Zeitgenossen

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Karl Philipp Moritz, Gemälde von Karl Franz Jacob Heinrich Schumann

Karl Philipp Moritz

Ähnlich wie Jean Paul stammt Karl Philipp Moritz (*1757) aus provinziellen Verhältnissen. Nach abgebrochener Hutmacherlehre, Selbstmordversuch und Gymnasium versucht er Schauspieler zu werden, schreibt sich aber als Theologiestudent in Erfurt ein, um über eine Hauslehrerstelle als Lehrer an einem Berliner Gymnasium zu unterrichten. 1786-1788 hält Moritz sich in Italien auf, wo er Goethe kennenlernt und dessen Freundschaft gewinnt. In Berlin zurückgekehrt, wird er zum Professor der Theorie der Schönen Künste an die Akademie der Künste berufen. 1791 wird er Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Hofrat, u.a. für seine Herausgeberschaft des MAGAZINS ZUR ERFAHRUNGSSEELENKUNDE (1783-1793), der ersten psychologischen Zeitschrift Deutschlands.

Als Autor des autobiografischen Romans ANTON REISER (1785-1790) erlangt Moritz Berühmtheit. Gleichzeitig erscheint mit ANDREAS HARTKOPF (1786) ein weiterer Roman. Anders als im ANTON REISER verzichtet Moritz auf psychologische Schattierungen und bedient sich allegorischer Vereinfachungen für philosophische und gesellschaftliche Inhalte.

In seiner Verehrung für Moritz schickt Jean Paul diesem im Juni 1792 das Manuskript seines ersten Romans DIE UNSICHTBARE LOGE (Leseprobe). Obwohl er den Verfasser nicht kennt, glaubt Moritz das Werk keines »unbekannten Gelehrten« vor sich zu haben: »der ist noch über Göthe, das ist ganz was Neues«. Sofort vermittelt er den Roman seinem künftigen Schwager, dem Verleger Carl August Matzdorff. Dann schickt er Jean Paul im Namen von Matzdorff 30 Dukaten und sagt ihm weitere 70 zu. Mittlerweile hat Jean Paul seinen WUTZ nachgeschickt. Moritz: »Der Wutz´ Geschichte verfaßt hat, ist nicht sterblich!«

Jean Paul widmet Moritz eine der wichtigsten Figuren seines neuen Romans HESPERUS (Leseprobe), Emanuel. Der Zufall will es, dass, als er auch über Emanuels Sterben schreibt, Moritz im Alter von nur 36 Jahren an einer Lungenkrankheit stirbt. Am Tag des Todes, am 26. April 1793, schreibt Jean Paul in Unkenntnis des Ereignisses den »Traum Emanuels, daß alle Seelen eine Wonne vernichte«.

[Brief von Karl Philipp Moritz an Jean Paul, Berlin, 19. Juni 1792]

Und wenn Sie am Ende der Welt wären, und müßt´ ich hundert Stürme aushalten, um zu Ihnen zu kommen, so flieg´ ich in Ihre Arme! - Wo wohnen Sie? Wie heißen Sie? Wer sind Sie? Ihr Werk ist ein Juwel; es haftet mir, bis sein Urheber sich mir näher offenbart!

Johann Gottlieb Fichte

Jean Paul begegnet das erste Mal Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) im August 1798 in Jena: »Fichte ist klein (ich dachte mir ihn lang), bescheiden und bestimt, aber ohne genialische Auszeichnung.« Das Verhältnis zwischen ihm und dem modernen Philosophen ist zwiespältig; Jean Paul bewundert Fichtes »unendlichen Scharfsinn«, kritisiert aber zugleich, dass er »auffahrend und egoistisch und blind-stolz« sei, »weil er nichts lieset und nichts kent« (an Jacobi, 15.5.1799).

Bald wird klar, welche Richtung Jean Paul einschlägt - bei Fichte wende er »ein großes Messer an, nicht um damit zu schneiden, sondern um meines daran zu schleifen« (an Jacobi, 4.10.1799). Fichte wird damit zur großen intellektuellen Herausforderung.

