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Anmerkungen zum Lesebuch „Bukowina. Eine europäische Vielvölkerregion“

Das Deutsche Kulturforum östliches Europa e.V. Potsdam – Berlin engagiert sich für die Vermittlung deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa. Dabei sind Regionen im Blick, in denen Deutsche gelebt haben oder bis heute noch dort leben. Das Kulturerbe jener Gebiete verbindet Deutschland mit seinen Nachbarn. Dies soll einer breiteren Öffentlichkeit bewusst gemacht werden – im Dialog und in zukunftsorientier Zusammenarbeit mit Partnern aus dem östlichen Europa. In der „Potsdamer Bibliothek östliches Europa“ erscheinen Sachbücher, Bildbände, Magazine und Kulturreiseführer. In diesen Tagen der Band Bukowina. Eine europäische Vielvölkerregion.

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Welcher junge Mensch kennt oder gebraucht heute noch die Begriffe „Banat“, „Galizien“ oder gar „Bukowina“? Welchen Stellenwert haben diese historischen Landschaften noch? Transparenter wird es vielleicht erst, wenn der Ortsname „Czernowitz“ fällt, der in der heutigen Ukraine verortet ist. 

In der Antike war die Bukowina Teil der römischen Provinz Dakien. Im 10. und 11. Jahrhundert gehörte sie zum Fürstentum Kiew, bevor sie Mitte des 14. Jahrhunderts mit dem Fürstentum Moldau vereint wurde. Bis 1769 war sie Teil des Osmanischen Reiches. Später an Österreich abgetreten, folgte 1786 die Eingliederung als 19. Kreis nach Galizien, und seit 1849 war die Region ein vielgestaltetes, selbstständiges österreichisches Kronland mit der Hauptstadt Czernowitz. Buchenland- bzw. Bukowina-Deutsche sowie jüdische Siedler trugen entscheidend zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung bei. Doch die Weltgeschichte drehte sich unaufhaltsam weiter: 1919 fiel die Bukowina an Rumänien.

Es ist interessant zu wissen, dass die Könige von Rumänien aus der schwäbischen Linie Hohenzollern-Sigmaringen das Land von 1866 bis zur Ausrufung der Republik im Jahre 1947 regierten. Diese Dynastie prägte die Modernisierung und territoriale Erweiterung des modernen rumänischen Staates maßgeblich.

Zwischen 1940 und 1941 sowie ab 1944 war die Region Teil der UdSSR, während sie von 1941 bis 1944 von rumänischen Truppen besetzt war. Die Deportation und Ermordung zehntausender Jüdinnen und Juden während des deutschen Vernichtungskrieges bildete dabei den tragischen Tiefpunkt. Bereits 1939/1940 war zudem die sog. „Umsiedlung“ der deutschen Bevölkerung gen Westen erfolgt. Dies bedeutete gleichzeitig den Untergang der Plurikulturalität und Multiethnizität der Bukowina.

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Was bleibt von der Bukowina, diesem ehemaligen vielsprachigen „Europa im Kleinen“, heute aufgeteilt zwischen Rumänien und der Ukraine? Ihr plurikulturelles Fundament mit dem geistigen Zentrum Czernowitz (ukr. Tscherniwzi, rum. Cernăuți) prägten einst zahlreiche Künstler, Schriftsteller und Filmemacher, deren Strahlkraft sie später weltweit bekannt machte. 

Mit Bukowina. Eine europäische Vielvölkerregion legt die Historikerin Dr. Mariana Hausleitner (geb. 1950 in Bukarest) ein fundiertes, reich illustriertes historisches Lesebuch vor. Es spiegelt die bewegten Zeiten dieser untergegangenen Kulturlandschaft wider und setzt der deutschen sowie jüdischen Bevölkerung ein Denkmal zur Erinnerung und Mahnung. Das fundierte Handbuch erscheint damit genau zur rechten Zeit – passend zum Jahresthema 2026 „Galizien und Bukowina“ des Deutschen Kulturforums östliches Europa.

Hausleitner, die seit Jahrzehnten über die Bukowina forscht und unter anderem an der LMU München lehrte, zeigt eindrücklich: Wer die Bukowina verstehen will, muss ihre Literatur lesen. Deutsch fungierte zeitweise als Verwaltungssprache und spielte später vor allem in Bildung und Literatur eine große Rolle. Zahlreiche Autorinnen und Autoren schrieben auf Deutsch oder standen im engen, produktiven Austausch mit der deutschsprachigen Welt. Auch gab es seit 1808 in Czernowitz ein deutsches Gymnasium.

