl Valentin. Eine Analyse seines Werkes mit einem Curriculum und Modellen für den Deutschunterricht (Analysen zur deutschen Sprache und Literatur). R. Oldenbourg Verlag, München, S. 26ff.



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