Die Unterschiede zwischen Fichtes Verabsolutierung des Ich und Jean Pauls metaphysischer Weltanschauung sind fundamental. In seiner Schrift CLAVIS FICHTIANA SEU LEIBGEBERIANA (1800) setzt Jean Paul sich kritisch mit Fichtes Philosophie auseinander. Gerade indem er Leibgeber einen »Schlüssel« (clavis) zum Verständnis des Fichteschen Gedankengebäudes liefert, führt er dessen Richtigkeit ad absurdum. Er macht Leibgeber zum eigentlich wahren Verfasser von Fichtes Hauptwerk, der WISSENSCHAFTSLEHRE. Darin wird die ganze Welt aus dem Ich entwickelt. In diesem Sinne ist Leibgeber nicht nur der Schöpfer der WISSENSCHAFTSLEHRE, sondern auch der ihres Verfassers Fichte. Somit bleibt nichts anderes in der Welt, die nur Ich ist, übrig als das Ich selbst - ein Alptraum, der dem Leser wie Wahnsinn erscheinen muss.

Jean Pauls Text erscheint zeitgleich mit dem ersten Band seines Romans TITAN (Leseprobe). Auch später beschäftigt er sich mit Fichte. In einer Rezension von dessen REDEN AN DIE DEUTSCHE NATION (1808) macht er gegen die nationalistischen Verblendungen der Zeit mäßigende Besonnenheit geltend.

[Jean Paul, CLAVIS FICHTIANA SEU LEIBGEBERIANA]

Existiert vollends - wie ich leider nur gar zu sehr besorge - niemand als ich armer Hund, dem gerade das Los fallen mußte: so stand es wohl noch mit niemand so schlecht als mit mir. Aller Enthusiasmus, der mir zugelassen ist, ist der logische - Alle meine Metaphysik, Chemie, Technologie, Nosologie, Botanik, Insektologie besteht bloß im alten Grundsatz: erkenne dich selber - Ich bin nicht bloß, wie Bellarmin sagt, mein eigner Erlöser, sondern auch mein eigner Teufel, Freund Hein und Knutenmeister - [...] In der finstern unbewohnten Stille glüht keine Liebe, keine Bewunderung, kein Gebet, keine Hoffnung, kein Ziel - Ich so ganz allein, nirgends ein Pulsschlag, kein Leben, nichts um mich und ohne mich nichts als nichts - [...] So komm´ ich aus der Ewigkeit, so geh´ ich in die Ewigkeit - - / Und wer hört die Klage und kennt mich jetzt? - Ich. - Wer hört sie, und wer kennt mich nach Ewigkeit? - Ich. –

Johann Gottfried Herder

Der evangelische Theologe, Philosoph und Literaturtheoretiker Johann Gottfried Herder (1744-1803) gehört seit frühester Zeit zu Jean Pauls Idolen. Herder, seit 1776 Oberhofprediger in Weimar und Generalsuperintendent des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, ist Freund Goethes und Wegbereiter des Sturm und Drang. Seine FRAGMENTE ÜBER DIE NEUERE DEUTSCHE LITERATUR (1767) stellen künstlerische Originalität über die Nachahmung der Antike; in den VOLKSLIEDERN (1778/79) versammelt er Texte aus dem gesamten Kulturkreis, die er als geistige Offenbarungen echter menschlicher Genialität deutet. Herder prägt nicht nur die intellektuellen Debatten seiner Zeit, sondern beeinflusst auch die Romantik. Mit dem Weimarer Kreis um Goethe und Schiller steht er bald in Opposition.

Herder wird für Jean Paul in seinem Geschichtsverständnis und seiner pantheistischen Religiosität richtungweisend. Mit ihm und Jacobi schließt Jean Paul einen »Seelenbund« (an Jacobi, 27.1.1800). Schon früh versucht er, seine Texte Herder anzuempfehlen, wenn auch zunächst erfolglos. Herders Frau Karoline wird aber zur Fürsprecherin für ihn, indem sie seinen Aufsatz WAS DER TOD IST zur Publikation bringen lässt.

Zum ersten Mal treffen sich Herder und Jean Paul im Juni 1796 in Weimar. Das gegenseitige persönliche Kennenlernen verfehlt nicht seine Wirkung: Jean Paul bemerkt mit Wohlwollen Herders Einheit von Person und Werk, Herder liebt besonders dessen »durchschauende Charakterempfindung« und gesteht, dass er während der Lektüre von Jean Pauls HESPERUS (Leseprobe) zwei Tage lang zu Amtsgeschäften untauglich gewesen sei.

