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08.02.2017, 13:23 Uhr
Redaktion
Literarische Schätze der BSB
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Das Goethe-und-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz in Weimar. (c) Janine Katins-Riha

Literarische Schätze der Bayerischen Staatsbibliothek (7): Schiller und Körner über Goethe

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Das Goethe-und-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz in Weimar. (c) Janine Katins-Riha

Im Wochenrhythmus stellt die Redaktion des Literaturportals Bayern literarische Schätze aus dem Archiv der Bayerischen Staatsbibliothek vor: ausgewählte Höhepunkte, die in ihrer Entstehung, Überlieferung und Wirkung einen Bezug zu Bayern haben und in die Literaturgeschichte eingegangen sind. Spannweite und Vielfalt dieser Literatur aus zwölf Jahrhunderten lassen sich aus digitalisierten Handschriften, Drucken, Manuskripten und Briefen exemplarisch ablesen, die in  bavarikon versammelt sind. Wir präsentieren daraus eine Auswahl.

 

Schiller und Goethe: Denkmal einer Freundschaft

Das Goethe-und-Schiller-Denkmal, das seit 1857 vor dem Hoftheater, dem heutigen Deutschen Nationaltheater, auf dem Theaterplatz in Weimar steht, ist in der Sockelinschrift dem „Dichterpaar Goethe und Schiller“ zugeeignet. Das bronzene Doppelstandbild des Dresdner Bildhauers Ernst Rietschel (1804-1861) zeigt die beiden Dichter nebeneinander stehend. Die Gestalt des älteren Goethe zur Rechten trägt einen Hoffrack. Das linke Bein, das an einem Eichenstamm lehnt, ist nach vorne hin ausgestellt, während das rechte Bein etwas zurückversetzt ist. Goethes Blick ist gravitätisch. In der rechten Hand hält er einen Lorbeerkranz, die linke Hand ruht auf Schillers Schulter. Die Figur Schillers, jugendlich dargestellt, im langen Gehrock mit teils offener, überschlagener Weste, den Blick sehnsuchtsvoll in die Ferne gerichtet, nimmt die gleiche Standposition ein wie Goethe. In seiner linken Hand hält Schiller eine Schriftrolle und greift mit der rechten, nahezu abwesend, den Lorbeerkranz, den Goethe ihm entgegenzuhalten scheint.

Das Denkmal drückt das bis heute fest etablierte Bild dieser beiden Genien deutschen Geistes aus: eine Freundschaft auf Augenhöhe, die sich wechselseitig befruchtet und stützt. Ein Komplement, dessen Einmaligkeit der Staat viel zu verdanken hat. Symbol dafür ist die deutsche Eiche, an der die Figur Goethes lehnt. Die Eiche verbindet sich wie kein anderer Baum mit der deutschen Geschichte. Aufgrund ihrer Robustheit wurde sie zum Symbol für Treue und Standfestigkeit: Eigenschaften, die sich auch militärisch und national als deutsche Tugenden fruchtbar machen ließen. Mit der Reichsgründung 1871 im Spiegelsaal von Versailles wurde die Eiche offiziell zu einem Nationalsymbol erhoben. In dem dargestellten Eichenstamm drückt sich somit die Beziehung der beiden Dichter zueinander aus, zugleich wird jedoch auch ihre Bedeutung für den deutschen Nationalstaat und die deutsche Geistesgeschichte hervorgehoben.

Die Darstellung sucht sämtliche Dissonanzen in der Beziehung Goethes und Schillers zu retuschieren: Obwohl Schiller wesentlich größer war als Goethe, wurde die Größe der beiden Männer hier angeglichen. Im Verhältnis zu Schiller verbot es sich, den ‚Dichterfürsten‘ kleiner darzustellen. Um die Diskrepanz zwischen der Körpergröße Goethes und seiner kulturhistorischen Bedeutung aufzuheben, wurden die beiden Dichter als gleich groß dargestellt. Dennoch wird der Darstellung mit dem Lorbeerkranz ein Hierarchisierungselement hinzugefügt: erscheinen hier doch nicht beide Dichter als lorbeerbekränzt. Vielmehr ist es Goethe, der Schiller in einem Akt der Teilhabe und Anerkennung den Lorbeerkranz hinzureichen scheint. Die bestehende Konkurrenzsituation wird somit ebenfalls freundschaftlich gelöst.