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Greifbar wird diese europäische Kulturlandschaft durch die Biografien jener Menschen, die dort geboren wurden, aufwuchsen oder aus politischen Gründen dorthin flüchten mussten. Musikfreunden ist in diesem Kontext der weltberühmte Tenor Joseph Schmidt (1904-1942) ein Begriff, dessen Lied Ein Lied geht um die Welt (1933) zum unvergesslichen Klassiker wurde (Titelschlager des gleichnamigen Tonfilms, später auch erfolgreich von den Comedian Harmonists gesungen). In der Literaturgeschichte nimmt die Bukowina einen bleibenden Stellenwert ein. Prominenteste Beispiele sind Paul Celan (1920-1970), der mit seiner Todesfuge Weltruhm erlangte, und Rose Ausländer (1901-1988, Lyrikband Der Regenbogen, 1939), die nach einem USA-Aufenthalt 1931 nach Czernowitz zurückgekehrt war. Beide prägten die deutschsprachige Lyrik tiefgreifend – gefördert durch den heute weniger bekannten, aber bedeutenden Mentor Alfred Margul-Sperber (1898-1967).

Links: Der Dichter Paul Celan auf einem Passfoto aus dem Jahr 1938. Rechts: Die Dichterin Rose Ausländer um 1931. 

Bukowina I

Grüne Mutter
Bukowina
Schmetterlinge im Haar
[...]
Der Karpatenrücken
väterlich
lädt dich ein
dich zu tragen

Vier Sprachen
Viersprachenlieder
[...]

(Rose Ausländer, veröffentlicht zuerst in Blinder Sommer, S. Fischer TB 1965)

Aus der Vielzahl an Literaten ist auch Ninon Hesse (geb. Ausländer) zu nennen, die spätere dritte Ehefrau Hermann Hesses. Eine Odyssee erlebte der jüdische Schriftsteller Edgar Hilsenrath: 1938 floh er vor den Nationalsozialisten aus Deutschland nach Sereth in die Bukowina, wurde von dort in ein Ghetto deportiert und gelangte nach dem Krieg über Palästina und die USA zurück nach Deutschland. Diese Erfahrungen verarbeitete er in seinen weltberühmten, grotesk-satirischen Romanen Nacht und Der Nazi & der Friseur

Den humanistischen Schriftsteller Gregor von Rezzori (1914-1998) kennen Cineasten wiederum aus dem französischen Filmklassiker Viva Maria! (1965) an der Seite von Brigitte Bardot und Jeanne Moreau. Auch eine Hollywood-Legende hat ihre Wurzeln in der Region: Der Regisseur Otto Preminger (1905-1986), berühmt für Meisterwerke wie Faustrecht der Großstadt (1950), wurde in der Bukowina geboren.

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Das neue Kompendium Bukowina. Eine europäische Vielvölkerregion erweist sich als einzigartige Informationsquelle für ein breites Publikum – von Literaturvermittlern und Journalisten bis hin zu Touristikern, Buchhändlern und Bibliothekaren. Die Publikationsreihe des Deutschen Kulturforums östliches Europa (Potsdam) setzt, auch dank der weitsichtigen Arbeit der stellvertretenden Direktorin Tanja Krombach, seit Langem Maßstäbe weit jenseits klassischer Handbücher und Reiseführer.

Besonders besticht die bibliophile Ausstattung des Bandes: Das reichhaltige Informationsmaterial umfasst historische Landkarten, Fotografien und Kurzbiografien. Durch die breite Einbeziehung von Literatur, Baukunst, Industrie und Landschaftsgeschichte sowie ein präzises Orts- und Personenregister wird das Werk zu einem unentbehrlichen Vademecum für diese faszinierende Kulturlandschaft.

 

Mariana Hausleitner: Bukowina. Eine europäische Vielvölkerregion („Potsdamer Bibliothek östliches Europa. Geschichte“), Potsdam 2026, 331 S., geb. m. zahlr. Farb- u. SW.-Abb., Kart. m. ausführl. Reg., 22 Euro