Die sich nun entwickelnde Freundschaft stellt einen festen Anker im Leben Herders dar, der sich mit Goethe 1795 zerworfen hat und schon lange kränkelt. Am 18. Dezember 1803 stirbt Herder schließlich in Weimar. Jean Paul seinerseits verewigt den Dichter und Denker in seiner VORSCHULE DER ÄSTHETIK sowie in den FLEGELJAHREN (Leseprobe).

[Johann Gottfried Herder, Weimar, 18. Oktober 1785, Dienstag]

Hochgeschätzter Herr,

Ich habe alle Ihre gute Laune zur entschuldigenden Mittlerin nöthig, da ich das Mscr. Ihrer Scherze so spät schicke und doch ohne den Namen eines Verlegers zurückschicken muß. Meiner Gesundheit wegen war ich diesen Sommer im Karlsbade; u. eben diese erfoderte es, daß ich mir keine Sachen nachschicken ließ. Ich fand also Ihr Mscr. spät und da ich Ihnen nicht gern ein bloßes Nein schreiben wollte: so mußte sich die Antwort noch mehr verspäten. Was soll ich weiter viel reden? Ich habe keinen Verleger finden können, zweifle aber nicht, daß ein glücklicherer Unterhändler als ich seyn kann [...] Ihnen denselben schaffen werde; zumal wenn Sie das Werk etwas abzukürzen für gut fänden. Schreiben Sie es nicht meiner »Würde« zu, daß ich so spät antworte: denn der Himmel weiß, wie leid es mir thut, wenn ich einen Brief wie diesen zu schreiben habe. Leben Sie wohl, H. H. und schreiben es nicht meinem guten Willen zu, daß ich Ihnen diesmal keine Freude machen konnte. Das gute Schicksal thue für Sie, was ich nicht zu thun vermochte.

Weimar den 18. Okt. 1785.                                     Herder.

In Eil

Goethe und Schiller

Zeit seines Lebens schätzt und verehrt Jean Paul Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832); die UNSICHTBARE LOGE (Leseprobe) und den HESPERUS (Leseprobe) schickt er ihm, ohne aber eine Antwort zu bekommen. Auch erweist er sich als distanzierter Kenner Friedrich von Schillers (1759-1805). In Weimar erkennt er die Kluft, die Goethe und Schiller von Herder trennt. Da er sich der Partei Herders und Charlotte von Kalbs zurechnet, ist er anfangs zurückhaltend: »Sein [Goethes] Haus frappiert [...] - endlich tritt der Gott her, kalt, einsylbig, ohne Akzent.« Doch schließlich überwiegt die Lebendigkeit Goethes, und Jean Paul konstatiert am 17. Juni 1796: »Beim Himmel wir wollen uns doch lieben.«

Goethes Urteil bleibt dagegen zwiespältig, er schreibt Schiller: »Richter ist ein so kompliziertes Wesen, daß ich mir die Zeit nicht nehmen kann, Ihnen meine Meinung über ihn zu sagen«. Auch Schiller weiß nach seinem Empfang Jean Pauls am 25. Juni 1796 wenig mit diesem anzufangen, obwohl er ihn als Mitarbeiter seiner Zeitschrift DIE HOREN zu gewinnen sucht: »fremd wie einer der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ«.

Erst der späte Goethe zeigt Sympathie für Jean Pauls schriftstellerische Formverstöße: sie sind für ihn eine Art Exotik, die sich für seine eigenen Erzählstrategien als offen erweist. Im Abschnitt »Vergleichung« der DIWAN-NOTEN ist eine ausgewogene Charakteristik Jean Pauls zu lesen; er habe laut Goethe als »Mensch von Würde« auf einen »zersplitterten Zustand« der Welt reagiert.

Für Jean Paul wiederum halten sich Kritik und Wertschätzung der Weimarer Klassiker die Waage - mehr Bewunderung für Goethe, größere Distanz gegenüber Schiller. Dessen klassische Dramatik wird abgeurteilt, da sie zum Formalistisch-Inhumanen tendiere. Jean Paul versucht deshalb, den Roman als »Poesie in Prose« (Herder) zu legitimieren. Sein TITAN (Leseprobe) ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit der Kultur der deutschen Klassik. Im Gegenzug haben Goethe und Schiller in den XENIEN Jean Paul aufs Korn genommen (»Der Chinese in Rom«).

