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06.12.2017, 16:12 Uhr
Freundeskreis Sophie La Roche
Spektakula
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Oskar Maria Graf bei einer Lesung des Tukan-Kreises am 21. Juli 1958 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe)

POMONA-Salon zu Oskar Maria Graf

Kaufbeuren. Auch vor dem Hintergrund des runden Todestages des Schriftstellers und Weltbürgers aus Bayern im Exil, Oskar Maria Graf, der vor 50 Jahren, am 28. Juni 1967 in New York verstorben ist, haben sich die Salonieren des jüngsten POMONA-Salons im Freundeskreis Sophie La Roche, Christa Berge, Wiltrud Fleischmann, Helga Ilgenfritz und Karin Klinger diesem herausragenden Vertreter deutscher Literatur gewidmet.

Im Rahmen der biographischen Notizen über den Bäckerssohn, der 1894 in Berg am Starnberger See geboren wurde, zeigten die Salonieren auf, dass Graf mit seiner Schriftstellerei schon 1911, als knapp 18-jähriger, in München begonnen hatte. Im Jahr 1929 wird er dort Dramaturg am Arbeitertheater Die Neue Bühne.

Schon im Verlauf einer Vortragstournee nach Wien wird ihm 1933 von Freunden geraten, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren; seine Emigration beginnt. Im Jahr 1934 übersiedelt er mit seiner Lebensgefährtin Mirjam nach Brünn in der damaligen Tschechoslowakei, um nach deren Besetzung durch deutsche Truppen 1938 sofort nach Holland zu fliehen. Von dort führt es ihn mit dem Schiff nach New York. Hier lebt Graf, der 1958 auch amerikanischer Staatsbürger wird, bis zu seinem Tode 1967, nur unterbrochen von einigen Auslandsreisen. Im Jahr 1960 verleiht ihm die Wayne State University in Detroit die Ehrendoktorwürde. Nach quälender Krankheit verstirbt er 1967 in New York, seine Urne wird 1968 auf dem Friedhof München-Bogenhausen beigesetzt.

 

Oskar Maria Graf 1933: Verbrennt mich!

Bereits zwei Tage nach der Bücherverbrennung des NS-Regimes am 10. Mai 1933 veröffentlicht Oskar Maria Graf auf der Titelseite der Arbeiter-Zeitung, dem Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutsch-Österreich, einen ganzseitigen Protest unter der Überschrift Verbrennt mich! Dieser Protest ist umso spektakulärer, als er darin die NS-Machthaber provozierend auffordert, seine Bücher zu verbrennen. Der abschließende Satz lautet: Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen! Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Dieser Geist selber wird unauslöschlich sein, wie eure Schmach! Alle anständigen Zeitungen werden um Abdruck dieses Protests ersucht!"

 

Splitter aus Leben und Werk

Graf heiratet 1917 Karoline Bretting, er wird 1918 Vater eines Kindes, trennt sich kurz danach von seiner Frau; die Scheidung wird jedoch erst 1944 vollzogen. Bereits ab 1919 wird die Jüdin Mirjam Sachs seine Lebensgefährtin, die er 1944 heiratet. Nachdem Mirjam 1959 verstirbt, heiratet er Gisela Blauner, ebenfalls Jüdin, die bis 1996 lebt.

In seinem Buch Wunderbare Menschen, das 1927 erstmals erscheint, beschreibt Graf ein Stück seines Lebens: die Geschichte seiner knapp zweijährigen Tätigkeit als Dramaturg an der Münchner Arbeiterbühne. Ganz klassisch sieht er seine Aufgabe als Dichter, er will dabei belehren und ermuntern" und seinen Genossen in der nachrevolutionären Zeit (1920/21) helfen, das Werk zu vollenden.

Ergreifend und drollig, kurios und alltäglich geht es zu in seiner 'Chronik', dem autobiografischen Werk Wir sind Gefangene. Man begegnet dem unglücklichen Dichter, dem Schauspieler, dem Arbeiter und dem Theaterdirektor. Das Buch erscheint 1927. Thomas Mann urteilte über diesen, Grafs erfolgreichsten Roman, er sei ein menschlich-historisches Zeugnis von unvergänglichem Werte". Thomas Mann verhalf ihm auch früh zur Übersetzung in den USA: Prisoners All erschien dort 1928, Übersetzungen in alle Weltsprachen folgten. Kraftvoll, ehrlich und mit schonungsloser Offenheit schildert Graf darin seine Erlebnisse von der Kindheit bis zum Ausgang des Ersten Weltkriegs und der Zeit der Münchner Räterepublik. Eine ebenso packende wie berührende Autobiografie und ein Zeitdokument erster Güte; Graf wird mit diesem Werk schlagartig berühmt.