Die Bedeutung, die Goethe dieser Produktivfreundschaft beimaß, wird am eindrücklichsten in seinem nur wenige Wochen nach Schillers Tod an Carl Friedrich Zelter verfassten Brief sichtbar: „Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins. Eigentlich sollte ich eine neue Lebensweise anfangen; aber dazu ist in meinen Jahren auch kein Weg mehr. Ich sehe also jetzt nur jeden Tag unmittelbar vor mich hin, und tue das Nächste ohne an eine weitre Folge zu denken.“ Der Verlust Schillers war für Goethe derart gravierend, dass er ihn als einen epochalen Einschnitt in das eigene Leben, die eigene Persönlichkeit und seine Produktionspraxis begriff. Nur einen gänzlichen Lebenswandel imaginierte Goethe als Möglichkeit, diesen Verlust zu kompensieren. Dieser Weg blieb ihm aufgrund seines Alters sowie seiner gesellschaftlichen Stellung jedoch verwehrt.

Der existenzielle Charakter dieses kulturpolitischen Dichterbundes, der sich mit dem Tod Schillers offenbart, war anfangs jedoch keineswegs absehbar. Zunächst war das Verhältnis zwischen Schiller und Goethe von Konkurrenz geprägt. Mit seinem in jegliche Richtung zum Extrem neigenden Drama Die Räuber wird Schiller nicht nur postwendend zum gefeierten Schriftsteller, sondern wiederholt gewissermaßen den Erfolg von Goethes Götz von Berlichingen, den dieser zehn Jahre zuvor – und somit in eben dem Alter, in dem Schiller seine Räuber verfasst – gefeiert hatte. Es war nicht nur der Erfolg Schillers, der Goethe argwöhnen ließ, sondern auch der Zug des Sturm und Drang in dessen Schaffen, derjenigen literarischen Phase, die Goethe selbst bereits überwunden hatte.
Friedrich Schiller. Porträt von Anton Graff. 1791.

Friedrich Schiller. Gemälde von Anton Graff. 1791.

 

Schillers Korrespondenz mit Körner

Von den Anfängen der persönlichen Bekanntschaft Schillers und Goethes zeugt der ausführliche Briefwechsel Schillers mit dem drei Jahre älteren Christian Gottfried Körner (1756-1831), dem Vater des in den antinapoleonischen Befreiungskriegen gefallenen Dichters Theodor Körner (1791-1813). Körner, der sich später als Herausgeber der ersten Gesamtausgabe der Werke Schillers und als Verwalter des literarischen Nachlasses seines Sohnes betätigte, war eine von vier Personen, die zunächst postalisch mit einer ‚Huldigung‘ an Schiller herantraten.

Christian Gottfried Körner. Porträt von Anton Graff

Christian Gottfried Körner. Porträt von Anton Graff.

1756 in Leipzig als Sohn des Theologieprofessors Johann Gottfried Körner (1726-1785) und seiner Frau Sophia Margaretha (1737-1785) geboren, erhielt Körner eine strenge Erziehung, die seine künstlerisch-musikalischen Neigungen nahezu vollständig zu unterdrücken suchte. Innerhalb der Familie diente Kunst lediglich als Medium zur „Erbauung“, jedoch nicht als Existenzform eigenen Ranges oder zu ästhetischen Zwecken. Körner studierte an den Universitäten in Göttingen und Leipzig Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Mathematik und Technologie. 1778 wurde er an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig habilitiert, 1779 erfolgte die Promotion zum doctor iuris. Körner trat in der Folge eine Beamtenlaufbahn an mit Stationen in Leipzig, Dresden und schließlich Berlin. 1783 wurde Körner zunächst zum Rat am Oberkonsistorium in Dresden ernannt, im Folgejahr gleichzeitig noch zum Assessor bei der Landes-Ökonomie-Manufaktur- und Kommerzien-Deputation. 1784 setzte auch die Korrespondenz mit Schiller ein, zunächst noch im Kollektiv, dann zunehmend im Zwiegespräch.

Die Korrespondenz zwischen Körner und Schiller gewährt dem Leser nicht nur detaillierte Einblicke in das Entstehen von Vertrautheit zwischen den beiden Parteien, sondern nimmt sich gleichermaßen als wichtiger ‚Zeitzeugendialog‘ aus, der Personen, Gesellschaften und Zusammenkünfte dokumentiert. Körner wird nicht nur sukzessive zum Freund und Vertrauten Schillers, sondern auch zu seinem Mäzen und zeitweiligen Hausgenossen. Das Herzstück der Briefkommunikation zwischen Schiller und Körner befindet sich heute im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek. Es handelt sich um Schillers Schreiben vom 12. September 1788 (BSB-Hss Autogr.Cim. Schiller, Friedrich von) sowie Körners Brief vom 28. September 1788 (BSB-Hss Autogr.Cim. Körner, Christian Gottfried).