[Johann Wolfgang von Goethe, »Der Chinese in Rom« in Schillers MUSEN-ALMANACH FÜR DAS JAHR 1797]

Einen Chinesen sah ich in Rom, die gesammten Gebäude, / Alter und neuerer Zeit, schienen ihm lästig und schwer. / Ach! so seufzt´ er, die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen / Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt, / Daß an Latten und Pappen, und Schnitzwerk und bunter Vergoldung / Sich des gebildeten Aug´s feinerer Sinn nur erfreut. / Siehe, da glaubt´ ich, im Bilde, so manchen Schwärmer zu schauen, / Der sein luftig Gespinnst mit der soliden Natur / Ewigem Teppich vergleicht, den ächten, reinen Gesunden / Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, gesund.

Tieck und Novalis

Während Jean Paul sich in Weimar aufhält, besuchen ihn im November 1798 die Autoren der Frühromantik Ludwig Tieck (1773-1853) und Novalis (1772-1801). Jean Pauls Betonung des Gefühls, die Aufwertung von Traum und Fantasie, kühne Seelenlandschaften und sein Humor treffen sich mit romantischen Vorstellungen, wenngleich es nicht zur Deckungsgleichheit kommt. Besonders zu Tieck baut sich eine Freundschaft auf, während Novalis mehr im Hintergrund bleibt. Letzteren hat Jean Paul bereits in Leipzig kennengelernt, doch entsteht daraus kein tieferer Kontakt. Allein seine Werke kann er empfehlen: »Lies doch Novalis Schriften«, schreibt er an Jacobi am 9. April 1803, »ich kante ihn persönlich als einen reinen, sanften, religiösen und doch feuerreichen Karakter.«

Bei Tieck verhält es sich anders. Seinen Roman FRANZ STERNBALDS WANDERUNGEN (1798) findet Jean Paul fade, den ZERBINO (1799) empfiehlt er. Tieck seinerseits parodiert ihn in der Literatursatire DAS JÜNGSTE GERICHT (1800). Darin lässt er an einer prosaischen Stelle Jean Paul eingreifen und Tieck vorhalten, er müsse die Situation anders motivieren. Eine der Gründungsakten deutscher Romantik, Tiecks PHANTASIEN ÜBER DIE KUNST (1799), beurteilt Jean Paul dagegen positiver: »Viele Stellen darin wie überhaupt Ihre Prose scheinen mir poetischer als Ihre andere Poesie.«

In Berlin führt Jean Paul lebhafte Debatten über ästhetische und philosophische Fragen mit Tieck - zusammen mit dem Sprachforscher August Ferdinand Bernhardi: »Die neue Sekte ist gerade für mich; Tiek war Sontags bei mir; aus seinem Spas mus ich nichts machen; Bernhardi, der Schlegelianer, vertheidigt mich gegen Merkel, gegen den ich mündlich so spashaft-freundlich bin [...] - Bernhardi hat mich eigentlich studiert; Tiek wolte früher ein Buch über mich schreiben und damit genug.«

Nicht weniger wichtig wird die gemeinsame Idee, Tieck und er sollten als bekannte Autoren dem Publikum Leseempfehlungen geben: Jean Paul veröffentlicht 1825 die Sammlung von Rezensionen KLEINE BÜCHERSCHAU, Tieck greift 1827 den Titel in der Dresdner Morgen-Zeitung auf und betont eine kritischere Haltung.

[Ludwig Tieck, DAS JÜNGSTE GERICHT]

Indem ich noch nachdachte, kam Jean Paul herbeigesprungen und sagte: Ist es nicht zu arg, daß da der jüngste Tag plötzlich hereinbricht, ohne ihn nur ein Bischen zu motivieren? denn was wollen denn die paar sechs oder sieben tausend Alphabete sagen? Und seht Euch nur um, wie prosaisch und gewöhnlich es dabei zugeht. Das hätte ich ganz anders beschreiben wollen. Er hörte meine Antwort nicht an, sondern lief in aller Eil den Prüden nach, die schon weit entfernt waren und von denen er nur noch die letzte erhaschte. Edle, reine Seele! rief er aus, liesest Du noch so fleißig die Rolle der Klotilde? Sie verneigte sich und trat anständig zurück, entschuldigte sich, daß sie für diesmal verdammt wäre, aber vielleicht in Zukunft wieder die Ehre haben würde. Er schüttelte voll Verwunderung den Kopf und verlor sich in der Menge.

