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13.01.2014, 17:59 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [318]: Jacobis Katze

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Bevor die Woche vorüberzieht, muss noch auf das Wochenblatt des unvergleichlichen Literarischen Katzenkalenders des Schöfflingverlags hingewiesen werden. Seit Montag konnte ich hier einen Vers des Herrn Jacobi lesen – doch nicht des Friedrich Heinrich Jacobi, sondern seines Bruders 

Johann Georg Jacobi.

Auch er hängt, wie sein Bruder und wie Jean Paul, im Gleimschen Freundschaftstempel zu Halberstadt. Gemalt wurde er von Tischbein: dem „Goethe-Tischbein“ (der den abartig langbeinigen Goethe in der Campagna verewigte), also einem Mitglied der reichverzweigten Malerfamilie[1], zu der auch ein gewisser Johann Heinrich Tischbein d. J. gehörte: sein Bruder, der in Kassel als Galerieinspektor tätig war, wo er 1801 das Glück hatte, auf Jean Paul zu stoßen, der bekanntlich, vertrauen wir Herrn Sartorius, betreffs der Meisterwerke einige Bemerkungen machte, „welche selbst den Inspektor Tischbein aus seiner fetten Behaglichkeit herausgeworfen hatten“.

Wir finden die Verse, die man dem köstlichen Katzenbild[2] zugeordnet hat, im

Taschenbuch
von
J. G. Jacobi und seinen Freunden
für 1796.
Mit Kupfern von Penzel
Königsberg und Leipzig,
bei Friedrich Nicolovius

Jacobi? Nein, die Verse wurden nicht von Jacobi geschrieben; der Kalender führt uns Nas. Denn Jacobi hat dem Gedicht, das den schlichten „Titel“ Antwort trägt, im 5. Band der Werkausgabe von 1819 die Anmerkung beigegeben, dass er es dem Andenken seines verstorbenen Freundes und seinen Lesern schuldig sei, „dass ich die poetischen Episteln des Herrn von Zink an mich, die sich in seiner gedruckten Sammlung befinden, unter meinen Schriften aufbewahre“.

Friedrich von Zink also. Man muss ihn nicht kennen, aber man wird Einiges über ihn erfahren: Der Freiherr von Zink, „in Thüringen in  dem Orte Gatterstädt geboren, war ein durch sein Vermögen unabhängiger Edelmann, hatte sich die lieblichste Gegend des Breisgaus mit seiner Gattin zum Wohnsitz gewählt, und ward gerühmt wegen seinem Geiste.“ Der anonyme Jacobi-Biograph (Zürich 1822) bescheinigte ihm eine „glückliche Dichtungsgabe“. Jacobi lehrte seit 1784 in Freiburg (wo just vor genau einer Woche aus Anlass seines 200. Todestags eine Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Herrenstraße 43 enthüllt wurde), hier hat er den Freyherrn kennen gelernt. Jacobi selbst hatte übrigens keinen sonderlich guten literarischen Ruf, aber vergessen wir nicht, dass einige der Gedichte des Anakreontikers von Schubert, Haydn und Mendelssohn vertont wurden. Und vergessen wir nicht den Herrn von Zink, der die Antwort auf Jacobis Gedicht An den Freyherrn von Zink in Emmendingen, am 8. Jänner 1795 geschrieben hat:

Ja, Freund, das häuslich stille Glück des frohen Lebens -
Dies einzig wahre Glück! - schenkt nur Genügsamkeit:
Wem diese Tugend fehlt, der sucht vergebens
In dem, was Ueberfluss und Rang und Ehre beut,
Wohlthätige Zufreidenheit.
Sie würzt die magre Kost des Armen,
Sein spärliches Kartoffelmahl
Mit Wohlgeschmack, der oft den Schüsseln ohne Zahl
Auf Königstafeln fehlt; sie läßt sein Herz erwärmen
In seiner Kinder Kreis, in seiner Gattin Armen...

Das ist, 1795 geschrieben, so richtig wie falsch. Dies lesend, begreift man, wieso die Deutschen im Jahre 6 nach dem weltumstürzenden Ereignis der Französischen Revolution immer noch in ihren Residenzstädten saßen. Jean Paul hätte diese Verse in puncto Epikuräertum gewiss unterschrieben – doch er hätte sich angewidert abgewendet: wie Gustav, der wie Hamlet[3] das Treiben der Mächtigen verachtet:

The oppressor’s wrong, the proud man’s contumely,
The pangs of despised love, the law’s delay,
The insolence of office and the spurns
That patient merit of the unworthy takes...

– aber unfähig ist, mit einer action in den Wandel der Welt einzugreifen.

Jean Paul hat gegen diese empörenden Übel, die mit Genügsamkeit nicht aus der Welt zu bringen sind, immerhin noch und sehr aktiv, bittere Texte geschrieben.

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[1] Über die Familie unterrichtet ein wunderbarer, im Jahre 2006 veröffentlichter Katalog, den man noch in Kassel erwerben kann: 3 x Tischbein. und die europäische Malerei um 1800. Wer ihn und die Kunstwerke der drei Tischbeins Johann Heinrich d. Ä., Johann Friedrich August und Johann Heinrich Wilhelm studiert, begreift, wieso die frühklassizistische Malerei, insbesondere die Porträtkunst, nicht zu den Petitessen der Kunstgeschichte gehört – wenn er es nicht schon beim Besuch der Kasseler Schlösser erfahren hat. Auch Nahl wäre hier zu nennen. Über den Galerieinspektor erfährt man übrigens nicht viel; er scheint sich nur in ein paar unwesentlichen Zeichnungen – und in der Jean-Paul-Anekdote „verewigt“ zu haben.

[2] Aber welches Katzenbild des Kalenders ist nicht köstlich?

[3] Allfällige Erinnerung: Wir feiern in diesem Jahr 2014 den 450. Geburtstag William Sheksperes – des Kaufmanns von Stratford – doch wieso eigentlich?



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