 

Schillers erste persönliche Begegnung mit Goethe

In seinem vierseitigen Schreiben vom 12. September 1788 berichtet Schiller ausführlich von seiner ersten persönlichen Begegnung mit Goethe im Hause der Familie Lengefeld in Rudolstadt. Schiller war im Mai einer Einladung der Familie gefolgt, die er im November des Vorjahres bei einem Ausflug mit seinem Studienfreund Wilhelm von Wolzogen (1762-1809), einem Vetter der Lengefeld-Töchter Caroline (1763-1847) und Charlotte (1766-1826), erhalten hatte. Am 7. September 1788 kommt es in Rudolstadt zur ersten persönlichen Fühlung und zu einem Austausch mit dem 10 Jahre älteren Goethe, der soeben von seiner Italienreise zurückgekehrt war.
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe in der römischen Campagna. Rom 1787.

Goethe in der römischen Campagna. Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Rom 1787.

Schiller bewertet das Zusammentreffen gegenüber Körner etwas verhalten. Möglichkeit zu einer längeren und intimeren Unterhaltung dürfte es bei diesem Anlass nicht gegeben haben. Außer Schiller waren noch andere Gäste zugegen, die „auf seinen (Goethes) Umgang zu eifersüchtig“ waren. Es ist allerdings nicht nur die Größe der anwesenden Gesellschaft, sondern auch eine gewisse Distanz, die zwischen den beiden Dichtern herrscht, die Schiller auf den unterschiedlichen Stand ihrer Lebenserfahrung und ihrer Entwicklung zurückführt. Gegenüber Körner äußert er die Befürchtung, die Unterschiede zwischen ihm und Goethe könnten stets ein Hinderungsgrund für eine Annäherung und einen (literarischen wie freundschaftlichen) Austausch zwischen ihnen sein:

Im Ganzen genommen ist meine in der That große Idee von ihm nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden; aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt; er ist mir (an Jahren weniger, als an Lebenserfahrungen und Selbstentwickelung) so weit voraus, daß wir unterwegs nie mehr zusammenkommen werden; und sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, seine Welt ist nicht die meinige, unsere Vorstellungsarten schienen wesentlich verschieden. Indessen schießt sich’s aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das Weitere lehren.

Schiller an Körner vom 12. September 1788.

„Endlich kann ich dir von Göthen erzählen, worauf du wie ich weiß sehr begierig wartest.“ Beginn des Briefes von Schiller an Körner vom 12. September 1788.

Körner rät Schiller in seinem Brief vom 28. September dazu, abzuwarten. Er sieht das Potenzial weniger in einer freundschaftlichen Verbindung der beiden Dichter, sondern vielmehr in ihren Unterschieden: „Goethens Zusammenkunft mit Dir ist abgelaufen, wie ich mir dachte. Die Zeit wird lehren, ob Ihr Euch näher kommen werdet. Freundschaft erwarte ich nicht, aber gegenseitige Reibung und dadurch Interesse für einander.“

Brief Körners an Schiller vom 28. September 1788.

Ausschnitt aus dem Brief Körners an Schiller vom 28. September 1788.

Die Komponente, die aus Körners Sicht in der Lage ist, die beiden Dichter zusammenzubringen, ist das, was ‚Reibung‘ zwischen ihnen zu erzeugen vermag. Langfristig wird Körner mit dieser Vermutung Recht behalten, nicht jedoch mit seiner Einschätzung zur Entwicklung der freundschaftlichen Verbindung zwischen den beiden Dichtern.

Schillers romantische Beziehung zu den Lengefeld-Schwestern Caroline, die später Wilhelm von Wolzogen heiraten wird, und Charlotte, die Schiller 1790 selbst ehelicht, wurde 2014 vom Regisseur Dominik Graf im Spielfilm Die geliebten Schwestern verarbeitet, in dem auch die Begegnung Schillers und Goethes angedeutet wird.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Janine Katins-Riha M.A. & Dr. Peter Czoik

Sekundärliteratur:

Osterkamp, Ernst (2009): Einsamkeit. Über ein Problem in Leben und Werk des späten Goethe. In: Tabula Rasa. Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken 38. URL: http://www.tabvlarasa.de/38/Osterkamp.php, (08.02.2017).

Safranski, Rüdiger (2009): Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. 9. Aufl. München.

Straka, Martin (2009): Schillers Freundschaften. Eine Beschreibung seiner Freunde. Pforzheim.

Quellen:

Friedrich Schiller; Christian G. Körner: Briefwechsel zwischen Schiller und Körner. Hg., ausgew. u. komm. v. Klaus L. Berghahn. München 1973.

Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe. Bd. 20.1: Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1799 bis 1832. München/Wien 1991, S. 98.

Externe Links:

Sammlungsbeschreibung in bavarikon

Brief Christian Gottfried Körners vom 28. September 1788

Brief Friedrich Schillers vom 12. September 1788


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