Friedrich Heinrich Jacobi

Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819), eigentlich weder Philosoph noch Literat, trägt in seinen Briefwechseln und in seiner Rolle als »Netzwerker« wesentlich zur kulturell-politischen Meinungsbildung der Zeit bei. Im durch ihn ausgelösten Pantheismusstreit (dargestellt an Spinoza) und im Atheismusstreit mit Fichte ist er an den großen Fragen der Zeit beteiligt. Für Jacobi handelt Spinoza - wie seine Anhänger Lessing und Kant - aus rationalistischem Kalkül, wenn dieser Natur selbst in ihrem Wirken als »göttlich« bezeichnet; denn dadurch würde der Glaube an einen persönlichen Gott überflüssig. Für Jacobi dagegen sind Erkenntnis und Glaube nicht zu trennen; die Instanz, die ein Übersinnliches spürbar werden lässt, sei das menschliche Gefühl. Andernfalls kreist der Mensch nur in sich selbst, leer und ohne Halt wie das Ich in der Theorie Fichtes.

1785 veröffentlicht Jacobi ÜBER DIE LEHRE DES SPINOZA IN BRIEFEN AN DEN HERRN MOSES MENDELSSOHN, zwei Jahre später DAVID HUME ÜBER DEN GLAUBEN ODER IDEALISMUS UND REALISMUS. Die dortigen Wertungen der Philosophiegeschichte beeinflussen Jean Paul maßgeblich. Im Februar 1789 schreibt er seinem Mentor Vogel: »Wenn Sie ein Buch begehren, das mein ganzes philosophisches Gebäude umgebauet hat und dessen Tiefsin und Behauptungen gleich selten sind: so kaufen Sie [Jacobi].« Im Roman DIE UNSICHTBARE LOGE (Leseprobe) werden Jacobis Hume- und Spinoza-Buch neben anderen als »das Beste über, für und gegen Philosophie« gelobt.

Es dauert allerdings noch etliche Jahre, bis Jean Paul und Jacobi brieflich miteinander verkehren und sich auch persönlich kennenlernen. Am 13. Oktober 1798, kurz vor seiner Übersiedlung nach Weimar, schreibt Jean Paul das erste Mal an Jacobi, am 2. Juni 1812 trifft er ihn schließlich in Nürnberg. Das lang ersehnte Treffen ist jedoch für beide eine Enttäuschung: Während Jacobi »nicht den rechten Sinn für Scherz« hat, Jean Paul sich aber zu wilden »Sprüngen zwischen Scherz und Ernst« hinreißen lässt, hält Jacobi nichts von Jean Pauls KATZENBERGER und FIBEL. Dessen Hoffnung, Jacobi könne einen ähnlichen Platz wie Herder für ihn einnehmen, erfüllt sich nicht mehr.

[Friedrich Heinrich Jacobi an Jean Paul, 5. November 1798]

Seit anderthalb Jahren, mein innigst geliebter Jean Paul - denn länger ist es nicht, daß ich mit Ihren Schriften eigentlich bekannt geworden bin - hat mich der Gedanke, an Sie zu schreiben, der oft brennende Begierde war, nicht verlassen. [...] Wahrlich, mein lieber Jean Paul, es ist unendlich, was ich Ihnen zu sagen hätte, von meinem Leben mit Ihnen in Ihren Schriften. Wie Sie die meinigen gelesen haben, ist mir wohl zu Herzen gegangen, auf eine ganz eigene Weise im zweiten Theile des Siebenkäs, was Ihnen selbst vielleicht nicht so einleuchten mag. Ich verweise Sie an den Geist der Weissagung in Ihnen; wenn er Ihnen auch nicht genug sagt nach meinen Wünschen, so sagt er Ihnen doch mehr, als ich auszudrücken vermag und als überhaupt sich ausdrücken lässt.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Über Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) äußert sich Jean Paul gegenüber seinem Sohn Max zwiespältig. Dieser hat gefragt, ob er Daubs Vorlesung über Hegels PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES (1807) hören solle, Jean Paul antwortet daraufhin in einem Brief vom 20. Februar 1821: »Hegel ist der scharfsinnigste unter allen jetzigen Philosophen, bleibt aber doch ein dialektischer Vampyr des inneren Menschen.« Bereits 1807, zum Erscheinungsjahr des Werks, hat er Hegels PHÄNOMENOLOGIE gelesen und darüber geurteilt: »Hegel gefällt mir über alle Erwartungen hinaus, und in andern, weniger von Philosophie saturierten Zeiten, würde er [...] mehr aufklären [...].«