Der Dorfroman Chronik von Flechting (1925) spielt Mitte des 19. Jahrhunderts: Im Dorf Flechting erben die Brüder Jakob und Lenz Farg von ihrem Vater eine Bäckerei. Doch das Erbe steht unter keinem guten Stern. Nach einem Streit gehen die Brüder getrennter Wege. Jakob erhält die Bäckerei, wird dabei auch zum erfolgreichen Immobilienspekulanten und macht sich die Tatsache, dass sich der König mit seinem Hofstaat am Ort niederlassen will, zu Nutze. Die Bäckerei blüht auf und entwickelt sich zu einem ertragreichen Unternehmen, während Lenz mit seiner Familie hungern muss. Auch die Dorfbewohner neiden Jakob seinen Erfolg. Es gibt politische Unruhen, eine Revolution, schließlich einen neuen König und einen Krieg. Aus dem kleinen Nest Flechting wird über die Jahre ein florierender Fremdenverkehrsort.

Dem Werk Das Leben meiner Mutter (1940), die Lebensbeschreibung einer einfachen Frau aus dem Volke, wie sie die Mutter von Graf selbst verkörperte, entwächst eine Chronik bäuerlich-dörflichen Daseins und der politischen Rahmenereignisse der Zeit: Viel geschieht in der zweiten Hälfte des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, auch in dem kleinen Ort am Starnberger See, wo Ludwig II. durch seine Anwesenheit immer mehr Städter anzieht. Doch an Resl, der 'Bäckin', wie die Bauerstochter nach ihrer Heirat mit dem angehenden Lieferanten für Backwaren, Max Graf, genannt wird, geht alles spurlos vorüber. Sie kennt nur Arbeit, Aufopferung für die Familie und Unterwerfung, eine Rolle, die ihresgleichen seit Jahrhunderten spielt.

Erst ein Jahr vor Grafs Tod erscheint 1966 der Roman Gelächter von außen, die Geschichte von der Niederschlagung der Münchner Räterepublik bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Graf hat das Buch in seiner letzten Wohnstätte in der Hillside Avenue im Norden Manhattans geschrieben, und es gilt als das Fazit eines alternden Mannes, der weiß, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückkehren wird. Dabei greift Graf auf eine anekdotische, lakonische Reminiszenz zurück, ohne jemals ins Triviale abzugleiten. Es ist auch ein Kaleidoskop der zwanziger Jahre, der Münchner Bohème, der erzielten Schockwirkung durch Chagalls Blauen Reiter, der aberwitzigen Dramaturgie des Münchner Hitler-Putsches, der Orientierungslosigkeit und der nicht gelingenden Integration des Offizierskorps nach dem Ersten Weltkrieg, der wachsenden Arbeitslosigkeit und der einhergehenden fortschreitenden politischen Radikalisierung der Gesellschaft.

Oskar Maria Graf charakterisiert zudem in seinem 1937 erschienenen Roman Anton Sittinger eindrucksvoll den typisch deutschen Kleinbürger und Mitläufer, dessen Verhaltensweisen mitverantwortlich dafür wurden, dass sich das nationalsozialistische Terrorregime ausbreiten und etablieren konnte.

Große Geschichte beschreibt Graf auch in seinem Roman Unruhe um einen Friedfertigen (1947) am Beispiel des kleinen Mannes: ein eindringliches Panorama der Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung Hitlers. Im beschaulichen bayerischen Dorf Aufing wird darin der Schuster Julius Kraus plötzlich mit seiner jüdischen Herkunft konfrontiert.

 

Schluss mit Gans

Mit Grafs berühmter Weihnachtsgeschichte um die Weihnachtsgans, die einigen Kirchgängern gerupft und bratfertig aus heiterem Himmel vor die Füße fällt, wurde der literarische Salon für das Jahr 2017 abgeschlossen.

 

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