Blindheit II: Ernst Augustin – „Das Monster von Neuhausen“

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Jusepe de Ribera (1591-1652): Der Tastsinn, allegorisches Porträt aus einer Serie zu den „Fünf Sinnen“, etwa 1630

Ernst Augustin wird 1927 in Hirschberg im Riesengebirge geboren und verbringt seine Jungend in Schweidnitz und Schwerin. Sein ursprünglicher Berufswunsch Architekt scheitert am Widerstand seiner Eltern, und Augustin studiert nach dem Zweiten Weltkrieg Medizin an den Universitäten in Rostock und Berlin. Bis zu seiner Flucht in die Bundesrepublik 1958 arbeitet er als Unfallchirurg in Wismar und als Arzt für Neurologie und Psychiatrie in Ost-Berlin. Es schließt sich ein Einsatz als Arzt in Afghanistan und mehrere Reisen u.a. durch Indien, Pakistan und die Sowjetunion an. Danach arbeitet Augustin in seiner Wahlheimat München in der Nervenklinik des Universitätsklinikums und als psychiatrischer Gutachter. 1966 wird er von Hans Werner Richter zu einem Treffen der Gruppe 47 eingeladen. 2009 erblindet Augustin fast vollständig in Folge eines Fehlers bei der Operation eines gutartigen Hirntumors.

Wenn wir nicht operieren, werden wir blind – – ja, und als wir aufwachten, waren wir blind. (S. 38)

In seinem Text Das Monster von Neuhausen verarbeitet Augustin den Unfall, der zum Verlust seines Augenlichts führte. Das literarische „Protokoll“ erscheint 2015 im C. H. Beck Verlag.

Wegen eines gutartigen Gehirntumors muss sich der Münchner Schreibwarenhändler Tobias Knopp einer Operation unterziehen. Dem namhaften Chirurgen unterläuft dabei ein schwerer Kunstfehler: Er durchtrennt den Sehnerv des Patienten, macht ihn „hirnblind“. In Das Monster von Neuhausen spielt Augustin protokollarisch den Verlauf des anschließenden Gerichtsprozesses durch.

Aber als Knopp gegen Abend endlich aus seiner Narkose aufwachte, als er sich ganz langsam wieder besann, sich aus seiner Schwere befreite und die Augen aufschlug, da war er – –

Ich weiß nicht, wie ich das jetzt sagen soll. Es kommt wie ein endgültiger Schaden, eine nie wieder gutzumachende Sache, wie soll ich das sagen?

Als er die Augen öffnete, war er blind. (S. 58)

Verfasser: Laura Velte / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Ernst Augustin: Das Monster von Neuhausen. C.H. Beck, München 2015.

Baumeister, Pilar (1991): Die literarische Gestalt des Blinden im 19. und 20. Jahrhundert. Peter Lang, Frankfurt am Main u.a.



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