Über den Verleger Schrag lernt Jean Paul Hegel persönlich im Juni 1812 in Nürnberg kennen. Hegel ist dort zu dieser Zeit Rektor des Gymnasiums. Nur wenigen ist der hochkomplexe Philosoph wirklich bekannt, Jean Paul aber findet schnell Gefallen an ihm und pflegt auch Umgang mit dessen Frau Maria. Von ihr ist überliefert, dass sie Jean Paul beim Einkaufen hilft und mit ihm ein Kleid als Geburtstagsgeschenk für Karoline kaufen geht. Leider treffen beide nicht den rechten Geschmack Karolines.

Wichtiger als diese Anekdote ist jedoch eine andere Tatsache: die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Jean Paul durch die Professoren Hegel und Creuzer am 18. Juli 1817 in Heidelberg. Schon am 12. Juli bringen die Heidelberger Studenten »dem Lieblingsdichter der Deutschen« nach einem Fackelzug vor seinem Haus ein Vivat aus. Drei Tage danach gibt Hegel zu Ehren des Dichters einen Punschabend, eine Fortsetzung des Bowle-Abends bei Voß. Bei diesem hat Hegel bereits die Idee geäußert, Jean Paul zum Doktor der Philosophie zu machen.

Zwar hat Hegel privat eine gute Meinung von Jean Paul, aber als philosophischen Dichter vermag er ihn nicht wirklich zu schätzen. Am Ende passen dessen Bücher nicht in seine ästhetische Theorie, »so daß er sie dort schlechter behandeln mußte als ihm wohl lieb war« (Rolf Vollmann).

[Heinrich Voß an Truchseß, Heidelberg, Juli 1817]

Ein Pfarrer bat Hegeln, er möchte ihm eine Philosophie für junge Mädchen schreiben, die er beim Unterricht gebrauchen könnte. Der entschuldigte sich, seine Gedanken wären nicht faßlich genug, und vollends mit der Sprache, da würd´es hapern. »Wenn´s weiter nichts ist,« rief der Pfarrer in feurigem Entzücken aus, »dafür ist gesorgt, das muß unser Jean Paul übernehmen, der weiß Leben zu verbreiten durch Sprache und Darstellung.« - »Also so steht die Sache,« rief nun Jean Paul dazwischen, »unser Hegel soll den Geist hergeben, ich soll einen tüchtigen Leib darum ziehn und ein Schmuckgewand, und dann wollen Sie das Ding zu Markte führen.« - Das gab nun Anlaß zu einem Füllhorn von gutmütigen Scherzen; und Hegel ward so ausgelassen, so frohherzig, so populär (was er auf dem Katheder nicht immer ist), daß wenig fehlte, er hätte die Philosophie sogleich begonnen. Als die dritte Bowle aus war, machten ein paar Gäste ein Gesicht, als wenn sie gehn wollten. [...] Erst um 12 Uhr trennten wir uns, dann ging jeder zu Hause, einige auf unsicheren Füßen, neben sich selbst. Kurz vor dem Auseinandergehn sagte Hegel, auf Jean Paul deutend: »Der muß Doktor der Philosophie werden,« und Schweins und ich stimmten ein, baten aber Hegel um Gottes willen, er solle die Sache doch geheim halten, was wir mit Mühe von ihm erlangten, denn er hatte große Lust, es sogleich auszuschwatzen.

E.T.A. Hoffmann

Jean Paul und E.T.A. Hoffmann (1776-1822) begegnen sich das erste Mal flüchtig im Juni 1801 in Berlin, seine Braut Karoline ist mit der damaligen Verlobten Hoffmanns befreundet. Jean Paul nimmt sich des aufstrebenden Dichters und Komponisten an und schickt dessen Bearbeitung von Goethes Singspiel SCHERZ, LIST UND RACHE Goethe zur Beurteilung, dieser antwortet aber nicht.

Im August 1810 kommt es auf Einladung des Verlegers Kunz zu einem weiteren Treffen in Bamberg, Hoffmann ist inzwischen Kapellmeister und Theaterkomponist. Bei einem gemeinsamen Essen kommt die Nachricht auf, Charlotte von Kalb erwarte mit Freundinnen Jean Paul am Ufer der Regnitz, um mit ihm zum Lustort Bug zu fahren. Dieser hat allerdings so viel getrunken, dass er der Einladung nicht folgen kann, worauf Hoffmann sich darüber in einer Karikatur der Wartenden lustig macht. Jean Paul, der Hoffmann für einen »kleinen Mephisto« hält, reagiert verstimmt und vernichtet am anderen Morgen die Zeichnung.

Beide werden - ungeachtet der vielen Talente Hoffmanns und seines freundschaftlichen Kontakts zum gemeinsam geschätzten Schriftsteller Theodor Gottlieb von Hippel (1741-1796) - miteinander nicht wirklich warm. Im März 1811 besucht Hoffmann Jean Paul in Bayreuth, 1813 bittet Kunz letzteren, eine Vorrede zu Hoffmanns erstem Buch, FANTASIESTÜCKE IN CALLOT´S MANIER, zu schreiben.

Obwohl ihn »Hoffmanns Ansichten aus der neu-poetischen Schule nicht immer zusagen« (an Kunz, 16.11.1813), stellt Jean Paul eine Vorrede in Form einer fiktiven Rezension fertig. Darin lobt er Hoffmanns »satirischen Feuerregen auf die musikalische Schöntuerei« in den KREISLERIANA, nimmt aber zugleich das Lob zurück, indem er davor warnt, dass ein Künstler wie Hoffmann »leicht genug [...] aus Kunstliebe in Menschenhaß geraten [kann]«. Trotz der ehrenden Zuordnung zu Swift und Sterne muss Jean Paul Hoffmann im Hinblick auf seine Cervantes-Anspielungen doch tadeln. Gleichwohl anerkennt er ihn als »hohen Tonkünstler«. Hoffmann wiederum hat die Vorrede nicht sonderlich gefallen - er hat sich mehr Lob erwartet.

[Jean Paul, Vorrede zu E.T.A. Hoffmanns FANTASIESTÜCKE IN CALLOT´S MANIER]

Bei Nro. V. »Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza«, merkt der Herr Verf. bloß an, daß er eine Fortsetzung der beiden Hunde Scipio und Berganza in Cervantes´ Erzählungen gebe. Er gibt etwas Gutes, und seinen Hund benützt er zum Gespräche mit einem Menschen, oft humoristischer als selber Cervantes. [...] Höflich wär´es vom Herrn Verfasser gewesen, wenn er die Anspielungen auf Cervantes´ Erzählung, wenigstens nur mit einer Note, hätte erklären wollen. Aber Verfasser sind jetzo nicht höflich. Denn weil Goethe zuweilen seine Mitwelt für eine Nachwelt ansieht, um deren künftige Unwissenheit sich ein Unsterblicher nicht zu bekümmern braucht, so wie Horaz sich nicht ad usum Delphini mit notis variorum ans Licht stellte - so wollen ihn die übrigen Goethes (wir dürfen ihre Anzahl rühmen) darin nichts zuvorlassen, sondern tausend Dinge voraussetzen [...]. Überhaupt ist man jetzo grob gegen die halbe Welt, wenn anders die Lesewelt so groß ist; Verzeichnisse des Inhalts - (oft der Druckfehler) - Kapitel - erläuternde Noten - Anführungen nach Seitenzahlen – Registerfache ohnehin - auch Vorreden (z.B. diesem Buche) und Absätze (wie hier) fehlen neuerer Zeiten gewöhnlich, und der Leser helfe sich selber, denn sein Autor ist grob.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik & Katrin Schuster

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